Was ist der Bitcoin?

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2009 ins Netz gestellt, zunächst nur von einer Handvoll Geeks benutzt, heute ein milliardenschweres Massenphänomen: Was genau ist der Bitcoin eigentlich? Die Frage ist schwieriger, als sie zunächst klingt und mit der Bezeichnung als “Währung” nicht im Ansatz beantwortet. Der Versuch einer Definition.

Virtuelle Währungen, wohl vor allem der Bitcoin, reizen die Phantasie von manchen, streuen Furcht unter anderen und verwirren den Rest von uns fürchterlich.“

– Thomas Carper, US-Senator

Ja, es ist schwer, dieses Ding zu definieren, das es eigentlich gar nicht gibt, aber das derzeit für einige hundert Euro je Stück verkauft wird. Ist er eine Währung, digitales Gold, ein Zahlungssystem oder ein Stück Software? Der Bitcoin passt in keine dieser Kategorien vollständig hinein, aber irgendwie in alle. Das verwirrt nicht nur Senator Carper, sondern jeden, der beginnt, sich mit der virtuellen Währung zu beschäftigen. Jörg Patzer, Wirt des Room77, der “Kneipe am Ende des Kapitalismus”, und eine der wichtigsten deutschen Stimmen des Bitcoin, brachte es vielleicht auf den Punkt: „Man sollte aufhören, krampfhaft zu versuchen, ein komplett neues Modell in alte Schubladen zu packen.“

Wir versuchen es trotzdem. Einige Kategorien, die den Bitcoin treffen könnten. Wir beginnen mit der üblichsten:

(1) Als Währung: Diese Definition ist pragmatisch. Schließlich verhält sich der Bitcoin wie eine Fremdwährung: Man kann Euro gegen Bitcoin zum jeweiligen Kurs wechseln, so, wie man Schwedische Kronen kauft. Da der Bitcoin “die Währung aus dem Internet” ist, macht man das nicht bei einer Bank, sondern im Internet. Meistens auf einem Marktplatz oder einer Börse.

Auch auf der Wallet verhält sich der Bitcoin wie eine Währung auf einem Bankkonto: er ist eine Nummer, die man teilen und versenden kann. Mit einer Fremdwährung kann man überall bezahlen, sofern man sich im Währungsraum befindet. Beim Bitcoin ist das überall und zugleich nirgendwo: An jedem Ort mit Internet und nirgendwo. Er ist in keiner Volkswirtschaft verankert und wird von keinem Staat gestützt. Manche sagen, er könne deswegen keine echte Währung sein. Eventuell wäre er das, wenn ihn einmal ein beliebiger Staat akzeptieren würde, aber das geht zu weit.

Wie viele andere Währungen ist der Bitcoin frei konvertierbar. Das endgültige Wechselverhältnis ist noch unklar. 100 Euro? 10.000? Oder 0? Falls es jemals ein solches definitives Wechselverhältnis geben wird. Die Tendenz geht, von 2009 bis heute, absurd steil nach oben. Von 0,0001 Dollar auf bis zu 1.200. Allerdings ist der Kurs unstet; es ist nichts Besonderes, wenn erüber Nacht fünf-zehn Prozent verliert. Kritiker sagen, wegen dieser extremen Volatilität sei der Bitcoin als Zahlungsmittel ungeeignet.

(2) Als Zahlungssystem:  Aus Sicht von Händlern und Kunden ist es praktisch, den Bitcoin als ein Zahlungssystem wie PayPal oder eine Kreditkarte zu verstehen: Kunden müssen etwas einzahlen – sie kaufen Bitcoins – um im Internet zu bezahlen. Vom Aufwand her nichts anders als bei einem PayPal-Konto, und auch im Effekt vergleichbar: Kunden können von einer digitalen Brieftasche aus im Internet in (mehr oder weniger) Echtzeit bezahlen.

Für Händler sind Bitcoins in der Regel günstiger als andere Systeme, da es ihre Natur ist, durch das Netz zu fließen. Die hinter ihnen stehende Datenbank kontrolliert sich alle zehn Minuten selbst. Zahlungssysteme im Internet ersetzen Geld durch ein Token, das sich effizient transportieren lässt. Während jedoch PayPal als Erfinder des Tokens ein Monopol auf die Abwicklung der Transaktionen verlangt, ist der Bitcoin offen. Sprich: Jeder, der will, kann die Token benutzen wie er will, er kann sie senden, ohne eine andere Firma zu benötigen, und er kann einen eigenen Zahlungsdienstleister basteln, um es anderen einfacher zu machen. Bitcoins sind keine Firma um ein Geldtoken fürs Internet, sondern ein ganzes Ökosystem.

