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Der perfekte Sturm: Die US-Regierung und Kryptowährungen

Die US-Regierung greift gerade Bitcoin und Kryptowährungen von drei Richtungen aus an: Über die Zinsen, den Klimaschutz und die Wertpapiergesetze. Die kommenden Monate könnten turbulent werden – aber auch entscheidend.

Die größte Gefahr für Bitcoin geht derzeit vermutlich von der US-Regierung aus.

Auf der einen Seite erwarten Analysten, dass die US-Zentralbank Federal Reserve im September, Oktober, November und auch Dezember weiter ihre Zinsen erhöhen wird. Dies werde, so Analysten von Goldman Sachs, dem Wachstum in den Vereinigten Staaten einen Dämpfer verpassen.

Für Aktien, Kryptowährungen und andere Wertpapiere ist das in der Regel eine schlechte Nachricht. Je höher die Zinsen, desto weniger stark wächst die Geldmenge, und desto weniger gibt es überschüssiges Kapital, das einen Parkplatz sucht.

Wenn der Faktor Geld negativ wird, sagte die Börsen-Legende Andre Kostolany, wird sich auch die psychologische Verfassung des Publikums zum Negativen wenden. „Ohne frisches Geld kann die Börse nicht steigen, selbst wenn die Nachrichten von der Wirtschaftsfront noch so positiv sind.“

Und da Bitcoin seit einigen Jahren mit den Bewegungen des Aktienmarktes synchron schwimmt, könnte diese „Zinswende“ weiterhin die Stimmung auf den Krypto-Märkten beeinträchtigen.

Manche Analysten prognostizieren daher, dass der Bitcoin-Preis auf bis zu 12.000 Dollar fallen wird.

Eine Fülle an Knüppel

Aber das ist nicht die einzige Bedrohung. Schärfer könnte das Schwert schneiden, welches die Regierung Biden derzeit in die Hand nimmt. Sie fordert die Regulierer auf, Regeln in der Branche entschiedener durchzusetzen.

Schon am 9. März hat der Präsident eine „Executive Order“ herausgegeben, zu deutsch: eine „Durchführungsverordnung“, welche einen Regulierungsansatz für die Krypto-Branche vorschlägt, der die Risiken adressiert, aber die Vorteile erhält. Nun, sechs Monate später, berichtet das Weiße Haus in einer Pressemitteilung vom 16. September vom Fortschritt.

Aufseher verschiedener Behörden haben zusammengearbeitet und einen Katalog mit „Schlüssel-Prioritäten“ herausgearbeitet. Diese umfassen den Verbraucher- und Investorenschutz, die Finanzstabilität, die Bekämpfung illegaler Finanzströme, die Wettbewerbsfähigkeit der USA, die finanzielle Inklusion sowie verantwortungsvolle Innovation.

In neun Berichten hat die Regierung Rat von Stakeholdern, Politikern, Branchenvertretern und Akademikern eingeholt. Alle Berichte fordern die Regierung auf, nicht das Innovationspotenzial von Kryptowährungen zu verschenken – mahnen aber auch, die Risiken durch geeignete Maßnahmen zu reduzieren. Sie schlagen eine Fülle an Knüppel vor, welche die Regierung der Branche zwischen die Beine werfen soll.

Verbraucherschutz, Umweltschutz und Geldwäsche

Wenn man ernst nimmt, was die Regierung schreibt, erwartet die Kryptobranche in den USA keine einfache Zukunft. Es ist komplex, die Gesamtzahl der diskutierten und beschlossenen Maßnahmen aufzuzählen. Daher begnügen wir uns hier mit Auszügen.

So beklagt der Bericht etwa eine Vielzahl an Betrügereien und Verlusten im Markt für „Krypto-Assets“. Regulierer wie die SEC oder die CFTS sollen „aggressiv Untersuchungen vorantreiben und gegen gesetzeswidrige Praktiken vorgehen.“ Sie sollen ihre Bemühungen intensivieren, auf Verbraucherbeschwerden zu reagieren. Die Folge könnte ein strengeres Kontrollregime und mehr Gerichtsverfahren sein.

Das Umweltministerium der USA möchte den Einfluss digitaler Assets auf die Umwelt genauer beobachten und protokollieren. Es will lokale Behörden dabei unterstützen, Umweltschäden durch Kryptowährungen – vermutlich durch Mining – zu verhindern und zu bewältigen. Zugleich erkennt das Weise Haus an, dass Chancen existieren, digitale Assets in den Dienst der Transformation zu einer emissionsfreien Ökonomie zu stellen.

Damit immerhin nimmt die Regierung einen etwas günstigeren Standpunkt ein als das „Büro für Wissenschaft und Technologie“, das vor kurzem einen Bericht zum ökologischen Fußabdruck von Kryptowährungen veröffentlicht hat. In diesem fordert es ökologische Standards für ein nachhaltiges Design von Kryptowährungen, darunter auch einen geringen Energieverbrauch. Als härteste Maßnahme soll „die Nutzung von energieintensiven Konsens-Mechanismen für das Mining von Krypto-Assets begrenzt oder beseitigt“ werden. Wie in der EU wird in den USA also über ein Verbot von Proof of Work nachgedacht.

