Bitcoin, Krypto, Desinformation
brain v.2. Bild von amy leonard via flickr.com. Lizenz: Creative Commons
Ein bekannter Blockchain-Analyst beleuchtet die Rolle von Kryptowährungen in der Wahlmanipulation und Desinformation – vor allem aus Russland. Ein wichtiges Thema, über das wir reden müssen.
2024 ist ein guter Zeitpunkt für einen Bericht über Wahlmanipulation, wie ihn nun der Blockchain-Analst Chainalysis veröffentlicht. Schließlich haben wir das „ultimate Wahljahr“: 64 Länder weltweit wählen. Während es in Frankreich, Großbritannien, Indien und der EU bereits geschehen ist, steht die wichtigste Wahl, in den USA, noch an.
Dass ausländische Mächte versuchen, Wahlen zu beeinflussen, ist kein neues Thema. Es geschieht von Ost nach West und von West nach Ost, es geschah schon vor dem Internet, eskaliert aber durch soziale Medien immer weiter.
Dass Russland in die US-Wahl 2016 eingegriffen hat, ist längst bekannt, auch für 2020 wurden Manipulationsversuche registriert. Seit der Krieg in der Ukraine ausgebrochen ist, wurde der bisher kalte Informationskrieg heiß, und die Trollfabriken des Kreml fluten die westlichen Medien mit Fakenews, Desinformation, Propaganda.
Erst im Juli hat das FBI eine Social Media Botfarm enthüllt, die mit fast 1.000 Accounts auf Twitter (heute X) prorussische Fakenews verbreitete. Im Januar hat das deutsche Auswärtige Amt eine Kampagne mit 50.000 gefälschten Twitter-Profile aufgedeckt, im Februar hat Frankreich fast 200 Webseiten enttarnt, die prorussische Desinformation verbreiten. Und so weiter und so fort.
Das Problem ist mittlerweile pandemisch. Es betrifft nicht nur die USA, sondern auch Europa, Lateinamerika und Afrika, und es geht nicht nur von Russland, dem Iran und China aus, sondern ist längst Teil des westlichen Dauerwahlkampfs geworden. Der hybride Weltkrieg um die Köpfe ist in vollem Gange.
Es geht dabei nicht „nur“ um Demokratie. Es geht um Wahrheit. Desinformation verbreitet nicht nur Lügen – sondern ertränkt die Wahrheit. Sie verleitet Menschen nicht nur dazu, etwas Unwahres zu glauben – sie untergräbt den Glauben an Wahrheit an sich, dekonstruiert die Wahrheitsfähigkeit, und droht damit, die Welt in voraufklärerischen Dunkelheit zurückzuwerfen.
Kryptowährungen spielen keine zentrale Rolle, kommen aber durchaus immer wieder als Hilfsmittel vor.
Spenden und Honorare in Kryptowährungen
Zunächst einmal werden viele Desinformationsportale durch Kryptowährungen finanziert. Teilweise durch Spenden, teilweise aber auch durch Honorare.
Als Beispiel nennt Chainalysis SouthFront, ein Nachrichtenportal, das sich an Militärfans und Verschwörungstheoretiker richtet. Es verbindet relativ solide Informationen über Militärtechnik und Konflikte mit Verschwörungstheorien und russischen Narrativen. Dabei bemüht es sich, die Spuren zum Kreml zu verschleiern.
Über die sozialen Medien beteiligte sich SouthFront auch an den sogenannten „Doppelgänger“-Kampagnen, bei denen Webseiten von Regierungen und Medien kopiert wurden, um Fake News glaubwürdig zu machen. SouthFront hat diese Posts mit zahlreichen Accounts in den sozialen Medien geteilt.
Zur Finanzierung sammelt die Webseite auch Spenden in Kryptowährungen. Seit Juli 2018 kamen jedoch gerade einmal etwa 27.000 Dollar zusammen, vor allem in Bitcoin, wobei das nur die Chainalysis bekannte Summe ist. Teilweise wurden diese Coins über die russische Börse Garantex verkauft, was einen deutlichen Hinweis darauf gibt, dass russische Machenschaften involviert sind.
Interessanterweise offenbaren die Kryptotransaktionen eine Verbindung von SouthFront zum iranischen Portal „Islamic World News (ISWN)“. ISWN richtet sich an die islamische Welt, verbreitet aber auch gerne russische Desinformationen. Das Portal nimmt ebenfalls Spenden in verschiedenen Kryptowährungen an, die Blockchain-Anlysen zeigen, dass sowohl die Eingänge als auch die Ausgänge in Verbindung mit SouthFront stehen.
Ebenfalls in den Genuss von Krypto-Spenden kommen pro-russische paramilitärische Organisationen, die in ihren Telegram-Kanälen Informationen und Desinformationen verbreiten. Es gibt Hinweise darauf, dass der ehemalige Wagner-Chef Jewgenij Prigoschin zahlreiche dieser Blogger bezahlte. Auch hier zeigen Onchain-Analysen ein Muster: Einzelne Spender unterstützen nicht nur einen, sondern viele Blogger, teilweise mit fünfstelligen Beträgen. Das wirkt schon eher wie ein Honorar als wie eine Spende.
