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Niederländisches Gericht verurteilt Tornado-Cash-Entwickler zu 64 Monaten Gefängnis

"Eindhoven", Bild von Metro Centric, geteilt über flickr.com-. Lizenz: CC BY 2.0 Deed

Am Bezirksgericht Ost-Brabant fand der Prozess um den Tornado-Cash-Entwickler Alexej Pertsev statt. Das Urteil reicht weit über den Fall hinaus, da es ein Exempel über die Mitverantwortung von Software-Entwicklern statuiert.

Wenn man keine Coins verwahrt, nimmt man keine Schuld auf sich; Software ist ein Werkzeug, und wer sie entwickelt, trägt keine Verantwortung dafür, was andere mit ihr machen. Etwa das sind die Grundsätze, an denen sich das Rechtsverständnis der Krypto-Szene orientiert – bisher. Denn wie es aussieht, ist es an der Zeit, diese Grundsätze in Frage zu stellen.

Zumindest hat das Bezirksgericht von Ost-Brabant in Eindhoven einen der Entwickler von Tornado Cash, Alexej Pertsev, in die Verantwortung für das genommen, was mit seiner Software geschehen ist.

Tornado Cash ist ein System von Smart Contracts auf Ethereum, welches relativ elegant erlaubt, Token auf der Blockchain zu anonymisieren. Über Tornado Cash wurden zahlreiche Coins und Token gewaschen, in vielen Fällen in Verbindung mit DeFi-Hacks, zum Teil auch mit Hackern aus Nordkorea. Vor fast zwei Jahren wurden die Entwickler von Tornado Cash verhaftet, und die Adressen der Smart Contracts – die weiterhin aktiv sind – mit Sanktionen belegt.

Die Gerichtsprozesse gegen die Entwickler, die in den USA und der Niederlande stattfinden, sind spannend, weil sie nicht nur Recht sprechen, sondern auch Recht schaffen. Da Tornado Cash ein System von Smart Contracts ist, gibt es essenziell keinen Betreiber; die Smart Contracts können nicht mehr geändert werden, da die Entwickler die entsprechende Funktion nach einer Probezeit abgeschaltet haben; die wenigen verbleibenden Möglichkeiten, Einfluss auszuüben, wurden an eine dezentrale autonome Organisation (DAO) übergeben. Die Entwickler hatten keinerlei Möglichkeit, zu verhindern, dass Hacker Coins über Tornado Cash waschen. Wie kann man sie dann dafür juristisch in die Verantwortung nehmen?

Man kann, urteilt das Gericht in Ost-Brabant. Es beginnt bei dem niederländischen Rechtsgrundsatz, dass „ein Mittelsmann, der Kommunikations-Dienstleistungen bereitstellt, um Daten zu übertragen, nicht dafür verurteilt wird, wenn seine Dienstleistungen für kriminelle Zwecke missbraucht werden“ – aber unter einer Voraussetzung: Wenn er einer gerichtlichen Anforderung folgt, „unverzüglich alle Maßnahmen zu ergreifen, die zu erwarten sind, um die Daten nicht länger zugänglich zu machen“. Diese Rechtsprechung, so das Gericht, „ist speziell gemacht, um Meinungsfreiheit zu unterstützen.“ Denn wenn ein Intermediär sich von der Verantwortung für kriminelle Daten lösen kann, indem er diese blockiert, „besteht keine Pflicht, präventiv Zensur zu betreiben.“

Eine Blockchain, die kein Löschen von Daten erlaubt, und Smart Contracts, die man nicht ändern kann, sind in diesem Modell offensichtlich ein Problem. Der Freibrief für Dienstleister wird fragwürdig. Es gibt keine Möglichkeit, den Verdächtigen anzuweisen, bestimmte Daten zu löschen, weshalb Pertsev, so das Gericht, „nicht als Intermediär wie im Strafrecht definiert“ betrachtet werden kann, wodurch „die Basis für die Ausnahme von der Straffälligkeit“ fehlt. Der Angeklagte ist, wie die anderen Entwickler, als Erfinder von Tornado Cash „verantwortlich für die Konsequenzen des Betriebs des Werkzeuges. Die autonome, unveränderbare und nicht aufhaltbare Natur der Smart Contracts sind in diesem Kontext keine Entschuldigung. Sie sind das Ergebnis einer bewussten Entscheidung der Designer.“

