Eine DAO an der Schnittstelle zwischen Neurowissenschaften und KI
Axone sind die Verbindungsstücke zwischen Neuronen. Bild von Berkshire Community College via flickr.com. Lizenz: Öffentliche Domäne
AxonDAO möchte durch Smart Contracts die Finanzierung von Forschungsprojekten fairer machen. Teilnehmer an Studien können durch ihre Daten Token farmen. Einer der Gründer erzählt uns mehr.
„Es funktioniert,“ schwärmt Mack Stachowiak: „Wir sind in der Lage, Technologien zu schaffen, und wir sind in der Lage, sie zu finanzieren.“
Mack lebt in Warschau und ist Mitgründer von AxonDAO. Er ist überzeugt, damit eines der größten Probleme der gegenwärtigen Wissenschaft zu lösen – und hofft, so eine „Explosion transformativer Schöpfungen“ auszulösen.
Der Pole hat Physik studiert, danach ein Netz autonomer Wetterstationen aufgebaut, als Ingenieur gearbeitet, in der Biotechnologie und Gesundheitsbranche, immer irgendwo an der Schnittstelle zwischen Forschung und Unternehmertum. Und genau dort agiert er auch heute, mit AxonDAO und seinem Projekt A+Voice.
In einem Telefonat erzählte er uns ausführlich über sich, AxonDAO, seine Motivation, seine Projekte. Wir gehen der Sache auf den Grund und loten aus, welchen Nutzen es hat, Forschung über eine DAO zu finanzieren.
Dezentrale Wissenschaften – ein neuer Trend?
Axon DAO gehört zum Ökosystem der Dezentralisierten Wissenschaften (Decentralized Science, DeSci), einem relativ jungen Segment des Kryptomarktes.
Der Grundgedanke ist im Grunde einfach: Man bedient sich bei der Blockchain-Technologie – Kryptowährungen, Token, Smart Contracts – um Wissenschaft besser zu machen. Da es um Token geht, geht es auch um Spekulation, unvermeidlich, aber immerhin: man kann hoffen, dass am Ende ein echter Nutzen steht.
Das DeSci-Ökosystem entsteht erst. Doch schon jetzt schälen sich zwei Modelle heraus, die offenbar ankommen:
Erstens sollen Dezentrale Autonome Organisationen (DAOs) die Forschung koordinieren. Anstatt zentraler Gremien und staatlicher Apparate soll eine dezentrale Community in völliger Transparenz entscheiden, welche Projekte gefördert werden.
Zweitens experimentieren DeSci-Projekte mit nicht-fungiblen Token (NFTs), um Patente, Veröffentlichungen oder andere Errungenschaften zu tokenisieren. Dies soll den verkrusteten Markt wissenschaftlicher Publikationen und Patente aufbrechen.
Dezentrale Investments für die Forschung
AxonDAO fällt in die erste Kategorie. „Wir sind wie ein dezentraler Investment-Fonds,“ erklärt Mack. „Die Mitglieder der DAO, die Besitzer der AXGT-Token, können entscheiden, welche Projekte gefördert werden.“

Mack und Tarusha, zwei der Gründer von AxonDAO
Damit löst Axon ein Problem, das für viele Forscher abschreckend sei, erklärt Mack weiter: „Etwas zu erforschen oder einen Prototypen zu bilden ist relativ einfach. Doch ein Produkt in Serie auf den Markt zu bringen, das ist hart.“ Er zitiert Elon Musk: „Prototypen sind einfach, Produktion ist hart, und einen positiven Cashflow zu haben ist quälend.“
Damit Wissenschaftler diesen Sprung wagen können, von der Idee zum Produkt, brauchen sie Kapital. Und um das zu bekommen, „hat man die Wahl, sich von der Universität oder Wagniskapitalgebern unterstützen zu lassen.“ Beide verlangen aber in der Regel einen Preis: die Patente oder die Mehrheit an dem Projekt. Für viele Gründer ein No-Go.
„Es ist unfair und beengend für Menschen, die eine interessante Idee haben. Wir bieten Wissenschaftlern nun etwas Besseres.“
Neuromedizin und KI
AxonDAO ist nicht schwer zu erklären: Es ist eine Plattform, auf der Wissenschaftler Projekte einreichen können, um nach Kapital zu suchen. So ähnlich wie ein Crowdfunding.
