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Nun nennt sich Trump also „Krypto-Präsident“

Donald Trump (2016). Bild von Gage Skidmore via Flickr.com. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Im gerontokratischen Wahlkampf ums mächtigste Amt der Welt wird Krypto immer wichtiger. Donald Trump versteht es, das für sich zu nutzen – und hat laut einem Prediction Market klar die besseren Chancen.

Nun hat er es also getan: Der ehemalige und möglicherweise künftige US-Präsident Donald Trump hat sich selbst einen „Krypto-Präsidenten“ genannt.

Ihr braucht übermenschlich viel Phantasie, aber bitte, versucht es und stellt euch vor: Olaf Scholz – oder, um es weniger absurd zu machen, zumindest ein kleines bisschen – Friedrich Merz würde sich einen „Krypto-Kanzler“ nennen. Oder Ursula von der Layen eine Krypto-Kommissarin.

Deutschland und die USA trennt eben nicht nur ein Atlantik. Hierzulande spielt Krypto weder in Bundes- noch Landtagswahlen eine Rolle, und auch bei der Europawahl war es keinem Kandidaten auch nur eine einzige Silbe wert. In den USA hingegen hat es Krypto brachial in die Agenda des Wahlkampfes für die Wahl des Präsidenten am 5. November 2024 geschafft.

Nur ein Stückchen übertrieben könnte man sagen, dass die Kontrolle über die mächtigste Armee der Welt womöglich durch die Haltung zu Bitcoin und Krypto entschieden wird.

Die Golden Gate Bridge in San Francisco. Bild von verygreen via flickr.com. Lizenz: CC BY-2.0

Dass wir als Bitcoinblog das faszinierend finden, versteht sich von selbst; ein Grund, die USA oder Donald Trump zu verherrlichen, liegt darin freilich nicht. Allein die Umstände, unter denen Trump sich selbst einen „Krypto-Präsidenten“ genannt hat, sind auf eine Weise fragwürdig, die in der EU kaum denkbar ist: Trump hat von Tech-Risikokapitalgebern zwölf Millionen Dollar Wahlkampfgelder eingeholt, wofür er eine Veranstaltung besuchte, die im Haus von David Sacks im San Franciscos schickem Stadtteil Pacific Heights stattfand, schön mit Blick auf die Golden Gate Bridge.

David Sacks, ehemals PayPal-COO und Host des „All In“-Podcasts, ist, folgt man seinem Twitter-Account, mehr oder weniger DIE Stimme des Kremls in den USA. Seit Russland die Ukraine überfallen hat, verbreitet er nahezu ununterbrochen und ohne eine kritische Ader die russischen Narrative; er wettert vehement gegen jede Hilfe für die Ukraine, sich gegen die Invasion zu wehren.

Bei diesem Rendevouz mit Tech-Milliardären sagte Trump laut einer Republikanerin, er sei gegenüber Krypto „sehr unterstützend“. Ein anderer Anwesender, Jacob Helberg, Berater und Analyst bei Palantir – eine durch und durch umstrittene Softwarefirma – berichtete, Trump habe versprochen, er werde „den Biden-Kreuzzug gegen Krypto innerhalb einer Stunde nach Beginn seiner zweiten Amtszeit stoppen“.

Tatsächlich dürfte von Trump und den Republikanern eine eher krypto-freundliche Politik zu erwarten sein, während der von Amtsinhaber Joe Biden ernannte SEC-Vorsitzende Gary Gensler in der Krypto-Szene eher den Ruf eines Leibhaftigen genießt, der, wenn man ihn ließe, 9 von 10 Coins in den Boden stampfen würde.

Fairerweise muss man aber auch zugeben, dass unter Gary Gensler und Joe Biden die Bitcoin-ETFs zugelassen wurden, die USA ihre Stellung als weltweit wichtigster Standort für Krypto erhalten und ihre Dominanz im Mining ausbauen konnte. Wenn die demokratische Regierung dies schon nicht bewirkt hat, so hat sie es doch nicht verhindert.

Auch hätte Trump in seiner letzten Amtszeit, die noch gar nicht so ungeheuer lang her ist, mehr als genügend Gelegenheiten gehabt, krypto-freundlich zu agieren, oder zumindest mal ein nettes Wort zu sagen. Dass er dies versäumte, dass er seine ganze Liebe zu Krypto für den Wahlkampf aufsparte, zeigt … dass es ihm vielleicht doch nur um den Wahlkampf geht.

Nichtsdestotrotz scheint ein relativ großer Teil der Krypto-Branche deutlich stärker hinter Trump als hinter Biden zu stehen. Das beginnt schon damit, dass Trump in seiner Wahlkampfkampagne Krypto-Spenden akzeptiert, während Bidens Team sich dazu noch nicht mal äußern möchte. Es geht damit weiter, dass die Lobbygruppe „Stand with Crypto„, die auch von Coinbase-CEO Brian Armstrong mitgegründet wurde, sich zwar nicht explizit hinter Trump stellt, aber doch vehement gegen die Politik von Biden spricht – und damit ausdrücklich Swing States adressiert.

Brian Armstrong mag es aufrichtig meinen, wenn er sagt, die Gruppe sei neutral und schlage in beiden politischen Lagern die Trommel für Kryptowährungen. Doch ihr Agieren dürfte klar bei Trump einzahlen, schon allein, weil der nach seinen Versprechen, Biden dagegen nach seiner Politik beurteilt wird.

