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„Leider spiegelt das aber keineswegs die Realität in El Salvador wieder“

Der Santa Ana, El Salvadors höchster Vulkan. Bild von Eric Cleves Kristensen via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

El Salvador gilt als Bitcoin-Paradies. Anlässlich einer Konferenz bereisten zahlreiche Bitcoiner aus der ganzen Welt das Land. Wir haben uns mit einem Reisenden aus Deutschland darüber unterhalten, wie die Bitcoin-Akzeptanz in El Salvador tatsächlich vonstatten geht.

El Salvador ist seit einigen Monaten die Herzensheimat vieler Bitcoiner. Das kleine Land in Mittelamerika hat Bitcoin zum offiziellen Zahlungsmittel gemacht, und der Präsident Nayib Bukele ist ein eingefleischter Bitcoiner. Was kann da noch schiefgehen?

Bitcoiner aus der ganzen Welt beobachten mit Sehnsucht und Freude, wie das Experiment abläuft, Bitcoin zu einer Landeswährung zu machen; der Internationale Währungsfond und andere internationale Organisationen schauen ebenfalls zu, wenn auch weniger erfreut als beunruhigt, da sie „Währungschaos und einen Wirtschaftskollaps“ fürchten.

Doch bei allen den Diskussionen geht eine Frage zuweile unter: Wie ist es wirklich? Wie läuft es mit Bitcoin in El Salvador? Nicht beim Präsidenten, der sich auf Twitter brüstet, den Dip gekauft zu haben, und nicht in El Zonte, dem Vorzeige-Surfer-Paradies für Bitcoiner. Sondern im ganz normalen, alltäglichen Leben der ganz normalen Salvadorianer.

Wie finden die Salvadorianer Bitcoin? Wird im Alltag wirklich mit der Kryptowährung bezahlt? Teilt das Land die Bitcoin-Begeisterung seines Präsidenten?

Kilian Rauschs Twitter-Profil.

Da vor kurzem in El Salvador eine große Bitcoin-Konferenz stattgefunden hat, sind Bitcoiner aus der ganzen Welt in das Land gereist. Darunter auch zahlreiche Deutsche. Sie konnten einen Vorgeschmack auf das zu erhaschen, was über kurz oder lang überall normal sein wird – eine Welt, in der es zum Alltag gehört, mit Bitcoin zu bezahlen. Zumindest war das der Plan.

Wie es wirlich zugeht, erzählt Kilian Rausch, einer der deutschen Bitcoiner, die El Salvador besucht haben.

Zwei-Klassen-Kassen

Zunächst ist die Akzeptanz durchwachsen. Zwar formuliert das „Ley Bitcoin“ eine Art landesweite Annahmepflicht, doch Bukele hat es offenbar ernst gemeint, als er sagte, man werde niemanden zwingen, Bitcoins zu akzeptieren. Die Folge ist, dass sich das Land in verschiedenen Geschwindigkeiten auf Bitcoin einlässt.

„Die großen Konzerne wie McDonalds oder Starbucks akzeptieren und werben offen mit Bitcoinakzeptanz, und auch die technische Integration ist sehr gut umgesetzt und funktioniert reibungsfrei. McDonals nutzt z.B. @OpenNodeCo, Starbucks @IBEX_Mercado. Habe beide getestet, beide 10/10.“

Für Bitcoiner, die im Land ankamen, war es beinah schon eine Pflicht, sich bei MacDo einen Burger und bei Starbacks einen Kaffee reinzupfeifen, nur um mit Bitcoin bezahlen zu können. Burger für Bitcoins — wer kann da schon widerstehen? Und vor allem: Es scheint kein Problem zu sein. Wenn der MacDo in München und Starbucks in Paris heute noch kein Bitcoin akzeptieren, dann offenbar nicht, weil sie nicht können, sondern nur, weil der Wille fehlt. Technisch ist es machbar.