Die DAO hat durch den Verkauf der AGXT-Token eine Schatzkammer gebildet. Ihre Mitglieder können durch die Token abstimmen, welche Projekte finanziert werden. Zusätzlich können sie die Token gegen Anteile an den Projekten tauschen. Doch deren Mehrheit bleibt stets in den Händen der Forscher, versichert Mack.
Ein solches oder ähnliches Modell ist beliebt. Es gibt mehrere DAOs, die als Investoren für Forscher agieren: VitaDAO, AthenaDAO, HairDAO, ValleyDAO oder PsyDAO. Durch sie wurden schon mehrere Millionen Dollar an Forscher verteilt.
Im Fokus stehen meist Gesundheit und Medizin. Dies dürfte kein Zufall sein: Die Öffentlichkeit ist interessiert – jeder interessiert sich für Gesundheit – und Kapitalgeber wittern große Geschäfte. Doch zugleich wird der Fortschritt durch Regulierung und Bürokratie erdrückt.
Auch AxonDAO ist da keine Ausnahme: Der Fokus liegt auf Neuromedizin und Künstlicher Intelligenz.
Die Stimme lesen
Das erste Projekt, das AxonDAO mit 45.000 Dollar finanziert, ist A+Voice. Mack leitet es selbst.
Was war zuerst? Axon oder A+Voice? „Ich würde sagen, beides,“ meint Mack, „wir hätten Axon DAO nicht gestartet, wenn wir kein Projekt gehabt hätten, das wir funden wollten. Ein Proof of Concept. So gesehen ist A+Voice für AxonDAO da. Andererseits hatte ich die Idee schon lange im Kopf.“
A+Voice nutzt die Stimme als Hinweis auf Krankheiten. „Die Stimme enthält mehr Information, als wir bisher wissen. Das ist schon lange bekannt, aber medizinisch und technisch wenig erschlossen.“
Bei A+Voice können die User mit einer App ihre Stimme aufnehmen. Damit trainieren sie die Algorithmen im Hintergrund. Diese suchen etwa Hinweise auf neurologische Erkrankungen, wie Alzheimer, Parkinson oder Demenz. Aber sie sollen auch erkennen, ob jemand müde oder wach ist, etwa ein LKW-Fahrer.
Algorithmen oder Heuristiken, die aus der Stimme etwas erkennen, gibt es schon lange, länger als Computer. Etwa um Lügen zu enthüllen oder Depressionen zu diagnostizieren. Doch neuere Methoden gehen noch weit darüber hinaus. „Was aber fehlt, ist eine Plattform, die diese Methoden zusammenführt und mit möglichst guten Daten testet und trainiert.“
Das ist A+Voice. Je besser man die Algorithmen durch Userdaten trainiert, umso besser werden sie darin, Krankheiten zu erkennen. „Mittlerweile haben wir mehr als 100 User,“ freut sich Mack, „Das ist nicht so viel, aber mehr, als jede vergangene Forschung dafür hatte. Und wir fangen erst an.“
Die schöne Vision ist, dass jeder seine Stimmdiagnostik in der Hosentasche mit sich trägt. Aber wozu braucht man dafür nochmal eine DAO?
Probanten farmen Token
Die klarste Antwort sind die Token: User werden mit AXGT-Token dafür belohnt, ihre Stimme aufzunehmen. Man kann AXGT-Token quasi farmen oder stacken.
DeSci schafft damit einen Markt für Probanden. Normalerweise belohnen Wissenschaftler ihre Probanden einmalig mit ein wenig Geld, wenn sie an einem Experiment teilnehmen. Anreize, Teilnehmer fortlaufend dafür zu belohnen, eine wissenschaftliche App mit Daten zu füttern, fehlen bislang.

Ein mutmaßlich psychoaktiver Pilz. Bild von Andrew via flickr.com. Lizenz: Creative Commons
Damit könnten DeSci-Projekte wie A+Voice helfen, den medizinischen Datenbestand deutlich zu verbessern. Zwar gibt es global gesehen eine Fülle an Daten, doch bei speziellen Themen, wie eben der Diagnostik durch die Stimme, sieht es viel dürftiger aus.
