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„Schlechte Akteure haben unsere Branche verwüstet, und die Ansteckungseffekte reichen weit.“

Verheerter Wald. Bild von John Loo via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Das Drama um Genesis, Gemini und die Digital Currency Group geht in die nächste Runde: Barry Silbert von der DCG bricht sein Schweigen, die DCG macht Gläubigern ein Angebot, das auf wenig Gegenliebe stößt, und schließlich schaltet sich auch die Börsenaufsicht SEC ein.

Das Jahr 2022 hinterlässt Spuren. In diesem Jahr gab es mehrere unschöne Pleiten, von denen die des Hedgefonds Three Arrows Capital (3AC) und der Börse FTX den verheerendsten Einfluss hatten.

Das Jahr ist vorbei und die Krypto-Kurse steigen wieder. Doch während Investoren vorsichtig aufatmen, halten die Nachwirkungen der Pleiten den Markt weiterhin im Griff. Der Fall, der gerade am meisten Aufmerksamkeit erhält, ist der Streit zwischen der US-Börse Gemini und der Lending-Plattform Genesis bzw. deren Mutterfirma Digital Currency Group (DCG).

Wir haben darüber schon ausführlich berichtet, daher hier die Kurzfassung: Genesis hat Darlehen an diverse Krypto-Unternehmen vergeben und wurde dann, im Zuge der Krise, von schwerwiegenden Zahlungsausfällen heimgesucht. Dies bringt Genesis selbst in Zahlungsverzug, beispielsweise gegenüber den Kunden der Börse Gemini, die über das Earn-Programm ihr Geld verzinsen konnten.

Die Digital Currency Group, ein zentrales Unternehmen der Kryptomärkte, versucht nun, einen so hohen Zaun wie möglich zwischen sich und Genesis zu stellen, damit die Ansteckungseffekte nicht auf sie selbst zugreifen. Doch genau das fordert Gemini-Mitgründer Taylor Winklevoss in einem offenen Brief an DCG-Geschäftsführer Barry Silbert: Die DCG solle die Genesis-Gläubiger entschädigen.

Der Brief endete mit einem Ultimatum für eine gütliche Einigung, das am 8. Januar auslief. Was danach geschieht, ist öffentlich bisher nicht bekannt.

Mit einem offenen Brief wendet sich nun der zentrale Akteur der Geschichte, Barry Silbert, an die Shareholder.

„Eine Welle beispiellosen Betrugs und kriminellen Verhaltens, wie ich sie in meiner ganzen Karriere noch nicht erlebt habe.“

Der offenen Brief ist einzigartig. Barry Silbert, der seit rund einem Jahrzehnt im Zentrum des Krypto-Marktes sitzt, hat sich noch niemals so ausführlich zu Wort gemeldet. Gleichzeitig bleibt die Informationsdichte des Briefes sehr gering.

Barry gibt zu, dass das zurückliegende Jahr „das schwierigste in meinem ganzen Leben“ gewesen war, sowohl persönlich als auch beruflich: „Schlechte Akteure haben unsere Branche verwüstet, und die Ansteckungseffekte reichen weit.“ Besonders betroffen habe ihn aber, dass „meine Integrität und guten Intentionen in Frage gestellt wurden“, nachdem er ein Jahrzehnt lang alles für das Unternehmen und den Markt gegeben habe.

Die DCG, versichert er, arbeite weiter daran, an der Spitze zu bleiben und ein besseres Finanzsystem aufzubauen. Auf den gegenwärtigen Zustand des Marktes reagiert sie mit massiven Kosteneinsparungen, etwa durch den Abbau von Personal oder der Auflösung der Tochterfirma HQ.

Für 2023 stehe der ganzen Branche eine Menge Arbeit bevor, um die Scherben aufzulesen und die Glaubwürdigkeit wieder zu gewinnen, welche „vollständig zerstört wurde durch eine Welle beispiellosen Betrugs und kriminellen Verhaltens, wie ich sie in meiner ganzen Karriere noch nicht erlebt habe.“

Barry findet sehr klare Worte, um zu verurteilen, was andere getan haben – nimmt aber mit keinem Wort Bezug darauf, welchen Anteil seine Unternehmen hatten und welchen konkreten Beispiel er leisten kann und will, um die Folgen der Krise zu kitten. Lediglich die FAQ, die dem Brief folgt, geht ein kleines Stück mehr ins Eingemachte, etwa wenn sie die Beziehung des Unternehmens zu anderen erklärt.

Hier wird vor allem betont, dass die DCG und Barry Silbert so gut wie keine Beziehung zu FTX, Sam Bankman-Fried, Alameda Research, 3AC und Terra hatten, allein Genesis habe eine „eine Trading- und Lending-Beziehung“ zu Alameda und 3AC unterhalten, die jedoch nicht weiter erklärt wird. Vermutlich dient auch dies dem Zweck, einen Mauer zwischen der DCG und Genesis hochzuziehen, so dass die Effekte der Pleiten bei Genesis versanden können.

Die Informationen bleiben somit vage und dünn. Vor allem berühren sie nicht das zentrale Thema, um das es gerade geht: Wie kann und wird Genesis seine Schulden zurückzahlen? Werden diejenigen, die durch das Earn-Programm Geld verloren haben, entschädigt? Wird sich die DCG daran beteiligen?