„Leider spiegelt das meiner Meinung nach aber keineswegs die Realität in El Salvador wieder“, relativiert Kilian, „denn bei bei lokalen Gewerben sieht es schon sehr anders aus: Mein Hotel konnte ’noch‘ keine Bitcoin akzeptieren und zum Beispiel hat nur eine von zwei Tankstellen, an denen ich war, Bitcoin akzeptiert.“

Lösung wird Problem

Dabei entpuppte sich etwas, das eigentlich eine Lösung sein sollte, als zentrales Problem: Die von der Regierung entwickelte Wallet Chivo.

So erzählt Kilian von einem Erlebnis in einer Tankstelle: „Genutzt wurde dort die Chivo POS Web App, bei der ich mangels Kenntnis der Kassiererin mir ums Terminal herum den Lightning Invoice QR Code selber generieren und scannen musste. Das Gute jedoch: Meine Zahlung wurde prompt vom POS erkannt und ich konnte mit meinem Einkauf von dannen ziehen.“

An der Tankstelle fehlte es zwar an Bildung. Doch die Technik funktionierte. Das sah in anderen Läden ganz anders aus. Kilian hatte sich vorgenommen, bei jedem Einkauf zumindest zu fragen, ob er mit Bitcoin bezahlen könne. In der Regel versuchten die Kassierer auch, ihm dies zu ermöglichen, sehr oft, indem sie ihre private Chivo-Wallet verwendeten. Die Wallet scheint also privat sehr verbreitet zu sein, kommerziell aber weniger.

Leider resultierte der Versuch mit der Chivo-Wallet „auf dem Handy immer in folgendem gravierenden Problem: meine nachweislich erfolgreichen Zahlungen sind nicht in der Chivo App des Händlers aufgetaucht.“ Auch der Neustart der App, das Löschen des Caches und das Refreshen haben nichts gebracht. Die Chivo-Wallet erkannte die Zahlung nicht.

„Die meisten Händler blieben trotz der unschönen Situation sehr nett und hätten mich auch so gehen lassen, aber ich habe doch meist mit USD Scheinen ‚double gespendet‘. Diese Situation hatte ich mehrere Male in einer Reihe von Läden, Restaurants oder auch mit Taxifahrern, bevor ich schließlich aufgehört habe, mit Bitcoin zu bezahlen, wenn die Gegenseite nur Chivo im Angebot hatte.“

Andere Bitcoiner berichten auch von etwas unangenehmeren Situationen. „Ich habe 125 Dollar für das Abendessen bezahlt und das Geld floss aus meiner Phoenix-Wallet, erreichte aber niemals die Chivo-Wallet. Die Kellnerin hat Kugeln geschwitzt, kein Witz, und am Ende musste ich mit Dollarscheinen bezahlen, um die Rechnung zu begleichen.“

Regierungen sind eben, selbst wenn sie Bitcoin mögen, keine guten Software-Entwickler, und auch in El Salvador trifft die alte Weisheit zu, dass Produkte aus Regierungshand selten auf dem Markt eine Chance hätten. Mit den Berichten über Chivo könnte man mehrere Horrorbände füllen, und manche Bitcoiner fragen sich, wie eine Regierung, die noch nicht mal eine funktionierende Wallet hinbekommt, eine Bitcoin-City bauen will.

#FixChivo

Das Problem mit Chivo kam so dermaßen häufig vor, dass es für die meisten Reisenden zur Standarderfahrung wurde. Es war schlicht unmöglich, mit Bitcoin zu bezahlen, wenn ein Laden Chivo verwendet.

Kilian und andere Bitcoiner machten mit dem Hashtag #FixChivo auf Twitter darauf aufmerksam. Er und die anderen hatten vielfach Kontakt mit dem Support von Chivo, der zuweilen aber selbst etwas überfordert mit Bitcoiner erschien.

Aber mal ehrlich – wer versteht das schon? Bitcoin an sich ist schon höllisch kompliziert, aber, immerhin, transparent. Lightning schüttet noch eine Schicht an Kompliziertem drauf, wodurch das Bezahlen für so gut wie jeden endgültig in ein Mysterium abdriftet.

