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Wenn der Auftraggeber eine DAO ist

Eine Kölner Softwareagentur hat sich einen besonderen Kunden geangelt: Die Maker DAO, jene dezentrale Organisation, die die DAI-Dollar herausgibt. Wir haben nachgefragt, wie es so ist, für eine Organisation zu arbeiten, die es juristisch gar nicht wirklich gibt.

Eigentlich ist Sidestream ganz normal. Eine „traditionelle Software-Agentur“, sagt Co-Gründer Daniel Kremerov, in der etwa 20 Mitarbeiter normale, traditionelle Auftragsarbeiten erledigen. Wie man es in der Software-Branche eben so macht.

Mit Krypto, diesem ganzen umfangreichen Themenkomplex, beschäftigten sich der Geschäftsführer und seine Mitarbeiter, etwa Max Hoffmann, nur privat. Doch die Frage, wie man Hobby und Beruf verbinden und dabei nicht wenig Geld verdienen kann, lag schon länger auf dem Tisch. „Ich fand besonders DeFi, die dezentralen Finanzen, interessant,“ erzählt Daniel, „also haben wir uns in den Forum darum herum umgehört, wie wir etwas dazu beitragen können.“

Sidestream-Mitgründer Daniel Kremerov

Dabei stießen sie auf die Maker-DAO. Das ist jene Dezentrale Autonome Organisation, die die DAI-Dollar herausgibt, den ersten dezentralen Stablecoin und die Mutter aller DeFi-Apps. Aber genau genommen war die Maker-DAO damals noch gar nicht so dezentral, wie viele denken.

„Bisher gab es bei Maker eine ziemlich zentralisierte Foundation. Die User und ihre Anreize sind zwar dezentral, doch viele Aufgaben liefen über die Foundation,“ erzählt Max. „Als wir uns erkundigt haben, waren die gerade dabei, das Schema aufzubohren und die Foundation ebenfalls in eine DAO überzuführen. Da sahen wir eine Chance für uns.“

Im Juli 2021 verkündete Maker-Mitgründer Rune Christensen, dass die MakerDAO nun „vollständig dezentral sei.“ Die Maker Foundation, der er vorsteht, habe damit ihren Zweck erfüllt und werde in den kommenden Monaten formal aufgelöst werden.

Die Foundation habe eine wichtige Rolle dabei gespielt, ein aufregendes Projekt großzuziehen und das Maker-Protokoll fortzuentwickeln. Doch es sei von Anfang an klargewesen, dass sie nur temporär existieren sollte, als Mittel zum Zweck: als Brücke zu einer „selbst-regierten, selbst-operativen DAO.“ Und diese entsteht derzeit.

Zentral dafür sind die sogenannten „Core Units“ – Untereinheiten der DAO. Diese werden von den Besitzern der Maker-Token durch eine Wahl beauftragt, bestimmte Aufgaben mit einem bestimmten Budget zu erfüllen. So gibt es etwa Core Units für Komunikation, Wachstum, Entwicklung, User-Experience, Risikoabschätzung, Stragie, Layer-2 und so weiter.

„Im Forum stießen wir auf ein Inkubations-Programm für neue Core Units: ein strukturiertes Programm, das traditionellen Firmen und anderen Interessierten dabei hilft, einen Beitrag zu leisten und Teil der DAO zu werden,“ erklärt Max. „Das klang extrem interessant für uns.“

Sidestream bewarb sich und wurde angenommen. „Unser Thema ist relativ komplex,“ beginnt Daniel zu erklären. „Ein Aspekt der Maker DAO ist, dass sich User einen Stablecoin leihen und dafür Ether als Kollateral einfrieren. Wenn der Preis von Ether nun unter einen entsprechenden Wert fällt, muss das Kollateral liquidiert werden. Dann gibt es eine Auktion.“ Die ganze Software darum herum wurde bisher von Freiwilligen aus der Community entwickelt und gepflegt. Die Kölner Softwarenetwickler sollen das in Zukunft professionell machen. Im Vergleich zu den anderen Projekten, die für die Kölner Entwickler anstehen, sei dieses besonders anspruchsvoll und herausfordernd.