Ein Hinweis darauf kommt aus einer anderen Quelle.

Ein nicht akzeptables Angebot

Die niederländische Börse Bitvavo erklärte schon im Dezember, von den Zahlungsproblemen bei Genesis betroffen zu sein. Man habe 280 Millionen Euro an Genesis bzw. die DCG geliehen. Diese jedoch bedrohen nicht die Solvenz der Börse.

In einem Update am 10. Januar erklärte Bitvavo nun, von der DCG das Angebot erhalten zu haben, ungefähr 70 Prozent der ausstehenden Forderungen zu begleichen. Dies sei jedoch nicht akzeptabel, „weil die DCG ausreichend Mittel hat, um den Betrag vollständig zurückzuzahlen.“ Damit ist Bitvavo auf Linie mit Gemini, das ebenfalls verlangt, dass die DCG einspringt.

Dies schlägt sich auch im Wording durch: Schon im Dezember erklärte Bitvavo, man habe „Dienstleistungen von der Digital Currency Group und ihren Tochterfirmen („DCG“) benutzt, um den Kunden Offchain-Staking anzubieten. Die DCG läuft gerade durch Liquiditätsprobleme wegen der gegenwärtigen Turbulenzen am Kryptomarkt.“

So wie die DCG versucht, sich von Genesis abzugrenzen, um nicht für deren Schulden bezahlen zu müssen, so sehr versuchen die Gläubiger, diese Grenze niederzureissen – damit DCG die Schulden der insolventen Firma ausgleicht.

Konsequenterweise erwähnt Bitvavo im Januar-Update auch den offenen Brief von Gemini an Barry Silbert und bestätigt die darin geäußerte Hoffnung, dass eine einvernehmliche Lösung gefunden werden kann.

Die Frage, die nun im Raum steht, ist natürlich: Haben auch andere Gläubiger dieses Angebot erhalten? Hat Genesis nur noch die Mittel, um 70 Prozent der Verbindlichkeiten zu bedienen? Wird ein solcher Cut die Krise beenden? Oder werden die am Earn-Programm teilnehmenden Börsen eine Art Sammelklage lancieren?

In jedem Fall erlaubt die kurze Info von Bitvavo einen Blick hinter die Kulissen – es wird bereits darum gerungen, wer was zurückzahlt. Dabei sind sich sowohl Gemini als auch Bitvavo darüber einig, dass allein Genesis an dem Debakel Schuld ist, und dass es die Pflicht der Digital Currency Group sei, die Schulden der Tochterfirma vollumfänglich mit allen verfügbaren Mittel zu begleichen.

„Es hätte bei der Kommission angemeldet werden sollen“

Damit aber machen es sich die Börsen zu einfach: Sie haben ihren Kunden das Earn-Programm verkauft, sie haben davon profitiert, sie hätten die Risiken kennen und ihre Kunden über diese aufklären müssen. Indem sie alle Schuld auf die DCG abwälzen, stehlen sie sich ein Stück zu leicht aus der Verantwortung.

Auch die US-Börsenaufsicht SEC sieht dies so. Sie klagt nun sowohl Genesis als auch Gemini dafür an, mit dem Earn-Programm unregistrierte Wertpapiere verkauft zu haben.

Ab Februar 2021, so die SEC, haben Genesis und Gemini das Earn-Programm angeboten. Dabei wurden die Krypto-Assets von Gemini-Usern an Genesis weitergeleitet, wobei Gemini die Transaktion ausführte. „Gemini verlangte dafür eine Gebühr, manchmal bis zu 4,29 Prozent, von den Erträgen, die Genesis auszahlte.“

Die SEC behauptet nun, dass das Earn-Programm „ein Angebot und Verkauf einer Security unter gültigem Recht“ sei. Es hätte „bei der Kommission angemeldet werden sollen.“

Über Christoph Bergmann (2450 Artikel)
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2 Kommentare zu „Schlechte Akteure haben unsere Branche verwüstet, und die Ansteckungseffekte reichen weit.“

  1. Was hat Truck Stop gesungen? Der Wilde wilde Westen fängt im Crypto Space an. Man könnte auch sagen, das einzige was größer ist als Gier ist Dummheit. Jeder mit jedem ich leihe dir mal Millione hier und Millionen da. Ein bekannter You Tuber sagte erst, ich hoffe und glaube BTC fällt dieses Jahr noch unter 10k den. Nur wenn der ganze Müll aus dem Space geschwemmt wird kann sich BTC Nachaltig und Dauerhaft erholen, auch wenn er es sich nicht Wünscht aber wenn dieser Fond mit 600k Bitcoin kollabiert ist Chaos angesagt.

  2. Genesis Global Holdco LLC, Genesis Global Capital, LLC und Genesis Asia Pacific Pte. Ltd. beantragten am 19.1.2023 Insolvenzschutz nach Chapter 11.
    Genesis Global Trading setzt den Handel fort. Genesis Global Capital har mehr als 100.000 Gläubiger. Genesis schuldet den 50 großen Gläubigern (Gemini, VanEcks New Finance Income Fund, MoonAlpha Finance, Mirana und Cumberland) rund 3,5 Milliarden USD.

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