Defi wieder auf Rekordjagd
Ein Skirennen im Riesenslalom. Bild von Nesbitt_Photo via flickr.com.. Lizenz: CC BY-SA 2.0 Deed
Das Ökosystem der dezentralen Finanzen (Defi) nähert sich alten Höchstwerten – doch nicht jede Kategorie ist gleich stark beteiligt. Wir schauen uns das Geschehen mit allerhand Charts und Zahlen an.
Wenn man von DeFi spricht, meint man „Dezentrale Finanzen“, und zwar, dass man Geld oder Token leiht, verleiht, wechselt und verzinst, ohne dass ein zentraler Mittelsmann im Spiel ist. In der Regel läuft DeFi als „dApp“ in einem Smart Contract, und der User behält die Kontrolle über seine Token.
Als wichtigster Indikator für das Ökosystem von DeFi gilt das TVL. Das ist die Abkürzung für „Total Value Locked“. Es bezeichnet also die Werte, die in den DeFi-Plattformen gespeichert sind. Diese werden uns im folgenden als Maßband dienen, um das Wachstum von DeFi zu erkennen und zu untersuchen.
DeFi ist zurück!
Wie hoch das TVL aller DeFi-Apps ist, ist dabei aber unklar. Es kommt, wie so oft, darauf an, wie man es misst, welche Kategorien man hinzuzählt, welche man auslässt, welche Blockchains man wertet, welche nicht, und so weiter.
Die Webseite DeFiLlama, üblicherweise eine solide Anlaufstelle, nennt ein gesamtes TVL von 102 Milliarden Dollar, TheBlock kommt auf etwa 112, und DappRadar, eine Plattform mit etwas weiterem Fokus, notiert in einem Bericht für Mai 192 Milliarden Dollar. Ganz und gar einig sind sich alle aber in einer Sache: Defi ist zurück. Das TVL hat einen Wert erreicht, wie man ihn zuletzt Anfang 2022 gesehen hat.
Zu diesem neuen Wachstum tragen aber nicht alle DeFi-Kategorien in gleichem Maße bei. Die einen sind nur noch ein Schatten ihrer ehemaligen Stärke im Jahr 2022, während die anderen ihr schon wieder nahe kommen und die nächsten erst beginnen, aufzublühen. Und genau das, diese Neugewichtung innerhalb des Ökosystems, ist, was uns hier interessiert.
Eine kleine, aber aufschlussreiche Übersicht
Ein Chart von DeFiLlama zeigt das ganz schön. Er listet alle DeFi-Kategorien mit mehr als 10 Milliarden Dollar TVL auf:

Es handelt sich um die folgenden Kategorien:
– Lending (Leihen und Verleihen)
– DEXes (Wechseln)
– Bridges (auf andere Blockchains wechseln)
– Restaking (Staking-Token wie stETH erneut staken)
– CDP (Stablecoins durch Kollaterale schaffen)
Das also ist, was man gemeinhin unter DeFi versteht: Token und Coins werden geliehen, verliehen, beliehen, getauscht, gestaked, verzinst, kollateralisiert; all das auf eine dezentrale Weise, in in der Regel in dem Sinn, dass man nicht mit einem Intermediär interagiert, sondern mit einem Smart Contract, während die User ihre Token weiterhin selbst verwahren.
Restaking hat, um der Verwirrung vorzubeugen, bei DeFiLlama zwei Kategorien, mit und ohne liquides Token. Dazu später mehr.
Unter diesen fünf großen Kategorien kann man nun eine erhebliche Verschiebung beobachten.
Lending und Restaking rocken, DEXes und CDP eher nicht so sehr
Dezentrale Börsen (DEXes) wie Uniswap, eigentlich eine prototypische DeFi-Anwendungen, weil sie so offensichtlich praktisch und nachvollziehbar sind, hatten Ende 2021 ihren Höhepunkt mit 80 Milliarden TVL.

Von dieser stolzen Blüte sind sie heute, mit einem Wert von 22 Milliarden Dollar, weit entfernt. Zwar sind sie mit knapp 22 Milliarden Dollar etwa doppelt so stark wie noch im Herbst 2023 – doch es bleibt ein schwacher, schon beinahe trauriger Abglanz der ruhmreichen Vergangenheit. Von einer neuen Rekordjagd kann keinesfalls die Rede sein.
Deutlich rosiger sieht es beim Lending aus, der zweiten klassischen DeFi-Anwendung. Hinterlegt hinterlegt man ein Token als Kollateral, um sich andere Token zu leihen, oder man verleiht seine Token, um Zinsen zu kassieren.

