Inflation in den USA: Doch eher acht anstatt drei Prozent?

Ein toter, verrottender Fisch könnte ein gutes Bild für den Dollar abgeben. Foto von oliver.dodd via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Offiziell beträgt die Inflationsrate in den USA nur 1-2 Prozent. Alternative Preisindizes berechnen jedoch 8-10 Prozent. Hat die US-Regierung den Wertmaßstab für die wichtigste Währung der Welt manipuliert? Ist es nur eine Illusion, dass die USA die Krise der frühen 2000er überwunden hat? Und was bedeutet das für den Rest der Welt? Ein Blick auf einen Skandal, der einmal mehr zeigt, warum wir eine dezentrale Alternative zu einem verrottenden Geldsystem brauchen.

Im Mittelalter galt die „Teuerung“ als eine der großen Plagen, die die Menschen im Jammertal des irdischen Lebens quälte. Heute nennt man die Teuerung Inflation, aber man meint weiterhin dasselbe: den Anstieg der Preise für Dienstleistungen und Güter.

Im Alltag ist das scheinbar leicht zu beoabachten. Vor einem Jahr haben die Nudeln noch so und so viel gekostet, und anno dazumal hat man für einen Döner Kebab noch 3 Mark bezahlt, und so weiter. Viel schwieriger ist es dagegen, die Teuerung wirtschaftswissenschaftlich zu konkretisieren. Gewöhnlich beruft man sich auf einen Warenkorb von Gütern und Dienstleistungen, der als typisch für den alltäglichen Konsum gilt, und beobachtet, wie sich dessen Preis im Lauf eines Jahres geändert hat. Die Differenz ist die Inflationsraten. Diese liegt derzeit, sowohl in den USA als auch in der EU, offiziell bei weniger als einem Prozent.

Inoffiziell ist es längst kein Geheimnis mehr, dass die Angelegenheit nicht ganz so eindeutig ist. Ein Bericht der Devonshire Research Group, die Investoren durch Analysen informiert, hinterfragt die offizielle Inflationsrate und vergleicht sie mit alternativen Perspektiven, die eine deutlich höhere Teuerung errechnen.

Ein Index, sie zu täuschen und zu betrügen

Der Bericht beginnt mit dem Ersten Weltkrieg. Während diesem stiegen in den USA die Preise rasch an, und um herauszufinden, wie man die Löhne anzupassen hat, definierte die  Regierung einen „Consumer Price Index“ (CPI) definiert. Dieser soll anzeigen, welchen Einfluss die Preissteigerungen auf die Lebenshaltung haben.

Ein CPI beinhaltet einen Warenkorb mit relevanten Gütern sowie eine mathematische Formel, um diese zu gewichten und aus den Preisen eine Inflationszahl abzuleiten. Der CPI beruht auf zahlreichen Designentscheidungen, bei denen es kein objektives „Richtig!“ gibt, sondern nur ein Abwägen von Vor- und Nachteilen. Wie ist der Warenkorb zu komponieren? Wie berechnet man Veränderungen? Welche Rolle spielt die Kontrolle des Konsumenten, der seine Kaufentscheidungen an die Preise anpasst? Und so weiter.

Wie immer, wenn es keine objektive Wahrheit gibt, sondern nur subjektive Ansichten, macht das den CPI zum Spielball der Interessen. Weniger als die wissenschaftliche Realität bestimmt ihn das Tauziehen der Mächte um die Deutungshoheit über die Wirklichkeit. Kritiker der offiziellen Inflationsberechnung klagen daher seit langem, dass die Regierung die Formel des CPIs nach Gutdünken ändert, wenn sie einen Vorteil davon hat.

Beispielsweise stieg der Preisindex 1983 um 12 Prozent. Das wäre eine ordentliche Inflation gewesen, die man allerdings in keinen offiziellen Statistiken findet. Denn die Regierung hat die Berechnung des Index verändert. Der Grund, weshalb sie dies gemacht hat, ist perfide, und zeigt, wie toxische Anreize auf den CPI einwirken:

Je höher die Inflation, desto höher müssen die Löhne sein, die die Regierung an ihre Angestellten bezahlen. Wenn die Inflationsrate geringer ist, haben die Mitarbeiter im öffentlichen Dienst weniger Argumente in den Gehaltsverhandlungen. Laut einer Berechnung von 1995 sollte die Regierung durch eine „Korrektur“ des CPI in den folgenden zehn Jahren 634 Milliarden Dollar einsparen. Ein Jahr später wurde der Index „angepasst“, und in den folgenden Jahren bis 2000 erneut immer wieder. Jede dieser Änderungen hat die Inflationsrate leicht verringert.

