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Wo Mining Ende 2021 stattfindet – und wo nicht

Statue von Sergei Mironowitsch Kirow in Irkutsk, der Hauptstadt der russischen Provinz Irkutsk. Bild von Sergio Tittarini via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Einige Monate nach dem finalen Mining-Verbot in China kristalliert sich die neue globale Mining-Landschaft heraus. Sie ist dezentraler und nachhaltiger und reicht von Sibirien und Zentralasien bis nach Nord- und Südamerika. Europa spielt kaum eine Rolle – und geht es nach einigen Regierungsvertretern, ist noch das zu viel.

Es ist schön, ein Bitcoin-Miner zu sein, schön und vor allem lukrativ. Doch einfach ist das Leben der Miner derzeit nicht. Zuerst haben sich die Miner in China niedergelassen, wo sie, nahe von Staudämmen, Kohlekraftwerken und Chip-Fabriken, riesige Mining-Farmen aufbauten. Noch 2019 stellte China rund 75 Prozent der globalen Hashrate, und alle anderen Länder waren Mining-Zwerge im Vergleich zur Volksrepublik.

Dann aber verbot die Regierung das Mining, erst teilweise, dann vollständig, und die Miner mussten das Land verlassen. Man kann sich das durchaus wie einen Exodus vorstellen: Die Miner bauten ihre Hardware ab, packten sie in Kisten, und flohen. Wohin war zunächst egal. Hauptsache Mining war nicht verboten und der Strom günstig.

Mehrere Länder nahmen die Miner gerne auf. Im Gespräch waren immer wieder Kasachstan, Russland und die USA, aber die konkrete Verteilung der Miner blieb eine Sache der Spekulation. Analysten wie das Cambridge Centre for Alternative Finance zeigen zwar in Statistiken, wo ungefähr die Hashrate ihren Ursprung hat, doch solche Daten sind in der Regel wenig belastbar.

Verteilung der globalen Hashrate nach Ländern nach der Schätzung des Cambridge Center for Alternative Finance.

Nun hat die Financial Times (FT) rechechiert, wohin die chinesischen Miner ihre Mining-Hardware hin verfrachtet haben. Dafür hat das Magazin wohl die großen Mining-Betreiber befragt. Zumindest vermute ich das – denn der Artikel selbst steht hinter einer Abo-Paywall, weshalb ich ihn nur aus anderen Quellen zitieren kann.

Wohin die Miner fliehen

Das Mining-Verbot habe, so die FT, „ein globales Rennen ausgelöst, um Millionen von klobigen, stromintensiven Maschinen umzusiedeln, die komplexe Rätsel lösen und Bitcoins verdienen.“ 14 der größten Mining-Unternehmen der Welt hätten „mehr als zwei Millionen Maschinen in den Monaten nach dem Verbot aus China ausgeführt.“ Weitere 700.000 Geräte, die entweder kaputt oder veraltet sind, sollen in Lagerhallen liegen. Sie sind, hart gesagt, Elektroschrott.

Lasst uns an der Stelle eine kurze Pause einlegen, um die Zahlen zu verdauen. Zwei Millionen Miner. Das sind zwei Millionen Geräte wie der Antminer S19, der AvalonMiner 1246 oder der WhatsMiner M31S. Sie alle haben einen Stromverbrauch von etwa 3000 Watt, womit zwei Millionen Miner etwa 6 Gigawatt Strom verbrauchen. Zum Vergleich: In Deutschland sind etwa 214 Gigawatt installiert, in Belgien etwa 21,5. Es ist also nicht ganz trivial, diese Mining-Anlagen mit Energien zu erzeugen. Dazu werden wir gleich zurückkommen.

Zunächst aber dazu, wer der Gewinner im globalen Wettbewerb um die Miner ist. Laut FT ging der Löwenanteil der Geräte in vier Länder: die USA, Kanada, Kasachstan und Russland. Dabei aber ist offenbar nur von gut 430.000 Geräte bekannt, wo sie landeten. Von diesen sind 200.000 nun in Russland, knapp 88.000 in Kasachstan, 87.000 in den USA, 35.000 in Kanada, 15.500 in Paraguay und weitere 7.000 in Venezuela. Was mit dem Rest geschah, ist offenbar nicht bekannt. Eventuell handelt es sich um eine Stichprobe und man müsste die konkreten Zahlen verfünffachen.

Aber auch so offenbaren sich die neuen Mining-Hotspost in kristallklarer Deutlichkeit: In Sibirien und Zentralasien (Russland und Kasachstan), Nordamerika (USA und Kanada) und Südamerika (Paraguay und Venezuela). Das war tendenziell schon absehbar.

