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“Es ist auszuschließen, dass ein digitaler Euro auf einer permissionless Blockchain ausgegeben wird”

Euro-Zeichen in Frankfurt. Bild von Tabrez Syed via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Mit der Digital Euro Association entwickeln Philipp Sandner von der Frankfurt School of Economics und Jonas Gross Konzepte, wie ein digitaler Euro aussehen könnte. In gewisser Weise versuchen sie sich an Schadensprävention – sie wollen verhindern, dass ein digitales Zentralbanksgeld so dystopisch wird, wie es sein könnte und sich etwa in China abzeichnet. Im Interview erzählen die beiden, wie sie sich einen digitalen Euro vorstellen.

Jonas Gross. Bildrechte bei Jonas Gross, für diesen Artikel zur Verfügung gestellt.

Welche Vorteile kann ein digitaler Euro – ein CBDC – haben? Wäre er nicht einfach nur eine Kreditkarte 2.0?

Jonas Gross: Aus politischer Sicht kann der digitale Euro dazu beitragen, sich von anderen Ländern finanziell unabhängiger zu machen, sodass beispielsweise Europa nicht aus internationalen Bezahlsystemen ausgeschlossen bzw. sanktioniert werden kann. Außerdem strebt die EZB mit dem digitalen Euro an, die Resilienz der Bezahlnetzwerke zu erhöhen, und die Abhängigkeit von heutigen Zahlensystemen des Privatsektokors zu reduzieren.

Philipp Sandner: Um letztendlich eine hohe Nutzung zu erfahren, muss sich ein digitaler Euro von bestehenden Zahlungsmethoden abgrenzen und den Nutzern entsprechende Vorteile bieten, um eben keine “Kreditkarte 2.0” zu sein. Dazu könnte beispielsweise eine höhere Privatsphäre als heutige digitale Zahlungen sowie Online- und Offline-Funktionalitäten gehören.

Wenn ein digitaler Euro ein hohes Maß an Privatsphäre bietet, würde dies nicht gegen die Travel Rule verstoßen?

Jonas Gross: Der digitale Euro ist noch nicht auf dem Markt – bzw. ist heute auch noch nicht beschlossen, ob ein digitaler Euro überhaupt eingeführt wird. Die EU-Kommission erarbeitet aktuell einen Gesetzesvorschlag, der im ersten Halbjahr zur Diskussion gestellt werden soll. Mit Blick auf heute existierende Geldformen wird ersichtlich, dass rechtliche Vorgaben, beispielsweise rund um Geldwäsche, häufig nicht ab dem ersten Euro greifen. Es könnte somit auch für den digitalen Euro ein Setup geben, in dem anonyme Zahlungen bis zu einer bestimmten Schwelle möglich sind. Technisch ist dies heute umsetzbar.

Als großer Vorteil eines digitalen Euro gilt die Programmierbarkeit durch Smart Contracts. Kannst du ein Beispiel dafür nennen, wie Unternehmen von Smart Contracts profitieren?

Philipp Sandner: Sehr interessant sind hier Maschine-zu-Maschine-Bezahlungen. Das ist alles noch Zukunftsmusik, aber wird in einigen Jahren kommen. Dabei spielen auch Smart Contracts eine Rolle: Wenn bestimmte Bedingungen eintreten, wird die Zahlung ausgelöst. Ein Beispiel: Ein Sensor verkauft Daten, alles vollautomatisch. Derjenige, der Daten beziehen möchte, überweist einen kleinen Betrag an einen Treuhand-Smart-Contract, wie eine Anzahlung. Der Sensor überwacht diesen Treuhand-Smart-Contract und liefert dann die Daten, wenn das Geld dort eingegangen ist. Nach der erfolgreichen Datenlieferung gibt der Treuhand-Smart-Contract das Geld frei und sendet es an den Sensor.

Philipp Sandner. Bildrechte bei Philipp Sandner, für diesen Artikel zur Verfügung gestellt.

Sind solche Vorteile nicht bereits mit Stablecoins wie USDC oder USDT verwirklicht?

Jonas Gross: Es ist auszuschließen, dass ein digitaler Euro auf einer permissionless Blockchain ausgegeben wird. Dementsprechend können Vorteile von diesen Blockchains, beispielsweise rund um Sicherheit, Resilienz, Micropayments oder auch Zensurresistenz nicht auf einen digitalen Euro übertragen werden. Langfristig wird es eine Ko-Existenz von Stablecoins wie USDC oder USDT und dem digitalen Euro geben.

Aber wäre es nicht dennoch zielführender, wenn man einen digitalen Euro durch private Unternehmen anstatt eine staatliche Institution herausgibt? Der digitale Dollar fährt damit ja recht gut.

