Remittance – die goldene Kuh des Bitcoin: Ist es schon soweit?

Bitcoin um die Welt

"Where To Next..." von Wes Peck via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Internationale Überweisungen sowie Rücküberweisungen durch Gastarbeiter – englisch Remittance – gelten als eines der großen Potenziale des Bitcoins: Da die virtuelle Währung frei von Staatsgrenzen ist, kann man die Coins überall hin überweisen und überall mit ihnen bezahlen. Zumindest theoretisch würde das gerade jenen helfen, die vom derzeit existierenden Finanz- und Geldsystem am stärksten benachteiligt werden und für Überweisungen zu ihren Familien horrende Gebühren berappen müssen. Praktisch gibt es allerding einige Hürden auf dem Weg zum Bitcoin-Remittance. Doch es sieht so aus, als käme langsam Schwung in die Geschichte. Etwa auf den Philippinen, in Südafrika oder in Südamerika.

Es gibt einige Voraussetzungen, damit der Bitcoin für internationale Überweisungen hilfreich ist. Entweder muss er allgemein akzeptiert sein, so dass, wenn ich etwa jemandem in Mexiko etwas überweise, er damit seine Miete und seine Lebensmittel bezahlen kann. Da dies offensichtlich noch nirgendwo – außer vielleicht in den USA – wirklich gegeben ist, muss der Bitcoin liquide wechselbar sein. Ich muss also meine Euro günstig und zu guten Kursen gegen Bitcoins wechseln, und der Empfänger muss in, sagen wir, Indonesien, die Bitcoins wiederum günstig und zu guten Kursen gegen Rupiah wechseln können. Sobald die Handelsplätze eine Gebühr von mehr als einem Prozent verlangen und Spreads von mehr als 1-2 Prozent aufweisen, wird der Bitcoin-Remittance zu teuer, um gegenüber Western Union und anderen Zahlungsdienstleistern Vorteile zu bieten.

Ruhe in ganz Afrika … nur ein einziges Land prescht vor

Tragischerweise macht das Spread-Problem den Bitcoin gerade dort völlig unbrauchbar, wo er am meisten nötig wäre: In den Ländern im Süden Afrikas, wohin das Geld nur sehr stockend und mit Abzügen von 10 Prozent oder mehr hingelangt. Während man etwa ganz wunderbar bei bitcoin.de Bitcoins kaufen und in den USA verkaufen kann, existieren etwa in Kenia, Ghana oder Uganda so gut wie keine Bitcoin-Märkte. Trotz diverser Versuche. Immerhin gibt es in Südafrika eine einigermaßen rege Szene mit mehr als 30 Akzeptanzstellen auf coinmap.org sowie einem ATM in Johannesburg, mehreren Wechselstellen sowie Zahlungsanbietern. Eine Wechselstelle ist BitX, ein interessantes Unternehmen, dass sich wie kein anderes dem Bitcoin-Remittance verpflichtet hat.

"Johannesburg Skyline" von sacks08 via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

“Johannesburg Skyline” von sacks08 via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

BitX ist eine internationale Plattform mit Sitz in Manila, die Börsen in 12 Ländern betreibt, darunter neben Südafrika auch Nigeria, Polen, Mexiko, Malaysia, Kenia, Indien und Indonesien. Allerdings verlangt BitX eine Handelsgebühr von einem Prozent und die Spread liegt für Südafrika bei etwa 4 und für Kenia bereits bei etwa 10 Prozent. Die Märkte für Nigeria und Namibia dagegen sind noch so gut wie gar nicht erschlossen. Wirklich nützlich für den Remittance ist das nur in Ausnahmefällen. Um Geld nach Südafrika zu schicken, bezahlt man bei Western Union etwa 25 Euro Gebühr. Wer dagegen bei bitcoin.de Euro in Bitcoin und bei BitX diese in Südafrikanische Rand wechselt, bezahlt knapp 30 Euro, ganz grob gerechnet. Das hat noch Luft nach oben, ist aber bereits ein erster Schritt. Was fehlt, ist eben noch das Handelsvolumen. Wenn dieses ansteigt, wird sich die Spread schließen.