„Ein natürlicher Standort für Miner.“

So erklärte das Bitcoin-Magazine schon Anfang November, dass Russland vom Exodus der chinesischen Miner profitiere. Während Chinas Anteil an der globalen Hashrate von 45 auf 0 Prozent gefallen sei, sei der von Russland von 7 auf 11 Prozent gestiegen und habe die besten Aussichten, weiter zu steigen.  Denn Russland sei, so das Magazin, „ein natürlicher Standort fürs Mining“.

Kein Ort sei besser geeignet „als die siberische Irkutsk-Region, wo der Großteil des russischen Minings stattfindet.“ Die Region habe einen Überfluss an Hydroenergie, nur etwa 20 Prozent des produzierten Stroms werden verbraucht. Darüber hinaus kühle die Kälte der Region die Miner, was den Betrieb einer Farm günstiger, einfacher und sicherer mache.

Doch Miner sind speziell. Wo auch immer sie gute Bedingungen finden, werden sie zu bodenlosen Stromverbrauchern. Im Jahr 2021 stieg der Stromverbrauch in Irkutsks rasant um 159 Prozent wegen einer „Lawine von Underground-Minern“, wie Governeur Igor Kobzev sagte. Die Situation gerate außer Kontrolle, belaste die Netze und drohe, zu Unfällen und Ausfällen zu führen. Der Governeur forderte, spezielle Stromtarife für Miner zu erlassen.

Daneben leiden die Miner unter einem für Russland merkwürdig anmutenden Problem. Ein Sprecher des in Irkutsk sehr aktiven Mining-Betreibers BitRiver sagte, das Problem im Mining sei derzeit nicht die Ausrüstung, sondern der Platz. Vermutlich meint er damit erschlossenen Raum für Mining-Farmen, die neben starken Stromleitungen auch eine gute Internetverbindung benötigen.

Günstiger Strom allein reicht eben nicht aus, um zum Mining-Hotspot zu werden. Das hat bereits der Iran erfahren, in dem die Miner das Stromnetz trotz reicher überschüssiger Ressourcen an den Rand des Kollaps brachten.

Stromknappheit in Kasachstan

Ähnliches wird aus Kasachstan berichtet. Das Land hat die Miner zunächst willkommen geheißen, indem es hunderte von Millionen Dollar investiert hat, um die Miner zu unterstützen und eine neue Einkommensquelle für den Überfluss an fossilen Energien, vor allem Kohlekraft, zu erschließen. Ein Bericht der Regierung sah noch im Oktober voraus, dass das Mining etwa 1,5 Milliarden Dollar an Steuereinnahmen generieren könne.

Nun aber zeigt sich, dass das Stromnetz von Kasachstan nicht bereit war für die Flut an Minern. Schon Ende Oktober musste das Land Strom aus Russland importieren, weil eine Stromknappheit im Winter drohte. Die Regierung beeilte sich, den Minern die Schuld zu geben. Laut Energieminister Murat Zhurebekov hätten sie den Stromverbrauch in kurzer Zeit um acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr hochgetrieben.

Das maßgebliche Problem seien illegale und Underground-Miner, deren Verbrauch schwer zu kontrollieren sei. Diese Farmen, die angeblich zwei Drittel des kasachischen Minings ausmachen, bezahlen natürlich keine Steuern, was Kasachstans Präsident Kassym-Jomart Tokayev mit der Bemerkung quittierte, “ wir sind die Nummer zwei weltweit fürs Kryptowährungs-Mining, aber wir sehen praktisch keinen finanziellen Ertrag dafür.“

Während die ersten Miner das Land bereits verlassen, da Stromausfälle keinen verlässlichen Betrieb mehr erlauben, hält die Regierung daran fest, sich als Mining-Standort zu positionieren. Tokayev kündigte an, man werde Atomkraftwerke aufbauen, um den Energiebedarf des Landes langfristig zu decken.

Gute Voraussetzungen in Amerika

Die besten Standortbedingungen finden die Miner derzeit offenbar in Nord- und Südamerika. Vor allem die USA und Kanada bieten einen bunten Mix an Energien – von Kohle- und Atomstrom bis zu Hydro- und Solarenergie – sowie eine stabile politische Lage und eine gute Infrastruktur.

