Newsticker

Die surreale Überbewertung von Farcaster

Unglaublich: Der Web3-Twitter-Klon Farcaster erhält eine Investition von 150 Millionen Dollar – bei einer Bewertung von einer Milliarde Dollar. Nur – warum und wofür eigentlich?

Farcaster ist wie Twitter, aber eben auf Ethereum. Kritische Operationen, wie das Registrieren eines Usernamens, geschehen onchain, doch das meiste, wie das Posten von „Casts“ genannten Tweets oder neue Follower, Reaktionen und Profilbilder, bleiben offchain. Hierfür müssen User eine spezielle Wallet verwenden, Warpcast.

Wegen dieser Kombination aus On- und Offchain nennt sich Farcaster selbst ein „ausreichend dezentrales“ soziales Netzwerk.

Farcaster wurde von Dan Romero und Varun Srinivasan vor einigen Jahren gegründet und entwickelt, aber erst im vergangenen Oktober öffentlich zugänglich gemacht, sodass jeder teilnehmen kann. Im Februar gab es einen kleinen Hype um die App; mittlerweile hat Farcaster laut eigenen Aussagen 350.000 Anmeldungen.

Als offenes Protokoll erlaubt Farcaster anderen Entwicklern, darauf aufzubauen und sogenannte „Frames“ zu bilden. Das bedeutet, dass man eigene Features einführen kann, wie Umfragen, Live-Feeds, interaktive Galerien und so weiter. Damit beanspruchgt Farcaster, nicht nur ein Twitter-Klon zu sein, sondern ein neues Basis-Protokoll für viele soziale Netzwerke. Am besten alle.

150 Millionen Dollar – wofür nochmal?

Nun hat Farcaster also 150 Millionen Dollar erhalten. Die Investitionsrunde wurde von Paradigm geführt, teilgenommen hat unter anderem Andreessen Horowitz‘ a16z. Das Geld wird laut Romero genutzt, um mehr User zu gewinnen und das Protokoll weiterzuentwickeln, etwa Channels und direkte Nachrichten einzuführen.

Dass ein so junges Social-Media-Protokoll, das derzeit wie Twitter mit weniger Usern und ohne Direktnachrichten ist, eine Bewertung von einer Milliarde Dollar erhält, wirkt seltsam.

Ohnehin sind reine Klone anderer Social-Media-Plattformen niemals erfolgreich. Es gibt schon ein halbes Dutzend Twitter-Klone, auch dezentrale wie BlueSky und Nostr, die aber allesamt vor sich hin stagnieren. Um erfolgreich zu sein, muss eine Social-Media-Plattform eine neue Usererfahrung schaffen. Instagram war wie Twitter, aber mit Fotos, TikTok mit Videos, um zwei Beispiele zu nennen.

Nicht 350.000, sondern maximal 45.000 aktive User

Der kritische Tech-Beobachter Liron Shapira spottet über den Deal. Er zitiert ein Dashboard auf Dune Analytics, das nicht von 350.000 tatsächlichen Usern ausgeht, sondern von 45.000 täglich aktiven Usern.

Zum Vergleich: Twitter hat ungefähr 245 Millionen täglich aktive User, also etwa 5500-mal mehr. Schon allein der Twitter-Account von Farcaster hat dreimal so viele Follower wie Farcaster aktive User.

Doch selbst diese Anzahl, 45.000, meint Shapira, sei „massiv“ durch Spam-Bots inflationiert. Generativer KI sei dank. Betrachtet man den von echten Menschen – laut Liron maximal 5.000 – „gecasteten“ Content, wirkt Farcaster eher wie ein Discord-Server, der sich auf Krypto spezialisiert hat, aber eben aussieht wie Twitter.

Große Discord-Server für beliebte Spiele haben, zum Vergleich, mehr als 800.000 User, große Krypto-Server mehr als 80.000.

Die Katze im Sack?

Bei diesen Zahlen drängt sich der Eindruck auf, die Risikokapitalgeber hätten die Katze im Sack gekauft. Was die User-Anzahl angeht, hätten sie besser in einen Minecraft-Server investiert.

Die spannende Frage ist nun: Warum? Warum sind erfahrene Risikokapitalgeber bereit, einen Twitter-Klon von der Größe eines mittelgroßen Gaming-Servers mit einer Milliarde Dollar zu bewerten? Weil sie es nicht besser wissen?

