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Iran verbietet Bitcoin-Mining für 4 Monate

Irans Präsident Hassan Ruhani. Bild von Mohammad Reza Meysami via wikipedia. Lizenz: Creative Commons

Zwischen Liebe und Hass stehen oft nur einige Stromausfälle: Nachdem der Iran die Bitcoin-Miner willkommen hieß, um Energie ungehindert von Finanzsanktionen zu exportieren, verbietet die Regierung nun das Mining. Der Grund sind weitere Blackouts in vielen Städten und ein zunehmender politischer Druck durch die Opposition.

Der Iran hat das Mining von Bitcoin und anderen energieintensiven Kryptowährungen für die kommenden vier Monate verboten. Dies erklärte Präsident Hassan Rohani höchstpersönlich, nachdem es erneut zu Blackouts in vielen Städten des Landes gekommen war.

Das Verbot werde bis zum 22. September in Kraft bleiben, so Rohani in einer Fernsehansprache. Laut dem Präsidenten finde 85 Prozent des Minings unlizensiert statt.

Da es schon im Februar zu massiven Blackouts gekommen war, steht die Regierung durch die erneuten Stromausfälle unter starker Kritik. In vielen Städten des Landes hat es weitflächige, unangekündigte Blackouts gegeben. Diese haben, schreibt die Oppositionsbewegung „Nationaler Rat für Widerstand“ (NCR), „das Leben der Menschen, den Betrieb von Fabriken, Behandlungen in Krankenhäusern sowie Geschäfte unterbrochen und sogar mehr als 2.000 Funktürme abgeschaltet“ Dies ist umso unangenehmer, da bald Wahlen stattfinden. Daher ist die Regierung gezwungen, Aktivismus zu demonstrieren, selbst dann, wenn dieser droht, ihr ins eigene Fleisch zu schneiden.

Denn Mining ist in der stark angeschlagenen Volkswirtschaft eine der wenigen Wachstumsbranchen. Laut den Blockchain-Analysten von Elliptic stellen Miner im Iran rund 4,5 Prozent der globalen Hashrate. Diese Zahl ist eine Schätzung, die ebenso unscharf ist wie die 8 Prozent, die dem Iran noch im Februar zugeschrieben wurden.

Nicht minder spekulativ ist die von der Presseagentur Reuters kritiklos geteilte Behauptung von Elliptic, der Iran nutze Bitcoins „um Sanktionen zu vermeiden und Millionen von Barrels Rohöl zu exportieren.“ Die Analysefirma pfriemelt diese These lediglich aus längst bekannten Medienberichten zusammen, die noch nicht mal brauchbare Hinweise abgeben. Eigene Analysen fügt sie dem nicht hinzu, ignoriert aber die Aussage der iranischen Zentralbank, Bitcoin spiele im Umgang mit den Sanktionen keine Rolle.

Man kann nun ebenfalls spekulieren, dass der Blockchain-Analyst das Thema aufbläst, um unter Finanzinstitutionen Furcht zu schüren, versehentlich gegen Sanktionen zu verstoßen. So warnt die Firma, dass jede Transaktion ein 4,5-prozentiges Risiko trage, mit ihren Gebühren dem Iran zu helfen, Sanktionen zu umgehen. Vermeiden ließe sich dies, indem man die Software von Elliptic benutze. Wie das gehen soll, ist mir persönlich ein Rätsel, aber — wie auch immer.

Fakt ist, dass der Iran durch das Verbot des Bitcoin-Minings erhebliche Einnahmen verlieren wird. Gerade der Exodus der Miner aus China könnte für das Land zu einer Chance werden, zum Mining-Giganten zu werden. Weshalb ergreift die Regierung diese Chance nicht, sondern zerstört sie durch das Verbot?

Die Antwort dürfte an dem hohen Druck liegen, unter dem die Regierung der Mullahs steht. Die Finanzsanktionen betreffen das Land weiterhin stark, die Volkswirtschaft schrumpft seit Jahren mit sechs oder mehr Prozent im Jahr, die Opposition beklagt beinah 300.000 Tote durch Corona – und nun auch noch Stromausfälle, zum zweiten Mal in wenigen Monaten. Der NCR erkärt, wegen der Stromausfälle seien Beatmungsmaschinen ausgegangen, die Covid-Patienten am Leben hielten.

Unter diesem Druck muss die Regierung einen Schuldigen und eine einfache Lösung präsentieren. Die staatlichen Medien weisen auf die chinesischen Bitcoin-Miner, welche, so der stellvertretender Energieminister, sogar in Schulen und Moscheen Mining-Geräte aufgestellt haben. Und die Zeitung Jahane Sanat klagte am Montag die chinesischen „Brüder“ in bitteren Tönen an: Sei es ihnen egal, dass die Stromausfälle Krankenhäuser, Universitäten, Farmen und hunderte von Jobs gefährden? „Soll alles dem Profit der Chinesen unterstehen?“ Das Volk sei unter einem enormen Druck, Haushalte leiden, die Landwirtschaft stehe vor dem Kollaps.