Es ist leicht, eine gewünschte Wahrheit zu produzieren, wenn man derjenige ist, der die Formel bestimmt, welche die Wirklichkeit misst. Die Regierung der USA möchte eine niedrige Inflation – also ist die Inflation niedrig. Sie schwankt im Lauf der letzten Jahrzehnte um die 3 Prozent, was ok ist, während die Wirtschaft anständig wächst. Offiziell werden die Bürger der USA damit immer wohlhabender.

Nun gibt es aber Ökonomen, die diese offizielle Variante der Geschichte hinterfragen und versuchen, die wahre Preissteigerung ans Licht zu bringen.

Alternative Preisindizes zeigen viel höhere Inflationsraten

Die Analysten von Devonshire stellen mehrere alternative Preisindizes vor: Der Shadowstats-Index seit 2006, der Chapwood-Index seit 2012, und der CPPI, der die Preisänderungen bis 1983 zurückberechnet. Was aber machen diese Indizes anders?

Der Chapwood-Index behauptet, der erste zu sein, der „die wahren Kosten des prozentualen Anstiegs der Lebenskosten bestimmt“. Dazu haben die Forscher über Jahre hinweg über das ganze Land hinweg Daten zu mehr als 4.000 Produkten und Dienstleistungen gesammelt, um zu erfahren, wofür Menschen ihr Geld im Alltag ausgeben. Von diesen Gütern haben sie die 500 wichtigsten ausgewählt, um daraus einen Index zu berechnen, der die Inflation für Regionen und Städte in den USA aufzeigt.

Der Shadowstats-Index hingegen beruft sich auf die Daten aus dem offiziellen Warenkorb, korrigiert aber die methodologischen Änderungen der Regierung, indem er Formeln von 1980 bis 1990 benutzt. Auch der CPPI setzt am offiziellen CPI an, verändert diesen jedoch, um der tatsächlichen Preissteigerung näher zu kommen.

Was ist das Ergebnis, wenn wir die Preissteigerung durch die alternativen Modelle betrachten? Sie landen alle bei einer deutlich höheren Inflation. Während die Regierung für die letzten sechs Jahre Inflationsraten von 1-2 Prozent – zum Teil sogar weniger – angibt, kommt der CPPI auf 4-5 Prozent. Der Shadowstats errechnet sogar 8-10 Prozent, und der Chapwood-Index – die vielleicht gründlichste und unabhängigste Methode – tendiert zu 10-12 Prozent, je nach Region. Der Bericht kombiniert diese drei Alternativen, um eine Inflationsrate von rund 8 Prozent festzustellen.

Man muss kurz innehalten, um zu begreifen, was das eigentlich bedeutet. Das reichste und mächtigste Land der Welt hat möglicherweise eine Inflationsrate von 8, wenn nicht gar 10 Prozent, seit mindestens 5 Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten.

Die Folgen sind enorm. Beispielsweise für den Wohlstand der Amerikaner: Offiziell heißt es, die Preise hätten sich seit den späten 80ern verdoppelt und seien seit den späten 90ern um 47 Prozent gestiegen. Dank der Lohnsteigerungen seitdem ist die Kaufkraft der meisten Bürger stabil geblieben oder gestiegen. Betrachtet man die alternativen Indizes, wäre die Kaufkraft seit 1970 um den Faktor 5-20 gesunken. Die Bürger wurden fortlaufend ärmer. Dies könnte erklären, weshalb es für viele Amerikaner immer schwieriger wird, den gewohnten Lebensstil zu bezahlen, die Lebensqualität gefühlt abnimmt und die Verschuldung steigt.

Die USA hat, so das Paper, die Rezession Anfang der 2000er Jahre niemals überwunden. Während die offizielle Geschichte von Wachstum erzählt, zeigen die alternativen Indizes, dass es kein Wachstum, sondern nur die fortlaufende Vernichtung von Kaufkraft gab. Der Narrativ von der Erholung von der Krise ist eine Legende.

Auch die Perspektive auf Investments ändert sich fundamental. Geht von man einer Inflationsrate von 8 Prozent aus, verliert man effektiv an Kaufkraft, wenn man weniger Zinsen erhält. Zinsen von 2-4 Prozent auf Dollar – das ist verhältnismäßig viel – zerstören Werte; ebenso die für Fonds und Immobilien typischen fünf Prozent. Selbst wenn man „unrealistische“ Zinsen von zehn Prozent oder mehr bekommt, gewinnt man nicht viel.

