Bitcoin Second Layer: Liquid, WBTC und Lightning

Ganz schön kompliziert: Bitcoin bewegt sich nun auf mehreren Schichten. Bild von fdecomite via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Mittlerweile gibt es drei aktive Lösungen, um Bitcoin nicht auf der Bitcoin-Blockchain zu übertragen, sondern auf einer anderen Blockchain oder offchain: Blockstreams Liquid-Sidechain, die auf die Ethereum-Blockchain verfrachteten WBTC, sowie das Lightning-Netzwerk. Jede der Lösungen spricht eine andere Zielgruppe an, doch die meisten Bitcoins zieht erstaunlicherweise Ethereum an.

Für Bitcoin (BTC) ist es längst eine ausgemachte Sache, dass die Blockchain selbst lediglich eine sogenannte „Settlement-Schicht“ ist. Sie ist nicht dafür da, um von den Usern direkt benutzt zu werden, sondern soll vielmehr als Anker für verschiedene höhere Schichten dienen, auf denen dann die tatsächlichen Transaktionen stattfinden. Bitcoin soll nicht „onchain“ skalieren, sondern auf verschiedenen Ebenen.

Mittlerweile sind drei dieser „Second Layers“, also Schichten zweiten Grades, marktreif und verzeichnen auch einige Nutzer: Die Sidechain Liquid von Blocksteam (L-BTC), die Wrapped BTC (WBTC), die von BitGo auf die Ethereum-Blockchain gebracht werden, sowie das Lightning-Netzwerk, bei dem die Bitcoins „abseits“ der Blockchain fließen. Es wird also kompliziert, denn Bitcoin ist nicht länger gleich Bitcoin. Stattdessen gibt es vier Arten von Bitcoin, die zwar denselben Coin meinen, aber ihn auf einer unterschiedlichen technischen Ebene handhaben.

Jede dieser Ebenen versucht, ein anderes Problem mit einer anderen Methode zu lösen. Wir stellen sie im folgenden vor, um danach zu vergleichen, wie sehr sie genutzt werden.

Liquid

Die Liquid-Sidechain von Blockstream hat den Zweck, den Bitcoin-Transfer von Börse zu Börse zu verbessern. Während normale Bitcoin-Transaktionen zum Teil rasch teuer werden – Gebühren von fünf oder mehr Euro sind leider nicht allzu selten – kosten Liquid-Transaktionen nur einige Cent. Und während Bitcoin-Transaktionen in der Regel eine Stunde dauern, bis Börsen sie als finalisiert ansehen – nämlich wenn sie sechs Bestätigungen haben – sind Liquid-Transaktionen innerhalb weniger Minuten finalisiert. Schließlich können Liquid-Transaktionen noch wahlweise den versendeten Betrag verschleiern, wodurch sich Trader mehr Privatsphäre versprechen dürfen.

Technisch verwendet Liquid eine Art Ankertransaktion auf der Bitcoin-Blockchain, durch die Bitcoins eingefroren werden, um anschließend auf der Liquid-Sidechain zu entstehen. Die Schlüssel für die Anker-Adressen besitzt das Liquid-Konsortium, zu dem neben Blockstream auch einige Börsen wie Bitfinex oder der Hardware-Wallet-Hersteller Ledger gehören. Nur Mitglieder des Konsortiums können neue Liquid-Blöcke erzeugen, während jeder einen Full Node betreiben kann, um Transaktionen zu bilden und die Blockchain zu verifizieren.

Neben den schnelleren Bestätigungen erlaubt Liquid es auch, Token zu bilden. Ein Beispiel sind die L-USDt, Tether-Dollar auf der Liquid-Blockchain. Mit bisher rund 450 „Assets“ auf der Liquid-Blockchain scheint hier aber wenig Aussicht zu bestehen, mit Ethereum oder auch nur Simple Ledger auf Bitcoin Cash konkurrieren zu können.

Die Zielgruppe von Liquid sind vor allem Trader, die Arbitrage-Gewinne zwischen Börsen absahnen wollen. Etwa, wenn der Bitcoin-Preis dort höher ist als da, oder wenn es auf der einen Börse bessere Lending-Zinsen gibt als auf der anderen. Solche Gelegenheiten schließen sich oft innerhalb von Minuten. Wenn eine normale Bitcoin-Transaktion angekommen ist, ist es oft schon zu spät.

WBTC

Die Wallet BitGo hat Ende 2018 begonnen, Bitcoins als „Wrapped BTC“ (WBTC) auf die Ethereum-Blockchain zu bringen. Dazu sperrt die Firma die Bitcoins auf ihrer Cold Wallet weg und schafft auf Ethereum ein ERC-Token, das Bitcoins repräsentiert.

