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Wie die DAI-Dollar Ethereum fast in eine Todesspirale verwickelt haben

Spirale. Bild von Martin Fisch via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Eines der interessantesten Dramen rund um den Kurskollaps am Wochenende fand bei den algorithmischen Stablecoins DAI und UST statt: Als die Kurse von Ether (ETH) und Terra (LUNA) abstürzten, wurden große Summen liquidiert, um die Stablecoins stabil zu halten. Für einen kurzen Moment drohte eine Kaskade des Kollapses.

Wenn die Kurse durch den ganzen Markt hinweg um 10 oder 20 oder 30 Prozent purzeln, ist dies ein Stresstest für alle: für Börsen und Investoren, Wallets und Entwickler und so weiter. Ganz besonders stressig wurde der Stresstest aber für die algorithmischen Stablecoins DAI und UST.

Da beide Stablecoins relativ ähnlich funktionieren, werde ich in diesem Artikel überwiegend über die DAI-Dollar schreiben. Wer mehr über diese Smart-Contract-Stablecoins und die dahinter stehende Maker-DAO erfahren möchte, dem sei dieser Artikel ans Herz gelegt.

Die DAI-Dollar unterscheiden sich gewaltig von anderen Stablecoins wie Tether- oder Center-Dollar: Sie werden nicht von einer zentralen Organisation herausgegeben, sondern von einer Dezentralen Autonomen Organisation, einer DAO, und sie werden nicht durch Dollar auf einem Bankkonto gedeckt, sondern durch Ether oder andere Kryptowährungen und -token.

Das läuft etwa so: Man kann sich einen Kredit in DAI-Dollar nehmen, indem man etwa 150 Prozent des Betrages in Ether (oder anderen Krypto-Assets) als Sicherheit in einem Smart Contract hinterlegt. Die DAI-Dollar werden dadurch erzeugt. Wenn man das Darlehen zurückzahlt, werden sie wieder vernichtet. Es funktioniert also ähnlich wie wenn die Banken Fiatgeld schöpfen.

Doch was geschieht, wenn der Kurs der unterliegenden Kryptocoins abschmiert? Wie kann die Maker DAO in diesem Fall die Dollar-Token sichern?

Da diese Frage sich am Wochenende brisant zuspitzte, haben wir uns darüber mit Daniel Kremerov unterhalten. Daniel ist der Chef von Sidestream, einer Kölner Softwareschmiede, die mittlerweile eine „Core Unit“ der Maker-DAO ist – mehr dazu in diesem Artikel – und sich als solche mit den Auktionen beschäftigt.

Aber von vorne.

Wenn Ether zwangsversteigert werden

Als der Ether-Preis vergangenen Freitag um etwa 12 Prozent unter die 3.000-Dollar-Schwelle fiel, stürzten viele der „Vault“ genannten Sicherheiten in den Risikobereich: Sie waren kurz davor, unter den Wert der DAI zu fallen.

In diesem Fall geschah, was dem Protokoll zufolge zu geschehen hat: Die Vaults wurden liquidiert.

Liquidieren bedeutet, dass die Ether, die in ihnen verwahrt werden, auf einer Auktion gegen DAI-Dollar versteigert werden. Diese DAI werden aus dem Verkehr gezogen, wodurch die Gesamtmenge der Dollar-Token schrumpft. Die übrigbleibenden sind nun wieder ausreichend gedeckt.

Als der Ether-Preis am Freitag begann, abzustürzen, zeichnete sich ein bedrohliches Szenario ab: Ether im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar drohten, unter den Hammer zu kommen. Dies hätte eine fürchterliche Rückkopplung auslösen können: Die auf den Markt geworfenen Ether drücken den Preis weiter, wodurch weitere Vaults liquidiert werden. Und so weiter und so fort bis Ether bei 100 Dollar ausgeblutet ist und von der Maker DAO nur noch Asche bleibt.

Allerdings musste dies nicht geschehen. Wie Daniel erklärt, können die Vault-Besitzer auch dadurch reagieren, dass sie das Kollateral aufstocken. Sie erhöhen die hinterlegten Ether. Dies ist offensichtlich geschehen, da in den 139 Auktionen am Freitag und Samstag lediglich Ether im Wert von 144 Millionen Dollar bzw. DAI versteigert wurden. Das ist weniger als befürchtet, aber noch immer ziemlich viel. Es ist 3-4 Mal so viel wie im März 2020, dem Tag mit den bisher größten Auktionen.

Die gefürchtete Kaskade blieb allerdings aus. Der Markt kaufte die Ether, die DAI-Dollar blieben stabil, und es gab nur einen leichten Knick in der Gesamtmenge von knapp 10 Milliarden DAI.

Mit Flashloans bei Auktionen mitmachen

Wie Daniel erklärt, haben sich seit März 2020 einige Details der Auktionen verändert. So wurde etwa das Modell der „Niederländischen Auktion“ eingeführt: Die Versteigerung beginnt bei einem hohen Preis, der alle 30 Sekunden sinkt, bis die Bieter zuschlagen, in der Regel leicht unter dem Marktpreis. Der Vorteil dieser Auktionsform ist die Geschwindigkeit – man spart sich das gegenseitige Überbieten. Jedes Gebot ist ein Kauf.

An Nachfrage herrscht dabei kein Mangel. Denn man kann die ersteigerten Ether unmittelbar bei Uniswap oder anderen Plattformen gegen DAI oder andere Stablecoins tauschen. Viele der sogenannten Keeper haben Bots, die die Auktionen ständig beobachten. Wer rasch zuschlägt, macht einfach verdiente Profite.