Man muss, um es so zu sagen, schon sehr gute Konditionen erhalten, damit sich das Risiko lohnt, Dollar zu halten.

Der Fisch fängt am Kopf an zu faulen

Kann man diese Resultate auch auf den Euro anwenden? Ich bin mir hier nicht sicher. Es gibt wie schon beschrieben auch für die Eurozone alternative Warenkörbe und Preisindizes, die zum Beispiel zum eher deprimierenden Ergebnis kommen, dass sich deutsche Bürger heute weniger Maß auf der Wies’n leisten können als in den 50ern und 70ern.

Es wäre natürlich auch denkbar, dass der Lebensstandard in der Eurozone im Vergleich zu dem in den USA mittlerweile deutlich höher ist, als die offiziellen Zahlen vorgeben. Es wäre aber ebenso denkbar, dass auch in der Eurozone der Warenkorb missbraucht wird, um über die wahren Inflationszahlen hinwegzutäuschen, beispielsweise um zu verhindern, dass die Gewerkschaften des Öffentlichen Dienstes Argumente für (noch stärkere) Lohnerhöhungen haben.

Erschwerend kommt zu all dem hinzu, dass der Dollar nicht nur irgendeine Währung ist – sondern quasi die Weltwährung. Der Dollar ist gleichbedeutend mit der Devise: dem Geld, das man an fast allen Orten der Welt braucht, um Güter aus dem Ausland zu importieren. Wenn irgendwo die Währung kollabiert, etwa in Venezuela oder Simbabwe, dann wird wie selbstverständlich der Dollar benutzt; selbst in Nigeria, wo die Währung lediglich schwankt, entsteht ein Schwarzmarkt für den Dollar. Der Dollar wird global verwendet, um die Werte anderer Währungen zu bestimmen.

Was, wenn nun die Kaufkraft dieses fundamentalen Wertmaßstabes manipuliert wurde, von der US-Regierung, in voller Absicht und mit dem Ziel, darüber hinwegzutäuschen, dass das Maß selbst dabei ist, in sich zusammenzufallen? Was sagt das über das globale Geldwesen aus?

Vermutlich vor allem eines: Es ist Zeit, den Ausgang aus dem verfaulenden System zu suchen. Glücklicherweise gibt es ihn bereits.

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6 Kommentare zu Inflation in den USA: Doch eher acht anstatt drei Prozent?

  1. Danke Herr Bergmann,

    Gut geschrieben! Der Chapwood Index ist wirklich interessant, sollte sich jeder durchsehen.

  2. „Es ist Zeit, den Ausgang aus dem verfaulenden System zu suchen. Glücklicherweise gibt es ihn bereits.“

    Bergmann, können Sie dazu ein paar Beispiele nennen? Besten Dank im Voraus! VG

      • Paul Janowitz // 24. September 2020 um 22:34 //

        Die Volatilität steht da leider noch im Wege… Wer Ende 2017 gekauft hat, wäre trotz aller Inflation mit Fiat besser gefahren, insbesondere wenn man überlegt, dass es von knapp 20k bis auf bis zu 3.000 USD runter ging, aber auch diejenigen, die bis heute gehalten haben, haben in Dollar/Euro nur noch etwas mehr als die Hälfte übrig.

        Die Logik würde erst aufgehen, wenn wir tatsächliche Adoption sehen würden, denn wenn Bitcoin nicht als Währung gebraucht wird, ist es (zusammen mit Aktien) das erste Asset, welches abgestoßen wird, wenn es zu Liquiditätsengpässen kommt, was man in den Pandemieanfängen gut beobachten konnte.

  3. Es könnte sein, dass die massiven Aktivengewinne der letzten Jahre einfach normale Gewinne sind plus die Inflation. Reale Werte sind ja inflationsgeschützt.

    Dass wir in einer Aktienblase sind, ist jedenfalls auch keine Konsensmeinung. Manche Kennzahlen wie das P/E Multiple weisen auf eher hohe aber durchaus normale Preise hin.

    Und dass die offizielle Inflation nicht die Lebenswirklichkeit abbildet, ist doch aus der privaten Lebensführung klar. In den 10 Jahren nach der Euro-Einführung haben sich die Preise durchaus verdoppelt.

  4. Danke, super Artikel!

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