Newsticker

Ratingagentur Moody stuft Kreditwürdigkeit El Salvadors herab

Flagge von El Salvador. Bild von Nicolas Raymond via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Das „Bitcoin-Land“ El Salvador wird von der Ratingsagentru Moody’s herabgestuft, und die Zinsen für Staatsanleihen steigen auf Ramschniveau. Bestrafen die Märkte nun die Bitcoin-Politik von Präsident Nayib Bukele?

Die Ratingagentur Moody’s hat El Salvador abgewertet. Anstatt mit B3 werden die Anleihen des mittelamerikanischen Landes nun mit Caa1 bewertet. Dies ist die drittschlechteste von neun Bewertungen und weist auf ein „sehr hohes Kreditrisiko“ hin. Der Ausblick bleibe negativ.

Auf der einen Seite beschränke ein „herausfordender Schuldentilgungsplan“, der 2023 beginne, den Zugang des Landes zu Kreditmärkten. Auf der anderen Seite erkennt Moody’s einen „Verfall in der Qualität der Politik“, welche zunehmende Risiken in den Staatshaushalt injiziere.

Insgesamt bleibe die fiskalische Position von El Salvador „verletzlich und anfällig für Finanz-Schocks, welche die Fähigkeit der Regierung gefährden, Darlehen zurückzuzahlen.“ Unsicherheiten hinsichtlich neuer Finanzierungsrunden durch den Internationalen Währungsfond (IWF) machten es wahrscheinlich, dass die Liquditätsprobleme des Landes sich eher verschlechtern als verbessern.

„Eine Serie politischer Entscheidungen die Stärke der Regierung und Institutionen untergraben“

Ab Januar 2023 steht eine Serie von Schuldentilgunugen für El Salvador an. Dies kommt zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt, da die Kosten der Refinanzierung durch Kredite immer teurer werden.

Schon jetzt liegen die Zinsen für Staatsanleihen bereits deutlich über 10 Prozent – im Durchschnitt wohl 17,8 Prozent – was die Raten für Länder mit einem B- und sogar mit einem Caa-Rating deutlich übersteigt. Die Märkte bewerten El Salvador also noch schlechter als Moody’s. Selbst wenn es El Salvador gelingt, eine Einigung mit dem IWF zu finden, um in höherem Umfang von der Institution finanziert zu werden, bleibe der Ausblick ungünstig.

Dabei aber hat, erklärt Moody’s, das Land seine fiskalische Situation eigentlich verbessert. Die Staatseinnahmen sind zwischen Januar und May 2021 um 26,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Dies reflektiere „eine starke wirtschaftliche Erholung.“ Die einfließenden Remittance-Zahlungen – also die Zahlung von Gastarbeitern aus dem Ausland – sind zwischen Januar und Juni 2021 um 45,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Für 2021 erwartet Moody’s ein Wachstum von 4,5 Prozent, das aber auf ein Schrumpfen von 7,9 Prozent im Vorjahr folge. Trotz dieser verbesserten Umstände habe „eine Serie politischer Entscheidungen die Stärke der Regierung und Institutionen untergraben“, wodurch sich die Verhandlungen mit dem IWF verzögern.

So habe die Regierung die Zusammenarbeit mit der Internationalen Kommission gegen Straffreiheit der Organization of American States (OAS) beendet. Die Kommission kämpft in den Ländern des amerikanischen Kontents gegen Korruption. Nachdem sie mit Ernesto Muyshondt ein Mitglied der rechts-oppositionellen ARENA-Partei zum Berater ernannt hatte, trat die Regierung von Nayib Bukele aus dem Abkommen aus.

Neben weiteren Aktionen von Bukele stößt sich Moody’s aber vor allem am im Juni 2021 verabschiedete Bitcoin-Gesetz, welches Bitcoin neben dem Dollar zur gesetzlichen Währung ernannte. Dieses erschwert offenbar auch die Verhandlungen von El Salvador mit IWF und Weltbank.

Nayib Bukele, „CEO von El Salvador“

Nicht eben vertrauensbildend war vermutlich, dass sich Präsident Bukele auf Twitter gerne damit brüstet, für El Salvador „den Dip gekauft“ zu haben, wenn der Bitcoin-Preis mal wieder abschmiert. Viele Bitcoin haben sich darauf eingeschossen, darunter auch die Süddeutsche Zeitung in einem Artikel vom 13. Januar.

