Das meint die deutsche Bitcoin-Szene zur Blocksize-Debatte

Brauchen wir größere Blöcke oder nicht? Muss der Bitcoin ein globales Alround-Zahlungsmittel werden, oder ist er gut als teures, aber privates und sicheres Geld? Soll man die Größe der Blöcke sofort oder erst in einem Jahr steigern, und soll man sie plötzlich von 1 auf 20 MB anheben, oder eher graduell vorgehen? Während die Bitcoin-Kernentwickler geteilter Meinung sind, ist sich die deutsche Bitcoin-Wirtschaft einig.

Im Februar, als das Blocksize-Thema bereits aufgetreten ist, habe ich in diesem Blog eine Umfrage gestartet. Teilgenommen haben 301 Personen, von denen 161 klar für eine Erhöhung der Blockgröße und nur 73 klar dagegen waren. 67 Personen haben, vermutlich weil sie sich nicht anmaßen, die technischen Hintergründe zu beurteilen, gemeint, sie seien sich nicht sicher. Das Ergebnis ist jedoch ziemlich deutlich: die absolute Mehrheit ist für größere Blöcke.

blocksize-umfrge

Die Debatte um die Blockgröße zeigt eine sehr spezielle Form der Demokratie. Diejenigen, die größere Blöcke ins Protokoll einbauen können, sind klar die Kernentwickler. Sie – und nur sie – können eine neue Version des Bitcoin-Clienten schreiben, in welchem die Blöcke z. B. 20 MB anstatt 1 MB groß sind. Auf der einen Seite könnte das Bitcoin-Netzwerk so wesentlich mehr Transaktionen bewältigen – und damit bereit für eine verbreitetere Nutzung werden – aber auf der anderen Seite erhöht sich der notwendige Speicherbedarf sowie die nötige Bandbreite für das Betreiben eines Nodes (eines Clienten, der die gesamte Blockchain speichert).

Sollte es also eine neue Version des Bitcoins geben, die größere Blöcke zulässt, kommt es zu einer sogenannten Hard Fork: es wird zwei Bitcoins geben. Der eine läuft durch ein Netzwerk von Clienten, die die alte Version haben und arbeitet weiter mit Blöcken von 1 MB. Die andere wird die “neuen” Clienten benutzen und größere Blöcke prozessieren. Die Kompatibilität zwischen den beiden geforkten Blockchains ist komplex, weshalb ein solches Szenario schwer vorauszuberechnen und riskant ist.

Wer entscheidet nun, welche Version des Bitcoins “leben” darf? Zum einen sind dies die Miner. Nur wenn diese die neue Version benutzen, werden die neuen, größeren Blöcke an die neue, größere Blockchain angehängt. Wenn kein einziger Miner die neue Version akzeptiert, wird diese auch nicht leben können. Sind sich die Miner allerdings uneins, wird es zwei Versionen geben. Welche sich davon durchsetzt, entscheidet dann jeder mit, der einen Clienten benutzt. Updaten oder nicht updaten wird dann die große Frage sein. Daher ist die Meinung der Szene so wichtig. Laut einer anderen, internationalen Umfrage, sind 80 Prozent der Nutzer für eine Erhöhung der Blöcke.

Kein Wahlrecht haben allerdings diejenigen die eine LightWallet wie Mycelium, Electrum oder MultiBit benutzen oder den Bitcoin gar nur zum Handeln auf Börsen versenden. Diese müssen die Entwickler von Wallets und Börsen für sich entscheiden lassen. Ohnehin wird der Wert – wenn man das so sagen kann – des jeweiligen Bitcoins stark davon abhängen, wieweit er von Bitcoin-Unternehmen akzeptiert wird.

Ich habe mich also in der deutschen Szene umgehört, wie die hiesigen Bitcoin-Unternehmer zur Blocksize-Debatte stehen.

