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Dank Lightning? — Strike führt kostenlose Fiatzahlungen nach Afrika ein

Ghanas Hauptstadt Accra. Bild von Amanu Kwaku via wikipedia.com. Lizenz: Creative Commons

Das Lightning-Startup Strike geht eine Partnerschaft mit Bitnob ein, um kostenlose Echtzeit-Transaktionen von den USA nach Nigeria, Ghana und Kenia anzubieten. Dabei werden Dollar automatisch in die lokalen Währungen gewechselt. Wie funktioniert das? Und hat das noch etwas mit Bitcoin zu tun?

Die AfroBitcoin in Ghana ist die größte bisherige afrikanische Bitcoin-Konferenz. Als eines der Highlights gilt die Ankündigung von Jack Mallers, dass sein Zahlungsdienstleister Strike nun Geld auch nach Afrika senden kann.

Dazu hat Strike mit dem nigeranischen Zahlungsdienstleister Bitnob kooperiert, dessen CEO Bernard Farah zusammen mit Jack auf der Bühne stand. Das neue Feature namens “Send Globally” baut auf dem Lightning-Netzwerk auf, ohne dass die User mit diesem oder mit Bitcoin je in Berührung kommen.

In Echtzeit und ohne Gebühren

Es läuft so ab: User aus den USA wollen Geld nach Nigeria, Ghana oder Kenia senden. Diese Kanäle sind offenbar die einzigen, die derzeit verfügbar sind; mehr sollen folgen. Strike wechselt für den Sender aus den USA Dollar gegen Bitcoin und sendet Bitnob diese per Lightning. Bitnob tauscht die Bitcoins dann gegen Naira, Cedi oder Kenia-Schilling und schreibt diesem dem User zu, entweder in den Account bei Bitnob oder aufs Bankkonto.

Diese Konstruktion erlaubt es, gebührenlos und quasi in Echtzeit Geld von den USA nach Afrika und wohl auch zurück zu senden. Strike Globally stellt alle anderen Zahlungsdienstleister in den Schatten, sowohl hinsichtlich der Gebühren als auch der Dauer.

Auch andere User berichten begeistert, wie einfach es nun geht, Geld nach Afrika zu senden.

Es scheint offenbar prächtig zu funktionieren. Aber welche Rolle spielt Bitcoin dabei wirklich?

Wurde Bitcoin bereits zur besseren Devise?

Im Prinzip handelt es sich um Bank-Transfers: Strike bucht Geld vom Bankkonto des Senders ab, Bitnob schreibt den Betrag dem Empfänger gut. Wozu Bitcoin und Lightning dazwischenschieben?

Die Antwort ist etwas kompliziert, und ich weiß nicht genau, ob sie wirklich Sinn ergibt.

Zum einen kooperiert Strike für “Send Globally” mit einem Partner. Der Transfer über Lightning erlaubt es den beiden Unternehmen, ihre Zahlungen in Echtzeit auszugleichen. Erst dadurch wird es möglich, dass die Zahlung in Echtzeit im Account des Users gutgeschrieben wird, vermutlich selbst dann, wenn die beteiligten Bankoperationen noch nicht abgeschlossen sind. Da alles in Echtzeit abläuft, schlagen auch keine Wechselkursschwankungen zu Buche.

Aber wäre dasselbe nicht auch möglich, wenn man Dollar verwendet? Es wäre, natürlich, möglich. Das machen andere Zahlungsdienstleister. Aber sie sind wesentlich teurer und brauchen länger. Jede Reibung verursacht Kosten.

Ein Grund hierfür dürfte eine gewisse Trägheit des Dollar-Systems sein. Die Dollar müssen zunächst zu einer Internationalen Dollar-Bank, und von dieser auf eine Währungsbörse im Zielland, und so weiter. Das dauert länger, mehr Mittelsmänner sind im Spiel, und die Kosten steigen. Auch Zwischenmänner wie PayPal oder Visa machen es nicht besser. Selbst wenn die Gebühren gering sind, bleibt eine Spread zwischen Kauf- und Verkaufspreis der Währungen.

Aufregend wird die Meldung aber durch den zweiten, vielleicht wichtigeren Grund: In allen Zielländern gibt es Probleme mit dem Dollar. In Nigeria ist der Wechsel von Naira in Dollar schlichterdings verboten (und viele Zahlungsdienstleister streng reguliert), und sowohl in Ghana als auch Kenia herrscht in diesem Jahr ein Mangel an Devisen. Beides verhindert nicht den Wechsel – macht ihn aber teurer, da die Märkte illiquide sind.

Dies könnte daher die wilde Wahrheit sein, die hinter “Strike Globally” steckt: Die Bitcoin-Märkte in Nigeria, Ghana und Kenia sind liquider und effizienter als die Dollar-Märkte. Bitcoin wäre demnach schon die bessere Devise als der Dollar.

Unter der Haube wird Bitcoin zur Rechnungseinheit

Natürlich bleiben viele Fragen offen. Könnte man dasselbe nicht auch erreichen, wenn Strike und Bitnob eine Partnerschaft ohne Bitcoin eingehen würden, und stattdessen ihre Zahlungen und Wechselraten in einer Datenbank festhalten und am Ende des Monats ausgleichen?