Der Artikel beginnt etwas hämisch mit der Bemerkung, dass Bukele ein „gelernter Werbefachmann“ sei, weshalb der Kauf von 21 Bitcoins am 21. Dezember 2021 kaum ein Zufall sein könne. Insgesamt habe El Salvador 1391 Bitcoins erworben. Die Trades habe der Präsident selbst auf seinem Smartphone abgewickelt. Kurz nach den Trades hat Bukele angegeben, bereits Gewinn gemacht zu haben. Doch insgesamt seien die Coins, die El Salvador für 71 Millionen Dollar gekauft habe, heute nur noch 61 Millionen Dollar wert. El Salvador kauft den Dip, aber hat bereits 10 Millionen Dollar verloren.

Generell wirkt Bukeles Auftreten in den sozialen Medien zunehmend selbstherrlich und so, als habe der Präsident mit mindestens einem Fuß den Kontakt zur Wirklichkeit verloren. Sein Profilbild auf Twitter ist eine Verzerrung von ihm als Comicfigur, wie er mit Fliegersonnenbrille und umgedrehter Mütze nachts auf der Bühne einer Bitcoin-Konferenz steht. Im Hintergrund sieht man den Plan für die Bitcoin-City, und als Selbtsbeschreibung gibt er an „CEO of El Salvador.“

Auf die Nachricht, dass Moody’s El Salvador herabstuft, reagiert er mit einem kurzen Satz: „BREAKING: EL SALVADOR DGAF“. Übersetzt: „Eilmeldung: El Salvador doesn’t give a fuck“. Also: Ist uns scheissegal.

Das wirkt nicht so, als nehme er die Problematik ernst, und nicht wenige dürften sich fragen, ob er die Reife hat, um ein Land zu führen.

Bitcoin nicht die Ursache für möglichen Staatsbankrott

Natürlich wird El Salvador nicht pleite gehen, weil Bukele durch den Bitcoin-Handel einen potenziellen, noch nicht realisierten Verlust von 10 Millionen Dollar eingefahren hat. El Salvador ist klein und arm, aber nicht so klein und arm. Schon allein die im Januar 2023 zurückzuzahlenden Schulden betragen 800 Millionen Dollar, und der IWF hat dem Land einen Kredit von 1,3 Milliarden Dollar gegeben. In diesem Kontext sind selbst die 71 Millionen Dollar, die Bukele in Bitcoin investiert hat, wenig.

Bukele zielt mit seiner Bitcoin-Strategie auch darauf ab, dass sich Krypto-Unternehmen in El Salvador ansiedeln. Sollte dies in nennenswertem Umfang geschehen, dürften die daraus folgenden Steuereinnahmen, ob direkt oder indirekt durch den Konsum der Mitarbeiter, die 10 Millionen Dollar Handelsverlust weit in den Schatten stellen.

El Salvadors Bitcoin-Investment ist also keine Ursache für eine mögliche fiskalische Verschlechterung des Landes. Stattdessen trägt El Salvadors Bitcoin-Politik indirekte Folgen – etwa indem internationale Institutionen wie IWF und Weltbank vor dieser Politik warnen und Verhandlungen über die anstehende notwendige Refinanzierung verschleppen.

Die Katastrophe positiv gewendet

Ein Staatsbankrott von El Salvador wurde in unserer Jahreseröffnung als eines der „Kippelemente“ des Bärenmarktes benannt: eine Verschlechterung der Bitcoin-Kurse verschlechtert die Haushaltssituation von El Salvador, und ein Staatsbankrott würde ein schlechtes Licht auf Bitcoin werfen. Wenn El Salvador scheitert, wirft dies die Aussicht, dass auch andere Staaten Bitcoin in ihre Währungsreserven aufnehmen, um Jahre zurück.

Allerdings lässt sich das Szenario auch positiv wenden: Wenn sich der IWF sträubt, El Salvador zu finanzieren, wenn die Rating-Agenturen das Land herabstufen, und wenn die Märkte immer höhere Zinsen für Anleihen verlangen – wenn El Salvador also auf die typische Schlitterbahn in den Staatsbankrott gerät – dann könnte Bitcoin das Land retten.

El Salvador hat mittlerweile eine so große symbolische Bedeutung für Bitcoin, dass viele Bitcoin-Millionäre und -Milliardäre bereit sein werden, ihre Taschen zu öffnen, um in das Land zu investieren. Zudem plant das Land, zusammen mit Blockstream „Bitcoin-Bonds“ herauszugeben. Es möchte Staatsanleihen auf einer Blockchain veröffentlichen, um eine Milliarde Dollar einzusammeln. Diese Bonds werden mit 6,5 Prozent in Dollar verzinst und benutzt, um Bitcoins zu kaufen und Mining-Farmen mit der geothermischen Energie durch Vulkane zu betreiben. Für Bitcoiner dürften diese Bonds attraktiv genug sein, um das Land mit liquiden Mitteln zu versorgen.