Darüber hinaus war den Entwicklern von Tornado Cash sehr wohl bewusst, dass durch ihre Erfindung Geld gewaschen wurde. Etwa 30 Prozent der Einzahlungen in den Onchain-Mixer entspringen nachweislich einer kriminellen Quelle. Dies „hat den Angeklagten aber nicht daran gehindert, Tornado Cash weiter zu entwickeln.“ Er hat bis zu seiner Verhaftung sogar daran gearbeitet, „die Privatsphäre, die Tornado Cash bietet, zu verbessern. Es gab keinen Zeitpunkt, an dem der nicht mehr mit Tornado Cash assoziiert werden wollte. Der Angeklagte hat die einfache, unbegrenzte, voraussehbare und offensichtliche kriminelle Nutzung von Tornado Cash akzeptiert“ – und durch die TON-Token auch von ihr profitiert.

Aus diesen Gründen spricht das Gericht Alexej Pertsev schuldig, die Geldwäsche von 535.809 Ether – etwa 1,2 Milliarden Dollar – ermöglicht zu haben und verurteilt ihn zu 64 Monaten Gefängnis.


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9 Kommentare zu Niederländisches Gericht verurteilt Tornado-Cash-Entwickler zu 64 Monaten Gefängnis

  1. Multiakademiker // 17. Mai 2024 um 10:44 //

    Interessant.
    Mich wundert, dass die selbe Denke nicht auf den Verkauf von Waffen in den USA zur Anwendung kommt:
    Ich war noch nie dort und werde es tunlichst auch vermeiden, dorthin zu reisen, aber wie es mir zugetragen wird: lediglich ein Formular kann jeder ab 18 Jahre ausfüllen, darf kein Knastbruder sein und sich „in Kriegszustand voll bewaffnen“.
    Wie lächerlich dann seit 1970 zu vernehmen ist, dass ja ordentlich diese Produkte im Straßenbild zum Einsatz kommen.

    Zum Sachverhalt: Ja, grundsätzlich erstmal zu 70 % richtig… aber wie sollte ich als Entwickler etwas bewusst sperren? Davon müsste ich erstmal Kenntnis erhalten… erst dann kann ich diese Willenserklärung auch umsetzen.

    Es besteht also Forschungsbedarf…

  2. Paul Janowitz // 17. Mai 2024 um 11:55 //

    Das Urteil ist erschreckend.

    Wann verklagt jemand die US-Behörden, die maßgeblich an der Entwicklung von Tor beteiligt waren? Wird doch offensichtlich für illegale Darknet Marktplätze und schlimmere Dinge verwendet!

    Ja, Tornado Cash hat an allen Transaktionen mitverdient, aber Dank der öffentlichen Förderung haben die Entwickler des Tor Projects auch Geld verdient. Bis heute lebt das Projekt maßgeblich von Spenden (auch Monreo[!!!] und die PayPal Schurken) und öffentlichen Zuwendungen, 2011 waren 60% aller Mittel von der US-Regierung.

    Was ist mit Torrent, IRC, Signal, PGP/GPG, SimpleX, …? Wird alles (auch) für illegale Zwecke genutzt. Zurück in die Steinzeit, Messer auch verbieten, dann gibt es keine Gewalt mehr!

    Erst vor zwei Jahren hat das Bundeskriminalamt (BKA) begonnen, „Messerangriffe“ als Phänomen zu erfassen. Für das Berichtsjahr 2021 wurde bundesweit eine Zahl für die „Messerangriffe“ insgesamt angegeben (10.917 Fälle), für das Berichtsjahr 2022 nur die Zahl der „Messerangriffe“ bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung (2022: 8.160, 2021: 7.071) und bei Raubdelikten (2022: 4.195, 2021: 3.060). Den Beschluss, „Messerangriffe“ separat zu erfassen, begründet das BKA mit dem Anstieg „von Straftaten unter Verwendung des Tatmittels ‚Messer‘“ .

