Ethereum-Ökonomie wird von Stablecoins dominiert

Die wichtigste Währung der Ethereum-Blockchain: Der Dollar. Bild von 401(K) 2012 via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Nicht Ether, sondern Dollar: Im Ökosystem von Ethereum setzen sich Dollar-Token zunehmend durch. Das macht Ethereum leichter zu greifen – und könnte gar nicht so schlecht sein. Zumindest wenn man es richtig macht.

Ethereum macht seinem Anspruch, die Heimat der Token zu sein, alle Ehre. Seit der dominante Stablecoin, der berüchtigte Tether-Dollar (USDT), von Bitcoin auf Ethereum migriert ist, beginnt er, mehr und mehr Werttransaktionen auf Ethereum zu vereinnahmen. Mittlerweile gab es ein „Flippening“ – auf Ethereum werden mehr Werte durch Stablecoins als durch die nativen Ether-Token übertragen.

Einige Tweets von Ryan Watkins verdeutlichen die sich wandelnden Verhältnisse durch zwei Charts. Anfang 2019 war Ether noch absolut beherrschend und hat gut 90 Prozent der etwa 2 Milliarden Dollar, die über Ethereum überwiesen wurden, ausgemacht. Dieser Trend begann sich Mitte 2019, als Tether auf Ethereum überwechselte, zu wenden, während gleichzeitig das gesamte Volumen stetig anstieg und mittlerweile knapp fünf Milliarden Dollar erreicht hat und Ende 2019 sogar auf mehr als 10 Milliarden stieg. Dabei sinkt der absolute Wert der Ether-Transaktionen, der mittlerweile nur noch knapp über einer Milliarde liegt, während die Stablecoins für die restlichen Werte aufkommen.

Neben dem Tether-Dollar – der etwa 70-80 Prozent des Stablecoin-Volumens ausmacht – tragen auch die Circle-Dollar (USDC), die Pax-Dollar (PAX) sowie die Dai-Dollar zu der Stärke der Stablecoins bei. Dabei zeigen sich auch die Unterschiede zwischen den Stablecoins: Während die Tether-Dollar vor allem für Transaktionen zwischen Börsen – und, Berichten zufolge, für den Graumarkt zwischen Russland und China – eingesetzt werden, scheinen sich die Circle-Dollar einer hohen Beliebtheit auf den mittlerweile zahlreichen dezentralen bzw. DApp-Börsen auf Ethereum zu erfreuen. Der Dai-Dollar hingegen gilt als Basis einer aufblühenden Landschaft der DeFis (Decentralized Finance), wo er vor allem als Basiswährung für dezentrale Kredite herhält. So ist die Maker-DAO – die hinter den Dai-Dollar steht – weiterhin die mit Abstand führende Kraft im pulsierenden Ökosystem der DeFis, das mit einer Kapitalisierung von derzeit 900 Millionen Dollar im Begriff steht, die 1-Milliarden-Schwelle zu durchbrechen.

Ein solches „Flippening“ der Stablecoins ist unter den meisten Umständen heikel und eher besorgniserregend. Die Sicherheit einer Blockchain beruht darauf, dass es starke ökonomische Anreize dafür gibt, dass Miner Hashpower investieren, oder, wie in Zukunft bei Ethereum, als Staker die native Währung der Blockchain hinterlegen. In beiden Fällen beruht der Ertrag der Miner oder Staker auf dem Wert des nativen Tokens, das sowohl durch neue Token in Form eines Block-Rewards als auch durch Transaktionsgebühren an die Miner oder Staker ausgeschüttet wird. Je höher der Wert des nativen Tokens, desto sicherer ist das Netzwerk, und man darf annehmen, dass der Wert des Tokens (auch) davon abhängt, in welchem Grade es genutzt wird, um Werte zu übertragen.

