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Krypto-Lender Nexo: „Kriminelle Aktivitäten an der Tagesordnung“

Blick auf Sofia, die Hauptstadt Bulgariens. Bild von Deensel via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Nexo ist einer der wenigen großen Kryptolender, der das Jahr 2022 unbeschadet überstanden hat – anscheinend. Nun schlittert das bulgarische Unternehmen in Schwierigkeiten: Die Polizei durchsucht die Büros in Sofia, und in einer geleakten Mail erhebt ein Kogründer schwere Vorwürfe. Immerhin ist eine Klage der US-Börsenaufsicht SEC befriedet.

Nexo ist eine der letzten verbleibenden großen Lending-Plattformen. Nachdem im Zuge der Crashes von 2022 viele Lender pleite gingen oder massiv angeschlagen wirken, schien Nexo überraschend stabil dazustehen, vielleicht sogar gestärkt. Doch mittlerweile mehren sich die Nachrichten über Probleme.

In diesem Artikel fassen wir in chronologischer Reihenfolge drei Ereignisse um Nexo zusammen, die nicht eben geeignet sind, Vertrauen zu erwecken.

Büros in Sofia durchsucht

Am Donnerstag, den 12. Januar, hat die Polizei in der bulgarischen Hauptstadt Sofia mehr als 15 Büros von Nexo durchsucht. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft erklärte, man ergreife „aktive Schritte“ in einer vorgerichtlichen Untersuchung, die „die kriminellen Aktivitäten des Krypto-Lenders Nexo neutralisieren“ sollen.

Insgesamt haben sich mehr als 300 Ermittler an der Operation beteiligt. Sie untersuchen laut Reuters „den Aufbau einer kriminellen Organisation, die Steuerverbrechen, Geldwäsche, unlizensierte Bankgeschäfte und Computer-Betrug ermöglicht hat.“ Von den 15 durchsuchten Büros waren die meisten lediglich Briefkästen.

Vier Mitarbeiter von Nexo wurden verhaftet. Sie werden angeklagt, bei der Bildung einer kriminellen Vereinigung mitgewirkt zu haben. Gegen zwei der Verhafteten liege auch ein internationaler Strafbefehl vor.

Auf Nexo kann man Kryptowährungen, Token, Stablecoins und Euro handeln, leihen und verzinsen. Mit einem Handelsvolumen von beinah oder mehr als 100 Milliarden Dollar im Laufe der vergangenen fünf Jahre ist Nexo einer der größten Lender im Krypto-Markt – und vermutlich eines der umsatzstärksten Krypto-Unternehmen überhaupt in Osteuropa.

Wie das bulgarische Online-Magazin Novinite mitteilt, wurde einer der Kunden von Nexo offiziell als Organisator von Terrorismus angeklagt. Darüber hinaus gingen von Nexo aus zahlreiche Transaktionen an „riskante Akteure im Aktienhandel.“

Die Plattform selbst erklärte auf Twitter, man nutze das Blockchain-Analysetool von Chainalysis, um illegale Aktivitäten zu unterbinden, und kooperiere eng mit Aufsehern und Regulierern. Man habe die Ukraine in dem „schrecklichen Krieg“ mit einer Spendenkampagne unterstützt und setze „selbstverständlich“ die Sanktionen mit einem „der aggressivsten Ansätze“ in der Branche um.

Nexo Mitgründer Antoni Trentchow erklärte in dieser Woche in einem Fernsehinterview, dass die Vorwürfe absurd seien und die Durchsuchung des Büros unrechtmäßig gewesen sei, da ihm und anderen keine formale Anklage der Staatsanwaltschaft ausgehändigt worden sei. Man werde die Interessen des Unternehmens gerichtlich verteidigen und von der Regierung in Sofia Schadenersatz fordern, möglicherweise über mehr als eine Milliarde Dollar.

Mögliche Verwicklung in internationalen Betrug

Fast zeitgleich war Sofia Schauplatz einer internationalen Operation gegen Finanzkriminalität, Geldwäsche und Verletzung der Finanzsanktionen gegen Russland. Dabei geht es um ein kriminelles Netzwerk aus Bulgarien, Zypern und Serbien, welches zahlreiche Opfer in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Australien und Kanada betrogen habe.

Im Zuge der Ermittlungen kam es zu gut 250 Durchsuchungen in Deutschland, Bulgarien, Zypern und Serbien. Es wurden zahlreiche Computer beschlagnahmt und 17 Verdächtige festgenommen. Es ging dabei wohl um einen klassischen Betrug, bei dem den Opfern hohe Gewinne mit Investments in Kryptowährungen versprochen wurden.

Die Basis für die an den Betrug anschließende Geldwäsche sei in Zypern gewesen. Ein Call-Center in Serbien habe die Opfer durch Anrufe angelockt, und in Bulgarien sei die technologische Infrastruktur betrieben worden. Die Staatsanwaltschaft in Sofia gibt keine Informationen zu Festnahmen in Bulgarien bekannt, stellt aber fest, dass am 11. Januar das Büro eines Unternehmens in Sofia durchsucht worden war.