Diese Vorwürfe an die Miner richten sich aber auch gegen die Regierung. Das Regime spiele mit dem Leben der Bevölkerung, so der NCR, um durch Bitcoins die Sanktionen zu umgehen und illegale Aktivitäten zu finanzieren. Der Iran hat Probleme, Energie direkt zu exportieren. Indirekt kann das Land jedoch Energie ins Ausland verkaufen, wenn die Miner diese zuvor in Bitcoins umwandeln. Bitcoin fungiert also tatsächlich als jene „ökonomische Batterie„, als die die Kryptowährung manchmal beworben wird, wenn auch in einem anderen Sinne als dem geplanten. Den Preis dafür, klagt der NCR, bezahle das Volk durch die massiven Stromausfälle.

China, so der NCR in einem weiteren Artikel, „beute Irans riesige Öl- und Gasressourcen aus,“ indem die chinesischen Miner sie in massiver Menge fürs Mining verbrauchen. Die Abhängigkeit des Regimes vom Mining habe „einen Punkt erreicht, ab dem dieses nicht nur lokal produziertes Rohöl verbrennt, das man ansonsten exportieren würde.“ Es verbrauche stattdessen Strom, den das Volk benötige, um diesen in eine Währung zu konvertieren, „die generell nur durch das Regime und terroristische Entitäten“ verwendet werden könne.

Zugleich aber exportiert der Iran weiterhin große Mengen Energie an den Irak und an Afghanistan, und das Stromnetz ist in einer notorisch schlechten Verfassung. Einen Beitrag dürfte das Mining von Bitcoin und Ethereum an der aktuellen Energiekrise dennoch haben. Es scheint auch weder der Regierung noch den Minern gelungen zu sein, das Mining in eine für die Bevölkerung und das Wirtschaftswachstum kontruktive Form zu bringen, beispielsweise indem Erträge in den Ausbau des Stromnetzes, die Modernisierung von Kraftwerken oder auch die Verbesserung von Gesundheits- und Bildungswesen fließen. Hier blieb eine Chance ungenutzt.

Bitcoin hat, muss man konstatieren, eine Größe erreicht, bei der der Stromverbrauch des Minings selbst für mittelgroße Volkswirtschaften spürbar wird. Um die bereits schwelende Legitimitätskrise abzuwenden, sollten die Miner beginnen, ihre hohen Erträge stärker für „das allgemeine Gute“ zu verwenden.

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2 Kommentare zu Iran verbietet Bitcoin-Mining für 4 Monate

  1. Solange Bitcoin Mining in Konkurrenz zum allgemeinen Stromverbrauch eines Landes stehen kann, werden sich immer wieder Konflikte ergeben und die Miner werden kurzfristig zum Hassobjekt. Beim Verbauch endlicher fossiler Resourcen eines Landes entsteht der Konflikt zwangsläufig.

    Ob der Druck des Imageschadens von Minern insgesamt, die einzelnen Miner dazu bringt, an ihrem Image zu arbeiten und Mininggewinne z.B. in autarke regenerative Kraftwerke zu stecken – wie in Island und Kanada angedacht – bleibt spannend. Kann ich mir durchaus vorstellen.

    Und gleichzeitig erhöht aber ein kurzfristig beschleunigter Energieverbrauch auch bei Regierungen, die in der Hinsicht bisher – vielleicht aus Mangeln an Resourcenmangel – nicht nachhaltig genug gearbeitet haben, den Druck sich nachhaltigere Konzepte z.B. einer nicht-endlichen – und durchaltbareren – regenerativen Energieversorgung zu überlegen, wenn sie nicht wollen, dass Ihnen die Minern Ihnen immer mal kurzfristig den lebensnotwendigen Strom absaugen.

    Das wäre so eine Art umgekehrtes Jevon Paradox. Der englische Ökonom Jevon hat 1865 beobachtet, dass die Einführung von effizienterer Technologien beim Kohleantrieb von Güterzügen paradoxerweise dazu geführt hat, dass mehr Kohle verbraucht wird, nicht weniger, wie man es erwarten würde.

  2. Paul Janowitz // 30. Mai 2021 um 15:23 // Antworten

    Das Thema hat man bei Bitcoin jahrelang ignoriert und tut es bis heute. Satoshis Vision war 1 CPU, 1 Vote und ist ziemlich eindeutig. CPU Mining kann man in der heutigen Welt kaum verbieten bzw. das Verbot umsetzen, denn fast jeder Mensch hat Zugang zu einer oder gleich mehrerer, in Rechenzentren ist ohne Totalüberwachung nicht nachvollziehbar, was die CPUs dort machen etc.

    Die ASIC-Ignoranz bei Bitcoin ist leider dazu verteufelt, dass man nie eine wirkliche Dezentralisierung hinbekommt. Aktuell ziehen die Miner wohl aus einem totalitären Regime in China weiter in das nächste, welches ihnen aktuell billigen Strom zur Verfügung stellen kann. Was ist aber, wenn China die Ausfuhr von Bitcoin ASICs verbietet? Oder gar deren Produktion? Soooo viele Standorte gibt es weltweit nicht, die das übernehmen könnten. Man sieht das ja sogar bei den Steuerungseinheiten der hiesigen Autoindustrie…

    Jeder (technisch) interessierte Leser sollte sich mal RandomX in die Suchmaschine seiner Wahl eintippen 😉

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