Immerhin haben die Entwickler der Wallet das Problem auf dem Schirm. Vermutlich hängt es damit zusammen, dass der Sender die empfangenen Bitcoins sofort in Dollar konvertieren lässt, eventuell, weil die Wallet wegen der Wechselkurse die Transaktion nicht identifizieren kann.

Eigentlich könnte man das Problem lösen, meint Kilian, leicht verärgert: „Es erschließt sich mir nicht, warum so etwas nicht absolute Prio bekommt und gefixt wird. Gerade auch weil mich sogar der offizielle Chivo Support via Twitter DM kontaktiert und nach der Payment Hash gefragt hatte, um zu sehen was schief gelaufen war.“

Dabei aber scheint das Problem mit Chivo nur vorzukommen, wenn man mit einer anderen Wallet bezahlt. „Einige Händler haben angemerkt, dass sie Zahlungen von lokalen Chivo Wallets problemlos empfangen können. Das macht auch Sinn, denn Chivo-zu-Chivo Zahlungen sind nur Chivo-interne Datenbanktransaktionen und nutzen nicht das öffentliche Bitcoin- oder Lightningnetzwerk.“

Diese Vermutung von Kilian wird ebenfalls von vielen Bitcoinern, die El Salvador besucht haben, bestätigt:

Chivo zu Chivo funktioniert super, aber wenn Bitcoin dazukommt, zickt die App. Beim derzeitigen Stand kann man also weniger von einer Bitcoin- als von einer Chivo-Akzeptanz sprechen. Die Regierung hat, vermutlich eher ohne Absicht, Bitcoin zum Vorwand genommen, um der Bevölkerung ein mittelmäßiges, komplett auf Regierungsservern laufendes Zahlungssystem aufzuzwingen. Das ist weder dezentral noch funktional.

Wenn die Chivo-Situation so bleibt, ist es technisch gesehen nicht viel besser als beim Digitalen Yuan der chinesischen Zentralbank, auch wenn El Salvador immerhin nicht die beängstigende Kompetenz der chinesischen Regierung aufweist.

Nada Bildung, nada Akzeptanz

Doch auch mit Chivo bleibt die Situation außerhalb großer Ketten und Städte verhalten. „Die Bitcoinakzeptanz an kleinen Pupusaständen und praktisch überall in abgelegeneren Gebieten lässt sich relativ einfach zusammenfassen: nada. Man hatte von Bitcoin gehört, aber das war es im Prinzip auch schon.“

Der Vorzeige-Strand der Bitcoiner, El Zonte, „ist da die große Ausnahme und keineswegs repräsentativ für ähnliche kleinere Ortschaften. Auch funktionieren Bitcoinzahlungen in El Zonte gut, da dort das Bitcoin Beach Wallet verbreitet ist, nicht Chivo.“

Diesen Eindruck teilen zahlreiche Bitcoiner mit Kilian. So schreibt etwa jemand namens Zender auf Twitter:

„Die großen Ketten in der Hauptstadt akzeptieren Bitcoin, aber die meisten kleinen Läden nicht. Außer El Zonte gibt es in allen anderen kleinen Städten so gut wie keine Bitcoin-Akzeptanz. Ich fragte Leute, warum nicht, und zu 90 Prozent sagten sie, weil sie es nicht verstehen.“

Das beginnt mit den absoluten Basics. Zender fragte viele Salvadorianer, was die maximale Menge aller Bitcoins sei. Die Antwort ist das allerkleinste Bitcoin-ABC, die Zahl, die jeder Bitcoin-Noob beim ersten Kontakt eingebläut bekommt: 21 Millionen, und keinen Brösel mehr! Doch kaum jemand in El Salvador wusste das. „Ich hätte erwartet, dass es mit etwas Aufklärung einhergeht, wenn man Bitcoin zum legalen Zahlungsmittel macht“, konstatiert Zender enttäuscht.