Die AXGT-Token haben dabei nicht nur einen monetären Wert: Sie machen die Teilnehmer der Experimente auch zu Teilhabern. Sie können die Token gegen Anteile an Projekten wechseln, um an späteren Erlösen teilzuhaben, oder abstimmen, welche weiteren Projekte gefördert werden.
Zumindest in der Theorie. Denn bei diesem Thema stößt man rasch an die Grenze der Dezentralität.
Gib’ mir kein A, gib’ mir kein D
Ein Kernproblem von DAOs ist es, beweglich zu bleiben. Das ist seit Der DAO bekannt, die, noch bevor sie gehackt wurde, unfähig war, Entscheidungen zu treffen. Die Abstimmungsquote war zu hoch angelegt. Diese „Voting Fatigue“ ist für viele DAOs ein zentrales Hemmnis.
„Wenn man nur begrenzte Mittel hat, muss man schnell und agil handeln. Stell’ dir vor, du hast 100.000 Dollar in deiner Schatzkammer, um sie zu investieren. Möchtest du, dass 10.000 Leute ohne Fachkompetenz darüber entscheiden – oder wichtige Förderungen blockieren?“ Macks Ziel ist es, einen Kreis von Wissenschaftlern und Beratern aufzubauen, die dezentral, aber kompetent entscheiden, was die DAO mit ihren Reserven macht.
Bis es so weit ist, beginnen Mack und seine Mitgründer mit weniger „D“ und „A“ und mit mehr „O“: Weniger dezentral und weniger autonom, aber mehr Organisation. Axon DAO ist ganz traditionell als Unternehmen registriert und integriert bisher nur wenige dezentrale Elemente.
Laut Whitepaper sollte man die Token eigentlich benutzen können, um eigene Projekte zur Förderung einzureichen. Bisher aber entscheidet das Team selbst, welche Projekte zur Wahl stehen. Auch über die Roadmap der DAO bestimmt allein das Team. Die Besitzer der Token können nur darüber abstimmen, welche der ausgewählten Projekte finanziert werden.
„Manche in unserem Team haben bereits Erfahrungen mit DAOs und ähnlichen Projekten. Während wir es aufgebaut haben, haben wir beobachtet und aus den Problemen der anderen gelernt,“ erklärt Mack. „Andere Projekte haben das registriert und baten uns um Rat und Hilfe. So wurden wir mit DeSci.works zu einem Kompetenzcenter für wissenschaftliche DAOs.“
DAO nur zum Schein?
Die AxonDAO ist keine DAO in dem Sinn, dass von Anfang an alle Regeln unveränderlich festgelegt sind. Von der eigentlichen Ideologie der DAOs, — „gleichzeitig nirgendwo und überall zu existieren und ausschließlich durch den eisernen, unerschütterlichen Willen von unaufhaltsamem Code zu operieren“ – bleibt nicht viel übrig.
Zwar sind die Entscheidungen von Mack und seinen Mitgründern nachvollziehbar und verständlich. Dennoch wirkt Axon derzeit so, als sei es nur dem Schein nach dezentral und autonom, während es in Wahrheit ein Vehikel ist, um die Projekte der Gründer zu finanzieren.
Etwa Psylosys. Dieses Projekt steht derzeit in der Pipeline. Die australische Forscherin Tharusha Jayasena, ebenfalls Gründerin von Axon, sucht 65.000 Dollar, um zu erforschen, wie Mikrodosen LSD oder Psilocybin Sprache, Laune, Kreativität und kognitive Funktionen beeinflussen. Teilnehmer sollen hierfür mit eine App ihre Erfahrungen teilen – und erhalten dafür Token.
Die Projekte von Mack und Tharusha sind interessant. Aber sie sind meilenweit davon entfernt, eine Marktkapitalisierung der AXGT-Token von gut 30 Millionen Euro zu rechtfertigen. Wer in die Token investiert, sollte sich bewusst sein, dass er ein Versprechen auf die Zukunft hält: ein Versprechen darauf, dass Axon DAO künftig zu einer wichtigen Plattform für Wissenschaftsfinanzierung wird.
Den Weg von der Forschung zum Produkt verkürzen
Mack hat mit der AxonDAO eine große Vision. Es geht ihm darum, die Projektfinanzierung der Wissenschaft zu transformieren.