Die User genießen damit den Wert und die Knappheit von Bitcoins, aber die technischen Eigenschaften der Ethereum-Blockchain. So erhalten Transaktionen mit WBTC bereits nach etwa 15 Sekunden die erste Bestätigung. Da manche Börsen lediglich 5-10 Bestätigungen verlangen, um ethereumbasierte Token gutzuschreiben, sind die Transaktionen mit WBTC ebenso schnell wie mit Liquid. Die Gebühren bei Ethereum sind derzeit im niedrigen zweistelligen Cent-Bereich, waren in den Wochen und Monaten zuvor aber meist einstellig. Anders als Liquid ist Ethereum eine extrem stark benutzte Blockchain, die derzeit schon an der Kapazitätsgrenze arbeitet. Sofern Ethereum 2.0 nicht relativ bald Wirklichkeit wird, wird Ethereum – und damit auch die WBTC-Token – in Skalierungsprobleme rennen.

Schnellere und günstigere Transaktionen sind für die WBTC allerdings eher ein Nebengewinn. Ihr größter Vorteil liegt darin, dass sie Bitcoins in die Welt der Smart Contracts bringen. Ein WBTC kann, wie jedes andere Token auf Ethereum, mit einer Vielzahl an Smart Contracts interagieren. Er kann auf dezentralen Börsen (DEX) gegen andere Token getauscht werden – Bitcoins wird damit zur Handelseinheit der DEX – und er kann etwa bei der Maker DAO hinterlegt werden, um sich DAI-Dollar zu leihen. Das erlaubt es, gleichzeitig Bitcoins zu hodlen, während man Onchain-Dollar leiht und ausgibt oder verzinsen lässt. Zudem dürfte es möglich sein, die WBTC durch einen Smart Contract zu verleihen, womit man die Bitcoins auf dezentrale Weise verzinsen kann.

Die Vertrauensverhältnisse sind bei Liquid und WBTC unterschiedlich. Auf der einen Seite ist WBTC vollständig bei BitGo zentralisiert. Die Firma ist beinah allein verantwortlich, dass die WBTC ihr Wertverhältnis zu Bitcoin erhalten. Sie ist die Schleuse, durch die jeder, der einen WBTC erschaffen will, durch muss. Die WBTC-Token selbst jedoch bewegen sich so frei wie alle anderen auf der Ethereum-Blockchain. Man kann sie frei erwerben, frei verkaufen und frei transferieren, und BitGo kann einen nicht daran hindern. Bei der Liquid-Sidechain hingegen gibt es keine zentrale Stelle, wie bei WBTC, sondern lediglich ein Konsortium. Allerdings kann ein Drittel der Mitglieder auch Transaktionen verhindern und zensieren, also mehr Macht ausüben als BitGo.

Das Lightning Netzwerk

Wir haben hier schon viel über das Lightning-Netzwerk geschrieben. Dank eines Multisig-Smart-Contracts bilden die Teilnehmer des Netzwerks dabei sogenannte Payment-Channels, die ein Netzwerk formen, über das man Bitcoins in Echtzeit überweisen kann, ohne dass diese die Blockchain sehen.

Das Lightning-Netzwerk ist seit Anfang 2018 live. Es gibt mittlerweile zahlreiche Wallets für Lightning, Hackdays, Konferenzen, Community-Projekte, und die ersten Zahlungsdienstleister akzeptieren bereits Lightning-Transaktionen. Geht es nach der Bitcoin-Community, soll Lightning DIE Second Layer sein. Das Netzwerk ist dezentral, Transaktionen sind sehr privat, finden in Echtzeit statt, kosten so gut wie keine Gebühren und sind mehr oder weniger endlos skalierbar. Sowohl ideologisch als auch technisch ist Lightning die mit Abstand beste Lösung.

Lightning ist allerdings ein komplett neues Konzept. Während Liquid und WBTC das bestehende Prinzip – die Blockchain-Transaktion – lediglich von der Bitcoin-Blockchain auf eine andere überträgt, geht Lightning einen komplett neuen Weg. Das bringt es mit sich, dass der Infrastruktur-Aufwand für Lightning deutlich größer ausfällt, und die Benutzererfahrung derzeit noch einiges zu wünschen übrig lässt. Lightning ist das dickere Brett, das zu bohren ist.

Die Nutzerstatistiken zu Lightning sind in der Regel unvollständig. Es gibt keine Angaben zur Anzahl der Transaktionen, und selbst die Angaben zur Anzahl eingelockter Bitcoins ist unvollständig, weil nicht alle Payment-Channels öffentlich sind. Daher ist es so gut wie unmöglich, konkrete Angaben dazu zu machen, wie sehr das Offchain-Netzwerk benutzt wird. Aber wenn wir nach den Werten gehen, die vorhanden sind, hinkt Lightning trotz eines Vorsprungs von etwa einem halben Jahr und der großen Begeisterung der Community den beiden anderen Lösungen hinterher.

