Der Code von heute entscheidet über die Politik von Morgen

Gehen wir davon aus, dass Kryptowährungen das Geld der Zukunft sind. Welche politischen Errungenschaften werden sie mit sich bringen? Was wissen wir bereits – und was ist noch in der Schwebe? Solche Fragen sind schwierig zu beantworten, weil bei Kryptowährungen technische Details zu großen politischen Fragen werden.

Darüber, was der Sinn und Zweck von Bitcoin ist, wurde schon so viel diskutiert. Vermutlich sind solche Diskussionen müßig, weil die unsichtbare Hand der Märkte ganz von selbst ihre Entscheidung trifft. Dennoch ersuchen wir hier, die politischen Koordinaten von Bitcoin abzustecken.

Ich würde sagen, die meisten könnten sich darauf einigen, dass Bitcoin das perfekte Geld für den digitalen Raum sein soll. Das bestehende Geld – das Fiat-Geld – ist nicht fürs Internet gemacht. Es gelingt zwar, es mit Biegen und Brechen einzupassen, aber am Ende bleibt es ein Fremdkörper im Cyberspace bleibt. Wie eine Kutsche, an die man mehr Pferde anspannt, um schneller zu fahren, oder ein Taschenrechner, in den man mehr Tasten einbaut, um neue Funktionen zu erschließen.

Bitcoin dagegen ist digital. Die Kryptowährung lebt im Internet. Sie ist dort geboren. Wenn man mit dem Geld der Banken im Internet bezahlt, loggt man sich üblicherweise bei einer Bank ein und beauftragt sie, eine Überweisung durchzuführen. Wenn man mit Bitcoins bezahlt, ist es eher so, als würde man dem anderen eine Datei zusenden. Bei dem einen ist die Informatik nur ein Kommunikationskanal für etwas anderes. Beim anderen ist sie das Geld selbst.

Die politischen Koordinaten von Kryptowährungen

Natürlich ist der Fisch noch längst nicht an Land gezogen. Bitcoin – oder eine andere Kryptowährung – hat die Chance, Geld im digitalen Raum neu zu erfinden. Aber bisland hat sich das digitale Geld nicht durchgesetzt. Nicht als Zahlungsmittel, nicht als Recheneinheit, und nicht als Wertspeicher. Aber die Chance ist weiterhin stark. Es wirkt beinah surreal, sich vorzustellen, dass wir in Zukunft kein Geld benutzen, das als Bit und Byte auf den Computern aller Menschen lebt. Es wäre tragisch, diese Chance verstreichen zu lassen.

Es ist also weiterhin wahrscheinlich, dass wir uns in einer Zukunft wiederfinden, in der Bitcoin oder andere Kryptowährungen das dominante Zahlungsmittel der Menschheit sind. Wie diese Zukunft konkret ausschaut, ist derzeit noch ungewiss. Es gibt zu viele Parameter, so viele Stellschrauben, an denen man drehen kann, und wie es David Chaum schon in den 90er Jahren sagte: Der Code von heute kann darüber entscheiden, ob wir in Zukunft in einer Demokratie oder Diktatur leben.

Wird Bitcoin der Menschheit ein neues Niveau der Freiheit schenken? Wird es eine verheerende Anarchie einläuten? Wird es zum Instrument der Diktatoren und Kontrollstaaten? Ermächtigt Bitcoin den Bürger – oder macht es ihn machtlos? Wird Bitcoin ein Spielball der Märkte? Oder zur Basis einer neuen Wirtschaftsordnung?

So viele Fragen. Und jede davon entscheidet darüber, in welcher Zukunft wir leben. Die Schwierigkeit dabei ist, dass bei Bitcoin jedes technologische Detail politisch wird. Es gibt kaum ein Phänomen, bei dem Technik und Politik so eng verwoben ist. Wir versuchen hier, einige Parameter vorzustellen und aufzuzeigen, welche politischen Konsequenzen technische Details haben können.

Privatsphäre und Transparenz

Wie bei allen digitalen Dingen, ist Privatsphäre ein wichtiges Thema – das allerdings auch zweischneidig ist.

Wenn das digitale Geld der Zukunft seinen Nutzern zu wenig Privatsphäre bietet, droht eine finanzielle Massenüberwachung. Wer behauptet, ihm sei das egal, weil er doch eh nichts zu verbergen hat, hat die Diskussionen seit 2013 verpasst. Jede Information, die ein Staat über seine Bürger hat, ist ein Stück Macht, das im Zweifel droht, Bürgerrechte zu untergraben. Privatsphäre bedeutet, dass man selbst kontrolliert, wer welche Informationen über einen erhält. Eine Kryptowährung, die ihren Bürgern nicht diese Möglichkeit gibt, könnte gefährlich für diese sein und den Trend zur Massenüberwachungs beschleunigen.