Dementsprechend hat die USA China als globale Hauptstadt des Minings abgelöst. Rund ein Drittel der globalen Hashrate kommt mittlerweile aus den Vereinigten Staaten. Im April waren es noch 17 Prozent gewesen. Diese Entwicklung passt zu dem Trend in den USA, dass einzelne Regionen und Städte um die Krypto-Branche konkurrieren. Zwar gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Bundesstaaten sowie zwischen diesen und der Bundesregierung. Doch insgesamt genießen die Miner in den USA eine sicherer und langfristige Basis, ausreichend Strom, eine starke Infrastruktur und eine hohe Rechtssicherheit.

Darüber hinaus drängen verschiedene Interessensverbände in den USA stärker als irgendwo anders darauf, dass sich die Miner vor allem an nachhaltigen Ressourcen bedienen. Der Branchenverband Bitcoin Mining Council erhebt immer wiede Daten zum Strommix der nordamerikanischen Miner, der zu gut 65 Prozent aus erneuerbaren Energien besteht.

Diese Trendwende von China hin zu Nordamerika dürfte sowohl für die Dezentralisierung von Bitcoin als auch den CO2-Fußabdruck des Minings eine gute Nachricht sein.

Europa kaum präsent – aber schon das ist zuviel

Europa ist auf der Mining-Landkarte eher ein weißer Fleck. Zwar zeigt eine Übersicht der Cambridge-Univerität signifikante Anteile der globalen Hashrate aus Deutschland und Irland an, doch die Forscher relativieren dies: Man wisse von keinen Hinweisen über große Mining-Farmen in den beiden Ländern, weshalb die Werte vermutlich durch IP-Umleitungen zustande kämen.

Der einzige relevante Mining-Standort Europas scheint Schweden zu sein, woher gut 1 Prozent der globalen Hashrate stammt. Vor allem der Norden des Landes ist wegen der günstigen Hydroenergie und der kühlen Temperaturen ein begehrter Standort, der ebenfalls vom Exodus der Miner aus China profitiert. Zumindest ist der Stromverbrauch in Nordschweden in Folge des Verbots in China um mehrere hundert Prozent gestiegen.

Man könnte dies begrüßen. Doch selbst dieser global gesehen mikroskopische europäische Beitrag scheint bereits zu viel zu sein. So klagen Vertreter der Finanzaufsicht und Umweltschutzagentur in Schweden über den hohen Energieverbrauch des Minings. Die Regierungsvertreter konstatieren besorgt, dass die Miner soviel Strom verbrauchen wie 200.000 schwedische Haushalte. „Das ist eine Entwicklung, die wir stoppen müssen.“

Sie schlagen daher vor, dass die EU „ein Verbot der energieintensiven Mining-Methode ‚Proof of Work‘ prüft.“ Andere Konsensmethoden hingegen sollten erlaubt und sogar gefördert werden. Während die EU prüft, solle Schweden schon im Alleingang gegen die Krypto-Miner vorgehen; Unternehmen, die „konform mit dem Pariser Abkommen sein wollen, sollen sich nicht länger nachhaltig nennen dürfen, wenn sie Kryptowährungen handeln oder halten, die durch Proof of Work erzeugt wurden.“

Den beiden ist, natürlich, klar, dass solche Maßnahmen ihre Schattenseiten haben können. „Das Risiko besteht, dass dies Krypto-Produzenten veranlassen wird, ihre Operationen in andere Länder zu verlagern, wo sie potenziell größere Emissionen erzeugen werden.“ Doch Schweden und die EU sollten „die Führung übernehmen und den Weg ebnen, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erfüllen.“ In einer extremen Verkennung der spieltheoretischen Anreize von Märkten hoffen die beiden darauf, dass andere Länder dem Beispiel der EU folgen werden, es also zu einem globalen Totalverbot des Bitcoin-Minings kommt.

Um diesen Punkt klarzumachen: Jedes andere Szenario als ein globales Bitcoin-Verbot – das wäre ein Mining-Verbot nämlich – würde die CO2-Emissionen erhöhen, wenn Schweden seine regenerativen Hydro-Miner aus dem Land vertreibt.

Anstatt dass die Welt der EU folgt, würde vielmehr diese dem Beispiel Chinas folgen: Es ist egal, ob eine Maßnahme dem Klima schadet oder nicht – hauptsache wir haben eine weiße Weste. Das Pariser Abkommen wird zum Vorwand, um sich aus der Verantwortung zu stehlen, und zur Rechtfertigung für Akte, die die globale CO2-Emission erhöhen anstatt zu senken. Die Politik ergreift selbst dann eine symbolisch wirksame Maßnahme, wenn sie faktisch und bekanntermaßen das Gegenteil bewirkt.

Über Christoph Bergmann (2148 Artikel)
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