Blockchain-Analyse-Firma Chainalysis wird zum Einhorn

Das Einhorn ist das Wappentier Schottlands und daher im Vereinigten Königreich relativ oft zu finden. Wie hier am Hampton Court Palace in London. Bild von Lemon~art via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Mit einer neuen Investmentrunde von 100 Millionen Dollar erreicht die Analysefirma Chainalysis eine Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar und wird damit zum „Einhorn-Startup“. Dass der Markt für Blockhain-Analysen das hergibt, ist ebenso überraschend wie aufschlussreich.

Ein Startup gilt dann als Einhorn, wenn es ihm gelingt, in einer Investmentrunde auf eine Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar zu kommen. Eine solche Einschätzung drückt das Vertrauen von Investoren aus, dass es dem Startup gelingen wird, sich eine Spitzenposition in einem lukrativen neuen Markt zu sichern. Sie sagt also ebenso viel über den Markt als das Startup aus.

Daher dürfte es eine gewisse Bedeutung haben, wenn Chainalysis bekannt gibt, mit der dritten Finanzierungsrunde 100 Millionen Dollar eingeholt und damit eine Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar erreicht zu haben. Chainalysis in einer sehr exklusiven Gesellschaft im Kryptoraum angekommen.

Bisher haben es vor allem Börsen in den Einhorn-Club geschafft. Einigen Anbietern von Mining-Anlagen ist dies auch schon gelungen. Aber ansonsten sind Einhörner im Kryptoraum ziemlich rar. Unter den Wallets dürfte Ledger mit einem 75-Millionen-Dollar-Investment dem am nächsten kommen, während die Kurs-Webseite coinmarketcap mit einem Wert von 500 Millionen Dollar immerhin ein knappes Einhorn schaffte. Aber ansonsten? Vielleicht würden einige Darknetmarkets, Ransomware-Gangs oder Hacker von Börsen und DeFis diesen Status erreichen – wenn sie denn dürften.

Chainalysis hat es also in einen ziemlich exklusiven Club geschafft, der bisher vor allem von Börsen und wenigen Asic-Herstellern bevölkert wird. Mit welchem Geschäftsmodell gelang dies dem Unternehmen?

Chainalysis analysiert Transaktionen von mehr als 100 „digitalen Assets“ wie Bitcoin und Ethereum, um darin illegale Überweisungen aufzuspüren. Die Kunden von Chainalysis sind vor allem Börsen, die die Software brauchen, um die Anforderungen der Regulierer zu erfüllen, sowie Staatsorgane, die den Spuren des Geldes folgen, um Kriminelle zu überführen. Gerade mit der US-Regierung arbeitet Chainalysis immer direkter zusammen, beispielsweise um große Mengen an Bitcoins zu beschlagnahmen und zu verkaufen.

Lee Fixel, der Gründer des in Chainalysis investierten Fonds Addition, nennt das Unternehmen „die finanzielle Regulierungsplattform für die Zukunft digitaler Assets“. Michael Gronager, Gründer von Chainalysis, erklärt, dass man die Daten und Werkzeuge bereitstelle, die es Regierungen und dem privaten Sektor erlauben, an der Kryptowährungs-Ökonomie teilzuhaben.

Tatsächlich dürfte die Luft für viele private Unternehmen ohne die Hilfe von Firmen wie Chainalysis eng werden. Die Regulierung verlangt von den Börsen eine immer feinmaschigere Analyse von Daten und Blockchains, was zum Teil auch im Eigeninteresse der Handelsplattformen liegt, da diese ungern Betrüger und Kriminelle als Kunden haben – das macht nur Ärger – oder gar unfreiwillig zum Distributor von schmutzigen Coins mit kriminellen Spuren werden – das macht ebenso viel Ärger. Chainalysis und andere Analysten helfen den Unternehmen tatsächlich, eine „weiße“ Krypto-Wirtschaft zu etablieren.

Dafür jedoch müssen die Unternehmen eine Abgabe an Chainalysis bezahlen, ähnlich, wie sie eine Abgabe an Anwälte bezahlen müssen, um eine Lizenz bei der Aufsicht zu bekommen, oder an einen Steuerberater, um Ärger mit dem Finanzamt zu vermeiden. Chainalysis wird damit also zu einer Art Kerninfrastruktur von Krypto-Unternehmen, ähnlich Anwälten oder Servern, nur dass der Markt der Blockchain-Analysten sehr viel kleiner und zentralisierter ist als der von Rechtsberatung und Computerleistung. Man könnte ihn eher mit dem Markt für Suchmaschinenwerbung vergleichen. Sollte das Unternehmen seine starke Stellung behalten, hat es gute Chancen, langfristig einen gewissen Prozentsatz der von Börsen gemachten Umsätze zu vereinnahmen.

Chainalysis gelang es, mit dem passenden Namen, einem starken Branding und offenem Marketing zur bekanntesten Analysefirma zu werden. Das Unternehmen gibt sich dabei grundsätzlich „pro-krypto“: Es versteht sich als Ermöglicher, da ohne seine Hilfe die Regulierung droht, einem Verbot gleichzukommen (oder von jeder Börse eine eigene Analyse-Abteilung verlangt) – während es gleichzeitig Regierungen hilft, mit Krypto umzugehen (und damit ein Verbot abzuwenden).

Dementsprechend hebt Chainalysis auch immer wieder hervor, dass der Anteil krimineller Transaktionen relativ gering ist (wobei Chainalysis eher optimistisch rechnet), präsentiert, wofür Kryptowährungen rund um die Erde, ob in Asien, Afrika oder Osteuropa, genutzt werden, oder rechnet vor, wie viele Bitcoins für immer verschwunden sind. Analysen helfen nicht nur, Kriminelle zu überführen, sondern sollen auch den allgemeinen Markt beleuchten und die notwendige Transparenz schaffen.

In der Bitcoin-Szene findet Chainalysis damit natürlich nicht allzu viel Verständnis. Die meisten in der Community betrachten das Unternehmen als Verräter an der Idee, für die Bitcoin steht – finanzielle Privatsphäre. Für sie ist Chainalysis eher ein Parasit, der den Ethos einer großen Idee beschädigt und versucht, diese an Regierungen zu verschachern. Dem Unternehmen selbst dürfte das aber vermutlich egal sein. Es hat seinen Markt gefunden.

Über Christoph Bergmann (2003 Beiträge)
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