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„Eine neue monetäre Ära des Bitcoin-Standards.“

Der Mond steigt prächtig in die Höhe. So wie UST. Bild von Don Owens via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Der Stablecoin UST läuft auf der Terra-Blockchain, soll nun aber eine Bitcoin-Reserve im Wert von 10 Milliarden Dollar bekommen. Wir erklären, was es damit auf sich hat – und warum dies die UST zum perfekten Stablecoin für Bitcoiner macht.

Do Kwon, ein 29 Jahre alter Stanford-Alumni, hat es 2021 in die Coindesk-Liste der einflussreichsten Krypto-Persönlichkeiten geschafft. Er hat die Terra-Blockchain gegründet, einer der im vergangenen Jahr am steilsten aufsteigenden Sterne am Krypto-Himmel.

Nun hat Do Kwon gute Karten, einen weiteren großen, vielleicht sogar noch größeren Streich zu landen: Er kündigt an, dass die von ihm mitgegründete Luna Foundation Guard (LFG) eine 10-Milliarden-Dollar-Reserve in Bitcoin aufbauen werde, um den Stablecoin TerraUSD (UST) zu stützen.

Dies leite, erklärt Kwon, den Beginn „einer neuen monetären Ära des Bitcoin-Standards“ ein — und es gibt gute Gründe, dies ernst zu nehmen.

Um zu verstehen, was all das bedeutet, müssen wir ein Stück ausholen. Etwa einen Monat.

Der kometenhafte Aufstieg von UST

Do Kwons Schöpfung, die Blockchain Terra, ist Teil des Cosmos-Ökosystems und darauf spezialisiert, synthetische Assets zu schaffen. Dies können Aktien sein, die über das Mirror-Protokoll abgebildet werden – oder auch Dollar-Token wie die TerraUSD (UST), um die es hier geht.

Die UST sind im Laufe des vergangenen Jahres extrem schnell aufgestiegen. Sie wurden rasch zum zweiten großen algorithmischen Stablecoin neben den DAI-Dollar und haben diese mittlerweile auch überholt. Es gibt knapp 10 Milliarden DAI, aber bereits über 15 Milliarden UST.

Die Marktkapitalisierung der UST: Von 1,4 auf 15,6 Milliarden Dollar innerhalb eines Jahres. Quelle: Coinmarketcap.com

Bei einem zentralisierten Stablecoin wie den Tether-Dollar (USDT) oder den Center-Dollar (USDC) deckt eine zentrale Institution den Stablecoin durch Dollar auf einem Bankkonto. Bei einem dezentralen Stablecoin wie UST oder DAI verwaltet ein Smart Contract andere Token als Sicherheit. Bei DAI sind das vor allem Ether, bei UST die nativen Token von Terra: LUNA.

Im späten Februar hatte die LFG nun LUNA im Wert einer Milliarde Dollar an eine Investorengruppe unter Leitung von Jump Crypto und Three Arrows verkauft. Die Milliarde Dollar ist dafür bestimmt, eine Bitcoin-Reserve für den Stablecoin UST aufzubauen.

Kanav Kariya, der Präsident von Jump Crypto, beschrieb die Rolle der Bitcoin-Reserve als vergleichbar mit der der Devisenreserven, durch den Zentralbanken Währungen stützen.

Fast 20 Prozent Zinsen

Der Mechanismus, durch den die UST Parität zum Dollar halten, ähnelt dem der DAI-Dollar. Es gibt aber einige entscheidende Unterschiede: Bei DAI hinterlegt man Ether oder andere Token als Kollateral, um DAI-Dollar zu prägen. Man leiht sich quasi Dollar, und wenn man sie zurückbezahlt, bekommt man die volle Einlage zurück.

Bei UST hingegen verbrennt man LUNA-Token, um UST zu prägen. Die UST gibt man später nicht zurück, sondern verbrennt sie ebenfalls, woraufhin man LUNA-Token erhält — allerdings lediglich im aktuellen Wert der vernichteten UST.

Allerdings hängen die UST noch eng mit einem zweiten Smart Contract auf der Terra-Blockchain zusammen: Dem Anchor-Protokoll. Und dieses ist ein maßgeblicher Grund dafür, warum sich die UST dem Vorwurf ausgesetzt sehen, ein Ponzi-System zu sein.

