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Neue Finanzsanktionen: Yuan löst Dollar ab

Moskau im Herbst. Bild von Loris Silvio Zecchinato via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Die USA verhängen neue Sanktionen gegen russische Finanzunternehmen – diesmal auch gegen die Moskauer Börse. Der Dollar-Rubel-Handel wandert damit komplett in den Underground ab, auch zu Tether und Bitcoin.

Am 12. Juni hat das US-Finanzministerium eine neue Sanktionsrunde gegen 300 russische Ziele verkündet.

Als Grund gibt das Finanzministerium an, dass Russland im Begriff steht, den Übergang zu einer vollständigen Kriegswirtschaft abzuschließen. Die Grenze zwischen ziviler und militärischer Wirtschaft verwischen, kein Element der Ökonomie ist mehr unschuldig, und jeder Cent, der mit Russland interagiert, ist potenziell mit Blut beschmiert.

Die Sanktionen haben mehrere Ziele. So sollen sie die sekundären Sanktionen verschärfen, welche Finanzinstitute in Drittländern treffen, wenn diese mit Russlands Kriegswirtschaft zusammenarbeiten. Ferner sollen sie den Zugang der russischen Industrie zu amerikanischen, europäischen und asiatischen Software- und IT-Dienstleistungen weitestgehend unterbinden.

Neben einer langen Liste russischer Technologie-Unternehmen treffen die Sanktionen vor allem die Finanzwirtschaft. Nicht nur russische Banken selbst werden sanktioniert, sondern auch deren Ableger im Ausland, in China, Indien, Kirgisien. Vor allem aber landen auch zentrale Institutionen der russischen Finanzinfrastruktur auf den schwarzen Listen, etwa die Moskauer Börse (MOEX), das Nationale Clearing Center (NCC) oder das Nationale Settlement-Depositoryy (NSD).

Russlands Herrscher Wladimir Putin spricht schon lange von der „Dedollarisierung“ – nun erzwingen die USA die Dedollarisierung. Russlands Finanzbranche ist nun vom Dollar abgeschnitten, der offizielle Rubel-Dollar-Handel mausetot.

Die Meldung hat im russischen Finanzwesen zunächst für so etwas wie Panik gesorgt. Die Moskauer Börse ging offline, zahlreiche große Banken, etwa die Gazprombank, haben den Login gesperrt, um so etwas wie einen Bank Run zu verhindern.

Der Dollar-Markt ist derweil in den Schwarzmarkt abgetaucht. Hierbei spielen auch Kryptowährungen eine Rolle. Schon lange dienen Kryptowährungen, vor allem Bitcoin und Tether-Dollar (USDT), als Vehikel für russische Unternehmen, um an den Sanktionen vorbei Geschäfte mit Handelspartnern in der ganzen Welt, vor allem in Asien, zu tätigen. Nun könnte diese Umstellung konsequenterweise auch auf den Devisenhandel übergreifen.

Sowohl Russland als auch die USA wollen in seltener Einigkeit die Dedollarisierung des Landes. Die Märkte hingegen wollen die Redollarisierung, und USDT ist dafür das Instrument der Wahl.

Jedoch sind die Märkte in Russland oft nicht sehr liquide. Zwar sind Kryptowährungen in Russland von den kleinen Bürgern bis zu den Spitzen der Regierung hin, von den Hackern zu Geheimdiensten, von Technologie-Importeuren zu Öl-Exporteuren, weit verbreitet – doch der Handel selbst geschieht nach wie vor in einer Grauzone, während Russland und der Rubel für internationale Börsen rote Tücher bleiben.

Eine der wichtigsten russischen Kryptobörsen ist Garantex. Auf ihr findet ein reger Handel von Rubel gegen Dollar-Token, Bitcoin und Ethereum statt. Hier und auf anderen Plattformen kann man den elektronischen Dollar-Rubel-Handel, der offiziell nicht mehr existiert, weiterhin beobachten.

Wie meistens, wenn sich die Preisfindung in die Untergrund- und Graumärkte hinein verschiebt, beginnen die offiziellen und Marktpreise voneinander abzuweichen. Während man offiziell 89 Rubel für einen Dollar bezahlt, kostet ein USDT schon knapp 92 Rubel. Ein solcher Aufschlag von rund drei Prozent findet sich auch bei Bitcoin wieder.

Insgesamt scheinen die Folgen für die russische Finanzindustrie jedoch eher begrenzt, sofern sich das zwei Tage später sagen lässt. Der Nebel nach dem ersten Schock hat sich gelichtet, die MOEX geht wieder online, die Banken öffnen die Logins wieder. Der Preis des Rubels hat etwas nachgegeben, der Kurs der MOEX ist etwas gesunken. Aber ein Crash sieht anders aus.