Laut dem Fernsehsender BNT besteht ein Zusammenhang dieser Ermittlungen zu zu Nexo. Details dazu sind mir aber nicht bekannt, weshalb man hier von reiner Spekulation sprechen sollte. Vielleicht benutzte das kriminelle Netzwerk Nexo zur Geldwäsche, vielleicht steckte die Firma oder einzelne Mitarbeiter tiefer drin, vielleicht gibt es gar keinen Zusammenhang.

SEC-Anklage gegen Strafzahlung vom Tisch

Als die Polizei in Sofia die Büros von Nexo stürmte, befand sich der Lender bereits in einem Verfahren mit der US-Börsenaufsicht SEC. Diese hatte Nexo angeklagt, ihr Krypto-Lending-Produkt nicht ordnungsgemäß angemeldet zu haben.

Laut der Anklage habe Nexo ab etwa Juni 2020 begonnen, US-Kunden die Verzinsung von Krypto- und Fiatwährungen anzubieten, welche diese Nexo anvertrauten. Eine solche Konstruktion stelle eine Security dar – deutsch grob Wertpapier, vielleicht auch Finanzprodukt – welche verpflichtend bei der SEC angemeldet werden müsse.

Nachdem die SEC im Februar 2022 den Lender BlockFi wegen ähnlicher Vorwürfe angeklagt habe, hat Nexo aufgehört, neuen US-Kunden die Verzinsung anzubieten, und keine Zinsen mehr für neu eingezahlte Assets von US-Kunden ausgezahlt. Im Dezember schließlich hat Nexo angekündigt, sich vollständig vom US-Markt zurückzuziehen. Die SEC wertet dies offenbar positiv.

Am 19. Januar kam es nun zu einer Einigung. Um die Klage beizulegen, hat Nexo einer Strafe von 22,5 Millionen Dollar zugestimmt; zeitgleich willigt das Unternehmen ein, weitere 22,5 Millionen Dollar an andere US-Aufseher wegen ähnlicher Vorwürfe zu bezahlen.

Auf der eigenen Webseite verkauft Nexo diese Einigung als einen „Meilenstein“. Mit der Strafzahlung gebe man die Vergehen weder zu, noch dementiere man sie, sondern beende sämtliche, seit Jahren laufenden Untersuchungen durch US-Behörden gütlich. „Wir sind zufrieden mit dieser Übereinkunft, die alle Spekulationen über Nexos Beziehungen zu den Vereinigten Staaten beendet,“ freut sich Nexo-Mitgründer Antoni Trenchow.

Dann gibt das Firmenblog der Strafzahlung einen überraschenden Spin: Man sei überzeugt, dass Nexo damit „als das anerkannt wurde, was es wirklich ist – ein Pionier, wie Uber oder Airbnb, der disruptive Lösungen in einer sich rasch entwickelnden Umgebung bereitstellt.“ Da man als Pionier in keine existierenden Schubladen passe, sei ein konstruktiver Dialog „überagend wichtig, um den bestehenden regulatorischen Rahmen zu verbessern.“

So kann man es auch sehen. Ein anderer Mitgründer von Nexo dürfte jedoch anderer Meinung sein.

Betrug durch Fud gegen LINK

Denn nur wenige Stunden, nachdem die Polizei die Büros von Nexo durchsuchte, wurde eine Email veröffentlicht, die angeblich von Nexo-Mitgründer Georgi Shulev verfasst war.

Georgi ist der Sohn von Lydia Shuleva, einer bulgarischen Politikerin, die heute Mitglied des Europäischen Parlaments ist. Shulevs Email ist von 2020. Er reagiert darin auf eine Email, durch die der Fonds Zeus Capital einen ausführlichen Bericht über Chainlink (LINK) veröffentlicht hatte, mit dem Titel „Crypto’s Wirecard – der Chainlink-Betrug“.

Shulev erklärt in seiner Email, dass bei Nexo gesetzeswidrige Aktivitäten an der Tagesordnung seien, und die Assets der Kunden ohne deren Wissen missbraucht werden. Noch im Juli 2020 sei Nexo eine Partnerschaft mit Chainlink eingegangen, um deren Token auf der eigenen Seite anzubieten. Nur eine Woche später warf der Fonds Zeus Capital mit einem extrem negativen Bericht Chainlink vor, ein Ponzi-Schema zu betreiben.

Shulev behauptete, dass Nexo selbst heimlich hinter Zeus steckt und mit dem Berich von Short-Positionen gegen LINK profitieren wollte. Einen Hinweis darauf findet er in identischen typografischen Codes auf den Webseiten von Nexo und Zeus.

Die Mail ist mehr als 2 Jahre alt. Falls sie authentisch ist, sind die Vorwürfe darin nur die Spitze des Eisbergs, und kriminelle Aktivitäten tief in die Geschäftspraxis von Nexo eingesickert. Eventuell waren solche halblegalen bis vollkriminellen Manöver schon immer Teil von Nexos Strategie, um für seine Kunden Zinsen zu erwirtschaften.

Für User sollten all dies wenn nicht knallrote Flaggen, dann doch klare Warnzeichen sein: Nexo steht auf wackeligen Beinen, und ist nur einen Strafbefehl davon entfernt, von Behörden geschlossen zu werden. Wer Kryptowährungen dort hält, dürfte es in dem Fall schwer haben, sein Geld zurückzuerhalten.

Über Christoph Bergmann (2450 Artikel)
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