Anchor ist ein Protokoll für einen dezentralen Geldmarkt im Terra-Ökosystem. Auf Anchor kann man UST verleihen, und zwar mit einem sagenhaften Zinssatz von 19,5 Prozent. Ein solches System könne, so die Kritiker, nur ein Ponzi- oder Pyramidenschema sein: Anchor „ist rasend schnell zu einem der größten Ponzis in Krypto geworden, mit nun mehr als 16 Milliarden Dollar von angeblich hinterlegter Assets.“

So wie jedes Ponzisystem müsse Anchor über kurz oder lang kollabieren. Die Frage sei nicht ob, sondern wann. Und wenn dies geschehe, werde es LUNA und die Terra-Blockchain mit sich reissen. Das Blutbad sei unvermeidlich.

Die nun eingeführte Bitcoin-Reserve schafft einen zusätzlichen Schutz vor einem Kollaps.

Die Todesspirale von Stablecoins

Mit der Reserve adressiert Kwon nicht das Risiko, das von Anchor ausgeht, sondern eine eher „klassische“ Todesspirale, welche UST und LUNA gleichermaßen in den Abgrund reissen kann. Dieses Risiko ist typisch für algorithmische Stablecoins.

Wenn UST verbrannt werden, weil das Kapital den Markt verlässt, entstehen neue LUNA-Token. Ein solcher Vorgang ist normal, kann aber eskalieren, etwa wenn es zu einem Kollaps des Anchor-Protokolls kommt. Da sich damit das Angebot an LUNA erhöht, kann dies den Preis der Token drücken. Wenn danach jemand weitere UST verbrennt, entstehen noch mehr LUNA, und so weiter: Token werden geschaffen, der Preis fällt, noch mehr Token werden geschaffen, der Preis fällt weiter, und so fort.

Ein solches Risiko sei, erklärt die LFG, allen algorithmischen Stablecoins inherent, auch bei den DAI-Dollar, wo eine ähnliche Dynamik mit Ether greifen kann. Die hinter DAI stehende Maker-DAO versucht dem zu begegnen, indem sie weitere Token als Kollateral zulässt, darunter auch die USDC-Stablecoins.

Bitcoin als Notanker

Bei den TerraUSD wählt man eine andere Strategie, um die Todesspirale zu entschärfen: „Wir müssen das Schöpfen von LUNA-Token während einer solchen kontraktiven Phase abbremsen. Dies können wir, indem wir eine BTC-Reserve aufbauen.“

In extremen Phasen, wenn die Preise einbrechen und das Kapital aus dem Terra-Ökosystem flüchtet, können UST auch gegen BTC eingelöst werden. Damit kann man „signifikante Beträge aus Terras Stablecoin-Ökonomie abzuziehen“, ohne dabei die Risiken für eine Todesspirale zu sehr aufzudrehen.

Ein Smart Contract soll es erlauben, UST zu schöpfen, indem man Bitcoins hinterlegt, und Bitcoins auszuzahlen, indem man UST verbrennt. Dabei gibt es allerdings ein Premium: Wenn man 1 UST verbrennt, erhält man nur Bitcoins im Wert von 99 Cent.

Dieses Premium soll gewährleisten, dass Bitcoins nur ausgezahlt werden, wenn die Dollar-Token deutlich an Parität verlieren, also auf weniger als 99 Cent abrutschen. Es macht Bitcoins zu einer Reserve der letzten Instanz.

Offene Fragen

Natürlich bleiben an dieser Stelle einige Fragen offen. Sind die Bitcoins Token auf der Terra-Blockchain, so dass es transparent ist, wer sie in welcher Anzahl hält? Hält die LFG die Bitcoins auf einer bekannten Adresse, so dass auch sichtbar ist, wie viele „echte“ Bitcoins in ihrem Besitz sind? Gibt es irgendeinen Mechanismus, der verhindert, dass die LFG sich nicht mit der Bitcoin-Reserve aus dem Staub macht?

Und, weiter: Was hindert die LFG oder große Investoren daran, mit Bitcoins UST zu schaffen, mit UST Bitcoins zu kaufen, mit diesen UST zu schaffen und so weiter? Wäre das nicht die perfekte „Mondspirale“? Der Bitcoin-Kurs steigt, man kann mit Bitcoins mehr UST schaffen, mit UST weiter Bitcoins kaufen, woraufhin der Bitcoin-Preis weiter steigt. Und so weiter.

Wäre dies das Szenario, welches bei Tether befürchtet wird? Nur in diesem Fall irgendwann dezentral und ohne die verbleibenden Kontrollmechanismen, die bei Tether immerhin partiell greifen?

Diese Fragen bleiben vorerst offen.

Von einer auf zehn Milliarden Dollar

Nach dem Investment Ende Februar hat sich die DFG offenbar entschieden, den Einsatz zu erhöhen. Zunächst baute die Foundation eine 3-Milliarden-Dollar-Reserve auf, durch die man Bitcoins kaufen werde. Diese Reserve existiert offenbar schon.

