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EZB-Ökonomen ändern Fazit von umstrittenem Bitcoin-Paper

Frankfurt am Main: Gebäudekomplex der Europäischen Zentralbank, von Nordwesten gesehen. Bild von Epizentrum via wikipedia.de. Lizenz: Creative Commons

Zwei EZB-Ökonomen haben ein bemerkenswertes, aber auch kontroverses Paper zu Bitcoin verfasst – und nun das Fazit geändert. Entscheidender ist aber die Frage, weshalb sie trotz wiederholter Fehlprognosen weiter die höchste monetäre Institution Europas beraten.

Man kann’s ja mal probieren. Vielleicht fällt es keinem auf. Die beiden EZB-Ökonomen Ulrich Bindseil und Jürgen Schaaf haben im Oktober ein Paper über die Umverteilungs-Effekte von Bitcoin veröffentlicht.

In diesem Paper haben sie erstmals die Möglichkeit eingeräumt, dass Bitcoin gewinnt – und vor den Folgen für die Verteilungsgerechtigkeit gewarnt. Denn wer keine Bitcoins hält, gewinnt nicht nur nicht – sondern verliert. Risiken entstehen nicht länger allein für diejenigen, die in Bitcoins investieren – sondern auch für die, die es versäumen. Die beiden Autoren haben hier etwas wichtiges erkannt, ziehen aber verheerend falsche Schlüsse daraus.

Denn das Paper mündete in einer unverhohlenen politischen Forderung: Diejenigen, die keine Bitcoins besitzen, „haben überzeugende Gründe, gegen Bitcoin zu sein und beim Gesetzgeber gegen ihn einzutreten, mit dem Ziel, dass Bitcoin nicht weiter im Preis steigt oder ganz verschwindet.“ Sie und ihre politischen Repräsentanten sollten realisieren, dass Bitcoin als ein Investment darauf beruhe, dass Wohlstand auf ihre Kosten umverteilt werde.

Das Fazit war mehr oder weniger eine Kriegserklärung. Nun haben sie es etwas abgemildert und vor allem die politischen Forderungen gelöscht, wie der Investor Tuur Demester feststellt. Die Nicht-Besitzer von Bitcoin, heißt es nun, „sollten realisieren, dass sie Gründe haben, sich vor Bitcoin zu sorgen wie auch vor Regierungen, die Bitcoin favorisieren.“

Fortschritt verbieten, damit es keine Verlierer gibt

Das ist freilich nur ein kleines Detail, ein winziges Zurückrudern, während die Botschaft nach wie vor dieselbe bleibt: Der Erfolg von Bitcoin ist besorgniserregend, und es sollten in Europa ja keine bitcoin-freundlichen Regierungen an die Macht kommen.

Wenn Google-Aktien erfolgreich sind, sollten dann Nicht-Besitzer sich davor sorgen, dass sich das Internet durchsetzt? Wenn die Elektromobilität Vermögen von BMW-Aktionären zu Tesla-Aktionären umverteilt – sollte man dann dafür sorgen, dass Regierungen gegen Elektromobilität sind? Und wie war das nochmal mit den Kutschen?

Fortschritt hat immer auch Verlierer. Doch weil Fortschritt unvermeidbar ist, schützt man die Verlierer nicht, indem man versucht, Fortschritt zu verhindern. Man schadet lediglich allen, weil man es verbietet, zu Gewinnern des Fortschritts zu werden. In gewisser Weise steht Europa an einer Schwelle: Soll man die Verlierer des Fortschritts schützen, indem man Fortschritt nicht zulässt – oder lässt man Fortschritt zu und entschädigt die Verlierer auf andere Weise?

Die Einstellung, die sich im Paper von Schaaf und Bindseil offenbart, sollte in höchstem Maße alarmierend sein. Ein fortschrittsfeindliches Europa wird niemanden vor Schaden schützen, ganz im Gegenteil, es wird dem Kontinent die Fähigkeit rauben, den Verlierern des Fortschritts zu helfen. Denn dazu braucht man auch Gewinner.

Wiederholtes Irren in Europas höchster monetärer Institution

Noch spannender ist aber die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass Schaaf und Bindseil noch im Jahr 2024 ein solches Paper für die EZB veröffentlichen. Schaaf ist ein Berater der EZB, Bindseil sogar ein Generaldirektor. Neben dem genannten haben die beiden noch zwei weitere Paper zu Bitcoin publiziert.

Eines, veröffentlicht Ende 2022, trägt den Titel: „Bitcoins letztes Gefecht„. Darin erklären sie, dass Bitcoin kein Investment ist, und raten der Finanzbranche, Abstand von Bitcoin zu nehmen, um Reputationsschäden zu vermeiden, wenn „Bitcoin-Investoren noch mehr Verluste machen.“ Das, was man derzeit sehe, sei nichts als „ein künstlicher Atemzug auf dem Weg in die Irrelevanz.“

Im Februar 2024 legen sie nach. Bitcoin atmete weiter und war noch immer nicht irrelevant geworden. Stattdessen hatte die SEC in den USA die ETFs genehmigt, und der Markt begann, wieder kraftvoll Optimismus zu schöpfen. Die beiden Autoren registrieren das zwar, sehen sich dadurch aber keineswegs widerlegt. Bitcoin hat das „letzte Gefecht“ nicht gewonnen, es dauert nur länger.