Sollte es El Salvador gelingen, den Staatsbankrott auf diese Weise abzuwenden – also ohne Hilfe internationaler Organe, aber mit Bitcoin und Blockchain – würde es einen Präzedenzfall schaffen, der für Bitcoin und Krypto extrem positiv wäre: Bitcoin sägt am Ast von Weltbank und Internationalem Währungsfond, und macht El Salvador unabhängig von der Knute dieser Organe.

Über Christoph Bergmann (2258 Artikel)
Das Bitcoinblog wird von Bitcoin.de gesponsort, ist inhaltlich aber unabhängig und gibt die Meinung des Redakteurs Christoph Bergmann wieder ---

6 Kommentare zu Ratingagentur Moody stuft Kreditwürdigkeit El Salvadors herab

  1. Korrektur: Die Übersetzung des Tweets lautet: El Salvador DGAF (Dont (doesnt) give a fuck).

  2. >El Salvador hat mittlerweile eine so große symbolische Bedeutung für Bitcoin, dass viele Bitcoin-Millionäre und -Milliardäre bereit sein werden, ihre Taschen zu öffnen, um in das Land zu investieren.

    lol, das glaubst Du wohl selbst nicht. Kein BTC Millionär oder Milliardär wird sein Geld für El Salvador verbrennen. Die Investoren wollen Rendite. Sie sind keine Caritas. Wenn die Anleihen von El Salvador auf Ramschniveau sind, bedeutet es ein sehr hohes Risiko eines Totalverlustes im Falle einer Investition. Die Investoren wissen, dass sie ihr BTC nie wieder sehen werden, daher werden sie da nichts relevantes investieren. Vielleicht wird da irgendwelche Propaganda Aktion gestartet, aber sonst nichts.

    • Vielleicht, ja, aber viele wissen auch, dass ein Staatsbankrott El Salvadors noch viel dramatischere Folgen für ihr Portfolio nehmen kann. Mit den Bonds können sie sich und El Salvador etwas gutes tun und bekommen dafür noch gute Zinsen. Das ist nicht so schlecht …

      • Lieber Christoph, vielen Dank für den interessanten Artikel! Ich hab mich persönlich ziemlich zurückgezogen die letzten Monate, denn auch wenn wir alle vom Bullrun mehr oder weniger profitiert haben (ich schließe mich da nicht aus), kotzt mich die Fokussierung der gefühlt ganzen „Community“ auf „Number go up“ ehrlich gesagt an, weil Bitcoin am Ende immer noch da steht, wo es auch vor 10 Jahren war und die Hauptakteure diesem eher schaden als etwas sinnvolles beizutragen.

        Ich habe mich persönlich die letzten Monate auf Adoption konzentriert, natürlich hauptsächlich Monero, aber auch Lightning und muss leider sagen, wenn das die Zukunft Bitcoins sein soll, wird der Bärenmarkt nicht mehr enden. Die UX ist bis heute unterirdisch, wenn man tatsächlich seine eigenen Channel betreiben und neben ein paar fancy ausgehenden Zahlungen auch mal etwas akzeptieren will. Selbst ausgehend braucht man für größere Beträge oft eine Channel-Liquidität in der Größenordnung x10, es sei denn man baut seine Channels um die zwei, drei großen Provider auf, zu denen jeder irgendwie connected ist. Dezentralisierung? Die meisten werden da eh (verständlicherweise) zu custodial Lösungen greifen, Bitcoin wird also zu PayPal 2.0 degradiert.

        El Salvador war natürlich eine Steilvorlage für Adoption, doch selbst bekannte Bitcoin Maxis haben auf der ersten Konferenz dort feststellen müssen, dass das dortige Chivo Wallet vollständig custodial ist und selbst mit eingehenden Zahlungen von Fremdwallets nicht klarkommt, weil es wahrscheinlich am Channelmanagement scheitert. Lediglich Chivo zu Chivo funktioniert prächtig, mit virtuellen Bitcoins in irgendeiner Datenbank, wow! Das hätte PayPal, Stripe und hunderte andere auch vor und ganz ohne Bitcoin hinbekommen. Die Stimmung aus sozialen Medien lässt vermuten, dass die meisten Salvadorianer die Chivo App höchstens für den 30$ Airdrop genutzt haben und danach nicht mehr, schade.