Oder: Wenn im Laufe einer Zahlung zwei Banken, zwei Mittelsmänner und zwei Währungswechsel involviert sind – wird dies nicht zwangsläufig dazu führen, dass auch Gebühren anfallen? Und können diese Gebühren dauerhaft geringer sein als die anderer Dienstleister?

Und schließlich: Wenn Strike Dollar auf Börsen hält, um in Echtzeit Bitcoins zu kaufen, und Bitnob Bitcoins hält, um in Echtzeit Naira, Cedi und Schilling zu kaufen – entstehen dann nicht dieselben Risiken von Währungsschwankungen? Wie sichert sich Bitnob gegen Kursverluste durch die Volatilität von Bitcoin? Und was ist mit den Risiken, die Börsen und auch ein Lightning-Node einführt?

Diese letzte Frage führt uns zu einer abschließenden phantastischen Bemerkung. “Send Globally” ist in der Praxis zwar so weit von Bitcoin und seinem Ethos weg wie kaum etwas anderes – die Leute benutzen Fiat anstatt Bitcoin, sie halten keine eigenen Schlüssel, und es werden eher Mittelsmänner eingeführt anstatt beseitigt. Doch zugleich verwenden Strike und Bitnob Bitcoin als Rechnungseinheit, was die nobelste Funktion von Geld ist: Der Kit der Zahlung ist nicht der Dollarpreis, sondern der von Bitcoin.

Damit wären wir bei der merkwürdigen Feststellung, dass Strike zwar Bitcoin von der Oberfläche entfernt und zur Brückenwährung degradiert – aber Bitcoin selten so sehr Geld ist wie in diesem Fall.

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7 Kommentare zu Dank Lightning? — Strike führt kostenlose Fiatzahlungen nach Afrika ein

  1. Multi-Akademiker // 12. Dezember 2022 um 15:30 // Antworten

    Das ist gelebte, quasi realisierte Freiheit. Nobelpreisträger-verdächtig.
    Eine gute Idee für die Bürger “in Afrika “, wie mir das scheint.

  2. So hat das schon Andreas Antonopoulos früher in einem seiner Vorträge gesagt: Die Leute werden täglich Bitcoin benutzen, ohne es zu wissen, genau so, wie sie täglich Linux benutzen, ohne es zu wissen, weil die meisten Server mit Linux arbeiten.

  3. Ich würde das tatsächlich größtenteils als PR-Coup des eher unbekannten Strike nennen, welches man schnell mit Stripe verwechselt (die mittlerweile auch irgendwas mit Crypto machen).

    Strike wird ihre bzw. die Kundenguthaben in Dollar halten, wahrscheinlich teilweise direkt bei entsprechenden Börsen, damit diese in Echtzeit in Bitcoin umgewandelt werden können. Einen Teil der Liquidität muss Strike natürlich in BTC über LN Channels vorhalten, die einer eventuellen Volatilität ausgesetzt sind, auch wenn man sich mit einer gleichzeitigen Short Position in gleicher Höhe dagegen absichern kann (abzüglich der Lending Gebühren auf dem aktuell ohnehin schwierigen Markt).

    BitNob kann die jeweils übers LN erhaltenen BTC jeder Transaktion direkt auf einer Börse liquidieren, vorausgesetzt es gibt eine lokale Börse, die LN anbietet. Das Risikozeitfenster dürfte nichtig sein, soweit entsprechende Liquidität auf den Börsen vorhanden ist und man jederzeit einen Market Sell durchführen kann.

    Beiden Partnern entsteht Aufwand, die kostenlose Eigenschaft dürfte nur temporär sein und letztendlich wird es sich herausstellen müssen, ob sie mit Anbietern wie Wise konkurrieren können. Soweit ich das sehe, haben nur US Kunden Zugang zum Versand, wo entsprechend BTC für den Transfer gekauft werden aber in den afrikanischen Ländern gleichzeitig gegen die lokale Währung liquidiert werden. In den USA dürfte der Kaufdruck kaum für Kursveränderungen sorgen, aber je nach Liqudität könnte der Verkaufsdruck dieser Remittances durchaus die lokalen Kurse in kleineren afrikanischen Ländern negativ beeinflussen, zumal die Devisenmärkte stark beschränkt sind und Arbitrage schwierig sein dürfte.

    • Müsste das Ganze nicht voll automatisierter sein? In den USA “frisst” die ATM Maschine die Dollars und in Nairobi Rollen Minuten spaeter die Münzen aus der Maschine oder flattern die Scheibe… Vielleicht zu einfach gesehen?

      • Eigentlich machbar, aber Bargeldautomaten sind nicht gerade günstig zu handhaben, deshalb haben Coin ATMs meistens auch horrende Gebühren, was meist auch auf Bargeldauszahlungen an klassischen Automaten mit Karten von Fremdinstituten zutrifft.

  4. Korrektur:… flattern die Scheine..

  5. Bitcoin als das globale ECU. Nice.

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