Gleichzeitig ist Transparenz an sich auch ein Wert. Wenn eine Kryptowährung dem Bürger die Möglichkeit gibt, die finanziellen Transaktionen von Staaten, großen Unternehmen und sehr reichen Bürgern nachzuvollziehen, dürfte dies einen Wert für die Demokratie haben. Nicht umsonst steht Transparenz direkt neben der Privatsphäre in den Forderungen, wie eine digitale Zukunft der Partizipation und Demokratie zu gestalten ist. Darüber hinaus besteht ein gesellschaftlicher Konsens, dass das Staatswesen in der Lage sein muss, Individuen für ihre Handlungen zur Verantwortung zu ziehen, weshalb es größtenteils als positiv gilt, Krimineller über die Spur des Geldes verfolgen zu können.

Wo man die eigene Position in diesem Spektrum zwischen vollkommener Transparenz und vollkommener Anonymität verortet, bleibt jedem selbst überlassen. Manche legen mehr Wert auf eine hohe Privatsphäre, während andere auch einen gewissen Grad an Transparenz schätzen. Wichtig ist es hier, die technologischen Umstände zu verstehen.

Grundsätzlich stehen alle Transaktionen mit Kryptowährungen in einer öffentlichen Blockchain und sind von jedem nachvollziehbar. Sie sind aber keiner echten Identität zugeordnet, sondern pseudonymen Adressen, also langen Zeichenketten. Die Privatsphäre verhält sich gegenteilig wie beim Bankenwesen: Während bei einer Banküberweisung nur die Bank die Transaktion kennt, kennt sie bei einer Blockchain jeder; und während die Banküberweisung die Identität von Sender und Empfänger enthält, stehen in Bitcoin-Transaktionen nur Pseudonyme, die zunächst keine Verbindung zur echten Identität der Beteiligten haben.

Dabei gibt es aber erhebliche Unterschiede auf der Protokoll-Ebene von Kryptowährungen. So haben UTXO-basierte Systeme wie Bitcoin ganz andere Privacy-Eigenschaften als Account-basierte Systeme wie Ethereum oder das beinah vollständig anonyme Monero. Auch die Wahl der Wallets hat erhebliche Auswirkungen. Manche Wallets erhöhen die Privatsphäre, etwa durch Mixing-Verfahren, andere reduzieren sie, weil sei einem Server Daten wie das Guthaben oder die IP-Adresse mitteilen. Wallets nehmen dann eine ähnliche Rolle wie Banken ein: Sie kennen mehr Details als andere Parteien.

Inwieweit Privatsphäre erreichbar ist, hängt sowohl von der technischen Kompetenz des Users als auch den involvierten Beträgen ab. In der Regel sind kleinere Beträge relativ leicht zu privatisieren, während sehr hohe Beträge unmöglich zu verstecken sind. Kompetente User können Fehler vermeiden, die zuviel verraten, und Methoden anwenden, um ihre Privatsphäre zu verbessern.

Geldschöpfung und Inflation

Eine wesentliche politische Komponente von Kryptowährungen ist die Geldschöpfung. Sie entreissen diese den Banken und Zentralbanken und übergeben sie anderen Parteien. Wer diese Parteien sind, ist ebenso entscheidend wie der Modus der Geldschöpfung.

Alle Kryptowährungen haben gemein, dass die Geldschöpfung im Kern statisch ist. Sie wird vom Protokoll definiert und danach nicht mehr verändert. Dies unterscheidet sie von dem Zentralbank-Geld, das je nach wirtschaftlicher Lage geschaffen wird. Wer der Überzeugung ist, dass eine Zentralbank diese Flexibilität braucht, um Volkswirtschaften durch Krisen zu manöverieren, wird diesem Teil aller Kryptowährungen wenig Sympathie entgegenbringen. Für ihn dürfte ein Stablecoin, der eine Fiat-Währung als Token auf einer Blockchain abbildet, mehr Sinn ergeben. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Unter Kryptowährungen gibt es mehrere Modi der Geldschöpfung. Wirtschaftspolitisch wichtig ist die Rate der Geldschöpfung. Eine knappe, abnehmende und letzten Endes versickernde Rate wie bei Bitcoin führt ein hartes, langfristig sogar deflationäres Geld ein – und damit eine monetäre Grundlage, die entweder sehr alt oder vollkommen neu ist. Dies könnte im schlechtesten Fall zurück in ein eher feudalistischere Gesellschaftsmodell führen, und im besten Fall eine wahrhaft nachhaltige Ökonomie schaffen. Näher am Modell der Zentralbanken sind Kryptowährungen mit einer kontinuierlichen, aber niedrigen Rate, etwa ein Prozent. So wie Zentralbanken eine Inflation von knapp zwei Prozent als Stabilität definieren, setzten Protokoll-Entwickler bei der Schöpfung der Währung eine bestimmte Rate der Inflation als perfekt fest.