Bitcoin.de

Bitcoin.de ist Deutschland älteste, größte und einzige Bitcoin-Handelsplattform und der größte Bitcoin-Marktplatz Europas. Oliver Flaskämper, Vorstand der hinter dem Marktplatz stehenden Bitcoin Deutschland AG, meint auf Anfrage zur Blocksize-Debatte:

Schwierige Frage: ich denke, dass wir uns der Mehrheit anschließen würden. Grundsätzlich bin ich für eine Anhebung der Blockgröße, da ich denke, dass Bitcoin sich langfristig nur durchsetzen kann, wenn eine kritische Masse von Transaktionen vom Netzwerk prozessiert werden können. Ich kann aber auch die Argumente der Kritiker nachvollziehen.

Bitcoins Berlin

Die im Jahr 2012 um Jan Goslicki gegründete Firma aus Berlin arbeitet unermüdlich daran, den Bitcoin zu einer konsumtauglichen Währung zu machen. Bitcoins Berlin hilft Händlern, Bitcoin als Zahlungsoption zu integrieren, fungiert als Startup-Inkubator und betreibt einige Bitcoin-Only-Shops wie den Bitcoin-Supermarket, Gold4BTC, Electro4BTC, All4BTC, Bitwala (um Rechnungen zu bezahlen) und Bitcoin-Camera (Erotik).

Jan Goslicki und Jörg von Minckwitz schreiben auf meine Anfrage:

Haben eine Meinung dazu, aber ganz spontan: Ja, größer ist besser 🙂 Ich bin aber kein Entwickler, um das zu beurteilen. Schritt für Schritt folgen Innovationen und Skalierbarkeit.

Bitbond

Und natürlich gibt es auch eine Meinung von Bitbond, der erst kürzlich hier vorgestellten Bitcoin-Lending-Plattform. Ihr Gründer, Radoslav Albrecht, antwortet mir auf meine Anfrage zur Blocksize-Debatte:

Aus meiner Sicht ist es notwendig und wichtig, die block size zu erhöhen. Das aktuelle Limit von 7 Transaktionen pro Sekunde würde nicht ausreichen, um aus Bitcoin ein weitverbreitetes Zahlungsnetzwerk zu machen.

Genesis Mining

Der laut eigenen Angaben weltgrößte Anbieter von Cloudmining, Genesis Mining, hat seinen Sitz zwar offiziell in Hongkong, wird aber von Deutschen betrieben, die auch oft in Deutschland sind. In einem Newsletter möchte Genesis Mining wissen, was die Kunden über die Blocksize-Debatte denken – und verrät, was die Firma von einer Blocksize-Erhöhung halten:

Wir von Genesis Mining wurden oft zu unserer Ansicht zu diesem Thema gefragt. Als Bitcoin-Enthusiasten teilen wir Satoshi Nakamotos eigentliche Vision von Bitcoin als ein globales Zahlungsnetzwerk. Daher glauben wir, dass es wichtig ist, die Blockgröße zu erhöhen. Wir unterstützen Gavin Andresens Vorschlag, Blöcke auf 20 MB zu vergrößern (oder einen dynamische Algorithmus zu nutzen, der die Blockgröße anpasst). Wir denken auch, dass ein wachsendes Bitcoin-Netzwerk im Interesse unserer Kunden ist, und dass viele Transaktionen letztendlich einen höheren Gebührenertrag erzeugen.

Dies sei jedoch ausdrücklich die private Ansicht von Genesis Mining. Die Firma werde die Ansicht der Kunden repräsentieren.

Somit trifft sich die Meinung der deutschen Bitcoin-Unternehmen mit der der deutschen Bitcoin-Szene: Die Blöcke sollen größer werden, wenn auch gerne graduell und mit Rücksicht auf die Bedenken der Etwickler. Lediglich Oliver Flaskämper von Bitcoin.de bleibt, bei einer grundsätzlich Befürwortung der größeren Blöcke, neutral und kann die Argumente der Bitcoin-Kritiker nachvollziehen. Am Ende werden die Unternehmen vermutlich keine andere Wahl haben, als das mitzutragen, was die Mehrheit gewählt hat.

P.S.: Danke an C.Otto für seine wertvollen Anmerkungen zur komplexen Entscheidungsfindung bei einer Hard Fork, die ich nachträglich in den (zuerst unvollständigen) Artikel eingebaut habe.