Ideal wäre es natürlich, wenn man sich den Wechsel von Bitcoins in die lokale Währung sparen könnte. Eventuell wird auch dies in Südafrika bald immmer besser möglich sein. BitX hat vor kurzem eine Kooperation mit PayFast, einem süfafrikanischen Zahlungsprovider, angeleiert, was es für 30.000 Händler theoretisch möglich macht, Bitcoins zu akzeptieren. Inwieweit das genutzt wird, entzieht sich jedoch meiner Kenntnis. Aber – die Möglichkeit ist da, und sofern Sie mal nach Südafrika reisen, können Sie ja einfach ein paar Bitcoins mitnehmen.

Die Philippinen – ein Land mit Potenzial für Bitcoin

Die Philippinen sind ein Inselstaat und ein Volk der Gastarbeiter, die auf kaum einem internationalen Frachtschiff fehlen. Das philippinische Finanzsystem ist nicht besonders gut geölt, aber das Land liebt das Internet und Manila gilt als Hauptstadt der Selfies. Zudem hat sich auf den Philippinen eine kleine, umtriebige Bitcoin-Szene entwickelt, die nicht nur aus BitX, sondern vor alles aus Satoshi Citadel Industries (SCI) besteht.

SCI hat in Manila ein kleines Imperium von Bitcoin-Dienstleistungen aufgebaut: Zum einen rebit.ph, ein Geldsendeservice, der nur Bitcoins annimmt und diese mit einer Gebühr von einem Prozent in Peso auf ein philippinisches Bankkonto überweist – egal von wo aus. Das ist zum Teil schon günstiger, als wenn man von Europa oder den USA aus traditionelle Dienstleister wie Western Union oder Banken benutzt. Es ist auf jeden Fall einen Versuch wert, und es wäre zu bedenken, als Reeder die philippinischen Mitarbeiter in Bitcoin oder per rebit zu bezahlen.

Dann gibt es noch Coinage.ph, eine Börse für Philippinische Peso und Bitcoin, die aber ein relativ dünnes Volumen hat: Selbst an guten Tagen liegt es kaum über einem Bitcoin. Weiter hat SCI bitmarket.ph auf die Beine gestellt, eine Plattform, die es Händlern ermöglicht, ihre Produkte gegen Bitcoin zu verkaufen, international, weitgehend gebührenlos, und die Einnahmen werden auf Wunsch auch in Peso ausgezahlt. Wer nun auf den Marktplatz geht, wird eine kleine Überraschung erleben – es gibt etwa 22 Fashion-Shops, die Bitcoins akzeptieren, und 16 Restaurants, 11 Tech-Shops und einige weitere. Das ist beachtlich.

Schließlich hat Satoshi Citadel Industries noch, unter anderem, einen Selfie-Bitcoin-Contest gestartet, Bitstars.ph, bei dem die besten Selfies Bitcoins gewinnen. Die Aktion erfreut sich in jedem Fall reger Beliebtheit, es gibt Dutzende Einreichungen.

Mittel- und Südamerika

Auch Länder wie Mexiko, Brasilien und, vor allem, Argentinien, wären wegen eines starken Dollar-Schwarzmarktes, zum Teil schwacher eigener Währungen sowie zum Teil strenger Kapitalkontrollen wie gemacht für den Bitcoin. Wie dort der Stand der Dinge ist, ist jedoch schwer zu sagen. Laut google-trends besteht in Argentinien ein gewisses Interesse, während Mexiko und Brasilien eher desinteressiert sind. Das könnte auch damit zusammenhängen, dass der argentinische Peso unfröhlich vor sich hininflationiert und das Land de facto bankrott ist.