        Seit ich Bukeles Twitter Account folge, wage ich zu bezweifeln, ob er in der Lage ist, die Assets auch sicher zu verwahren, der angebliche Kauf über sein Handy lässt da nichts gutes erahnen, am Ende landen die staatlichen Coins womöglich in seinem privaten Besitz. Es ist ja nicht so, dass es keine professionellen OTC Tradingdesks für Deals dieser Größe gäbe, die einem sogar noch bei der wirklich sicheren Aufbewahrung helfen.

        Mining durch Geothermie fände ich prächtig, nur muss man sehen, dass sich in El Salvador in den letzten 30 Jahren der Anteil an erneuerbaren Energien etwa gedrittelt hat und heute keine 25% mehr beträgt. Es ist afaik fraglich, ob die Vulkane tatsächlich nachhaltig „angezapft“ werden können und zum Anderen: Wer liefert die Hardware dafür? Auch wenn Intel sich jetzt in Position bringt, kann man die Anbieter bisher an einer Hand abzählen und keiner davon ist seriös.

        Zusätzlich verspricht Bukele eine komplette Steuerbefreiung (Einkommen, Investments, Immobilien) für Ausländer, die in die dortige „Bitcoin City“ kommen, was angesichts der Finanzlage Wahnsinn ist, und die „Investition“ des ohnehin verschuldeten Staatsvermögens in Bitcoin ist pure Lotterie, denn das Land muss jetzt schon deutlich über 10% für seine Staatsanleihen berappen, Trend eher gegen 20%. Könnte gut gehen, aber angesichts des aktuellen Marktes sehe ich die Chancen dafür für ziemlich dünn. Dass die IWF auf das Gambling nicht gut zu sprechen ist und kein Geld dafür locker macht, ist mehr als verständlich (und das sage ich als scharfer Kritiker dieser).

        Zum Schluss muss ich ihm eines lassen: Er hat sich (zumindest theoretisch) für Bitcoin entschieden, anstatt einen eigenen Shittoken zu emittieren. Im Prinzip hat sich nicht soooo viel geändert, denn das Land hatte ohnehin keinerlei Einfluss auf die Geldpolitik „seiner“ Währung, die der Dollar war. Es war noch nichteinmal in einer Währungsunion wie beim Euro, sondern von der Willkür der FED abhängig, daher kann ich den Schritt schon verstehen. Nur ziemlich naiv, vor allem wenn man bedenkt, dass auch sub-20k bei Bitcoin nicht mehr unrealistisch sind.

        Ob reiche Wale am Ende helfen werden? Ich wage es zu bezweifeln, es gibt kaum noch eine „Community“ unter diesen, jeder macht sein Ding. Ich hoffe, das geht bei Monero nicht irgendwann auch verloren, denn bis Dato wird alles sinnvolle noch über Spenden finanziert, ob das Enwicklung, Research, Konferenzen oder selbst Übersetzungen sind (die mir bereits zugute gekommen sind). Ganz ohne Dev Tax, aber meist tatsächlich in großem Maße von Whales finanziert, wenn es größere Beträge sind. Die großen Bitcoin Whales verschieben sich aber leider zu Ego-Leuten wie Musk oder Sailor und ich kann mir kaum vorstellen, dass die auch nur einen Cent für einen Obdachlosen übrig hätten, wenn es ihnen nicht direkt profitiert…

      • Hallo Paul,

        freut mich sehr, von dir zu hören, hoffe, du bist gut ins Neujahr gestartet.

        Kurz dazu:

        „Ich habe mich persönlich die letzten Monate auf Adoption konzentriert, natürlich hauptsächlich Monero, aber auch Lightning und muss leider sagen, wenn das die Zukunft Bitcoins sein soll, wird der Bärenmarkt nicht mehr enden. Die UX ist bis heute unterirdisch, wenn man tatsächlich seine eigenen Channel betreiben und neben ein paar fancy ausgehenden Zahlungen auch mal etwas akzeptieren will. Selbst ausgehend braucht man für größere Beträge oft eine Channel-Liquidität in der Größenordnung x10, es sei denn man baut seine Channels um die zwei, drei großen Provider auf, zu denen jeder irgendwie connected ist. Dezentralisierung? Die meisten werden da eh (verständlicherweise) zu custodial Lösungen greifen, Bitcoin wird also zu PayPal 2.0 degradiert.“

        Schon witzig, das ist genau das, was wir und viele andere schon immer über Lightning sagen …

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: