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Stablesats: Durch Bitcoin gedeckte Dollar-Accounts für Lightning-Wallets

Der Bitcoin Beach. Bild von der Webseite von galoy.io

Galoy, das Startup hinter der in El Salvador beliebten BitcoinBeach-Wallet, führt Stablesats ein: Eine Methode, den Dollar-Wert von Bitcoins in einer Lightning-Wallet zu erhalten – ohne Stablecoins oder ein Bankkonto zu verwenden. Entsteht gerade ein neues Paradigma der Werterhaltung?

Die meisten von uns lieben die Volatilität von Bitcoin. Ohne sie könnte der Preis im Lauf der Zeit nicht steigen.

Wer aber Bitcoin im Handel benutzt, wird sich weniger darüber freuen, dass sich der Wert von Bitcoin innerhalb von Stunden erheblich verändern kann. Dies steht der Verbreitung von Bitcoin als Zahlungsmittel im Weg und dürfte mit ein Grund dafür sein, dass Stablecoins wie USDT und USDC mittlerweile eine mächtige Säule des Kryptomarktes geworden sind.

Auch in El Salvador, dem Bitcoin-Musterland, hemmt die Volatilität die Akzeptanz von Bitcoin. Galoy.io, ein Startup, das durch Lightning Bitcoin in Entwicklungsländer wie El Salvador bringt, etwa mit der Bitcoin Beach Wallet, möchte dies nun ändern. Die sogenannten Stablesats sollen es Leuten ermöglichen, Lightning zu verwenden, ohne sich den Kursschwankungen von Bitcoin auszusetzen.

Interessanterweise basieren Stablesats weder auf Stablecoins noch auf einem Bankkonto. Was sind sie aber dann?

Stabilität durch Derivate

Galoy führt eine neue Methode ein, um den Dollarwert in einer Wallet stabil zu halten: „Stablesats benutzen Derivate-Verträge, um einen durch Bitcoin gedeckten synthetischen Dollar zu bilden, der an US-Dollar gebunden ist.“

Ein Video führt das Verfahren an einem Beispiel vor: Alice hat 1m Sats in ihrem Bitcoin-Account auf einer Lightning-Wallet. Sie kann nun einen Teil der oder alle Sats in einen USD-Account transferieren. Zum Beispiel 400.000 Sats. Nun hat sie 600.000 Satoshi und – in diesem Beispiel – 120 US-Dollar, die durch 400.000 Satoshi gedeckt sind. Wenn sich der Bitcoin-Preis ändert, steigt oder fällt die Kaufkraft der 600.000 Satoshi. Die Dollar hingegen bleiben stabil.

Dazu verwendet Stablesats sogenannte „Perpetual Inverse Swaps“ oder auch „Shorts“. Das sind Hedge-Positionen, durch die sich die Bitcoin Bank, die im Hintergrund arbeitet, gegen die Volatilität des Bitcoin-Kurses absichert. Es sind quasi Leerverkäufe, so wie die, durch die sich etwa Rohstoffhändler gegen Preisschwankungen auf den Rohstoffbörsen schützen.

Wenn sich der Preis von Bitcoin nun also ändert, ändert sich die Anzahl an Satoshi, durch die die Dollar gedeckt sind. Verdoppelt er sich, werden aus 400.000 Sats 200.000, weil die Short-Position verliert; halbiert er sich, gewinnt die Short-Position, und es sind 800.000 Satoshi. Die Dollar-Kaufkraft bleibt, so oder so, erhalten.

Im Hintergrund benutzt Galoy eine Software für „Dealer“, die Open Source ist. Sie erlaubt es jedem, im Rahmen des Galoy-Stack seinen eigenen synthetischen Dollar zu schaffen. Zur Auswahl stehen dabei bislang allerdings Derivate von einem Anbieter: die „Bitcoin Inverse Futures“ der Börse OKEx.

Stablecoins mit anderer Geschmacksrichtung

User können also in einer Lightning-Wallet einen Teil der Bitcoins in Dollar denominieren, so dass diese den Dollar-Wert halten, ohne dass tatsächlich Dollar im Spiel sind. Im Hintergrund arbeitet eine Bitcoin Bank, die durch Derivate dafür sorgt, dass die Bitcoins in ihren Wallets stets einem bestimmten Dollar-Wert entsprechen.

Das ist natürlich reizvoll, weil weder ein Stablecoin noch eine Bank involviert sind. Ein Stablecoin-Token würde die Integration in Lightning unendlich erschweren, und eine Dollar-Bank will man aus nachvollziehbaren regulatorischen Gründen nicht in eine Wallet lassen.

Einige Risiken gibt es dennoch, wie auch Galoy einräumt: Es könnte Probleme mit der Börse geben; durch das sogenannte „Auto-Deleveraging“ könnte eine Position geschlossen werden, obwohl sie im Plus ist, was dazu führen würde, dass die USD im Account unterkollateralisiert wären; das Funding, also die Angebote der Derivate, könnte über einen längeren Zeitraum zurückgehen.

