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El Salvador kauft den Dip und baut Schulen mit Bitcoin-Gewinnen

Nayib Bukele, Präsident von El Salvador, gut erkennbar an den rot-orangefarbenen Laseraugen.

El Salvadors Präsident Nayib Bukele brüstet sich auf Twitter damit, am 27. Oktober günstig 420 Bitcoins für sein Land nachgekauft zu haben. Derweil nutzt das kleine mittelamerikanische Land Bitcoin-Profite, um 20 neue Schulen sowie eine Haustierklinik zu bauen. Aber es gibt auch Entwicklungen aus dem Land, die eure üblichen Bitcoin-Medien lieber für sich behalten …

Alles passiert einmal zum ersten Mal. Dafür bedarf es nur eines tapferen Menschen, der es wagt, etwas zu tun, was vor ihm noch keiner getan hat.

Etwa Nayib Bukele, Präsident von El Salvador, nicht zwingend unumstritten, aber in jedem Fall mutig. Als der Bitcoin-Kurs am 27. Oktober etwas fiel – auf etwa 58.000 Dollar – feuerte er einen Tweet ab:

„Wir haben lange gewartet, aber es war es wert. Wir haben den Dip gekauft! 420 neue Bitcoins.“ Wir meint in diesem Zusammenhang die Regierung El Salvadors. Diese hat, erklärt Nayib Bukele kurz darauf, einen Fonds, der in Dollar nominiert wird, aber aus sowohl Bitcoin als auch Dollar besteht, und nun, mit dem Zukauf, 1.120 Bitcoins umfasst, was etwa 70 Millionen Dollar entspricht. Diesen Fonds verwendet die Regierung, um Händlern die eingenommenen Bitcoins auf Wunsch kostenlos gegen Dollar zu wechseln.

El Salvador wurde also zum ersten Land, das einen Bitcoin-Dip gekauft hat. Und es hat sich auch gelohnt. Schon einen Tag später tweetete Nayib Bukele, dass sein Land bereits Profit gemacht hat. Aber – wie? Wenn ein Bitcoin ein Bitcoin ist, und wenn El Salvador keine Bitcoins verkauft hat – wie kann es dann einen Gewinn realisieren? Wenn der Fonds in Dollar nominiert wird, aber aus Bitcoin und Dollar besteht, erklärt Bukele, und der Bitcoin-Teil dann in Relation zum Rest an Wert gewinnt – dann kann die Regierung Dollar herausziehen, ohne den Gesamtwert des Fonds zu schmälern.

Das ist plausibel, aber man sollte fragen, ob die Mechanik nicht auch andersherum wirkt – muss El Salvador Dollar nachschießen, wenn der Preis von Bitcoin sinkt? Das alles klingt schon danach, als würde der Präsident stellvertretend für sein Land auf Bitcoin wetten, wenn er mehr als 20 Millionen Dollar einsetzt, um „den Dip zu kaufen“.

20 Schulen und einen Tierklinik

Gelohnt hat es sich dennoch, und El Salvador nutzt die Bitcoin-Gewinne sinnvoll. So wird das Land durch diese 20 neue Schulen finanzieren. Diese Schulen sind Teil des „My New School Program“, durch das die Regierung 400 Schulen im Land einrichtet. Man kann über Bukele sagen, was man will, aber dieses Programm ist ein weiterer Hinweis darauf, dass „El Bitcoin Presidente“ sinnvolle Ansätze hat, um sein Land in die Zukunft zu führen.

Neben den Schulen nutzt die Regierung die Bitcoin-Profite auch, um das erste Tierkrankenhaus in El Salvadors Hauptsadt San Salvador zu errichten. Dieses Krankenhaus hat für eine Tierklinik recht beeindruckende Eckdaten: Es wird, so die Angaben der Regierung, 384 tägliche Sprechstunden ermöglichen, ist für 128 tägliche Notfälle aufgestellt, kann 64 tägliche Operationen an Hunden und Katzen, 64 Tierfriseurtermine, 32 Röntgenaufnahem und 128 Kuren am Tag stemmen. Rund 300 Salvadorianer sollen in der Klinik arbeiten.

Der erste Stein der Klinik wurde von Bukele bereits gelegt. Der Präsident betont noch dabei in leicht autoritärer Art, dass sowohl die Tierklinik als auch die künftigen Schulen nur möglich seien, weil er die Opposition gegen seine Bitcoin-Strategie ignoriert hat.

Finanziert werden die Projekte durch Gewinne des Fonds, nicht durch den Verkauf von Bitcoins. Der Fonds soll seinen Wert von nun etwa 70 Millionen Dollar halten. Wenn der Bitcoin-Kurs steigt, kann das Land Dollar herausnehmen. Spekuliert wird zudem, dass die Regierung die mit der Errichtung von Klinik und Schulen beauftragten Unternehmen in Bitcoin bezahlt. Aber diese Spekulationen sind unbestätigt und beruhen auch auf keinen ernstzunehmenden Hinweisen.

Bald mehr Bitcoin-Nutzer und Bankkunden

Insgesamt läuft die Bitcoin-Strategie von El Salvador erstaunlich gut. Das Land hat mit dem „Ley Bitcoin“ im September Bitcoin zu einem offiziellen Zahlungsmittel gemacht. Das bedeutet, dass Händler an sich Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptieren MÜSSEN, auch wenn die Angaben dazu widersprüchlich sind. Um Bevölkerung und Unternehmen dies zu ermöglichen, hat die Regierung die „Chivo-Wallet“ entwickelt, die dank Lightning günstige Zahlungen unterstützt und dies dank der Treuhand auch nutzerfreundlich zuwege bringt.

Anfang Oktober hat Bukele erklärt, die Chivo-Wallet habe bereits 3 Millionen Nutzer – fast die Hälfte der 6,48 Millionen Einwohner El Salvadors. Das ist mehr, als jede einzelne Bank in El Salvador Kunden hat, und vermutlich auch mehr, als alle Banken im Land zusammen Kunden haben. Wenn es etwas gibt, das die Macht von Bitcoin demonstriert, dann dies: Eine einzelne App kann in zwei Monaten mehr Menschen ein Konto verschaffen als ein ganzes Banksystem in Jahrzehnten! Wenn Weltbank und all die Organisationen, die für die „finanzielle Inklusion“ eintreten, nun nicht auf Bitcoin aufspringen, dann aus nackter Ideologie.

Auch die ersten Steuern wurden schon in Bitcoin bezahlt. Mitte Oktober gab das Finanzministerium bekannt, dass bereits 30.000 Dollar an Steuern mit der Chivo-Wallet beglichen wurden. Damit wird El Salvador zum ersten Land, das Steuereinnahmen in Bitcoin annahm. Alles passiert einmal zum ersten Mal. Dafür braucht es nur einen einzelnen mutigen Menschen.

Um die Bevölkerung ohne harten Druck dazu zu bringen, ebenfalls seine Lieblingswährung zu benutzen, zieht Präsident Bukele das eine oder andere Register. So erhält jeder Bürger des Landes, der sich in der Chivo-Wallet registriert, einmalig 30 Dollar. Seit kurzem geben die staatlichen Tankstellen auch einen Rabatt von 20 Dollar-Cent je Gallone Benzin (das sind knapp 3,8 Liter), wenn man mit der Chivo-Wallet bezahlt. Dieser Rabatt kommt gerade richtig zum weltweiten Anstieg des Benzinpreises und dürfte für viele Salvadorianer eine weitere Ermutigung sein, Bitcoin zu verwenden.

Zugleich setzt die Regierung ihre Strategie fort, El Salvador zum Paradies von Bitcoiner und Einwohnern des Landes Crypto zu machen. So hat die Regierung vor kurzem bestimmt, daas ausländische Investoren keine Steuern auf Bitcoin-Profite bezahlen müssen. Wer also in El Salvador wohnt, und Profite macht, indem er günstig kauft und teuer verkauft, muss 0 Prozent Steuern abdrücken.

Technische Probleme und Identitätsdiebstahl

Das Bitcoin Magazine berichtet so ausgiebig von der Bitcoin-Strategie El Salvadors, dass selbst eingefleischte Bitcoiner misstrauisch werden. So fragt der kanadische Hardliner Francis Pouliot, ob das Bitcoin Magazine nun „das offizielle Staatsmedium“ geworden sei.

Man kann nun einwenden, dass das Magazin eben über Bitcoin schreibt, und dass El Salvador derzeit der Brennpunkt der globalen Bitcoin-Akzeptanz ist, weshalb es nahe liegt, dass das Magazin immer wieder über das Land berichtet. Das ist ihm wirklich nicht vorzuwerfen. Doch ein wenig mehr Neutralität wäre wünschenswert. So übernimmt das Bitcoin Magazine allzu willig jedes narrative Stöckchen, das Bukele ihm hinwirft, verschließt aber die Augen vor dem, was schiefgeht.

Dafür muss man woanders hinschauen. Etwa ins Magazin pymnts.com. Dieses berichtet immer wieder über Probleme mit der Chivo App. Etwa Anfang, Mitte und Ende Oktober. So beklagen sich viele User in sozialen Netzwerken über technische Probleme der Wallet, etwa wenn Transaktionen nicht funktionieren, die App down ist oder sogar falsche Beträge in Bitcoin versendet werden.

Die 30 Dollar, die die Einwohner El Salvadors bei der ersten Nutzung der Chivo-Wallet erhalten, sorgen für zahlreiche Probleme. Beklagt wird zum Teil, dass die Leute sie unmittelbar verkaufen, was dem Sinn der Idee entgegenläuft – aber ihr gutes Recht ist. Ärgerlicher ist es, dass gehäuft Fälle von Identitätsdiebstahl gemeldet werden. Die Opfer klagen, dass ihre Identitätsnummer von jemand anderem benutzt wurde, um die 30 Dollar abzuheben. Diese Klagen sind mittlerweile so weit verbreitet, dass sogar das deutlich wohlwollendere Magazin Coindesk sie aufgreift. Es vermutet, dass Hacker die Identitätsnummern gestohlen haben.

Zum Teil gibt es ferner Klagen, dass die Regierung hohe Gebühren verlangt. „Sie stiehlt unser Geld“, klagt ein User in den sozialen Medien. Ob die Regierung damit ihr Versprechen bricht, keine Gebühren für das Wechseln von Coins zu verlangen, ist aber fraglich. Gemeint könnten auch Transaktionsgebühren bei Lightning sein, die zwar gering sind, aber doch existieren; oder vielleicht auch Inkonsistenzen der Wechselkure der Regierung und verschiedenen Internetseiten.

Die Adoption, die keiner haben will

Zuletzt ist noch eine Nachricht aus El Salvador zu erwähnen, die Bitcoin-Hater besonders entzückt: Das ISSS, das „Salvadorianisches Institut für soziale Sicherheit“, sozusagen das Gesundheitsamt des Landes, wurde gehackt. Die Hacker haben eine Ransomware eingeführt und verlangen ein Lösegeld von 10 Millionen Dollar in Bitcoin, um die Daten zu entschlüsseln und ihren Leak zu verhindern.

Die Bitcoin-Adoption in El Salvador, frohlockt ein Bitcoin-Skeptiker, läuft sehr gut. Im Großen und Ganzen, und nicht wegen des Hacks, hat er damit recht.

Über Christoph Bergmann (2145 Artikel)
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