Hinweise zur Nutzung der Second-Layer-Lösungen

Bitcoins gelangen auf diese Ebenen zweiten Grades, indem sie auf der Blockchain selbst eingefroren werden. Eine Metrik, um den Erfolg einer solchen Schicht zu bewerten, ist die Anzahl der Bitcoins, die hinterlegt sind. Dabei sind die WBTC mit weitem Abstand am erfolgreichsten: Auf Ethereum zirkulieren mehr Bitcoins, als in Lightning und Liquid zusammen.

Eine weitere Metrik wäre die Anzahl der Transaktionen. Schließlich sind die höheren Ebenen ja dazu da, damit Bitcoin benutzt wird. Für Lightning ist die Anzahl der Transaktionen nicht bekannt, da sie im Netzwerk dezentral und verschleiert versendet werden. Für WBTC ist die Anzahl der Transaktionen bekannt, es sind insgesamt 190.000. Für Liquid habe ich sie nicht herausgefunden. Es gibt eine Liquid-Seite, liquid.horse, die allerdings seit mehr als einem Jahr nicht mehr aktuell ist.

Die Liquid-Seite von Blockstream verrät lediglich, dass Liquid in den letzten 24 Stunden gut 1.700 Transaktionen prozessierte. Bei WBTC zeigt etherscan.io in der letzten Woche zwischen 500 und 800 tägliche Transaktionen an, in den Wochen zuvor waren es 1.000 bis 3.500. Es ist also schwer zu sagen, welche der beiden Projekte mehr Transaktionen verzeichnet. Beide machen allerdings nur einen winzigen Bruchteil der Transaktionen auf der Bitcoin-Chain aus, maximal ein Prozent.

Wofür Liquid-Bitcoin genau verwendet werden, ist schwierig zu sagen. Bei Bisq kann man dezentral L-BTC gegen BTC tauschen. Aber das Handelsvolumen ist verschwindend gering. Ansonsten sind zwar einige Börsen Mitglieder im Liquid-Netzwerk, was vermuten lässt, dass sie die Sidechain auch verwenden wollen. Aber da es keine Handelspaare gibt, gibt es auch keine Statistiken, wie häufig Liquid benutzt wird.

Bei den Wrapped Bitcoin weiß man immerhin, dass sie mit einem eher geringen Volumen auf einigen dezentralen und zentralisierten Börsen gehandelt werden, und dass WBTC im Wert von 10 Millionen Dollar als Kollateral für DAI-Dollar verwendet wurden, was etwa 8 Prozent der gesamten Kollaterals ausmacht, aber rund 30 Prozent aller existierenden WBTC. Viel wichtiger als die reine Transaktion scheint bei den WBTC also die Nutzung der Smart Contracts zu sein.

Über Christoph Bergmann (1849 Beiträge)
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2 Kommentare zu Bitcoin Second Layer: Liquid, WBTC und Lightning

  1. Paul Janowitz // 25. Mai 2020 um 15:45 // Antworten

    Danke für den aufklärenden Artikel! Wie Du richtig schreibst, kann man eigentlich nur Lightning als 2nd Layer bezeichnen, denn die Tokenisierung von BTC verschiebt das Problem nur auf einen Nebenschauplatz und bringt auch ganz neue mit, denn man gibt seine BTC in Obhut, ähnlich einer Börse wo sie eher Buchgeld ähneln.

    Schließlich können Liquid-Transaktionen noch wahlweise den versendeten Betrag verschleiern, wodurch sich Trader mehr Privatsphäre versprechen dürfen.

    Confidential Transactions, die den Betrag und auch das übertragene Asset verschleiern, sind Standard, nicht optional.

    Es ist bezeichnend, wie stark aktuell Adam Back für Liquid trommelt und die Vorzüge gegenüber Bitcoin anpreist, dabei aber die deutlichen Nachteile gezielt ausblendet. Um Bitcoin auf Liquid zu bekommen, benötigt man läppische 102 Bitcoin OnChain Bestätigungen, was bei der aktuellen Blockfrequenz fast ein ganzer Tag ist. Um hingegen wieder Bitcoin zu bekommen, muss man über ein Konsortium Member gehen und hoffen, dass dieses diese tatsächlich und zeitnah ausbezahlt, bei den meisten natürlich mit KYC/AML verbunden. Nichts mehr von „be your own Bank“.

    Auch Lightning hat seine Fallstricke, aber es ist weiterhin Non-Custodial zugänglich und man kann zwar einen externen Watchtower mit der Überwachung des anderen Parts beauftragen und ihm damit auch seine Transaktionen offenlegen, man kann dies aber auch selbst erledigen und falls man eine Route findet, hat man noch einen Gewinn an Privatsphäre im Vergleich zu OnChain.

  2. Hallo Christoph, könntest Du Dir nicht mal der Projekt renBTC angucken und darüber berichten. Würde hier gut dazu passen.

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