Mit den Stablesats bekommt die Welt der Stablecoins eine neue Spielart. Konzeptionell benutzt es denselben Mechanismus wie die ursprüngliche Maker DAO, die Dollar-Token durch Ether abdeckt; im Detail wirken allerdings andere Mechanismen mit ihren eigenen Vor- und Nachteilen.

So sind Stablesats dank der Derivate weniger anfällig dafür, die Parität bei massiven Kusstürzen zu verlieren, da sie das Risiko an eine Börse weitergeben. Das ist ein Vorteil.

Neue Mittelsmänner braucht der Coin!

Zugleich aber führen sie Risiken durch Mittelsmänner ein. Das ist ein Nachteil. Während ein User der DAI-Dollar keinen echten Mittelsmann braucht – die Maker DAO ist ja ein Set von Smart Contracts – muss der User von Stablesats gleich zwei Intermediären vertrauen: der Bitcoin Bank und der Börse. Darüberhinaus macht es das derzeitige Setup unmöglich, die privaten Schlüssel für die Dollar zu halten, ermöglicht aber die Bildung einer Teilreserve.

Allerdings spielt das Halten des eigenen privaten Schlüssels bei den Lightning-Wallets von Galoy ohnehin keine Rolle. Die Webseite „Wallet Scrutinity“ warnt daher auch davor, dass es sich um eine Treuhand-Wallet handelt. Ferner wird eine mangelnde Transparenz bemängelt, wem man tatsächlich die Bitcoins anvertraut. Galoy oder dem Team der Bitcoin Beach Wallet? Warum wird das Treuhandsystem nicht explizit genannt? Und hat Galoy eine Lizenz, um als Kryptoverwahrer aufzutreten?

Galoy verteidigt sich dagegen damit, dass es dank Multisig eine „geteilte Treuhand“ gebe und man eine „Bitcoin Community Bank“ aufbaue.

Man muss also, so oder so, Galoy vertrauen. Dem Startup muss man jedoch zugestehen, dass es sich bisher als engagierter und vertrauenswürdiger Anbieter etabliert hat. Denn Gelay hat sich nicht nur als fester Teil der Szene am Bitcoin Beach in El Salvador behauptet, sondern bindet mit der Bitcoin Jungle App in Costa Rica und bald der Guatt Wallet in Panama weitere Länder Lateinamerikas in ein Lightning-Ökosystem ein. Mit den Stablesats besteht kaum mehr ein Hindernis, dass Lightning zum grenzübergreifenden Zahlungssystem er Region wird. Dies verspricht Großes!

Für diese Ambitionen hat Galoy vor kurzem ein 4-Millionen-Dollar-Investment von unter anderem Hivemind Ventures erhalten. Mit diesem Investment möchte das Startup seine Open-Source-Software für eine Bitcoin Bank ausbauen. Es verfolgt das ehrenwerte Ziel, nicht allein ein Anbieter von Finanzdienstleistungen zu sein – wie mit den Treuhand-Wallets und den Stablesats – sondern es auch anderen Organisationen leicht zu machen, zur eigenen Bank zu werden.

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2 Kommentare zu Stablesats: Durch Bitcoin gedeckte Dollar-Accounts für Lightning-Wallets

  1. Durch den Open Source „Dealer“ und in Verbindung mit einem Lightning-Account-System wie z.B. „LndHUB“ könnte man sein eigenes „PayPal“ im Bekanntenkreis aufsetzen.

    Mir nicht ganz klar, wer die Kosten fürs Hedging trägt.
    Ist das in der BTCUSD Konvertierung enthalten?
    Hedges bzw. Shorts haben schließlich kontinuierlich laufende Leihgebühren.

  2. Auch wenn das System ausgeklügelt zu sein scheint, erkenne ich ehrlich gesagt keinerlei Sinn dahinter.

    Eine Short Position ist anders ausgedrückt ein Leerverkauf, man leiht sich die Coins also und verkauft diese sofort, um sie später günstiger wieder einzukaufen und dem Verleiher zurückgeben zu können. Der Unterschied ist dann ggf. der Profit bzw. Verlust, wenn sich der Kurs entgegen entwickelt. Klar, wenn man einmal Short und einmal Long geht, dann gleicht man seine Position aus, aber wie reployer schon richtig angemerkt hat, entstehen bei der Short-Position Kosten, denn keiner verleiht seine Coins kostenlos, insbesondere um sie zu Shorten und somit Preisdruck zu erzeugen. Warum man sie nicht gleich gegen USD oder einen Stablecoin verkaufen sollte, erscheint mir nicht schlüssig, denn damit muss ich „nur“ dem Herausgeber vertrauen. Wenn man diese dann tatsächlich per Lightning verschicken möchte, kann man jede Börse nutzen, die dieses unterstützt und den gewünschten Betrag entsprechend umwandeln. Auch custodial, aber simpler.

    OK, die aktuellen Ereignisse rund um die Sanktionierung von Tornado Cash durch die USA bieten ggf. noch das Risiko, dass meine Stablecoins auch eingefroren werden könnten, wie es Circle mit den USDC bei Tornado Cash gemacht hat.

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