„Es gibt keinen ‚Beweis des Preises‘ in einer spekulativen Blase. Stattdessen zeigt die Reflation der spekulativen Blase, wie effektiv die Bitcoin-Lobby arbeitet. Die ‚Markt‘-Kapitalisierung quantifiziert lediglich den gesamten gesellschaftlichen Schaden, der entstehen wird, wenn das Kartenhaus zusammenfällt.“ Es sei daher wichtig für Regierungen und Behörden, die Gesellschaft vor all den Übeln zu schützen, die mit Bitcoin in Verbindung stehen, darunter auch die Verluste von Investoren, fordern die beiden. „Diese Arbeit muss noch erledigt werden.“

Wenn sie nun erneut registrieren, dass ihre Prognosen nicht eingetroffen sind, aber umso vehementer fordern, Bitcoin politisch zu ächten – wollen sie dann wirklich die Bürger der EU schützen? Oder wollen sie, dass die Regierungen sie davor bewahrt, unrecht gehabt zu haben?

Man könnte unter den Analysen der EZB noch weiter zurückgehen. Ein Artikel von 2018, aktualisiert 2021, beantwortet die Frage „Was ist Bitcoin?„. Darin erfährt man, dass Bitcoin ungedeckt ist, selten als Zahlungsmittel akzeptiert und zu volatil ist. Bitcoin sei kein Investment, sondern ein spekulatives Asset für Zocker.

Und so geht es weiter. Warum hält die EZB krampfhaft an einer Haltung fest, die sich wieder und wieder als falsch erwiesen hat? Und, vor allem: Warum dürfen Ökonomen, deren Prognosen seit Jahren zu Bitcoin völlig daneben liegen, weiterhin die höchste monetäre Institution Europas beraten? Sollte man an dieser Stelle nicht höhere Ansprüche haben? Kann es sein, dass Europa auch in dieser Hinsicht am Scheideweg steht? Wollen wir Leute vor den Konsequenzen von Irrtümern schützen – oder wollen wir, dass sie richtig liegen?


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Über Christoph Bergmann (3247 Artikel)
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8 Kommentare zu EZB-Ökonomen ändern Fazit von umstrittenem Bitcoin-Paper

  1. John M Keynes // 20. November 2024 um 15:45 //

    Wenig hat sich geändert seit 13 Jahren. Wer heute immer noch glaubt, man können BTC wegdiskutieren, nur um sich ja mit ihm beschäftigen zu müssen wird finanziell den kürzeren ziehen. Ich hatte meinem Umfeld ganz am Anfang empfohlen für je 100 € alle damals existiereden Coins zu kaufen. Einer hat das gemacht und lacht heute. Die anderen haben 10 jahre alte Flachbildschirme.

    • Exil-Hexikaner // 20. November 2024 um 20:00 //

      Ohne das „alle […] existierenden“ würde sich dein Kommentar weniger nach einer Paulaner-Garten-Story anhören, sorry.

  2. Mit solchen Institutionen und deren Einstellung werden wir im Wettbewerb mit den USA und China nicht bestehen – Fortschritt ist „pfui“ – Europa wird zurecht als „alter Kontinent“ bezeichnet. Leider werden wir mit einer derartigen Geisteshaltung entsprechend enden. Auch die Anhebung der Zinssätze kam damals viel zu spät – klar man muss ja auf die hochverschuldeten Staaten Rücksicht nehmen. Gelddrucken ist halt einfacher als notwendiges wirtschaftspolitisches Handeln. Die beiden Herren sollten sich jedenfalls fragen, ob sie in ihren Positionen noch tragbar sind, wenn es die Leitung schon nicht tut.

  3. Da kann man sich ja schon mal drauf freuen: Den Artikel von den beiden, in dem sie verkünden müssen, dass die EZB nun auch strategisch hodlt. Zwar als letzte aller Banken, aber besser spät als gar nicht.

  4. Skywalker // 20. November 2024 um 20:08 //

    Es geht doch nur darum, dass Europa vom Bitcoin ferngehalten wird. Wenn der Bitcoin die Zukunft des Geldes ist und eines Tages die Staatsschulden der USA decken soll, dann ist es für die USA umso besser, wenn Europa nicht in Bitcoin investiert und seine Staatsschulden damit deckt und somit jetzt auch als Käufer in Konkurrenz zu den USA tritt. Und ohne Bitcoin als Deckung für den FIAT-Euro wird dieser in der Zukunft immer schwächer werden gegenüber dem Dollar. Eine schwache Währung wäre zwar gut für die Industrie in Europa, deren Produkte dadurch auf dem Weltmarkt preislich immer attraktiver würden. Aber auch da machen die USA Nägel mit Köpfen: Sie werben mit dem Infaltion Reduction Act die Industrie aus Europa ab. Hier wird nicht mehr neu investiert, alles geht eher kaputt. Auch dank der hohen Energiepreise nach Atomausstieg und Gaslieferstopp aus Russland. Günstige Energie ist eine Voraussetzung für die Schaffung von Wohlstand.