Ein drittes Modell ist ein wenig flexibler. Kryptowährungen wie Stellar, Ripple oder IOTA haben am Anfang sämtliche Einheiten der Kryptowährung erschaffen. Eine zentrale Entität – meist einer Stiftung – verteilt diese Einheiten dann im Lauf der Zeit. Dabei kann sie wie eine Zentralbank die Geldmenge an die Wirtschaftsleistung anpassen. Allerdings entsteht dabei eine ungemein mächtige, zentrale Partei, und schon jetzt ist sichtbar, dass die Ausschüttung der Coins etwa durch Airdrops massiv missbraucht wird.

Bei den meisten Kryptowährungen entstehen Geldeinheiten im Lauf der Zeit. Die Weise, wie dies geschieht, ist politisch ebenfalls bedeutsam. Bei Proof-of-Work-Währungen sind dies die Miner. Diese investieren Hardware, etwa Grafikkarten oder Asic-Miner, um durch diese neue Coins zu erzeugen. Bei Proof-of-Stake-Währungen dagegen hinterlegen die „Staker“ Coins in ihren Wallets, um dadurch neue Coins zu erschaffen. Technisch erfüllen beide Methoden denselben Zweck – sie erzeugen eine Art von Knappheit der Bedingungen – doch politisch gibt es große Unterschiede.

Denn ein Miner ist wie ein Produzent: Er investiert seine Einkünfte in Produktionsmittel, um weitere Einkünfte zu erwirtschaften. Ein Staker dagegen ist wie ein Rentier: Er legt seine Einkünfte auf eine Art Bankkonto, um sie zu vermehren. Das System der Miner ist sehr viel dynamischer; es neigt eher zu Disruptionen. Ein Miner, der den idealen Standort findet, kann mehr verdienen als ein anderer Miner; ein Miner, der weniger Leistung bringt, weil er seine Anlagen nicht wartet, verliert. Staker dagegen sind viel statischer. Wer einmal Coins hinterlegt hat, kann sich einfach nur zurücklehnen und auf Zinsen warten.

Autonomie, Abhängigkeit und Userfreundlichkeit

Die Autonomie der User meint ihre Selbständigkeit. Inwieweit ermächtigen Kryptowährungen sie, ohne die Hilfe einer dritten Partei Geld zu verwenden? So wichtig wie die technischen Grundlagen ist hierbei die Userfreundlichkeit. Eine Kryptowährung, die nicht so userfreundlich ist, dass 99 Prozent der Bevölkerung sie benutzen können, wird in der Praxis niemals 99 Prozent der Bevölkerung Autonomie verleihen, selbst wenn es theoretisch möglich wäre.

Was dabei Autonomie bedeutet, ist nicht ganz einfach zu sagen. Vollständige Autonomie ist eine Illusion. Man braucht einen Internet-Anbieter, um Transaktionen zu versenden, eine Börse, um Coins zu wechseln, und so weiter. Ein essenzieller Teil der Autonomie ist aber der Besitz der privaten Schlüssel, durch die man seine Krypto-Münzen ausgeben kann. Nur wer diese exklusiv besitzt, ist der wirkliche Besitzer der Coins. Die allermeisten Wallets aller Währungen erlauben es, die Schlüssel selbst zu verwalten, auch wenn es natürlich auch Wallets gibt, die diese Aufgabe an einen Server delegieren. Aber im Kern ist es eine essenzielle Eigenschaft aller Kryptowährungen, dass User ihre Schlüssel selbst verwalten können.

Diese Autonomie gehört zu ihren Basis-Leistungen, und dies macht es unmöglich, Kryptowährungen aus der Distanz heraus zu konfiszieren. Eine elektronische Massenenteignung von Kryptowährungen ist, anders als bei Bankengeld, nicht möglich.