Dezentrale Organisationen sollen Forscher, die etwas realisieren wollen, von Kapitalgebern und Universitäten emanzipieren. Bisher sitzen diese am längeren Hebel und können diktieren, unter welchen Bedingungen sie Geld heraus rücken. „Die Blockchain gibt uns ein Werkzeug, das zu ändern, um Projekte einfacher, transparenter und fairer zu finanzieren.“
In Macks Vision für die Zukunft wird Forschung viel dezentraler koordiniert. Alle, Wissenschaftler, Akademiker, Investoren, können sich beteiligen, viele Projekte, die heute nicht realisiert werden, weil sie nicht oder nur zu abschreckenden Bedingungen finanziert werden, werden Wirklichkeit.
Es wird eine Explosion transformativer Schöpfungen geben, hofft Mack, der Weg von der Forschung zum Produkt, derzeit noch durch Kapitalgeber, Universitäten und Konzerne reguliert, wird kürzer und freier werden. Das, was man in der Bioforschung das “Valley of Death” nennt, das Todestal zwischen Grundlagenforschung und Therapie, wird viel kürzer werden.
Und die DAOs, die zu Säulen der Wissenschaftsfinanzierung geworden sind, werden dann auch wirkliche DAOs sein: wahrhaft dezentrale Organisationen, in denen die Gründer wie Mack die Kontrolle abgegeben haben.
Eine elektronische Patientenakte in schlau
Auch hinsichtlich der Forschung verfolgt Mack einen eigenen roten Faden, der sich in der Axon DAO wiederfindet: Es geht um die Verbindung von Medizin und KI.
Bisher, bei A+Voice und Psylosys, meint Medizin vor allem Neurowissenschaft. Mit seinem Herzensprojekt möchte Mack aber darüber hinausgehen.
CureOS, so der Titel, soll Usern ein Profil geben, in dem sie ihre Gesundheitsdaten sammeln. Es ist auf den ersten Blick nicht so viel anders als die „Elektronische Gesundheitsakte“, die in Deutschland geplant ist, oder jede der zahlreichen Gesundheits-Apps fürs Smartphone.
Aber OS, die Abkürzung für „Operating System“, ist nicht umsonst im Titel. CureOS verbindet die Daten mit Algorithmen, sowohl KI-Algorithmen als auch statische. Dank homomorpher Verschlüsselung werden die Daten verarbeitet, obwohl sie verschlüsselt bleiben.
CureOS soll so zu einer zentralen Plattform für Daten und Algorithmen werden. User geben die Daten, verschiedene Forscher die Algorithmen. Wie in einem Appstore können User dann dafür bezahlen, einen Algorithmus zu benutzen.
„Im Grunde machen Ärzte das schon lange: Sie benutzen Algorithmen oder Heuristiken, wenn sie Laborwerte anschauen.“ CureOS soll diesen Teil der ärztlichen Diagnostik aufs Smartphone bringen. Wenn Daten und Algorithmen eine gewisse Qualität erreichen, kann man CureOS so einem Arzttermin vorschalten, um diesem die Arbeit zu erleichtern, oder selbst Ratschläge erhalten, die den Arztbesuch überflüssig machen.
Es hat erst begonnen
CureOS ist längst nicht das einzige Projekt, das versucht, die intelligente elektronische Patientenakte zu bilden. Im Prinzip macht dies jede zweite Gesundheitsapp fürs Smartphone, jeder Hersteller von Smart Watches und so weiter. Selbst im DeSci-Ökosystem gibt es mehrere Projekte, die dies schaffen wollen. Die Zeit scheint reif für ein solches System zu sein.
Ob es CureOS schafft, sich gegen die Konkurrenz zu behaupten, steht derzeit in den Sternen. Mit dem DeSci-Ansatz könnte es Mack gelingen, User durch Token soweit zu motivieren, dass er eine kritische Masse erreicht; die naheliegenden Krypto-Zahlungen könnten helfen, Entwickler zu gewinnen, ihre Algorithmen beizusteuern.
Aber all das bildet sich erst noch heraus. Die Dezentralisierung der Wissenschaften und damit AxonDAO hat erst begonnen. Es gibt zwar erste Gründe, optimistisch zu sein, doch der Weg ist noch weit, und die schwierigsten Hindernisse noch nicht mal in Sicht.
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