Natürlich wird dieser Kauf nicht auf einen Schlag geschehen, sondern Stück für Stück. Laut Onchain-Analysen hat die LFG bereits 125 Millionen Dollar in USDT von einer Gnosis-Safe-Adress zur Börse Binance gesendet hat – vermutlich, um dort eben die Dollar in Bitcoin zu tauschen. Der Aufkauf der Bitcoins beginnt also bereits.

Aber schon jetzt hegen Don Kwon und seine Mitstreiter höhere Pläne – nicht nur drei, sondern mindestens zehn Milliarden Dollar sollen in die UST-Reserve gehen. Das ist das langfristige Ziel.

10 Milliarden Dollar entsprechen 232.975 Bitcoin. Die LFG würde damit zu einer der größten Bitcoin-Schatzkammern überhaupt werden, übertroffen nur durch den Grayscale Bitcoin Trust und Satoshi selbst.

Eine neue Art von Bitcoin-Schatzkammer

Do Kwon hat mit der Bitcoin-Reserve eine der tiefhängenden Früchte gepflückt. Denn ein Stablecoin, der durch Bitcoins gedeckt ist, ist genau das, worauf der Markt seit langem wartet. Er war offensichtlich, und es brauchte nur jemand, der die Courage hat, ihn zu realisieren.

Bisher haben Stablecoins wie USDT und USDC keinen direkten Einfluss auf den Wert von Bitcoin. Unmittelbar könnten sie Bitcoin helfen, weil sie den Markt stärker machen, aber auch schaden, weil sie Bitcoin als Leitwährung abgelöst haben.

Wenn UST nun durch Bitcoins gestützt werden, bedeutet das, dass der Aufstieg dieses Dollar-Stablecoins auch Bitcoin rarer und wertvoller macht, da er dem Markt Coins entzieht. Je mehr UST, desto mehr Bitcoins. Wir kennen dies schon seit Jahren von den DAI-Dollar.

Das, was Terra derzeit vorantreibt, hat nun das Potenzial, eine ganze neue Art der Bitcoin-Schatzkammer zu schaffen. Die bisherigen Schatzkammern häufen Bitcoins an, um sie zu horten. Michael Saylors MicroStrategy, Elon Musks Tesla, aber auch Bitcoin.de – sie alle verwahren tausende von Bitcoins und planen nicht, sie zu verkaufen oder sonst wie zu nutzen. Das Horten ist ein Selbstzweck.

Die LFG wertet das Horten auf: Sie verwahrt die Bitcoins – um damit Dollar zu erzeugen. Bitcoin wird damit in großem Stil zum Kollateral, zur Sicherheit, zur monetären Basis, um einen Stablecoin zu erschaffen. Bitcoin deckt Dollar.

Der Zug könnte tatsächlich, wie Don Kwon twittert, eine neue monetäre Ära einleiten. Bitcoin ist der Standard – aber nicht als Zahlungsmittel, sondern als Wertspeicher und Fundament von Stablecoins. Dies macht UST womöglich zur perfekten Skalierung von Bitcoin.


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5 Kommentare zu „Eine neue monetäre Ära des Bitcoin-Standards.“

  1. Bitcoin deckt Dollar…. Was kann verhindern, dass sich „Gold deckt Dollar Szenarien“ nicht wiederholen?

    • Hm was für Szenarien meinst Du?

      Sicher gab es für die USA – aus Sicht der USA – damals gewichtige Argumente Bretton Woods aufzugeben. Gibt es aber auch aus der Sicht der Weltwirtschaft Argumente für ein Geld, dass nicht hart gedeckt ist?

      Ich frage aus ehrlichem Interesse (und bitte mal die, die Aufgabe Bretton Woods für ein schlechte Idee halten, nicht zu antworten.)

  2. Kapitalmarktexperten wie Stefan Riße argumentieren, dass ein goldgedecktes Geld keine Krisenintervention des Staates ermöglicht und durch den deflationären Charakter zu einem niedriegen Wirtschaftswachstum führt. Die Menschen würden viel weniger Geld ausgeben, weil sie auf niedrigere Preise spekulieren. In folgendem Video diskutiert Herr Riße mit Benjamin Mudlack, der genau die Gegenposition einnimmt: https://www.youtube.com/watch?v=nja56tiYKzE. Beide haben gute Argumente.

    • Hast Du mal einen genaueren Minutenmarker? Es geht erstmal um andere Themen und 1:07h ist mir zu lang.

    • Habs mir nun doch komplett angeschaut. Interessante Diskussion, danke. Das bleibt wohl noch eine Weile eine Glaubensfrage zwischen zwei Lagern.

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