Zwar wurde die Preisfindung des Rubels zum Dollar konfuser und volatiler. Doch auch das ist nicht dramatisch. Laut Reuters finden in diesem Jahr sowieso schon 60 Prozent des Devisenhandels OTC statt, also Over-the-Counter, außwerhalb der Börsen. Hier wird lediglich ein Trend gezwungen, sich zu vervollständigen; durch Kryptowährungen besteht ein liquider elektronischer Handel fort, der eine transparente Echtzeit-Preisfindung ermöglicht.

Auch ein anderer Trend wurde durch die Sanktionen beschleunigt. Schon im Mai hat der chinesische Yuan den Dollar als wichtigste Währung im Rubelhandel abgelöst. Rund 54 Prozent des Fremdwährungsmarktes fand in Yuan statt. Dollar und Euro haben in den letzten zwei Jahren im russischen Finanzwesen massiv an Einfluss verloren, der weiche Landeflug setzt nun ein wenig holpernd am Boden auf.

Folgerichtig machte die russische Zentralbank nun offiziell, was schon gegeben war: Der Yuan löst den Dollar als Leitwährung ab. auf der Moskauer Börse wird das Yuan-Rubel-Paar fortan zum Referenzpunkt für alle anderen Währungspaare dienen. Der Yuan wird damit zum Proxy für den Dollar, so, wie der Dollar früher, im System von Bretton Woods, ein Proxy für Gold war.

Die Spaltung der globalen Währungsräume ist damit auf einem neuen Niveau angekommen. Der Yuan zeigt sich dabei wie erwartet als der größte Konkurrent zum Dollar.

Von einer Entdollarisierung des globalen Handels ist jedoch weiterhin nichts zu sehen. Der Dollar ist nach wie vor die mit sehr weitem Abstand wichtigste Währung. Trotz mancher Bemühungen der BRICS-Staaten, die Abhängigkeit vom Dollar abzubauen, konnte er seine Stellung als globale Leitwährung in den vergangenen Jahren nicht nur behaupten, sondern sogar noch ausbauen.

Mit der Anbindung von Russland an den Yuan dürfte die Plattenverschiebung im internationalen Währungsgefüge jedoch in eine neue Phase eingehen. Ob auch dieser Schritt am Dollar abperlen wird, oder ob er eine Dynamik anstößt, die die Stellung des Yuan nachhaltig aufwertet, ist derzeit noch nicht zu erahnen.

Kryptowährungen wie Bitcoin und USDT werden dabei, auch wenn sie noch nicht im Rampenlicht stehen, eine gewisse Rolle spielen. So steht Bitcoin als dritte Option neben Dollar und Yuan in den Startlöchern, sei es als Rechnungseinheit oder Settlement-Währung. Die Tether-Stablecoins wie USDT dienen sich als die Währung, die die Märkte wünschen, an, um der Dedollarisierung entgegenzuarbeiten, um sie womöglich sogar in eine Re- und Hyperdollarisierung umzuleiten, in der jedoch die klassischen US-Finanzsanktionen außer Kraft gesetzt werden.

Zugleich werden die Kryptomärkte immer dann, wenn es im Gebälk knirscht und kracht, wichtig werden. Wenn Regierungen den Handel regulieren und begrenzen, wenn sie Preise setzen und den Markt zwingen, in den Underground auszuweichen, werden die Kryptomärkte für Liquidität sorgen und helfen, Preise zu finden und zu erkennen.


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Über Christoph Bergmann (3247 Artikel)
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1 Kommentar zu Neue Finanzsanktionen: Yuan löst Dollar ab

  1. Ulli-Bukkake // 15. Juni 2024 um 1:23 //

    Ablösen glaube ich auch noch nicht aber ins Knie haben die „Sanktionisten“ sich schon geschossen.
    Ich vermute/befürchte das der Westen sich arg überschätzt hat gegen China ,Russland und Iran ect.
    Wer da alles in Brics jetzt ist und angeblich rein will….frag mich wo wir noch Rohstoffe herbekommen eines Tages wenn „die“ mal anfangen Sanktionen zu schnüren.

    Den Dollar als Daumenschrauben zu benutzen war Intelligenz eines Wrestlers und ich befürchte bei China und Russland haben wir es mit Strategen zu tun.
    Geil finde ich’s natürlich wenn die Fiat Welt zusammenbricht und Westeuropa mal bischen Realität ala Argentinien,Libanon und Simbabwe kennenlernt.Puff…alle Ersparnisse durch den Schornstein wie vor 100 Jahren

Kommentare sind deaktiviert.

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