    Im Prinzip kann jedes Werkzeug als Tatwaffe dienen, bei Einbrüchen reicht ein Schraubenzieher und man sollte mal erfassen, wie hoch der Prozentsatz illegaler Nutzung von Bolzenschneidern ist – deren Herstellern sollte man Auferlegen, ein individuelles Schnittprofil zu implementieren und den Verkauf (mit nachweislich legitimem Interesse) nur per vollständigem KYC erlauben.

    Darüber hinaus war den Entwicklern von Tornado Cash sehr wohl bewusst, dass durch ihre Erfindung Geld gewaschen wurde. Etwa 30 Prozent der Einzahlungen in den Onchain-Mixer entspringen nachweislich einer kriminellen Quelle.

    Für Behörden „nachweislich“ weil sie Chainanalyse nutzen. Warum sollte der Entwickler eines Protokolls solche Tools nutzen, zumal diese ihre Methoden nicht offenlegen?

  3. Tom Mayer // 17. Mai 2024 um 12:10 //

    Klar ist das Urteil erschreckend. Sehr sogar. Aber meine Prognose ist, dass die Kryptobranche darauf – wie im übrigen auch die Hersteller von Waffensystemen das vor Ihnen gemacht haben – mit der verstärkten Entwicklung von Dual-Use Systemen reagieren wird. Also Systemen wo die Entscheidung, wird das Messer hauptsächlich zum Töten oder aber zum Streichen des Butterbrotes verwendet, wirklich niemandem mehr leicht fällt.

    Das sich die jetzigen Entwickler der Kryptobranche hier reihenweise mit heruntergelassenen Hosen erwischen lassen, liegt bloss daran, dass sie sich die Gedanken bisher nicht machen mussten.

    Der Kampf geht da also bloss in die nächste Runde. Und alle Seiten in dem Spiel arbeiten mit daran, dass es immer verwirrender und komplexer wird.

  4. amalfi // 19. Mai 2024 um 21:47 //

    Das lässt mich für die Zukunft von Privatsphäre in Wasabi, Samourai und Co und die verbundenen Anklagen nichts Gutes ahnen.
    Schade eigentlich.
    Wobei die Samourai Entwickler für ihr looses Mundwerk schon einen auf den Deckel verdient hätten.
    Ohne Privatsphäre (Monero nimmt man ja auch offline), sind Kryptowährungen deutlich unattraktiver. DA kann ich dann auch gleich wieder Paypal nehmen

    • Paul Janowitz // 21. Mai 2024 um 12:06 //

      Monero nimmt man ja auch offline

      Bitte was?! Natürlich möchte man Monero zensieren weil man es nicht überwachen kann und drängt Börsen dazu, Monero zu delisten. Einen starken Anteil an diesem politischen Druck dürfte Lobbying von Chainanalyse Firmen haben, denn deren lukratives Geschäftsmodell wird mit Monero obsolet. Dennoch, es ist ein Trugschluss zu glauben, dass Monero nur von Kriminellen genutzt wird, erst heute habe ich dazu getweetet:
      https://x.com/janowitz/status/1792802036238712942

      Aber keine Sorge, wir wissen uns zu helfen und die Monero Community hat die letzten Jahre Atomic Swaps zu den größten Coins entwickelt, die brauchen noch nichtmal keinen Coordinator. Dazu gibt es mittlerweile zunehmend dezentrale Lösungen und die werden nur noch mehr, solange man also non-custodial Bitcoin, Litecoin oder Ethereum kaufen kann, wird man sie auch zu Monero swappen können. Monero hat den Kampf nie aufgegeben, wir sind stärker als je zuvor, zumal die ganzen Pump&Dumps (denen auch Bitcoin ausgesetzt ist) mittlerweile der Vergangenheit angehören dürften, da es kaum noch eine Börse gibt, die „Paper XMR“ handelt.

      Und wer mehr erfahren will, kommt mit zur MoneroKon nach Prag in zwei Wochen!