Jonas Gross: Diese Frage hängt letztendlich vom Use Case ab. Es ist nicht das Ziel der EZB, die Vorteile der Blockchain für den Zahlungsverkehr zu nutzen. Es geht aktuell eher darum, eine digitale Zahlungsalternative einzuführen, die nahe am aktuellen Zahlungssystem angesiedelt ist.

Philipp Sandner: Aus diesem Grund braucht es neben Kryptowährungen wie Bitcoin und dem digitalen Euro eben auch regulierte Lösungen für den “Euro on Chain”. Diesen Bereich könnte dann der digitale Euro durch private Unternehmen, wie Banken oder E-Geldinstitute, einnehmen.

Muss die EZB wirklich die technische Infrastruktur neu schöpfen, ansatt das zu verwenden, was der Markt schon aufgebaut hat? Wäre z. B. Ethereum for Enterprise oder eine EVM-Blockchain mit einem Konsensmechanismus wie BNB nicht besser geeignet?

Jonas Gross: Die EZB wird die technische Infrastruktur nicht neu schöpfen, sondern eher auf bestehende Lösungen zurückgreifen bzw. diese – mit Hilfe ihrer Technologie-Anbieter – auf die Bedürfnisse des digitalen Euros anpassen. Bislang ist unklar, ob überhaupt eine (wenn dann) permissioned Blockchain verwendet wird. Aktuell sieht es eher danach aus, dass zentralisierte Datenbanken für den digitalen Euro verwendet werden.

Kann die EZB überhaupt eine wettbewerbsfähige technische Infrastruktur aufbauen? Hat sie dafür die Kompetenz?

Philipp Sandner: Die EZB wird beim digitalen Euro mit dem privaten Sektor und Technologie-Anbietern zusammenarbeiten, weshalb die Kompetenz vorliegen wird. Allerdings ist derzeit nicht zu erwarten, dass der digitale Euro über Nacht einen substantiellen Marktanteil erfahren wird.

Könnte – sollte – die EU einen digitalen Euro anders regulieren als freie digitale Währungen wie Bitcoin oder Stablecoins? Abgesehen von Privatsphäre denke ich hier an Obergrenzen, Lizenzen etc.

Philipp Sandner: Grundsätzlich ist die Infrastruktur beim digitalen Euro anders aufgesetzt, da sie vom öffentlichen Sektor zur Verfügung gestellt wird. Deshalb lässt sich die Regulatorik nicht 1:1 übertragen.

Wie wäre es vermeidbar, dass ein digitaler Euro missbraucht wird, beispielsweise für Überwachung, negative Zinsen oder Zensur durch Smart Contracts?

Jonas Gross: Eine Überwachung könnte durch kryptografische Innovationen wie Zero-Knowledge Proofs, blinde Signaturen und einem Open-Source-Ansatz – zumindest für Zahlungen in kleinem Volumen – adressiert werden. Negative Zinsen hingegen lassen sich per se nicht ausschließen, wenngleich Zentralbanker wohl mit einem Zins von Null wie bei Bargeld starten werden. Dies ist eines der größten Risiken eine digitalen Euros – vor allem in einer Welt, in der Bargeld an Bedeutung verliert und ggf. in ein paar Jahrzehnten nicht mehr als “Nullzinsgrenze” zur Verfügung steht.

Vielen Dank für das Gespräch!

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7 Kommentare zu “Es ist auszuschließen, dass ein digitaler Euro auf einer permissionless Blockchain ausgegeben wird”

  1. Ich freue mich schon darauf, wenn diese Datenbank gehackt wird.

  2. Danke für das Interview. Einige interessante Aspekte habe ich mitnehmen können, wie bspw. dass möglicherweise gar keine Blockchain zum Einsatz kommen wird. In meinen Augen ist der digitale Euro damit allerdings zum Scheitern verdammt. Single Point of Failure sozusagen. Der von Julian Gross erwähnte angebliche Vorteil, dass der digitale Euro nicht vom internationalen Zahlungsverkehr ausgeschlossen werden kann, ist damit jedenfalls auch nicht umsetzbar.

    Durch das Vorhaben, den CBDC Euro “permissionful” zu machen ändert sich ansonsten de facto nichts und man hat weiterhin ein sprödes Fiat Geld, dessen Geldmenge bei Bedarf bis ins Unendliche ausgeweitet werden kann.