Erst im März dieses Jahres hat das Finanzministerium der USA schließlich zwei russische Medienunternehmer auf eine Sanktionsliste gesetzt. Den beiden wird vorgeworfen, die Doppelgänger-Kampagnen aufgesetzt und durch tausende Facebook-Accounts und -Seiten verbreitet zu haben. In ihren Wallets haben sie jeweils hunderttausende Dollar in Tether empfangen, die zu einem großen Teil auf die Börse Garantex flossen.
Accounts, Domains und Telefonnummern
Häufig dienen Kryptowährungen auch dazu, die Infrastruktur für die Desinformationskampagnen zu bezahlen. Die erst kürzlich enthüllte Botfarm nutzte Bitcoins, um bei Namecheap Domains zu kaufen. Auch andere Provider, wie Shinji oder Epik, werden mit Bitcoin bezahlt.
Im Darknet können Desinformationsunternehmer Accounts in sozialen Medien kaufen. Chainalysis nennt den Bubar Store, die Pakete mit tausenden und abertausenden Accounts auf Facebook, TikTok und anderen Seiten anbietet – für, natürlich, Kryptowährungen. Einen Nachweis, dass Accounts von dieser Plattform in Desinformationskampagnen auftreten, bleibt der Analyst zwar schuldig, doch der Verdacht liegt nahe.
Schließlich braucht man oft, um neue Accounts einzurichten, eine Telefonnummer. Etwa bei Facebook, Whatsapp oder Telegram. Im Internet gibt es nun Dienstleister, die virtuelle Telefonnummern anbieten. Einer von ihnen hat damit bereits acht Millionen Dollar in Bitcoin eingenommen. Eine direkte Verbindung zu russischen Desinformations-Kampagnen nennt Chainalysis nicht, lediglich onchain-Spuren, die zu Seiten wie Garantex, Hydra und anderen Plattformen der russischen Kriminalität und Geldwäsche führen.
Bitcoin und Kryptowährungen sind ein probates Mittel, um digitale Leistungen international und über Sanktionen und Kontrollen hinweg zu beziehen. Dazu gehört, leider, auch der Missbrauch. Aber dasselbe könnte man über soziale Medien, Internetseiten und Domains sagen.
Die Vorteile der Transparenz
Insgesamt sollte man aus den Verbindungen von Desinformation und Kryptowährungen nicht zuviel herauslesen. Die Summen, die Chainalysis enthüllt, sind gering, selbst dann, wenn man davon ausgeht, dass es nur die Spitze des Eisbergs ist, bleibt es wenig.
Der Großteil der Desinformation wird in den einheimischen Währungen bezahlt, also in Rubel und Yuan, aber auch in Euro und Dollar. Bitcoin und andere Kryptowährungen werden genutzt, wenn es sich anbietet, sind aber keine tragende Säule des Gewerbes. Würden sie wegfallen, würde dies die Desinformationen nicht zum verstummen bringen. Sie wird weiter alle Gesellschaften heimsuchen, die ihre Medien nicht massiv zensieren und kontrollieren.
Eventuell werden Proof-of-Personhoods, also digitale Beweise, ein Individuum zu sein, etwas ändern. Worldcoin und andere Dienstleister wie FractalID bieten sie an. Solche Beweise residieren in der Regel onchain, so dass Krypto mehr Teil der Lösung als des Problems sein kann.
Generell aber dürfte es, ob mit oder ohne Krypto, schwer werden, Desinformation in den Griff zu bekommen. Schon jetzt hat die gezielte Beeinflussung durch jahrelange Propaganda viele Leute in eine Unterwelt der Verschwörungstheorien gezerrt, in der sie schlicht nicht mehr zugänglich für Wahrheit sind, da im Denken der Verschwörungstheoretiker jeder Gegenbeweis nur zum Beweis umgedeutet wird, schon immer recht gehabt zu haben. Wahrheit ist eine Sache des Gefühls, und dieses Gefühl wird seit Jahren intensiv durch Propaganda bearbeitet.
Notwendig wäre eine massive Aufklärung auf allen Kanälen, doch vermutlich lässt sich der mentale Flächenbrand nicht ohne Feuer bekämpfen: also ohne weitere Zensur, ohne Konter-Kampagnen, Trollfabriken, die Infiltration der sozialen Medien. Wer im hybriden Weltkrieg passiv bleibt, droht, unterzugehen, so bitter dies ist. Freiheit hat einen Preis und verlangt ewige Wachsamkeit.
Dass Desinformations-Akteure Bitcoin und andere Kryptowährungen verwenden, ist dabei kein Nachteil, sondern eher ein Vorteil. Denn erst die Transparenz der Blockchain erlaubt es, Zahlungen nachzuvollziehen. Ohne sie wären die Verbindung zwischen iranischer und russischer Desinformation im Dunkeln geblieben, um nur ein Beispiel zu nennen.
Die hohe Transparenz von Bitcoin erweist sich damit einmal mehr als eine der wichtigsten und stärksten Eigenschaften – und vielleicht als eine Hilfe im Krieg um die Wahrheit.
Entdecke mehr von BitcoinBlog.de - das Blog für Bitcoin und andere virtuelle Währungen
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
Oh, das gibt wieder Kommentare 😀
Nix Kommentare.Zu oft stumpft ab,vermute ich.
Die Wahrheit ist wie ein Messer ohne Griff an dem die Schneide fehlt.
Verdächtig ruhig hier. Sind bestimmt mit Kursk beschäftigt 😀