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Krypto wird zu groß für Nigeria – Binance verlässt den Markt

In Nigeria kann man beobachten, was passiert, wenn Krypto zu groß für eine Volkswirtschaft wird. Die Regierung wirft Binance vor, die Rolle der Zentralbank für den Naira zu spielen und den Kurs der nigerianischen Währung manipuiert zu haben. Die Börse zieht sich daraufhin aus dem Land zurück – was aber für weitere Turbulenzen sorgen könnte.

Die Kryptobörse Binance zieht sich aus Nigeria zurück, nachdem die Regierung drohte, sie um 10 Milliarden Dollar zu verklagen.

Um die Tragweite dieser Nachricht zu verstehen, sollte man wissen, dass Nigeria im Jahr 2022 Staatseinnahmen von nur 42 Milliarden Dollar hatte. Wenn das Land Binance für 10 Milliarden Dollar verklagen würde, entspräche das fast einem Viertel der Staatseinnahmen.

Es geht in der Affäre auch um enorme Summen: Ende Februar erklärte der Gouverneur der nigerianischen Zentralbank, Olayemi Cardoso, dass über die Börse Binance im vergangenen Jahr 26 Milliarden Dollar „nicht nachvollziehbarer“ Geldströme geflossen seien, welche die Regierung nicht „angemessen identifizieren“ könne und die „im besten Fall verdächtig“ seien.

Zum Vergleich: Der gesamte Remittance – also die nach Nigeria zurückfließenden Einkünfte von Gastarbeitern im Ausland, eine wichtige Einkommensquelle für das Land – betrugen lediglich 24 Milliarden Dollar. Krypto-Transaktionen machen laut einer Statistik bereits zwölf Prozent von Nigerias Bruttosozialprodukt aus.

In Nigeria haben Koch und Kellner die Rollen gewechselt. Krypto ist größer als das Land, und selbst eine einzige Börse, die in Nigeria lediglich einen für ihre Verhältnisse mäßig bedeutsamen Marktplatz betreibt, bekommt ein volkswirtschaftliche Gewicht, das das ganze Land mit sich ziehen kann. Und laut der Regierung und Zentralbank des Landes geschah genau dies.

Ein zweites Simbabwe?

Ein Sprecher des Präsidenten, Bayo Onanuga, sagte der BBC, dass Binance die Tauschraten des nigerianischen Naira manipuliere. Der Naira ist chronisch instabil, litt aber insbesondere in den vergangenen Monaten, in denen er um rund 70 Prozent abwertete. Folgt man dem Chart, deutet sich hier der Einlauf in die Hyperinflation an; Nigeria könnte ein afrikanisches Venezuela werden, oder eben ein zweites Simbabwe.

Die Zentralbank hatte bisher den Wechselkurs an offizielle Raten gebunden, die vom Dollar abhängen. Präsident Bola Tinubu, der im vergangenen Jahr die Regierung übernahm, gab jedoch diese Bindung im Juni auf. Der Naira fiel fast sofort von 0,22 auf 0,13 Dollar-Cent, stabilisierte sich jedoch auf diesem Niveau bis zum Jahresende. Ende Januar wertete er jedoch erneut ab, um nun bei etwa 0,062 Dollar-Cent zu stehen.

Man könnte nun meinen, dass der Kollaps des Naira darauf zurückgeht, dass sein Kurs dem Spiel von Angebot und Nachfrage ausgesetzt ist. Angesichts der steigenden Verschuldung des Landes und der ständigen Devisenknappheit wäre dies nicht allzu unwahrscheinlich. Onanuga bestreitet dies jedoch: „Der Preis des Naira ist wie aus heiterem Himmel eingebrochen“, erklärte er der BBC, „und dies wurde durch Akteure auf der Binance-Plattform verursacht.“

Kryptobörsen wie Binance wurden während der vergangenen Jahre wichtige Plattformen in Nigeria, um die inoffiziellen Marktraten für den Naira zu bestimmen. In der Regel wich dieser inofizielle Wechselkurs weit von dem ab, den die Zentralbank vorgibt; seit der Liberalisierung der Kurse sind sie aber fast identisch.

Damit brach vermutlich eine Einkommensquelle für Trader und Marketmaker weg, die bisher gut damit verdient hatten, offizielle und inoffizielle Preise zu arbitragieren. Möglicherweise haben diese die Stellung von Binance genutzt, um den Wechselkurs des Naira zu manipulieren und dadurch eine neue Einnahmen zu erschließen.