    Ich kann auch nach dem Interview beim besten Willen nicht erkennen, inwiefern ein digitaler Euro den Bürgern einen Mehrwert bringen würde. All die genannten Vorteile hat man schon im heutigen Fiat-Banken-System weitgehend, inklusive Anonymität. Einzige Ausnahme bleiben die Smart Contracts, welche es im Micropayment-Bereich (bspw. Sensoren, oder Onlinezeitungen) aber gar nicht braucht und für die es bereits dedizierte Blockchains gibt, die in meinen Augen wesentlich mehr Vertrauen genießen als ein von Wirtschaftswissenschaftlern entworfenes digitales Geld mit der fest eingebauten und eingeplanten Option auf zentrale Kontrolle. Mein persönliches Fazit: das wird ein Rohrkrepierer.

    PS: eine dezentrale Blockchain sollte es allein schon aus Transparenzgründen sein, um den (ansonsten mit Sicherheit aufkommenden) Vorwürfen von Willkür (Zensur / Einfrieren von Geld) erst gar keinen Nährboden zu liefern.

    PPS: ein Problem beim digitalen Euro wird sicherlich die Menge an Wallets sein: man darf nicht wie bei BTC erlauben, dass diese von Usern beliebig erzeugt werden können. Andernfalls kann man mangels KYC (man braucht ja keine Börsen für einen digitalen Euro) die Travelrule nicht umsetzen. Denn jegliche Limits lassen sich ansonsten immer durch eine entsprechende Aufteilung auf mehr oder weniger Transaktionen umgehen: wenn ich mein Geld auf 1000 Wallets aufteile kann ich an 1000 Adressen jeweils LIMIT minus 1 senden … Beträge variieren und zeitliche Abstände einbauen und das kann kein Mensch der Welt (außer der Empfänger) nachvollziehen. Praktischerweise bietet es sich bspw. an in etwa “Anzahl Untergebener Mafiosis mal 12” Wallets zu führen und diesen jeweils per Monatsende den Schlüssel als Bezahlung zu übergeben mit der Auflage, das Geld nur anonym im Supermarkt einzusetzen. Es wird sicherlich möglich sein als Ermittler ein paar Muster ausfindig zu machen. Genügend Raffinesse vorausgesetzt kann man es aber wohl trotzdem immer so hinbekommen, dass es nicht auffällt … daher: Wallets müssen in ihrer Anzahl beschränkt sein.

  3. Ich kann derzeit wenig Sinn darin erkennen einen digitalen Euro zu verwenden. Höchstens vielleicht für Maschine-zu-Maschine-Bezahlungen. Für den normalen Bürger sehe ich da keine Vorteile.

  4. “Ich kann .. nicht erkennen, inwiefern ein digitaler Euro den Bürgern einen Mehrwert bringen würde.”
    “Ich kann derzeit wenig Sinn darin erkennen einen digitalen Euro zu verwenden.”

    Der Euro wurde nicht geschaffen, um Bürgern einen Mehrwert oder Sinn zu geben. Er wurde geschaffen, damit Politer zensieren, inflationieren und manipulieren können. In digitaler Form werden diese Möglichkeiten drastisch ausgeweitet werden.

  5. … daher: Wallets müssen in ihrer Anzahl beschränkt sein.

    Müssen sie nicht notwendigerweise, wenn das Aufspalten auf mehrere Wallets mit den entsprechenden Mehrkosten verbunden ist.
    Mehr an Transaktionsgebühren, höherer Verwaltungsaufwand, Aufwand Beträge mehrere Wallets nicht versehentlich in der Historie zu verknüpfen, …

    So findet das Splitting sein natürliches Limit im Verwaltungsaufwand.

    • @Sandra: das ist leider ein Irrglaube, dass der Verwaltungsaufwand ein natürliches Limit sein kann. Es braucht nur eine “gescheite” Wallet, die das automatisiert erledigt und alles im Hintergrund verwaltet. Ein paar “einfache” Schleifen sind für einen geübten Programmierer kein Problem. Das kann also alles via Software gemanaged und verwaltet werden.

  6. Gut, aber die paar automatischen Schleifen erzeugen immer Mehrkosten in Form von Gebühren pro genutzter Wallet (bzw. Adresse). Bitcoin ist ja das Geld mit der eingebauten Transaktionssteuer. Auf je mehr Wallets ich mein Geld aufteile, um so mehr kostet mich am Ende eine Überweisung größerer Beträge irgendwohin.

    Ich bin mir nicht sicher, ob ich das einer “einfachen” automatisierten Schleife überlassen möchte.

    Die Walletalgorithmen sind da schon auch etwas komplexer und müssen die Balance aus Fragmentierungskosten und Anonymität finden. Das Problem ist gar nicht perfekt lösbar sondern immer eine Balance. Zumindest in Bitcoin.

    Einige hier im Forum würden das ja einen Bug von Bitcoin nennen ;-). Bezogen auf die Notwendigkeit harter Regulierungen ist es ein Feature.

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