Das Problem ist die Volatilität. Kann man sich auf eine Währung für Online-Einkäufe verlassen, wenn man nicht weiß, was sie morgen wert sein wird? Kritiker sagen deswegen, wie oben erwähnt, dass der Bitcoin als Zahlungsmittel ungeeignet sei. Allerdings gibt es Bitcoin-Zahlungsdienstleister, die anbieten, Bitcoins direkt in Euro oder Dollar umzutauschen zum Kurs beim Einkauf. Die Konditionen sind, bei prinzipiell gleichwertigem – wenn nicht höherwertigerem, da betrugssicherem -Service deutlich günstiger als die meisten anderen Anbieter.

Allerdings haben diese Vorteile für Händler keinerlei Einfluss auf die Entscheidung des Kunden für ein Zahlungssystem.

(3) Als digitales Gold: Da der Bitcoin mengenmäßig auf 21 Millionen Einheiten begrenzt ist, weist er eine Analogie zu Gold auf. Dies macht ihn zu einer sehr speziellen Art von Anlage, die von der Hoffnung getragen wird, dass der Preis aufgrund des begrenzten Angebots und einer steigenden Nachfrage nur eine Richtung kennt – nach oben. Auch wenn sich diese Annahme bisher bestätigt hat und der Bitcoin mit Wertsteigerungen von mehreren tausend Prozent das wohl rentabelste Investment der Finanzgeschichte war, ist er nicht frei von Risiken und gilt deswegen als hochspekulativ.

(4) Als Software, die etwas erzeugt, dass sich wie Geld verhält: Die Bitcoin-Software produziert ein Medium, das alle Anforderungen an Geld glänzend erfüllt: Bitcoins sind fast beliebig teilbar, räumlich-zeitlich übertragbar, prinzipiell so lange haltbar, wie es das Internet gibt, mengenmäßig begrenzt, absolut fälschungssicher und fungibel, was bedeutet, dass die Einheiten identisch sind. Bitcoins eigenen sich damit vielleicht besser als jedes andere vorherige Medium dafür, die Rolle von Geld einzunehmen. Eine Währung sind sie deswegen allerdings ebenso wenig, wie eine Software für ein soziales Netzwerk per se ein soziales Netzwerk ist.

(5) Als dezentrales Netzwerk: Der Bitcoin überträgt die Prinzipien dezentraler Netzwerke wie im File-Sharing auf eine Währung: Die Blockchain genannte Datenbank aller Transaktionen wird von allen Benutzern des Bitcoin-Clienten gespeichert, und das Netzwerk der Miner sorgt dafür, dass alle Transaktionen dem Protokoll gehorchen. Damit ist der Bitcoin faktisch nicht totzukriegen, da es keinen “Single-Point-of-Failure” gibt, also keinen zentralen Angriffspunkt und keinen Knopf zum Ausschalten. So sind Behörden zwar wiederholt gegen Filesharer vorgegangen und haben etwa Megaupload oder kino.to vom Netz genommen, ohne damit das Filesharing an sich auch nur minimal zu treffen.

(6) Als Experiment: Man stelle eine sich selbst erhaltende Software, die Geld erzeugt, ins Netz und sehe zu, was die Menschen mit ihr machen – so könnte man den Bitcoin-Versuchsaufbau beschreiben. Möglich, dass die virtuelle Währung einmal als größtes sozio-ökonomisches Experiment in die Geschichte eingeht, in dem zu beobachten ist, wie eine Währung auf dem Markt heranwächst, was die menschliche Gier mit einer neuen Währung macht und wie sich ein unregulierter, teilanonymer Markt verhält.

(7) Als Bewegung: Man könnte den Bitcoin auch so verstehen, dass sich eine neue Generation ihre eigene Währung erschafft. Als heilige Prinzipien gelten dabei Dezentralität, Open-Source und Privatheit. Der Bitcoin ist eine Bewegung gegen das Schuldgeld, das im Lauf der Jahrzehnte dahininflationiert, und gegen die Banken, welche bisher gebraucht werden, um Geld zu überweisen. Als Bewegung versucht der Bitcoin, das peer-to-peer-Prinzip, also den Handel ohne Zwischenhändler, auf das Geld zu übertragen.

(8) Als Schneeballsystem: In gewisser Weise verhält sich der Bitcoin wie ein Schneelballsystem, Pyramidenspiel und Ponzischema: Diejenigen, die zuerst einsteigen, werden mit exponentiellen Gewinnen belohnt, weil später Leute dazustoßen und Geld investieren. Der Wert eines Bitcoins steigt ausschließlich dann, wenn mehr Leute Bitcoins kaufen. Allerdings macht dieses Verhalten den Bitcoins ebenso wenig zu einem Schneeballsystem wie eine Aktie. Es ist jedoch ein Merkmal, das für manche Investoren leider zentral ist.

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