Die Lage spitzt sich zu

Ende Februar spitzte sich die Situation zu. Der Naira fiel auf Binance auf ein Tief von 1.900 NGN für einen Dollar – also rund 0,05 Dollar-Cent und damit etwa 20 Prozent unter den sonstigen Raten – woraufhin die Plattform am 21. Februar den Handel von Naira gegen Tether-Dollar kurzzeitig aussetzte und limitierte.

Binance sei ein Marktplatz, schrieb die Börse am 21. Februar, „und keine Plattform für die Preisfindung.“ Um die User zu schützen, pausiere das System automatisch, wenn es zu starken Kursschwankungen komme. Dies sei in der letzten Nacht geschehen. Man habe nun einige Anpassungen vorgenommen, etwa die automatische Entfernung abnormaler Preise, und den Handel wieder gestartet.

Onanuga wirft Binance hingegen vor, die Wechselkurse für den Naira willkürlich zu setzen und damit die Rolle der Zentralbank zu übernehmen. „Kryptowährungen sollten in unserem Land verboten werden,“ forderte er, „ansonsten wird unsere Währung weiter ausbluten.“ Die Lage ist tatsächlich dramatisch: Der Internationale Währungsfonds warnt vor einer Hungerkrise, und es kommt offenbar schon zu ersten Revolten und Plünderungen aus der Not heraus.

Einen Tag, nachdem Binance den Handel ausgesetzt hatte, reagierte die Regierung mit aller Härte: Sie befahl den Telekommunikationsunternehmen, den Zugang zu drei Börsen zu blockieren oder zu beschränken, nämlich zu Kraken, Coinbase und natürlich Binance. Sie lud auch mehrere Mitarbeiter von Binancen zum Verhör, und Onanuga brachte gegenüber BBC die Idee ins Spiel, die Börse auf Schadenersatz um 10 Milliarden Dollar zu verklagen.

Ausstieg mit extrem knappen Fristen

Binance räumt zwar ein, dass man unter erhöhter Beobachtung durch die Zentralbank von Nigeria stehe, welche ihre Sorge vor verdächtigen Zahlungsströmen zum Ausdruck gebracht habe. Dass die Regierung die Börse allerdings auf 10 Milliarden Dollar verklagen würde, weist sie zurück; sie habe davon nichts gehört. Onanuga betonte später, er habe nicht von einer tatsächlich anstehenden Klage gesprochen, sondern von einem möglichen Betrag, den die Regierung einfordern könnte.

Dennoch reagierte Binance entschlossen: Die Börse erklärte am 5. März, dass sie sämtliche Dienstleistungen in Nigeria einstellen wird. Die User werden aufgefordert, ihre Naira abzuziehen, zu handeln oder in andere Kryptowährungen zu konvertieren. Der Zeitplan des Delistings ist selbst für die Kryptobranche ungewöhnlich straff: Einzahlungen werden sofort abgestellt, Auszahlungen ab dem 8. März nicht mehr unterstützt. Naira-Guthaben werden dann von Binance gegen USDT gewechselt, gegen eine Standardrate von 1.515 Naira je Dollar, was dem Durchschnittpreis der letzten sieben Tage bildet. Anschließend werden alle Paare delistet, in denen der Naira vorkommt.

In gewisser Weise schließt Binance im Schlechten, aber mit Anstand mit dem Naira und dem Standort Nigeria ab. Die ungewöhnlich kurze Gnadenfrist droht, Turbulenzen auszulösen, mit dem Fixpreis verhindert Binance zwar, dass dies den Kurs auf der eigenen Plattform manipuliert, was aber auch zur Vorlage weiterer Manipulationen werden könnte. Dramatisch könnte zudem werden, dass mit dem Ende des Naira-Marktplatzes auf Binance sich auch ein Tor schließt, um den strauchelnden Naira gegen den stabilen Tether zu wechseln.


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Über Christoph Bergmann (3247 Artikel)
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2 Kommentare zu Krypto wird zu groß für Nigeria – Binance verlässt den Markt

  1. „Krypto wird zu groß für USA – FED verlässt den Markt“

    Das wäre dann in zehn Jahren der Titel.

  2. Nigeria oder El Salvador – Entwicklungsländer an der Weggabelung.

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