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Die ambitionierten Krypto-Pläne der Zentralafrikanischen Republik: Bitcoin macht Geopolitik

Präsident Faustin-Archange Touadéra. Bild von U.S. Institute of Peace via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Die Zentralafrikanische Republik (ZAR) stellt eine Initiative für einen „Crypto Hub“ vor. Der Plan wirkt weitreichend und ambitioniert – und enthält geopolitischen Sprengstoff. Hilft Krypto dem armen Land, sich von den monetären Rückständen des Kolonialismus zu befreien? Oder dient es dem Präsidenten lediglich dazu, die reichen Rohstoffe seines Landes zu verschachern? Und welche Rolle spielt die Weltbank darin?

Eigentlich ist Sango das Wort für die National- und Amtssprache der Zentralafrikanischen Republik (ZAR). Seit einigen Tagen ist Sango aber auch der Titel der Krypto-Initiative des bitterarmen Landes im Zentrum Afrikas.

Präsident Faustin-Archange Touadera kündigte die Initiative vor kurzem an. Die Regierung rufe, schreibt er auf Facebook, „den ersten legalen Krypto-Hub im Herzen Afrikas“ ins Leben. Dies gehe, setzte er auf Twitter nach,  „über Politik und Verwaltung hinaus und hat das Potenzial, ZARs Finanzsystem neu zu gestalten.“

Was, um ein wenig vorauszugreifen, keine Übertreibung ist.

Auf der Webseite sango.org stellt eine Präsentation die Krypto-Initiative auf 24 Folien dar. Sie bleibt zwar meist stichwortartig und vage, beeindruckt aber insgesamt mit einer enormen Ambition. Das Land lässt sich auf sehr bemerkenswerte Weise auf „Krypto“ ein. Es will alle Register des Marktes ziehen — Bitcoin, Altcoins, Token, ICOs, das Metaverse, NFTs – und es plant, dadurch die monetäre Ordnung Zentralafrikas anzugreifen.

Vielleicht ist das übertrieben interpretiert. Vielleicht wird Sango aber zum Auftakt eines seit langem notwendigen Währungskrieges im Zentrum des Kontinents.

Ziele und Grundlagen

Zunächst ein Überblick über die Initiative. Sie hat drei Ziele:

1.) Den Krypto Hub hochziehen. Dieser soll „Unternehmen willkommen heißen und Krypto-Enthusiasten weltweit anziehen.“ Attraktiv werden soll der Standort durch ein rechtliches Rahmenwerk, eine digitalisierte Verwaltung, Steuerbefreiungen sowie Public Privat Partnerships.

2.) Bitcoin „auf das nächste Level bringen“: Das Land wird die erste digitale Zentralbank überhaupt gründen, und es wird Boden und Bodenschätze gegen Bitcoin verkaufen.

3.) Das „Crypto Island“ schaffen. Die sogenannte „Kryptowirtschaftszone“ ist zugleich echtes Land wie virtuelles Metaverse, in dem NFTs Güter und Privilegien abbilden.

Das ist der Plan, und dafür sucht das Land Partner, die beispielsweise Wallets entwickeln oder ein Framework für Tokenisierung, Crowdfunding und NFTs.

Möglich macht all dies das am 21. April verabschiedete Krypto-Gesetz. Der weitere rechtliche Rahmen soll bis Ende 2022 geschaffen werden.

Die Weltbank bezahlt’s

Weiter nennt die Präsentation einen 35-Millionen Dollar-Kredit, den die Weltbank dem Land am 5. Mai gewährt hat. Durch ihn bezahlt die Regierung vermutlich die Entwicklung des Crypto Hubs.

In der Ankündigung lobt die Weltbank die Fortschritte der Zentralafrikanischen Republik bei der Digitalisierung des Finanzwesens. Um „diese Reformen zu skalieren“ vergibt sie weitere Darlehen. Die Partnerschaft mit dem Land habe das zentrale Ziel, „öffentliches Finanzmanagement, Transparenz und Effizienz“ zu verbessern, wie auch „neue Jobgelegenheiten für die Jugend zu schaffen“.

