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Wie Tether und andere Stabelcoins begannen, Geldschöpfung zu betreiben

Bild von Christiaan Colen via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Tether und andere Stablecoins drucken effektiv Dollar. In gewisser Weise ist es unvermeidbar, dass Stablecoin-Herausgeber die Dollar-Geldmenge erhöhen und zu Schattenzentralbanken werden. Die echten Zentralbanken werden das kaum dulden.

Um ehrlich zu sein, habe ich was den Stablecoin Tether (USDT) angeht bei zwei Dingen keine Zweifel: Erstens bin ich überzeugt, dass Tether liquide bleibt, und zweitens, dass die USA Tether jagen und erlegen wird.

Warum?

Der Grund ist einfach: Tether beging den Tabubruch, den kein Stablecoin-Herausgeber begehen sollte. Die Firma begann, Dollar zu drucken. Damit macht das Unternehmen, dessen Sitz im Nirgendwo des Webs liegt, der Federal Reserve der USA Konkurrenz. Es erdreistet sich ungefragt, neue Dollar in die Welt zu bringen, und das auf eine weitgehend unregulierte, wilde Weise.

Tether und andere Stablecoins dezentralisieren Zentralbanken. Das liegt nicht unbedingt daran, dass die Firma Tether besonders perfide oder dreist ist. Denn dasselbe Schicksal droht jedem Herausgeber von Stablecoins. Es liegt im Kern ihres Geschäftsmodells.

Aufschlussreich hierzu ist das Protokoll des Gerichtsverfahrens um Tether am New Yorker Bezirksgericht. Dabei ging es eigentlich um etwas ganz anderes, doch die Ermittlungen und Zeugenaussagen brachten das Folgende zu Tage: Tether hat teilweise Dollar-Token geprägt, die nicht durch Dollar oder Dollar-ähnliche Assets gedeckt waren, was, wie das Gericht richtig feststellt, Betrug bis absichtliche Kundentäuschung war. Aber darum geht es gar nicht so sehr.

Wichtiger ist der folgende Vorgang, und zwar vor allem deswegen, weil er so unscheinbar wirkt: Tether hat auch Dollar-Token auf den Markt gebracht, weil die Firma annahm, in Zukunft eine Zahlung zu erhalten, die diese Token deckt. Tether hat damit USDT auf Kredit erzeugt bzw. auf Basis einer Verbindlichkeit. Und mit genau diesem Schritt begann Tether, zum Dollar-Schöpfer zu werden.

Wenn ein Unternehmen versehentlich Dollar schöpft

Dazu muss man sich erinnern, wie Banken Geld erschaffen: Ein Kunde legt einen Business-Plan vor und präsentiert eine Sicherheit, etwa eine Immobilie. Die Bank gibt ihm dann ein Darlehen und schreibt den Betrag seinem Konto gut. Den Betrag hatte die Bank vorher nicht. Sie hat lediglich eine Eigenkapitalreserve in Zentralbank-Geld. Indem sie nun ein Darlehen vergibt, das an sich nicht durch Zentralbankgeld gedeckt ist, erzeugt sie Giralgeld. Die Euro, die die Bank Ihnen leiht, haben zuvor nicht existiert.

Tether hat nun an sich dasselbe gemacht. Im Normalbetrieb friert die Firma Dollar auf einem Bankkonto ein und repräsentiert sie durch Dollar-Token. Solange dies alles vermerkt ist, bleibt die „aktive Geldmenge“ dieselbe: Die Token entsprechen den Dollar auf dem Bankkonto.

Doch was passiert, wenn Tether Token erzeugt, bevor eine Zahlung eingeht? Und seien es nur ein paar Minuten vorher?

In dem Fall erzeugt Tether keine Token, sondern schöpft Dollar. Die aktive Dollar-Geldmenge steigt. Sie normalisiert sich zwar wieder, wenn die antizipierte Zahlung auf dem Bankkonto eingeht und dort eingefroren wird. Aber für einen kurzen Moment wurde sie erhöht.

Diese Art der Geldschöpfung ist unvermeidbar, wenn ein Stablecoin Token auf Kredit herausgibt. Letzten Endes passiert exakt das bei den DAI-Dollar: Diese Dollar werden von der Maker-DAO als durch Ether und andere Assets besichertes Darlehen herausgegeben. Irgendwann zahlt der Darlehensnehmer sie zurück, wodurch sich die Geldmenge wieder normalisiert. Bis dahin aber erhöhen die DAI-Dollar die Geldmenge des Dollars effektiv.

Im Grunde erzeugt JEDER dezentrale Stablecoin Dollar. Sie sind fundamental anders als zentralisierte Herausgeber wie Tether (USDT) oder Center (USDC). Diese werden nur versehentlich zur Zentralbanken. Dezentrale Autonome Organisation (DAOs), die wie Maker einen Stablecoin herausgeben, sind jedoch mit jeder Ader ihres Designs eine Zentralbank.

Genau wie eine Bank …

Bei Tether geht es aber womöglich noch weiter. Denn Tether deckt die USDT auch durch sogenannte Commercial Papers. Das sind eine Art Unternehmensanleihen, die geringe Zinsen abwerfen. Das Geschäftsmodell ist an sich genial: Tether verwahrt Dollar und verdient an den Zinsen. Manche haben Tether bereits als einen „Hedge-Fond mit Stablecoin“ beschrieben. Auch das ist ein brillantes Geschäftsmodell. Man fragt sich, warum nicht jeder Hedgefond seinen eigenen Stablecoin herausgibt.