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8 Comments on Das meint die deutsche Bitcoin-Szene zur Blocksize-Debatte

  1. Carsten Otto // 10. June 2015 at 15:22 // Reply

    Jeder kann eine neue Version mit Veränderungen wie einer anderen maximalen Blockgröße erstellen, nicht nur die Kernentwickler. Wirklich umgesetzt wird die Änderung allerdings nur durch die Miner, die die jeweilige Version (meine? die der Kernentwickler? Bitcoin XT?) benutzen und damit entsprechende Blöcke finden. Natürlich ist die Wahl der richtigen Software bzw. des richtigen Protokolls nicht nur von den technischen Details abhängig, auch die Unterstützung der Wallets, Börsen, Händler, … muss gegeben sein – aber so wie es im Artikel steht, ist es falsch.

    • Danke für den Kommentar. Die Miner habe ich tatsächlich ein Stück zu wenig erwähnt. Und natürlich kann jeder eine neue Version bilden, ist ja open source, aber wirklich realistisch dürfte das nicht sein …

      • Carsten Otto // 10. June 2015 at 15:29 //

        Genau das passiert aber: Gavin Andresen, der wohl bekannteste Freund der größeren Blöcke, möchte die Änderung als Teil von Bitcoin XT, einem Fork von Bitcoin Core, veröffentlichen. Obwohl Gavin technisch dazu in der Lage wäre den Code von Bitcoin Core direkt zu verändern, hat er sich zu diesem Fork entschlossen und überlässt damit wohl den Benutzern (Minern!) die Wahl bzw. Entscheidung. Dadurch muss er sich auch nicht mit anderen Core-Entwicklern absprechen bzw. einigen.

  2. Carsten Otto // 10. June 2015 at 15:26 // Reply

    Die Kompatibilität von Hardfork-Varianten ist auch nicht komplex, sondern extrem simpel. Nach dem Hardfork – und damit meine ich den ersten gefundenen Block der zu groß für das aktuelle Protokoll ist – ignoriert die Software nach älterem Protokoll sämtliche Blöcke die auf einem einzigen zu großen Block basieren (und diesen selbst), weshalb sich parallel zwei Blockchains entwickeln. Komplex ist allerdings, welche Transaktionen man als bestätigt ansehen möchte, und wie sich die Preise (Plural!) der beiden Bitcoin-Varianten entwickeln.

    • Soweit ist es klar. Die alte Version wird also die Transaktionen von neuen Clienten ignorieren. Aber ist es zum Beispiel auch andersherum so? Und wenn nein, welche Folgen hätte dies?

      • Carsten Otto // 10. June 2015 at 15:39 //

        So einfach ist es leider nicht. Wenn ich eine Transaktion abschicke, taucht diese unter Umständen sowohl im nächsten Block der “großen” Blockchain als auch im nächsten Block der “kleinen” Blockchain auf, gefunden durch potentiell zwei verschiedene Miner auf unterschiedlichen Kontinenten. Es ist aber auch möglich, dass ich die Transaktion nur in EINER der beiden Blockchains bestätigt bekomme, und so unter Umständen meine Bitcoins laut der ANDEREN Blockchain noch habe – habe ich dann bezahlt oder nicht? Wer entscheidet das?

        Man muss hier mehrere Faktoren berücksichtigen. Wie entscheiden sich die Miner, die neue Blöcke finden und für Bestätigungen/Sicherheit sorgen? Wie verifiziert mein Gegenüber (bzw. ich selber), ob eine Transaktion gültig ist? Akzeptiert dell.com bald zwei Varianten von Bitcoins? Gibt es auf bitcoin.de dann zwei Preise und zwei verschiedene Clients/Protokoll-Umsetzungen im Hintergrund?

  3. Die Antworten von Hr. Otto zeigen eben genau, dass die Thematik NICHT trivial ist – für ihn vielleicht. Hr. Bergmann versteht es aus der Nerd-Filterbubble herauszuargumentieren – das macht dieses Blog IMHO einzigartig. Weiter so!

  4. Ob eine Umfrage in diesem Blog repraesentativ genug ist, um daraus abzuleiten, die deutsche Bitcoin-Wirtschaft sei sich einig, sei einmal dahingestellt…

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