Meist eher positiv gestimmt

Man dürfte es den Salvadorianern unter diesen Umständen nicht verdenken, wenn sie Bitcoin skeptisch gegenüber stehen. Es gab in den letzten Monaten immer wieder Berichte darüber, wie die Einwohner des Landes gegen Bitcoin demonstrieren. Diese Haltung fand Kilian hingegen kaum vor.

„Ich habe gemischte, aber doch überwiegend neutrale oder positive Gespräche über Bitcoin mit Salvadorianern geführt. Neutral-positiv war etwa das Gespräch mit dem Taxifahrer, direkt nach der Ankunft, das mir viele interessante Einblicke in das Alltagsleben im Land brachte, auch, warum er berechtigterweise Dollarscheine in vielen Situationen bevorzugt. Bitcoin sah er eher als Chance für den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes. Nach einer zähen Diskussion leuchtete ihm auch die Obergrenze von 21 Millionen und damit die Spartechnologie ein.“

Positiver war das Gespräch mit zwei Salvadorianerinnen, die Kilian an einem Chivo-Automaten antraf, wo sie Geld abhoben, das ihnen ein Verwandter aus den USA gesendet hatte – „ohne Gebühr“, in Gänsefüßchen, weil irgendwo schon eine Gebühr anfallen wird, aber auch nicht ganz falsch, weil die Transaktion weiterhin sehr viel günstiger ist als bei anderen Dienstleistern. Daher auch der positive Eindruck durch die beiden Frauen.

Zwei Salvadorianerinnen vor dem Chivo-ATM. Bild von Kilian Rausch

Die einzige wirklich negative Reaktion erfuhr Kilian von einer etwas älteren Dame. „Sie hat mich mit dem Chivo Support Team in der Mall gesehen hat und ist mit einem Daumen runter an mir vorbeigelaufen. Ich hab sie direkt angehalten und auf den Daumen runter angesprochen. Ihre Kurzversion: Bukele und sein Krieg gegen die Banden sind schlecht, weil sie zu noch mehr Kriminalität und Millitär auf den Straßen geführt haben, und weil er ja der Kopf ‚von all dem hier‘ ist, sind auch Chivo und Bitcoin schlecht.“

Die Arbeit hat erst begonnen

Trotz der teilweise durchwachsenen Erfahrungen verließ Kilian das Land mit einem „durchaus positiven Fazit.“

„Allein die BitcoinWeek dürfte einen immensen positiven finanziellen und auch Imageboost für das Land gebracht haben, und ich bin mit einigen Projekten in Kontakt, die in El Salvador aktiv werden und zum Erfolg verhelfen wollen.“

Es passiert also etwas, und die generelle Stimmung ist gut. Doch Kilian wurde auch klar, wie viel noch zu tun ist. „Insbesondere die Funktionalität der Chivo-App, Zahlungen von anderen Wallets über Bitcoin oder Lightning zu empfangen, muss schleunigst repariert werden, da Chivo’s Marktanteil durch die staatlich geförderte Promotion (30 USD für alle, Ermäßigungen für Benzin an Tankstellen) wohl hoch bleiben wird, und einfach weil viele Salvadorianer wohl Chivo mit Bitcoin gleichsetzen. Die Gefahr ist nun, dass schlechte Erfahrung mit der Funktionalität der Chivo App mit ‚Bitcoin funktioniert nicht‘ gleichgesetzt wird.“

Für wichtiger hält Kilian aber etwas anderes: „Die meiste Arbeit aber bedarf es in Form von Bildung: Man muss der Bevölkerung die grundlegende Funktionsweise und die Besonderheiten von Bitcoin vermitteln und ihr beibringen, wie man praktisch mit Bitcoin im Alltag umgeht, Wallets auswählt und wie man einfach private Schlüssel sichert. Und dass Chivo nicht = Bitcoin ist.“

Über Christoph Bergmann (2289 Artikel)
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