Solange Tether Dollar durch eine Banküberweisung erhält, dafür Tether-Dollar schöpft, und dann die Bank-Dollar gegen Commercial Papers tauscht, ist die Welt in Ordnung. Die Geldmenge bleibt an sich dieselbe.

Doch was, wenn Tether die Token im Tausch nicht gegen Dollar sondern gegen Commercial Papers schöpft, welche eine Firma eigens für diesen Zweck geschaffen hat?

In dem Fall bildet Tether keine echten Dollar auf der Blockchain ab – sondern schöpft neue. Im Prinzip könnte Tether Commercial Papers von Dutzenden Börsen im Bitcoin-Ökosystem angenommen haben, um das Ökosystem mit neu entstandenden Dollar zu fluten. Es gibt – unbestätigte – Hinweise darauf, dass Tether rund eine halbe Milliarde Dollar in die Tradigplattform FTX „investiert“ hat – und „investieren“ könnte in diesem Zusammenhang bedeuten, dass Tether schlicht Token geschöpft hat um diese unter bestimmten Konditionen an FTX zu leihen.

Tether macht, sofern dies wahr ist, EXAKT dasselbe wie eine Bank, wenn diese Geld schöpft.

Der Geist ist bereits aus der Flasche

Diese Art von Geldschöpfung durch Stablecoin-Herausgeber ist nahezu unvermeidbar. Sie ist ein Produkt davon, dass ein Stablecoin-Herausgeber unternehmerisch kreativ Geld verdient. Und das bedeutet nicht (zwingnd), dass kriminelle Energien im Spiel sind.

Die Geldschöpfung der Stablecoins kann, vielleicht, durch eine extrem strenge Regulierung und Überwachung verhindert werden. Die Aufsicht muss penibel dafür sorgen, dass ein Stablecoin zu allen Zeiten vollständig durch Dollar auf dem Bankkonto gedeckt ist. Es darf keine Sekunde geben, in welchem diese Grundregel verletzt wird.

Diese Deckung durch „echte Dollar“ hat auf die Liquidität des Stablecoins keinerlei Einfluss. Sie hat keinen Einfluss darauf, dass der Stablecoin-Herausgeber in der Lage bleibt, den Stablecoin gegen Dollar zu tauschen. Solange das Fiat-Geldsystem mit einer Mindesreserve von etwa einem Prozent funktioniert, ohne dass es zum Bankrun kommt, gibt es keinen Grund, davon auszugehen, dass ein Stablecoin mit einer nicht-vollständigen Deckung einem solche zum Opfer fällt. Warum sollte das, was im Fiat-System funktioniert, nicht auch mit Token funktionieren?

Die Deckung durch Dollar auf dem Bankkonto hat nichts mit Verbraucherschutz zu tun. Sie schützt die Zentralbank. Sie schützt den Dollar davor, dass freie Unternehmen im Nirgendwo des Netzes Geld schöpfen.

Dieser Geist ist jedoch bereits seiner Flasche entwichen. Tether, Maker und vermutlich noch andere Provider haben effektiv begonnen, Dollar zu drucken und die Geldmenge des Dollars aufzublasen. Sie agieren wie Zentralbanken.

Noch dürfte die Dollar-Inflation davon so gut wie nicht betroffen sein. Vielleicht, geringfügig, in den Kryptomärkten, die durch die von Schattenzentralbanken geschaffenen Dollar ähnlich aufgepeppelt werden wie die Aktienmärkte durch das Geld, mit dem die Zentralbanken die Märkte fluten.

Es handelt sich, wie gesagt, um den weitgehend gleichen Vorgang. Mit dem Unterschied, dass Gelddrucken auf einer Blockchain viel effizienter ist. Wenn sie niemand aufhält, werden die Stablecoin-Herausgeber dafür sorgen, dass es zu jener Inflation des Dollars kommt, vor dem die Kryptoszene so gerne warnt. Gar nicht mal aus perfider Absicht, sondern eher aus Nachlässigkeit.

Und das, bin ich mir sicher, werden die echten Zentralbanken niemals dulden. Nicht sicher bin ich mir dagegen, dass sie die Macht haben werden, den bereits angestoßenen Prozess noch aufzuhalten.

Über Christoph Bergmann (2148 Artikel)
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3 Kommentare zu Wie Tether und andere Stabelcoins begannen, Geldschöpfung zu betreiben

  1. Ja interessant. Ich lese aus Kommentaren der SEC, Fed oder Finanzministerium dasselbe heraus.
    Schade, dass du nicht auf die Frage eingegangen bist, was mit unseren usdt passiert, sollten Sie verboten sein/werden.

  2. Ich kann die Argumentation nicht nachvollziehen. Nur weil ein Produkt generiert wird, was man später gegen dollar eintauschen kann erhöht sich nicht die Menge an Dollars.

  3. Sie könnten versuchen Tether zu zerschlagen und die Konten, auf denen die Gegenwert Dollar liegen zu beschlagnahmen. Im besten Fall passiert garnichts, im worst case löst es einen Bankrun auf USDT aus und die Token gehen auf den Wert 0. Gegen die DAO Stablecoins können sie gar nichts machen, die basieren ja rein auf Krypto.

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