Aber wie können die User mit dem Netzwerk interagieren? Die autonomste Form davon ist der Full Node: Ein User ist ein vollwertiger Peer im Netzwerk. Dies ermächtigt ihn, ohne die Hilfe einer dritten Parteie Transaktionen abzusenden und Geld zu empfangen. Diese Art von Autonomie – keine Hilfe zu benötigen, um Transaktionen zu versenden – könnte man auch als Zensurresistenz bezeichnen: Niemand kann einen daran hindern, jemandem Geld zu schicken.

Allerdings ist ein solcher Full Node „schwer“. Er muss bei Bitcoin etwa einen Tag lang synchronisieren – bei Ethereum noch viel länger -, braucht viel Festplattenspeicher, und wenn man ihn mal abschaltet, braucht er beim Neustart einige Zeit, um zu laden. Auch wenn es mittlerweile Full Nodes „aus der Box“ gibt, wie Casa, Nodl oder RaspiBlitz, die man einfach in den Router einsteckt, dürfte die Userfreundlichkeit für 99 Prozent der Bevölkerung zu gering sein. Ein Netzwerk, dass wie Bitcon die Skalierbarkeit gering hält, um die Voraussetzungen für einen Full Node gering zu halten, bezahlt dafür einen Preis durch geringe Kapazitäten und hohe Gebühren. Es schließt große Teile der Bevölkerung aus.

Die meisten User verwenden Wallets, die nicht direkt ein Peer im Netzwerk sind. Die autonomste Form davon sind sogenannte „SPV“-Wallets. Diese kommunizieren direkt mit den Full Nodes, was sie beinah ebenso autonom wie diese macht. Allerdings sind solche Wallets eher die Ausnahme. Die meisten interagieren mit einem Server, beispielsweise die beliebten Hardware-Wallets oder die meisten Multicoin-Wallets, oder, wie Electrum, mit einem Netzwerk von Servern. In diesem Fall sind die User von einer dritten Partei abhängig, um Transaktionen abzusenden. Allerdings wäre der Ausfall der dritten Partei verschmerzbar. Denn die meisten Wallets erlauben den Export und Import der privaten Schlüssel durch einen Seed.  Wenn ein Server ausfällt, kann man die Coins mit einer anderen Wallet versenden.

Solange es gegeben ist, dass der User seine privaten Schlüssel hält, ist die Autonomie bei Kryptowährung also durchgehend auf einem hohen Niveau.

Die Gleise sind gelegt, aber noch nicht die Route

Wir haben drei Eigenschaften von Kryptowährungen identifiziert, bei denen Technologie und Politik Hand in Hand gehen: Privatsphäre, Geldschöpfung und Autonomie. Es ist offensichtlich, dass Kryptowährungen in allen drei Bereichen das Potenzial haben, die Welt des Geldes zugunsten der Bürger zu verbessern. Allerdings sind die Details noch längst nicht fixiert. Wie sie fixiert werden, wird einen maßgeblichen Einfluss auf die politischen Koordinaten des Geldes der Zukunft haben.

Über Christoph Bergmann (1900 Beiträge)
Das Bitcoinblog wird von Bitcoin.de gesponsort, ist inhaltlich aber unabhängig und gibt die Meinung des Redakteurs Christoph Bergmann wieder. Christoph hat vor kurzem ein Buch geschrieben: Bitcoin: Die verrückte Geschichte vom Aufstieg eines neuen Geldes. Das Buch stellt Bitcoin in seiner ganzen Pracht dar. Ihr könnt es direkt auf der Webseite Bitcoin-Buch.org bestellen - natürlich auch mit Bitcoin - oder auch per Amazon. Natürlich freuen wir uns auch über Spenden in Bitcoin, Bitcoin Cash oder Bitcoin SV an die folgende Adresse: 1BergmanNpFqZwALMRe8GHJqGhtEFD3xMw. Wer will, kann uns auch Hier mit Lightning spenden. Tipps für Stories sind an christoph.bergmann@mailbox.org immer erwünscht. Wer dies privat machen möchte, sollte meinen PGP-Schlüssel verwenden.

Ein Kommentar zu Der Code von heute entscheidet über die Politik von Morgen

  1. >“Ein Staker dagegen ist wie ein Rentier …“
    Du meinst sicher ein Privatier 🙂

    >“Kryptowährungen wie Stellar, Ripple oder IOTA haben am Anfang sämtliche Einheiten der Kryptowährung erschaffen“

    Streng genommen, sind bei Bitcoin auch alle 21 Mio Einheiten schon am Anfang geschaffen, nur ihre Zuteilung erfolgt (nicht zentral) mit der Zeit an die, die am härtesten arbeiten.

    Ansonsten schöner Artikel. Weiter so.

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