"Buenos Aires Skyline in Color" von Jimmy Baikovicius via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

“Buenos Aires Skyline in Color” von Jimmy Baikovicius via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Vor allem in Mexiko und Argentinien hat sich bereits eine Basis-Bitcoin-Infrastruktur gebildet. In Mexiko wäre da etwa die Börse MEXBTC zu nennen, über deren Volumen die Homepage allerdings keinerlei Aussagen macht. Bitso, ebenfalls eine mexikanische Börse, hat immerhin gut 20 Bitcoins im Orderbook und ein tägliches Handelsvolumen von zum Teil mehr als einem Bitcoin. Bei Coincove bzw. Volabit können Mexikaner Bitcoins direkt kaufen, die Gebühr beträgt ein Prozent, doch es scheinen noch weitere Gebühren für die Banküberweisung dazuzukommen. Zu den Börsen und Wechselstuben kommen seit März noch zwei Bitcoin ATMs vom Typ Genesis hinzu, die in Tijuana aufgestellt sind.

In Argentinien gibt es zumindest eine Börse, Unisend. Dort liegen knapp zehn Bitcoin im Orderbook, die Handelsgebühren sind mit 0,6 Prozent relativ gering, allerdings fällt noch ein weiteres Prozent für die Banküberweisung an. Coinmelon dagegen ist eine Börse, die seit bald einem Jahr knapp vor dem Startschuss steht. Die Seite sieht deutlich hübscher aus, als Unisend, ist aber noch nicht in Betrieb. Schließlich gibt es noch die Kooperation von Ripio mit TeleRicargas, einem Telekommunikationsanbieter, die Bitcoins in 8.000 Einzelhandelsläden bringen soll – einfach im Internet anmelden und dann mit dem Account in den Laden gehen, um Bitcoins zu bekommen.

Zuletzt wäre da noch BitPagos zu nennen, ein Payment-Provider aus Delaware, der sich auf Argentinien spezialisiert hat und auch schon 600.000 Dollar an Investmentgeldern eingeheimst hat. Von wie vielen Händlern BitPagos genutzt wird, ist allerdings schwer zu sagen.

Zumindest die Anzahl der Akzeptanzstellen in Argentinien vermittelt ein klares Bild: Alleine schon in der Hauptstadt Buenos Aires akzeptieren laut coinmap.org rund 100 Shops Bitcoins. Das ist mehr als in Berlin. In Mexiko gibt es im ganzen Land dagegen kaum mehr als 30 Akzeptanzstellen.

Die Infrastruktur steht – aber wird sie auch genutzt?

Tja. Diese abschließende Frage, die darüber entscheiden dürfte, ob der Bitcoin als Überweisungsmittel für Gastarbeiter oder sonstige Zahlungen sowie als Wertaufbewahrungsmittel zum Schutz vor Inflation genutzt wird, muss unbeantwortet bleiben. Es gibt eine, zum Teil auch durch üppige Investitionen unterfütterte, Bitcoin-Infrastruktur in zahlreichen Ländern von Afrika über Asien nach Südamerika. Das Handelsvolumen auf sämtlichen Börsen – der einzige Indikator für die Nachfrage – ist allerdings so gering, dass von einer irgendwie bestehenden Verbreitung kaum die Rede sein kann und man konstatieren muss, dass es allen dieser Börsen an Liquidität mangelt, um für Remittance in einem ernsthaften Umfang nützlich zu sein.

Dennoch ist es faszinierend, wie weit um den Globus es eine “Nischenwährung” wie der Bitcoin bereits heute geschafft hat.

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1 Comment on Remittance – die goldene Kuh des Bitcoin: Ist es schon soweit?

  1. Ich hab mir mal bitx angeschaut. Leider kann man dort als Ausländer kein Konto eröffnen. Und das ist natürlich auch das Problem. Wäre es möglich, würde Arbitrage dafür sorgen, dass sich genug Liquidität ergibt.

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