Noch komplexer ist jedoch das Drumherum: Die Bürokratie und Organisation des Auftrages. Wie kann man Auftragnehmer einer DAO sein? An wen schreibt man eine Rechnung? Muss man eine Umsatzsteuer abführen oder nicht? Wer kann klagen, wenn man es versäumt, einen Auftrag rechtzeitig zu erfüllen? Wer wird juristischer Besitzer der durch den Auftrag generierten intellektuellen Werte? Wie wird die offizielle Eingliederung in die DAO später vor sich gehen? Und so weiter. Eben all die Fragen, die in normalen, traditionellen Geschäftsbeziehungen ein Vertrag mit einer juristischen Person mit einer echten Adresse regelt.

„Derzeit läuft unsere Beauftragung nicht über einen Smart Contract oder eine DAO,“ berichtet Daniel, „stattdessen gibt es eine Core Unit, die den Auftrag hat, Externe einzugliedern. Sie hat ein Budget, ihre Mitglieder stimmen darüber ab, welche anderen Teams in Frage kommen. Diese Abstimmungen sowie die ganze Kommunikation um sie herum laufen offchain ab. Teilweise öffentlich in Foren, teilweise privat durch Nachrichten, Mails, Chats oder Telefonate.“

Mitarbeiter Max Hoffmann

Damit wäre auch die Frage beantwortet, wie Sidestream eine Rechnung an die DAO schreibt und wie es um die juristischen Umstände bestellt ist. Sidestream ist nicht von der DAO beauftragt, sondern von der Core Unit. „Die Core Unit bekommt durch das Protokoll der Maker-DAO ein bestimmtes Budget in Token ausgezahlt. Die wechseln sie dann um und bezahlen uns, ganz traditionell, in Euro.“

Aber bald soll das anders werden. Im November läuft das Inkubations-Programm aus. Sidestream hat danach ein Maker Improvement Proposal eingereicht, um eine eigene Core Uni zu werden. Wenn die Mitglieder der Maker DAO zustimmen, wird Sidestream ab Dezember nicht mehr von der Core Uni beauftragt werden, sondern von dem Smart Contract selbst. Also von der Maker DAO.

Die Kölner Softwareentwickler werden dann durch das Protokoll bezahlt. Also tatsächlich durch eine DAO, vermutlich als erstes deutsches Unternehmen überhaupt. Auch da ist der normale Weg eine Banküberweisung. Es wäre zwar möglich, in Maker-Token oder DAI-Dollar bezahlt zu werden, doch es gibt eine Core Unit der DAO, die für den Zahlungsverkehr zuständig ist. Diese bekommt eine gewisse Anzahl an Token im Monat und wechselt diese beispielsweise in Euro, um Zuarbeiter wie Sidestream zu bezahlen.

Darüber hinaus bekommen die Core Units alle sechs Monate Maker-Token als Bonus, so wie eine Aktienoption. Dadurch werden sie, je länger sie dabei sind, ein desto wichtigeres Mitglied der DAO und können nach und nach auch mitbestimmen.

Während die Zahlung weiterhin optional offchain geschieht, wird die Beauftragung zwingend onchain sein. Zunächst werden Vorschläge und die Leistung der Einheit in öffentlichen Foren diskutiert. Dann stimmen die Halter der Maker-Token darüber ab, und zwar onchain, mit ihren Token. Diese Wahl entscheidet, ob Sidestream nach Ablauf von etwa sechs Monaten weiter engagiert wird.

„Ich denke, das wird ordentlich kompliziert werden,“ meint Daniel, nicht ohne Vorfreude, „derzeit ist es einfach, so, wie wir es gewohnt sind. Aber in Zukunft … wir werden eine Wallet für die Core Unit brauchen und bekommen Token als Anreize. Dazu arbeiten wir mit anderen Leuten zusammen, die einen normalen Vertrag wollen, womöglich, und auch normales Geld. Da die Brücke zu schlagen wird eine ordentliche Herausforderung.“

Es werde nicht einfach, aber „auch eine einmalige Chance für uns.“ Denn einer muss ja anfangen, neue Wege zu gehen, und vielleicht wird der Weg zu einem Auftragsverhältnis führen, wie es in Zukunft viel normaler sein kann, als man sich heute vorzustellen vermag.

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2 Kommentare zu Wenn der Auftraggeber eine DAO ist

  1. Sehr interessanter Beitrag. Ich spiele auch mit dem Gedanken, Software für DAOs mitzuentwickeln. Spannend, dass schon ganze Studios diesen Schritt wagen!

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