Shapira stellt mehrere Theorien auf. Die günstigere ist, dass es ähnlich wie bei Clubhouse ist. Clubhouse ist eine Socia-Media-Audio-App, die a16z im Jahr 2021 mit 4 Milliarden Dollar bewertet hat. Die Wette ging nicht auf – Twitter führte Spaces ein, was den Hype um Clubhouse fast sofort abwürgte – hatte aber immerhin Sinn ergeben: Social-Media-Plattformen haben das Potenzial, rasch und extrem zu wachsen. Wenn es eine 10-prozentige Chance gibt, dass eine Plattform 100 Milliaden Dollar wert sein wird, ist eine 1-Milliarde-Dollar-Bewertung eine gute Wette.

Doch Shapira hält andere Erklärungen für wahrscheinlicher – und die sind wesentlich weniger günstig für Krypto und die Risikokapitalgeber.

Wenn man tief genug im Loch ist, kann man nur noch weiter graben

Shapira spekuliert, dass die Risikokapitalgeber möglicherweise überschüssiges Kapital ihrer Investoren übrig haben, das aber nicht zurückgeben wollten. So wie Behörden lieber in Luxus-Kaffeemaschinen investieren, anstatt zuzugeben, dass ihr Budgetplan zu hoch gegriffen war.

Für die Manager der Kapitalgeber lohnt es sich. Wenn sie eine App hoch bewerten und viel Geld investieren, erhalten sie auch hohe Management-Gebühren. Dass sie dafür keine bessere App gefunden haben als Farcaster und diese auf eine so unrealistische Marktkapitalisierung aufblähen mussten, ist, nun ja … ungünstig.

Noch ungünstiger, aber psychologisch interessanter ist eine dritte Erklärung: Shapira behauptet, dass mittlerweile „jeder realisiert hat, dass Web3 eine logisch inkohärente Idee ist“. Man hat es versucht, man hat die Startups und dApps mit Geld ertränkt, aber es wurde nichts.

Die Risikokapitalgeber, die Milliarden an Dollar in Web3 versenkt haben, wollen das nicht zugeben. Sie fürchten, verklagt zu werden, und vielleicht verdrängt der eine oder andere auch die unangenehme Wahrheit. Mit Farcaster versuchen sie nun, den Ball am Rollen zu halten, koste es, was es wolle, um nur den Anschein zu erwecken, es geschehe was in Web3.

Der Fairness wegen …

Fairerweise muss man aber auch sagen, dass Shapiras Schätzungen spekulativ, und seine Meinung über Web3 überzogen pessimistisch sind. Es ist kaum möglich, zwischen echten Usern und Spambots systematisch zu unterscheiden. Es gibt durchaus User auf Farcaster, die mehr als 100.000 Follower haben, und es gibt Tweets bzw. „Casts“, die lange Threads auslösen und viele Antworten sowie Likes erhalten.

Das Konzept, eine Art Twitter auf der Basis von Ethereum und ENS-Domains zu bilden, es zum offenen Protokoll zu machen und direkte Nachrichten zu erlauben, hat seinen Charme. Es könnte die Kommunikations- und Identitätsschicht werden, die im Web3 seit langem gesucht wird. Damit könnte es nicht allein, so wie Twitter, der Kommunikation und Meinungsmach dienen, sondern mit einem dezentralen Finanzwesen verschmelzen, also eine Mischung aus Twitter und SWIFT werden, vielleicht das, wovon Elon Musk mit „X“ träumt.

Da Farcaster erst im Oktober offen live ging, wäre es auch falsch, es schon jetzt als gescheitert oder uninteressant abzuwerten. Doch die Bewertung mit einer Milliarde Dollar wirft dennoch Fragen auf, die das reine Potenzial nur unbefriedigend beantwortet.


Entdecke mehr von BitcoinBlog.de - das Blog für Bitcoin und andere virtuelle Währungen

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Über Christoph Bergmann (3247 Artikel)
Das Bitcoinblog wird von Bitcoin.de gesponsort, ist inhaltlich aber unabhängig und gibt die Meinung des Redakteurs Christoph Bergmann wieder ---

1 Kommentar zu Die surreale Überbewertung von Farcaster

  1. wir bei peer network pse ug (haftungsbeschränkt) machen genau das gleiche und sind arsch bewertet
    Aber wir schaffens und machens fair
    Qute CTO

Kommentare sind deaktiviert.

Entdecke mehr von BitcoinBlog.de - das Blog für Bitcoin und andere virtuelle Währungen

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen