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Das nächste Drama? Krypto-Bank Silvergate kämpft ums Überleben

Statuetten aus Silber. Bild von Emma Nibaru via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Kaum scheint der FTX-Kollaps einigermaßen verdaut, bahn sich die nächste Katastrophe für den Krypto-Markt an: Die Silvergate-Bank bricht zusammen. Die kalifornische Bank hat einen sehr großen Teil der Dollar-Transaktionen im Ökosystem abgewickelt. Nun hängen diese fast vollständig von einer verbleibenden Bank ab …

Ja, die Idee von Bitcoin und Krypto ist es, unabhängig von Banken zu werden. Bitcoin braucht keine Bank, Ethereum braucht keine Bank, Token brauchen keine Bank, Smart Contracts brauchen keine Bank. An sich.

Würde Krypto im luftleeren Raum funktionieren, ohne Verbindungen zu echten Wirtschaft, bräuchte es keine Banken. Doch weil dem nicht so ist, sondern Bitcoins und andere Coins wie wild gegen Dollar getraded werden, und weil selbst dann, wenn die Dollar als Stablecoins auf einer Blockchain laufen, eine Bank im Spiel ist, die die Einlagen hält, ist das Ökosystem weiterhin in enormer Abhängigkeit von Banken. Und das führt gerade zu großen Problemen hinter den Kulissen.

Die Silvergate Bank scheint derzeit der kranke Mann des Kryptomarktes zu sein.

Von einer kleinen Bank zum Koloss dank Krypto – und wieder zurück

Silvergate Capital ist eine eigentlich eher kleine Bank aus Kalifornien, die sich ab 2013 darauf spezialisiert hat, Dollar-Zahlungen für Krypto-Unternehmen wie Börsen abzuwickeln. Nachdem die Bank einige der größten Börsen als Kunden gewonnen hatte – etwa Binance, Kraken oder Gemini – wuchs sie rapide. Es lohnt sich, mit Krypto zu arbeiten, vor allem wenn sich alle anderen Banken genieren.

Der Börsenkurs von Silvergate war bis Ende 2021 explodiert, von einst wenigen auf fast 200 Dollar. Die Bank hielt rund 15 Milliarden Dollar an Einlagen und wickelte über das von ihr gegründete “Silvergate Exchange Network” (SEN) Transaktionen im Wert von 750 Milliarden Dollar ab. SEN basiert auf einer Blockchain, die architektonisch wohl auf Facebooks Ex-Projekt Libra aufbaut.

Zusammen mit der Signature Bank prozessierte Silvergate den Großteil der Dollar-Zahlungen von Krypto-Börsen. Die beiden Banken hatten zusammen ein Transaktionsvolumen von etwa 1,75 Billionen Dollar im Jahr, was 15 Prozent aller VISA-Transaktionen oder 0,7 Prozent aller globalen Bank-Transfers entspricht. Das Volumen ist gewaltig, und alleine schon diese Masse dürfte Probleme mit der Aufsicht einleiten.

Nun scheint Silvergate am Kollabieren zu sein. Der Aktienkurs ist im Lauf der vergangenen 12 Monaten um fast 95 Prozent eingebrochen, wobei sich der Kollaps in der vergangenen Woche beschleunigt hat. Der Kurs fiel von 13 auf kaum mehr fünf Dollar, und die großen Kunden bemühen sich, die Bank verlassen.

Eine der spannend Fragen dieses Dramas ist, wie es dazu kommen konnte. Denn Silvergate hatte ein traumhaftes Geschäftsmodell: Die Bank hielt gewaltige Summen an Geld in ihren Konten und konnte davon sichere und verzinste Papiere wie Staatsanleihen kaufen. Mit nur 1-2 Prozent Zinsen je Einlage verdiente Silvergate viele Millionen Dollar im Jahr. Wie kann man hier pleite gehen?

All die Profite verpulverten sich

Die Erklärung ist interessant: Silvergate hat die US-Staatsanleihen zu historisch niedrigen Zinsphasen gekauft, als sie lediglich etwa ein Prozent im Jahr abwarfen. Ungünstiger war noch, dass die Bank sehr langfristige Papiere gekauft hatten, mit einer Laufzeit von beispielsweise 10 Jahren.

Nun geschah es, dass die US-Zentralbank FED die Zinsen erhöht hatte, so dass Staatsanleihen in etwa vier Prozent Zinsen einspielen. Damit möchte natürlich niemand mehr die 10-jährigen niedrigverzinsten Staatsanleihen kaufen, die Silvergate erworben hat. Ihr Wert auf dem Zweitmarkt sank auf etwa 90 Prozent.

Das ist an sich kein Problem – wenn man die Anleihen nicht verkaufen möchte. Silvergate hätte es einfach aussitzen können und geringe, aber solide Zinsen einkassiert Doch dann kam der Kollaps von FTX.

Die Kunden wollten ihr Geld auszahlen, das Vertrauen verbröselte, und Silvergate blieb keine andere Wahl, als die Staatsanleihen mit Verlusten zu verkaufen, um Auszahlungsanforderungen zu bedienen. Angeblich verlor die Bank so rund eine Milliarden Dollar im Monat. All die Profite, die sei seit 2013 gemacht hatte, flossen dahin.

Schlimmer noch war aber nun, dass die Kunden das Vertrauen verloren hatten. Gerüchte über eine Pleite kursierten, was bei einer Bank, deren Produkt vor allem Vertrauen ist, fast schon dasselbe ist wie die Pleite selbst. Die Kunden verließen die Bank und zogen ihre Einlagen ab. Es kam zum Bank Run, und der Sturz beschleunigte sich. Ende letzter Woche schaltete die Bank dann das SEN-Netzwerk ab, womit es den Krypto-Markt quasi aufgibt.

Die Säule, die noch stehenbleibt

Für die Krypto-Branche könnte das unangenehm werden. 750 Milliarden Dollar jährlicher Dollar-Transfers brechen weg, und fast der gesamte Dollarfluss zwischen den Börsen läuft nun über Signature, die verbleibende Bank. Diese genießt nun natürlich eine Aufmerksamkeit, die einer Bank mit diesem Geschäftsmodell nur unangenehm sein kann.

So wie Silvergate verwendet Signature ein blockchainbasiertes Netzwerk, Signet, um Dollar in Echtzeit zwischen seinen Kunden zu überweisen. Die meisten großen Bitcoin-Börsen haben sich Signet angeschlossen, das wie SEN auf der Libra-Technologie aufbaut. Etwa Coinbase, Bittrex, FTX, Kraken, Bitstamp oder Binance.

Es gibt nun eine fast unendliche Menge an Gerüchten über Machenschaften, in die Signature verwickelt sein soll. Das fängt damit an, dass es heisst, sie wäre die Bank von Tether, bis hin zu Vorwürfen der Geldwäsche oder Verletzung von Sanktionen. Was genau daran ist, ist derzeit noch nicht zu sagen. Klar wird aber einmal mehr, dass Fiat-Transaktionen die Schwachstelle des Kryptomarktes sind, und dass ein Kollaps von Silvergate – und womöglich auch Signature in der Folge – zum derzeitigen Zeitpunkt zu gehörigen Reibungen im Markt führen würde.

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3 Kommentare zu Das nächste Drama? Krypto-Bank Silvergate kämpft ums Überleben

  1. Mit Kundengeldern schräge Sachen machen, kommt mir irgendwie bekannt vor…

    Kann man nur hoffen, dass nun neue Banken einspringen und die Transaktionen in der Zukunft abwickeln werden. Hoffentlich auch besser, als es Silvergate getan hat.

  2. Banken sind halt noch gefährlicher als Kryptobörsen, denn Banken dürfen völlig legal die Kundengelder verschleudern -.-

    Eine Bank die lediglich die Kundengelder sicher verwahrt (bei der Zentralbank für Zinsen sollte auch sicher genug sein glaub ich) und dafür evlt. noch vergleichsweise hohe Gebühren nimmt, sollte Silvergate problemlos international und risikofrei ersetzen können und sich damit trotz strenger KYC/AML Regeln bei den Börsen und Nutzern eine goldene Nase verdienen können.

    Wäre toll, wenn die Bankenpläne von bitcoin.de in diese Richtung gehen würden.

    • Naja, auch wenn die Bank wohl alles andere als kompetent geführt wird, haben sie sich auf die wohl risikoärmste Anlageklasse beschränkt, nämlich auf Staatsanleihen. Dass man aber langfristige Contracts eingegangen ist, statt z.B. 3 Monate ist mir bei der dynamischen Zinsentwicklung der letzten Jahre schleierhaft, man hat wahrscheinlich angenommen, dass die Zinsentwicklung ins deutlich Negative geht und selbst sowas wie ein “Safe Haven” ist.

      Obwohl Banken eigentlich reguliert sind, machen sie ohnehin was sie wollen und das habe ich gemerkt, als mein Konto bei Fidor als Resultat von p2p Trading rechtswidrig gekündigt wurde, da mir jemand mittels eines gefälschten Überweisungsträgers Geld überweisen wollte. Alle Banken wussten Bescheid und ich konnte einige Monate keines eröffnen, obwohl es noch keinen Eintrag bei der Schufa diesbezüglich gab. Schlimmer noch, mein bis dahin ungenutztes N26 Konto wurde zufälligerweise zwei Tage danach auch gekündigt…

      Banken sind leider die Zentralisierung in Person, dazu hat sich Jesse Powell, CEO von Kraken einige Male vage geäußert. In Australien oder Großbritannien gibt es keinerlei Rechtsprechung gegen “Privacy enhanced currencies” wie Monero, allerdings üben Regulatoren ausreichend Druck auf Banken aus, dass sie Börsen verbieten, diese zu listen, da sie sonst unbanked sind. Alles transparent und so…

      Auch wenn ich die Bankenpläne von Bitcoin.de gutheiße, werden sie sich dieser Art von Schattenregulierung nicht entziehen können und wenn doch, werden sie womöglich dauerhaft entsprechende Prüfer im Haus haben.

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