Man braucht dazu noch nicht einmal genügend DAI-Dollar in der Wallet. Denn Sidestream hat für die Auktionen die sogenannten Flashloans eingeführt: Man leiht sich Token – in diesem Fall DAI-Dollar – um die Auktion auszuführen, erhält die Ether, tauscht diese auf Uniswap gegen DAI-Dollar, bezahlt durch diese den Kredit zurück – und behält den Profit. All diese Aktionen geschehen in einer einzigen Transaktion. Da diese komplex ist, fallen aber nicht unerhebliche Gebühren an.

Mit diesen Flashloans, berichtet Daniel, kann an sich jeder mitbieten, was vor allem bei Neben-Assets mit geringerer Liquidität hilfreich und profitabel ist, etwa LINK, YFA oder UNI.

Mit Bravour bestanden – aber erst der Anfang?

Die Auktionen haben so hervorragend funktioniert, dass die Maker DAO den Stresstest mit Bravour bestanden hat. Dies ist ein enorm positives Signal: Algorithmische Stablecoins funktionieren auch in einer Krisensituation.

Für die Maker-DAO war das letzte Wochenende übrigens extrem profitabel. Denn wenn ein Vault aufgelöst wird, fällt eine „Penalty Fee“ an: Derzeit 13 Prozent des versteigerten Betrags werden gegen die Maker-Token (MKR) getauscht, und diese werden dann verbrannt. Damit steigt, so die Idee, der Wert der MKR-Token, durch welche die Maker-DAO mit gesteuert wird.

Allerdings waren die Auktionen am Freitag und Samstag womöglich erst der Auftakt. Denn wenn die Preise weiter fallen sollten, droht eine noch massivere Liquidationswelle. Wenn Ether unter 1,900 Dollar fällt werden Schätzungen zufolge ETH im Wert von 600 Millionen Dollar liquidiert, wenn der Preis auf 1.400 Dollar stürzt, sogar 1,7 Milliarden. Ein solcher Schlag könnte den Preis von Ether kollabieren lassen.

Natürlich ist dies aber eher unwahrscheinlich. Ein Preissturz auf 1.900 Dollar ist zwar durchaus möglich – manche halten ihn auf für notwendig, um den bärischen Marktzyklus abzuschließen – und ein solcher Sturz könnte eine Kaskade aus Panik und Liquidierungen auslösen, welche den Kurs auf 1.400 drückt. Und diese … — doch die Besitzer der Vaults werden dem vermutlich nicht tatenlos zusehen, sondern ihre Vaults aufstocken, um eben jene auch für sie unangenehme Liquidierung zu verhindern.

Auch UST trotzt dem Absturz

Ähnlich – und sogar extremer – war der Fall der UST. Das sind die „Terra-Dollar“, welche auf der Terra-Blockchain (LUNA) herausgegeben werden.

Auch die UST werden algorithmisch erzeugt und in Parität zum US-Dollar gehalten. Dies funktioniert über das Anchor-Protokoll; die Sicherheit wird in LUNA-Token hinterlegt. Die UST-Token kamen erst 2021 auf den Markt, erfreuen sich aber einer solchen Beliebtheit, dass sie sehr rasch auf die aktuelle Anzahl von etwas mehr als 11 Milliarden UST kamen. Die UST wurden quasi über Nacht zum größten algorithmischen Stablecoin.

Da sowohl die Terra-Blockchain als auch das UST-Protokoll bisher weniger kampferprobt sind, schielten viele Trader am vergangenen Wochenende besorgt darauf, ob das Konstrukt dem Kollaps widersteht.

Teilweise regierte die Panik das Geschehen: „Die $UST-Todesspirale ist irre! Es sieht so als, als hätten die Twitter-Ökonomen recht gehabt: ein kleiner schwarzer Schwan killt $UST und alle Agos sind dazu verdammt, zu kollabieren. $LUNA geht gegen 0.“

Tatsächlich ist Terra sehr stark gefallen: Von 74 Dollar am Donnerstag auf 48 am Samstag. Mit einem Verlust von 36 Prozent gehört die Kryptowährung zu denen, die am meisten verloren haben.

Das spricht dafür, dass tatsächlich eine „Todesspirale“ in Gang gesetzt wurde. Allerdings scheint diese relativ bald wieder gestoppt zu haben. Die UST blieben stabil, der LUNA-Preis erholte sich rasch wieder. Die Tragödie war kurz und endete in einem Happy End.

Was konkret wie und in welchem Ausmaß geschah, kann ich an dieser Stelle nicht sagen. Dazu müsste man das den Dollar-Token unterliegenden Anchor-Protokoll genauer kennen. Klar ist aber, dass auch dieser noch junge algorithmische Stablecoins die Feuertaufe bestanden hat – weshalb manche Beobachter vom Panik- in den Jubelmodus wechseln:

Übersetzt: „Die bullischste Sache, die ich in den vergangenen 48 Stunden erlebt habe, ist, wie gut die algorithmischen Stablecoins auf den Beinen geblieben sind. Das zeigt, dass die Welt sich sogar in Zeiten der Panik damit wohlfühlt, das alte Geldsystem aufzugeben und das neue Paradigma zu begrüßen.“

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4 Kommentare zu Wie die DAI-Dollar Ethereum fast in eine Todesspirale verwickelt haben

  1. Danke. Guter Beitrag. Diese Zusammenhänge waren mir nicht klar. Von Dir kann man etwas lernen.

  2. Toll erklärter Artikel. Was es alles gibt mit Web3.

  3. Hallo, was hat der Krypto-Kurs mit Evergrande zu tun?

  4. Danke für den Artikel, sehr aufschlussreich.

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