Auch der Kampf gegen Geldwäsche soll intensiviert werden. Der Bank Secrecy Act soll in vollem Umfang für Börsen sowie Plattformen gelten, auf denen NFTs gehandelt werden. Bis Febraur 2023 soll das Finanzministerium eine umfassende Einschätzung der Risiken durch DeFi (Decentralized Finance) abgeben, bis Juli von NFTs.

Ethereum, ein Security?

Zugleich schlägt Gary Gensler, Vorsitzender der Börsenaufsicht SEC, gegenüber Ethereum neue, scharfe Töne an. Das Upgrade zu Proof of Stake könne zur Folge haben, so Gensler, dass Ethereum als Security reguliert wird, also als Wertpapier.

Dass die Transaktionen nun nicht mehr durch Miner verifiziert werden, sondern durch Ethereum-Holder, die ihre Coins staken, sei laut dem SEC-Vorsitzenden „ein weiterer Indikator, dass es den Howey-Test besteht, weil die investierende Öffentlichkeit auf Profite hofft, die durch Bemühungen von anderen entstehen.“ Er betonte, er würde nicht über eine spezifische Kryptowährung sprechen, auch wenn die Andeutung unübersehbar ist.

Gensler bekräftigte zudem seine Überzeugung, die allermeisten Kryptowährungen seien Wertpapiere. „Von beinah 10.000 Token im Kryptomarkt“ seien, so Gensler, „die völlige Mehrheit Securities und damit Objekt der Wertpapiergesetze.“ Diese verlangen unter anderem, dass „diese Transaktionen registriert werden oder entsprechende Ausnahmen einholen.“

Diese Haltung der SEC äußerst sich auch in einem Gerichtsprozess, den der Regulierer gegen einen Krypto-Influencer wegen einer ICO eingeleitet hat. In der Klageschrift erklärt die SEC, dass die Transaktionen der ICo durch die Ethereum-Knoten validiert wurden, welche gehäuft in den USA stehen, weshalb die Transaktion effektiv in den USA stattfand. Damit beansprucht die Behörde, die Aufsichtskompetenz über ALLE Transaktionen auf Ethereum zu haben.

Der perfekte Sturm

Wir haben also eine Zentralbank, die die Zinsen erhöht und damit, wohl eher unabsichtlich, den Kurs von Bitcoin und anderen Kryptowährungen zum Fallen bringt.

Wir haben eine Regierung, die dem Vorschlag, Proof of Work (also Bitcoin) aus ökologischen Gründen zu verbieten, zumindest nicht gänzlich feindselig gegenübersteht.

Und wir haben eine Börsenaufsicht, die fast alle Kryptowährungen als Wertpapier (tot-)regulieren möchte.

Das alles könnte der perfekte Sturm werden: Die Preise stürzen ein, Bitcoin wird wegen Proof of Work verboten, Ethereum als Security totreguliert. Ich glaube, so bedrohlich sah die regulatorische Front noch niemals aus.

Die kommenden 12 Monate werden ohne Zweifel interessant. Wenn Bitcoin und Ethereum sie überstehen, dürfte es nichts mehr geben, was die Revolution der Kryptowährungen aufhalten kann.


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5 Kommentare zu Der perfekte Sturm: Die US-Regierung und Kryptowährungen

  1. Aber natürlich werden Bitcoin und Ethereum die nächsten 12 Monate überstehen. Es stellt sich eher die Frage was von unserer bisherigen „finanziellen Infrastruktur“ den kommenden Zins- und Nachfrage-Schock überstehen wird.

  2. TANTUM-QUANTUM // 21. September 2022 um 14:49 // Antworten

    Alles richtig. Dennoch: der Geist ist aus der Flasche, und er wird sich nicht wieder hineinzwängen lassen.

  3. Regulierungen hin, Regulierungen her, haben wir nicht auch an der FIAT Front Probleme, welche den Staaten auf den Nerv gehen? Zugegeben, das sieht nach „Fetzen fliegen“ aus, aber wir haben doch, was angestrebt wurde: Die Finanzwelt beschäftigt sich eingehend mit dem neuen Geld … für eine neue Zeit. Da muss man wohl durch. Hoffen wir, das im Endergebnis sich was positives ergibt, wenn vielleicht auch etwas anders, als man es zunächst angenommen bzw. geplant hat. Danke für die „Pandora“ Übersicht…

  4. Regulierung klingt negativ ist aber essentiell in einer Gesellschaft. Erst die Regulierung macht Krypto massentauglich. Dies wird nicht das Ende von Krypto, es wird das Ende einer gewissen Investorengruppe und der Anfang von etwas großen. Die Regulierung und die makroökonomischen Umstände werden gewisse Hochrisikoinvestoren vertreiben und die Preise werden fallen, aber es werden neue, vertrauenswürdige, eventuell sogar gesellschaftlich nützliche Investoren übernehmen und Krypto zu etwas grossen machen. Das hoffe ich zumindest. 🙂

  5. Ich denke, man sollte sich nicht verrückt machen lassen. Am besten wie mit Aktienfonds: Augen zu und nicht beachten, bis man das investierte Geld wirklich wieder braucht. Oder natürlich: jetzt noch was dazu kaufen!

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