Mit dem Krypto-Hub, sollte man meinen, macht die Zentralafrikanische Republik genau das. Nichts ist transparenter und effizienter als Krypto, und nichts zieht den ehrgeizigen Nachwuchs mehr an als Coins, Token und NFTs. Als die Medien nach der Kreditvergabe raunten, die Weltbank finanziere erstmals ein Krypto-Projekt, stellte das Organ klar, dass der Kredit nichts damit zu tun habe. Im Gegenteil: Sie beobachte das Projekt mit Sorge und Skepsis.

„Wir haben Bedenken wegen der Transparenz wie auch der potenziellen Implikationen für die finanzielle Inklusion, den Finanzsektor und öffentliche Finanzen im allgemeinen, wie auch über Mängel in der Umwelt,“ erklärte die Weltbank dem Börsendienst Bloomberg.

Auf dem Weg zur perfekten Steueroase?

Die Regierung lügt allerdings nicht, wenn sie ankündigt, die öffentliche Verwaltung zu digitalisieren. Dabei sollen eben Blockchain und Krypto eine Schlüsselrolle spielen.

Wenn man über die Pläne nachdenkt, die die Präsentation vorstellt, wird es schwierig, sich zu entscheiden: Emanzipiert der Mathematiker Touadera sein Land durch einen mutigen, genialen Schachzug? Ist das Kryptogesetz die größte Chance, die die ZAR in den letzten Jahrzehnten hatte? Bildet sich gerade ein neuer Pfad der wirtschaftlichen Entwicklung heraus?

Oder missbraucht der Präsident das Darlehen der Weltbank? Treibt er mit dem Krypto Hub den Ausverkauf der Ressourcen voran? Verschachert er Boden und Ressourcen gegen ein paar Coins ins Ausland? Stopft er das ohnehin schon knappe Staatsvermögen ausländischen Spekulanten in den Hals? Oder spielt er das beliebte Bullshit-Bingo der Krypto-Abzocker mit, um Spekulanten weltweit um ein paar Coins zu erleichtern?

Irgendwo zwischen den Extremen liegt die Variante, dass die ZAR sich internationalen Investoren und Unternehmen anbietet. Die Zentralafrikanische Republik plant, um es etwas polemisch auszudrücken, sich als Steueroase aufzustellen, und Krypto ist ein willkommenes Werkzeug dafür.

Angesichts des wirtschaftlichen Status wäre das nicht die schlechteste Option.

Mit Token zur Public Private Partnership

Die Vorhaben der Digitalisierung reichen weit: Sowohl Identität als auch Besitzansprüche sollen digitalisiert werden; alle Ämter sollen diese Titel anerkennen. Unternehmen sollen online angemeldet werden, es wird eine E-Residency geben, nach dem Vorbild Estlands, und wer investiert, erhält die Staatsbürgerschaft.

Das soll der rechtliche Rahmen werden, der bis Ende des Jahres zu schaffen ist. Er könnte es einfach machen, ein Unternehmen in der ZAR zu gründen, ohne jemals einen Fuß in das Land gesetzt zu haben.

Als Belohnung locken vollständige Befreiungen für Steuern für Einkommen, Unternehmen und Kryptohandelsgewinne. Vermutlich gilt dies nur für Krypto-Unternehmen, eventuell nur in der Kryptowirtschaftszone Crypto Island.

Token, Token, Token

Darüber hinaus möchte die Regierung Token und Krypto-Crowdfunding für sich selbst nutzen. Sie möchte mit ihnen Public Private Partnerships finanzieren.

Eventuell kann man es sich so vorstellen: Unternehmen erhalten Token, die Anteile oder Gewinne an Infrastrukturprojekten repräsentieren, an welchen sie mitarbeiten, vielleicht Mauteinnahmen einer Straße oder Abfertigungsgebühren eines Hafens. Eventuell gibt es ICOs, um solche Projekte zu finanzieren. Da das ICO das mit Abstand mächtigste Instrument zur Kapitaleinholung ist, das jemals existierte, könnte dies spannend werden.

Noch attraktiver für ausländische Unternehmer dürfte eine andere Art von geplanter Token sein: Ein Token für Rohstoffe und Grundbesitz, welche die Regierung gegen Bitcoin verkauft.

Und damit wären wir wohl bei der Geopolitik.

Ressourcen tokenisieren

Die Zentralafrikanische Republik hat reiche natürliche Ressourcen. Die Präsentation erwähnt etwa Gold, Diamanten, Uran, Eisenerz, Kupfer, Koltan (daraus wird Tantal gewonnen), Kobalt, Nickel, Lithium und Petroleum. Die Deutsche Energieagentur nennt darüber hinaus Graphit, Ilmenit, Kaolin, Kyanit, Braunkohle, Mangan, Quarz, Rutil, Salz und Zinn.

Die meisten dieser Ressourcen sind allerdings noch nicht erschlossen. Der Bergbau beschränkt sich vor allem auf Gold und Diamanten.

Das Land sitzt auf einem ungeborgenen Schatz, der in der aktuellen Weltlage wertvoller ist als je zuvor. Es ist reich an Rohstoffen, ohne sie bisher abzubauen; und bei den Rohstoffen, die es abbaut, vor allem Diamanten, findet dies unter himmelschreienden Umständen statt, in der Regel ohne dass die Bevölkerung davon profitiert.

Mit ein Grund dafür dürfte die verbreitete Korruption und ein sehr zentralisierter Markt sein, auf dem eine Vielzahl von Kleinunternehmern Rohstoffe abbauen, aber nur sehr wenige Großhändler sie vertreiben.

Bisher konnte die ZAR ihren Rohstoffreichtum nicht nutzen, um den Lebensstandard zu heben. In der Liste des kaufkraftbereinigten Bruttosozialprodukts je Kopf ist das Land auf dem 226. von 228 Plätzen. Das freilich liegt nicht nur an postkolonialen ökonomischen Problemen, sondern auch an den Bürgerkriegen, die das Land bis zur ersten Präsidentschaft Touadera 2016 heimgesucht haben.

Mit der Crypto Initiative möchte die Regierung es nun ausländischen Unternehmern und Investoren erlauben, mit Bitcoin tokenisierte, noch im Boden liegende Rohstoffe zu kaufen. Krypto-Wale bekommen die Gelegenheit, sich eine noch unerschlossene Kupfer- oder Koltan-Mine im Herzen Afrikas zu kaufen und diese als Token in Metamask zu speichern.

Man könnte die Regierung nun natürlich verdächtigen, Krypto missbrauchen zu wollen, um die Rohstoffe des Landes ans Ausland zu verschachern. Kryptowährungen und Token machen es definitiv einfacher, Ressourcen zu verkaufen.

Allerdings ist der Status Quo so schlecht, dass nicht viel zu verlieren, aber sehr  viel zu gewinnen ist. Der Krypto-Hub könnte helfen, den Rohstoffreichtum zu erschließen. Er könnte den Handel dezentralisieren, internationalisieren und ankurbeln. Er könnte dazu beitragen, die Infrastruktur auszubauen, mit Straßen, Häfen, Flugzeugen, Schienen.

Damit könnte er zu einer Blaupause für andere Länder in einer ähnlichen Situation werden.

Eine digitale Zentralbank

Neben der Öffnung für Investoren hat die Krypto-Initiative aber noch eine sehr spezielle geopolitische Komponente: Das Land will eine digitale Nationalbank gründen, die „Banque National Digitale de la Republique Centrafricaine“ (BNDRC).

Die ZAR fordert damit die nachkoloniale Geldordnung heraus. Denn das Land selbst hat gar keine eigene Zentralbank. Stattdessen gibt die „Bank der Zentralafrikanischen Staaten“ (BEAC) mit Sitz in Kamerun den CFA-Franc heraus, der gesetzliches Zahlungsmittel in der ZAR, in Kameron, Chad, der Republik Kongo, Equatorial Guinea und Gabun ist.