    Es sieht in allen Belangen schelcht um Europa aus im Vergleich zu den USA. Das ist aber bei „Make America great again“ und “ America first“ so von den USA gewollt…

  5. Tom Mayer // 20. November 2024 um 20:22 //

    Wenn die Elektromobilität Vermögen von BMW-Aktionären zu Tesla-Aktionären umverteilt – sollte man dann dafür sorgen, dass Regierungen gegen Elektromobilität sind

    Genau das passiert doch auch. 😉 Oder wie ist die beschlossene EU Zölle auf chinesische Elektroautos zu verstehen?

    China hat im Gegensatz zu unserer Industrie früh begriffen, dass erst billige Kleinwagen der Elektromobilität zum gesamtgesellschaftlichen Durchbruch verhelfen. Unsere Industrie hat Elektroantrieb higegen als reine Luxusaustattung verstanden.
    Und um unserer einst so erfolgreichen – jetzt aber alle Trends verschlafenden – strauchelnden Autoindustrie unter die Arme zu greifen, gibt es jetzt halt Zölle.

    Aber um die beiden Autoren da mal zu verteidigen. Sie haben dabei schon unser aller Wohl im Auge. Sie zielen bloß, genau wie unsere Automobilindustire, aus alten Erfolgen heraus, die falschen Schlüsse.

    • Sharavanabhava // 26. November 2024 um 18:27 //

      Keine staatliche Stelle hat wirklich und endgültig das das Wohl der Bürger im Sinn. Nicht weil sie schlecht oder korrupt sind sondern einfach weil das nicht funktioniert. Denn Machterhalt hat nichts mit Demokratie zu tun. Schaut euch mal auf YT das Video an „Rule of Rulers“ an.

      In dem EZB-Papier wird die These vertreten, dass wenn der Kurs immer weiter steigt hätte die „negative gesellschaftliche Aspekte“. Wie wird nicht erklärt. Es wird einfach ein Teufel an die Wand gemalt.

      Ist es wirklich die Aufgabe der EZB soziale Fragen zu erörtern? Ich weiß es nicht. Aber ich glaube auch es ging um etwas ganz Anders. Bitcoin wurde in den letzten Jahren aus vielen Winkeln angegriffen. Man dachte schon die Thema Ressourcenverbrauch sei der letzte Schlag, aber Bindseil & Schaaf haben nun versucht Non-Bitcoiner und Hater gegen Bitcoiner aufzuhetzen.

      Dafür muss man ihnen Respekt zollen denn darauf muss man erst einmal kommen. Und sie haben damit auch bewiesen, dass es offenbar keine anderen Argumente mehr gegen Bitcoin gibt und er nicht aufzuhalten ist. Offenbar will man nun Politiker beeinflussen die Gesetze zu verschärfen oder „Bitcoin ganz zu verbieten“. Das wäre eine neue Wendung. Nun wirkt also die EZB auf die Politik ein. Dürfen die das? Ich dachte eigentlich lief das bislang eher umgekehrt und auch das wäre nicht erlaubt.

      Bitcoin ist Anfang 2023 vom OG München als Wirtschaftsgut eingestuft worden. Der Richter hat hier keine Zweifel gelassen: Geld und Wirtschaftsgüter sind Zahlungsmittel und damit neutral. Folglich sollte auch die EZB neutral sein, solche meinungsmachenden Papiere nicht veröffentlichen und sich sicher nicht mit sozialen Fragen beschäftigen. Das ist übrigens keine gute Werbung für eine zukünftige CBDC.

      Ein weiterer Satz aus dem Papier „man solle auch nicht jeder Innovation hinterherlaufen“ ist eher peinlich. Soll man nun den „guten“ Innovationen folgen? Entscheidet wer? Und wann? Innovation bedeutet „Erneuerung“. Folglich kann man sie erst beurteilen wenn sie abgeschlossen bzw. im Mainstream angekommen ist.

      • Mh, soweit ich mich erinnere, war das Thema der Verteilungsgerechtigkeit ein Grund, dass die Piratenpartei sich am Anfang schwer getan hat, mit Bitcoin zu sympathisieren.

        Danke für die Erwähnung des peinlichen letzten Satzes. Man muss natürlich mit Innovationen Schritt halten können, wenn man nicht hinterherlaufen oder zurückfallen will. Dass Leute mit so einer EInstellung die höchste monetäre Institution der EU beraten ist schon sehr fragwürdig.

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