  5. peacy // 21. Mai 2024 um 14:34 //

    Monero wird ab Juli von Kraken in Europa nicht mehr handelbar sein.
    Denke das war gemeint mit „offline nehmen“
    Privacy Coins die von den Zentralisierten Börsen genommen werden.

    • Paul Janowitz // 21. Mai 2024 um 21:04 //

      Diesen Trend kann man seit mehreren Jahren beobachten, zunächst im Asiatischen Raum, dann Australien, dann Großbritannien und jetzt eben auch Deutschland. Meist geschah dies nicht offiziell, sondern über Druck auf Banken, die diesen an die Börsen weitergegeben haben… In Deutschland ist es mit der neuesten EU-Regulierung immerhin halb-offiziell, da man dem Tracking mit Monero schwer gerecht werden kann.

      Aber genau das haben „wir“ provoziert und stehen dazu. Monero will kein Asset der Wall-Street werden, Monero will freies, dezentrales, zensurresistentes Geld sein.
      Keine Nachbauten von bestehenden Strukturen oder Finanzprodukten, Monero will digitales Cash sein und mindestens so anonym wie Bargeld. Dass das nicht jedem gefällt, war von vorne herein klar, dass man sich im Protokoll aber auch keiner Regulierung beugen wird, auch.

      Mit der Adoption geht es leider wie bei allen Coins schleppend voran, der Mensch ist ein Gewohnheitstier… Aber in den grauen Märkten, wo zuvor 100% BTC Dominanz herrschte, ist Monero bereits deutlich vor Bitcoin, was Bitcoins erste ökonomische Domäne war (klar, will „man“ heute nix von wissen…). Bei Händlern von Gutscheinkarten (zwei Händler veröffentlichen monatlich ihre Statistiken) ist Monero mittlerweile gleichauf mit Bitcoin OnChain, LN läuft wenn überhaupt unter „ferner liefen“ – Ethereum, Litecoin, BCH und Stablecoins sind meist deutlich stärker vertreten. Von Open Source Projekten, die Spenden akzeptieren, hört man, dass Monero meist selbst Bitcoin übertrumpft.

      Monero wird die nächsten Jahre noch ein Schattendasein führen, von der Politik verpönt, aber immer mehr genutzt. Irgendwann muss sich die Politik eingestehen, dass man es nicht verbieten kann (wie Cannabis) oder eben damit leben, dass es eine Schattenwährung gibt, die man nicht aufhalten kann. Wird auf jeden Fall spannend!

      • Hans Frosch // 22. Mai 2024 um 13:26 //

        „Aber in den grauen Märkten, wo zuvor 100% BTC Dominanz herrschte, ist Monero bereits deutlich vor Bitcoin“

        Ich warte immer noch darauf, in einer stinknormalen Tageszeitung den Begriff „Monero“ zu lesen. Wenn eine Firma wegen eines Hackerangriffs mal wieder Lösegeld zahlen muss, dann liest man doch immer nur „Bitcoin“?

      • Paul Janowitz // 22. Mai 2024 um 14:08 //

        Lieber Hans, in der Tat. Die Medien verwenden Bitcoin mittlerweile als Oberbegriff für Kryptowährungen, weil das mittlerweile einigermaßen bekannt ist.

        Die bekanntesten Randomwares nehmen m.W. nach Monero, bei Zahlung per Bitcoin gibt es meist einen Aufpreis von 10-20%, zumindest war das vor ca. 1 Jahr so, als ich das recherchiert habe. Nach dem Samourai Lockdown und der Wasabi Compliance dürfte sich dieser Trend eher verstärken, da man schmutzige BTC eigentlich nur noch zu Monero swappen kann…

        Wenn man Handelsblatt als Mainstream ansehen möchte, gab es hier z.B. eine Erwähnung: https://www.handelsblatt.com/finanzen/maerkte/devisen-rohstoffe/kryptowaehrungen-wie-bitcoin-ethereum-und-andere-coins-verbrechern-dienen-01/100019802.html
        IT-lastige Medien wie Heise oder Golem schreiben öfter mal darüber…

        Aber Moneros PR Abteilung [sic!] ist nicht die beste 😛

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