Auf Prediction Markets wie Polymarket spiegelt sich diese Stimmung wider. Dort wurden mittlerweile 165 Millionen Dollar auf den Ausgang der Wahl am 5. November gesetzt. Donald Trump wird eine Chance von 56 Prozent eingeräumt, Joe Biden hingegen nur 34. Die verbleibenden 10 Prozent fallen fast vollständig auf andere demokratische Kandidaten, etwa Kamela Harris, Michelle Obama oder Gavin Newsom. Das drückt wohl die morbide Erwartung aus, dass Joe Biden die nächste Legislaturperiode weder im Weißen Haus noch im Senat erleben wird, sondern aus einer Seniorenresidenz oder einem Holzappartement heraus.

Vermutlich werden künftige Historiker mit einer gewissen Irritation auf unsere Zeit blicken. Da versucht ein zum Wahltag 82-jähriger Präsident Biden sein Amt gegen den 78-jährigen Donald Trump zu verteidigen, während in der EU die mit 65 Jahren schon fast jugendliche Ursula von der Leyen eine weitere Amtszeit als Kommissionspräsidentin antritt, und in Deutschland im kommenden Jahr ein 67-jähriger Olaf Scholz mit großer Wahrscheinlichkeit gegen einen 70-jährigen Friedrich Merz verlieren wird.

Gleichzeitig überzieht ein 72-jähriger Wladimir Putin von Russland aus die Ukraine mit Krieg, wobei er die Unterstützung des 70-jährigen Xi Jinping genießt, während in Israel ein 74-Jähriger Bibi Netanjahu versucht, den Terror aus dem Gazastreifen zu stoppen, dabei aber vermutlich nur noch mehr Terror entzündet.

Die künftigen Historiker werden unsere politische Wirklichkeit wohl als eine Gerontokratie beschreiben: Als eine Zeit, in der Männer in einem Alter, in dem man normalerweise von Pflegeheimen, Treppenliften und Führerscheinabgabe spricht, die mächtigsten Staaten der Welt führen, und dabei oft noch nicht mal weise, milde und besonnen sind, sondern von Zorn und Kriegslust schäumen.


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6 Kommentare zu Nun nennt sich Trump also „Krypto-Präsident“

  1. Die künftigen Historiker werden unsere politische Wirklichkeit wohl als eine Gerontokratie beschreiben: Als eine Zeit, in der Männer in einem Alter, in dem man normalerweise von Pflegeheimen, Treppenliften und Führerscheinabgabe spricht, die mächtigsten Staaten der Welt führen, und dabei oft noch nicht mal weise, milde und besonnen sind, sondern von Zorn und Kriegslust schäumen.

    So herrlich zutreffend formuliert hab ichs noch nirgendwo gelesen.

  2. Auch hätte Trump in seiner letzten Amtszeit, die noch gar nicht so ungeheuer lang her ist, mehr als genügend Gelegenheiten gehabt, krypto-freundlich zu agieren, oder zumindest mal ein nettes Wort zu sagen. Dass er dies versäumte, dass er seine ganze Liebe zu Krypto für den Wahlkampf aufsparte, zeigt … dass es ihm vielleicht doch nur um den Wahlkampf geht.

    Yep, … aber genau deshalb denke ich, dass es schon eine Art Verzweiflungstat ist, sich der Krypto-Community so anbiedern zu müssen. Anscheinend ist sich Trump doch nicht so sicher, dass es ihm diesmal wieder gelingen wird, zum Präsident gewählt zu werden.

    Dem Lebensstil nach zu urteilen, würde es mich auch nicht wundern, wenn Trump am Ende noch vor dem vier Jahre älteren Biden das Zeitliche segnen würde. Dass junge, und in der neutralen Schweiz ausgebildete, Staatenführer zwangsläufig die bessere Wahl sein sollten, lässt sich gut am Beispiel Nordkorea widerlegen.

    • Ulli-Bukkake // 12. Juni 2024 um 0:30 // Antworten

      Es gibt so gute junge Politiker die das Programm „Young Global Leader“ durchlaufen haben und die besten Vorraussetzungen haben,solche Positionen einzunehmen.
      Justin Trudeau aus Kanada,Macron in Frankreich oder bei uns Frau Baerbock und Herr Spahn zb,das sind „junge“ Führungskräfte,die Elite Universitäten durchlaufen haben und verstehen,dass in einer globalisierten Welt Abschottung ala Donald Trump nicht funktioniert.
      Wir können hier in Europa noch froh sein,dass Davos mit dem Weltwirtschaftsforum sich um eine gerechtere Welt kümmert.
      Trump ist Klimawandel egal,Migranten sind Aliens und letztendlich lässt er die Ukraine im Stich.
      Es wird Zeit,dass Europa Verantwortung übernimmt und sich ein wenig von den USA emanzipiert.

      • Naja, finde das ein wenig übertrieben, was du sagst. Gerade die besten, demokratischsten, freiesten Politiker der Welt waren eben nicht im Young Leaders Program, so wie Xi Jinpeng, Khomeini, Putin, Orban, Silva, Lukaschenko, um nur ein paar zu nennen. Dass du die hier so sehr stigmatisierst, ist nicht fair.

      • Michael W. // 13. Juni 2024 um 7:34 // Antworten

        Trudeau hat in Kanada auch einigen Schaden hinterlassen. Und das Problem ist ja gerade, dass fast alle führenden Politiker in England, Frankreich und USA Elite Unis durchlaufen haben. Das ist wirklich in vielen Aspekten nicht gut.

  3. Wer weiss, vielleicht nennt er sich ja bald auch Satoshi.

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