Das Lending ist zwar mit einem derzeitigen TVL von 35 Milliarden noch unter dem Höhepunkt von 50 Milliarden, aber ganz offensichtlich viel näher an diesem als die DEXes – und dreimal so stark wie noch im Frühjahr 2022. Der Platzhirsch in diesem Sektor ist AAVE, mit 12 Milliarden Dollar weit vor Compound die führende Lending-Plattform.
Bridges hingegen sind mittlerweile wieder nahe ihres alten Höhepunktes von 31 Milliarden Dollar TVL.

Bridges, zu Deutsch: Brücken, sind eine fast schon natürliche Reaktion auf die Zersplitterung des Ökosystems auf mehrere Blockchains. Sie erlauben es, mit einem Token oder Coin von einer Blockchain auf eine andere zu springen, von Ethereum zu Solana, von Solana zu Polygon, von Polygon zu Avalanche, von dort zu Arbitrum und so weiter hin und her.
Im Grunde sollten die Bridges dezentral sein. Doch die stärkste Bridge hier ist WBTC, ein zentralisiertes Protokoll, um Bitcoin als Token auf Ethereum zu bringen. Ihm folgt JustCryptos, eine Brücke speziell für die Tron-Blockchain, die soweit ich es sehe, dezentral arbeitet.
Unkonventioneller wird die nächste Kategorie: das Restaking.
Wer Ethereum in einem Pool wie Lido staked, erhält dafür ein „Liquid Staking Token“ (LST), etwa stETH. Das ist eine hübsche Idee, um liquide zu bleiben, obwohl man seine ETH in einem Staking-Contract eingefroren hat. Noch hübscher wird die Sache aber durch das Restaking: man staked nun die stETH – oder andere LST – selbst, um noch mehr Zinsen zu verdienen.
Restaking geht wie bei Eigenlayer ohne oder bei Ether.fi mit liquidem Token. Die beiden Kategorien sind ziemlich neu; sie haben vor 2024 im Prinzip nicht existiert, aber bringen es nun auf 20 bzw. 15 Milliarden TVL. Eine verlockende Ideee kam zur richtigen Zeit und legt einen Senkrechtstart hin.
Weniger rosig sieht es bei den CDPs aus, also den durch Kollaterale gedeckten Stablecoins.

Wenn man von CDPs redet, meint man vor allem Maker, also den DAI-Dollar. Die CDP-Kategorie ist mit 10 Milliarden Dollar vergleichsweise stabil, ist also im Vergleich zu den anderen Kategorien im Lauf dieses Jahres nur wenig gewachsen. Das TVL liegt noch deutlich unter dem Höhepunkt von rund 30 Milliarden Dollar im Jahr 2022.
Eine nüchterne und überraschende, aber schlüssige Erklärung
Das Wachstum von DeFi ist also bei Dezentralen Börsen und Stablecoins wenig ausgeprägt, aber stärker beim Lending. Maßgeblich getragen wird es aber durch neue Kategorien wie Restaking, die einen fulminanten Start hingelegt haben.
Die „bemerkenswert bullische Tendenz des TVLs in Defi seit Anfang des Jahres“ notiert auch DappRadar in einem Bericht für Mai 2024 – legt aber gleich darauf einen ziemlich ernüchternden Fakt hinterher.
Denn die Anzahl der UAW – Unique Active Wallets, also Anzahl involvierter Wallets – ist nicht nur nicht im gleichen Maß gestiegen, sondern sogar signifikant gesunken: um 21 Prozent auf 1,75 Millionen tägliche UAW. Von neuen Nutzern keine Spur, stattdessen verödet die DeFi-Landschaft eher.
Getrieben wird das Wachstum des TVLs stattdessen, erklärt DappRadar, durch den Anstieg der Token-Preise, vor allem Ethereum. Hinter dem schönen, aufstrebenden Chart, hinter der Rekordjagd der dezentralen Finanzen steht, so der Bericht weiter, vor allem die Spekulation auf den Ethereum-ETF. Und die findet, um dem Faß die Krone aufzusetzen, zum größten Teil auf zentralisierten traditionellen Börsen statt.
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