Die BEAC ist für die Länder Zentralafrikas so etwas ähnliches wie die Europäische Zentralbank (EZB) für die Eurostaaten. Praktisch gesehen ist die BEAC eine Abteilung der EZB, da deren Geldpolitik auch in den CFA abfließt, der im Verhältnis 1:100 an den Euro gebunden ist.

Je nach Lesart schafft der CFA-Franc monetäre Stabilität in einer instabilen Region, weil er den Wert an den Euro bindet – oder er etabliert eine über das Ende des Kolonialismus hinausgehende wirtschaftliche Abhängigkeit von Frankreich.

„Ein Mittelfinger für das französische Wirtschaftssystem“

So klagt etwa Hippolyte Fofack, der Chef-Ökonom der Afrikanischen Export-Import-Bank, laut Financial Times, dass der CFA-Franc die Währungen in Afrika künstlich hoch halte. Dies helfe ausländischen Unternehmen, Profit abzuschöpfen, und lokalen Eliten, in europäischen Hauptstädten shoppen zu gehen. Es verhindere aber die Industrialisierung, da die Exportpreise nicht wettbewerbsfähig seien.

Fofack begrüßt das Bitcoin-Gesetz der Zentralafrikanischen Republik als Mittel gegen die Dominanz des CFA-Franc. Auch der CEO von Yellow Card, einer afrikanischen Kryptobörse, nennt das Gesetz „einen fetten ausgestreckten Mittelfinger für das französische Wirtschaftssystem.“

Allerdings lade diese Abkehr von Frankreich, befürchtet die Financial Times, andere Mächte ein. Etwa Russland. Präsident Toudera wird vorgeworfen, Rebellengruppen mithilfe von Söldnern der berüchtigten russischen Wagner-Gruppe niederzuhalten. So sei zu befürchten, dass das Krypto-Gesetz Russland helfe, seinen Einfluss auf das Land zu vertiefen, und irgendwie tröpfelt so der Ukraine-Krieg auch ins Herzen Afrikas herab.

Die BEAC schlägt zurück

Die BEAC, die Bank der Zentralafrikanischen Staaten, ist über die Krypto-Ambitionen der ZAR natürlich nicht sehr erfreut. Ihr Governeur Abbas Mahamat Tolli erklärte, durch das Krypto-Gesetz verletze ZAR die Mitgliedsbestimmungen der Zentralafrikanischen Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft und damit internationale Verträge.

Das Gesetz lege nahe, „dass es sein wichtigstes Ziel ist, eine Zentralafrikanische Währung zu schaffen, die außerhalb der Kontrolle der BEAC liegt; wahrscheinlich um daz gesetzliche Zahlungsmittel zu ersetzen oder zu ergänzen und damit die monetäre Stabilität zu gefährden.“

Was die BEAC tatsächlich von der staatlichen Souveränität ihrer Mitglieder hält, macht eine weitere Nachricht mehr als deutlich: Die an der Zentralbank ansässige Banking-Kommission von Zentralafrika (COBAC) hat am 6. Mai Kryptowährungen kategorisch in der CEMAC-Zone (Kamerun, ZAR, Kongo, Gabun, Guinea) verboten. Sowohl das Halten als auch das Bezahlen mit Kryptowährungen ist illegal, der Tausch oder die Verwaltung sowieso.

Um dem Verbot Nachdruck zu verleihen, bestimmte die BEAC kurz danach, dass Darlehensgeber nicht länger mit Zahlungsplattformen zusammenarbeiten dürfen, die Transfers mit Kryptowährungen ausführen oder diese auch nur als Asset anerkennen. Die Darlehensgeber müssen darüber hinaus Sorge tragen, dass auch keine indirekten Versuche stattfinden, Kryptozahlungen auszuführen. Dies sei wichtig, so Abbas Mahamat Tolli, um die finanzielle Stabilität zu erhalten.

In Zentralafrika braut sich gerade ein Währungskrieg zusammen. Und Bitcoin ist nicht nur mittendrin – Bitcoin macht ihn erst möglich.


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