Ein Stablecoin in Form eines Tokens sägt mehr oder weniger an seinem eigenen Stuhl. Er ist nur so gut, wie das Netzwerk sicher ist – aber saugt gleichzeitig Netzwerk-Ressourcen ab, ohne dass er der Sicherheit des Netzwerkes hilft. Dies verdeutlicht ein Blockchain-neutrales Token wie der Tether-Dollar, der gleichzeitig auf Bitcoin, Ethereum, Tron und nun auch der Liquid-Sidechain lebt: Er bewohnt die Blockchain, die ihm am besten dient, ohne tatsächlich etwas zu ihrer Sicherheit beizutragen. Wenn die Blockchain versagt – wie Bitcoin durch die zu hohen Gebühren – können die Tether auf eine andere Blockchain wechseln. Solche Stablecoins wirken ein wenig wie Parasiten, die Ressourcen von ihrem Wirt nehmen, und dann zu einem neuen überwechseln, wenn sie ihn leergesaugt haben.

Natürlich profitiert das gesamte Ökosystem – und damit auch Bitcoin, Ethereum und Tron – von einem starken und erfolgreichen Stablecoin wie Tether. Zumindest indirekt. Die Stablecoins schaffen Liquidität auf den Börsen, sie machen es einfacher, Dollar und Euro zu bewegen, um damit beispielsweise Bitcoin oder Ether zu kaufen. Daher dürfte ihr Einfluss unterm Strich weiterhin positiv sein.

Sehr viel erfreulicher ist es aber, wenn man einen Stablecoin wie den Dai-Dollar anschaut. Dieser wird nicht wie die Tether-Dollar dadurch geschaffen, dass eine zentrale – und im Falle von Tether mäßig transparente – Partei Dollar auf einem Bankkonto verwahrt, sondern dass eine dezentrale autonome Organisation (DAO) die Parität zum Dollar hält, indem sie genügend Ether in einem Smart Contract einfriert, um durch Käufe und Verkäufe den Wert auch bei stürmischen Kursen zu erhalten. Ein Stablecoin wie der Dai-Dollar verträgt sich nicht nur sehr viel besser mit dem Ethos der Dezentralisierung, das allen Kryptowährungen zu Grunde liegt, sondern ist auch in seiner Deckung vollkommen transparent.

Vor allem aber hilft der Dai-Dollar den nativen Ether-Token, ihren Wert zu bewahren – schließlich müssen diese ja hinterlegt werden, um Dai-Dollar zu schaffen. Für jeden Dai-Dollar, der existiert – das sind derzeit etwa 100 Millionen – müssen etwa 1,5 Dollar in Ether in einen Smart Contract eingefroren werden. So wie der Goldstandard seinerzeit oder nach ihm das Bretton Woods Abkommen den Wert des Papiergeldes durch hinterlegtes Gold deckte und damit Gold selbst einen Wert gab, stützen die Dai-Dollar den Wert der Ether-Token, indem sie sie aus dem Verkehr ziehen. Diese Mechanik führt zu einem Szenario, in dem die Welt mit Dollar bezahlt, aber Ether als das wahre digitale Gold einen astronomischen Preis erreichen könnte.

Allerdings ist der Anteil der Dai-Dollar an den Werttransfers der Stablecoins auf Ethereum relativ gering. Die herkömmlichen Stablecoins scheinen derzeit noch stabiler zu sein, indem sie den Dollar 1:1 abbilden, während die Dai-Dollar gerne zwischen 96 und 103 Cent oszillieren; und während die Liquidität und Stabilität der Dai-Dollar von einem schwer berechenbaren Verhalten der Teilnehmer der technisch nicht ganz trivialen Maker-DAO abhängt, gibt es bei den anderen Stablecoins eine Instanz, die zwar zentral ist, aber bei der man weiß, was zu erwarten ist.

Unter Umständen könnten die durch das Aztec-Protokoll geschaffenen zkDai-Dollar den dezentralen Stablecoins zu mehr Beliebtheit verhelfen. Erst am 1. Februar startete das Aztec-Team ein „privates Netzwerk auf Ethereum“. Ein Software-Development-Kit (DSK) ermöglicht es, zkDai-Dollar in DApps (dezentrale Anwendungen) zu integrieren. Aztec verwendet Zero-Knowledge-Proofs, um Confidential Transactions zu Ethereum zu bringen. Diese Art der Transaktionen zeigen nicht den Betrag, der versendet wird; anstatt dass dieser im Klartext auf der Blockchain steht, wird er verschlüsselt, aber durch Zero-Knowledge-Proofs dennoch validiert. Diese Art von Transaktionen sind auf Bitcoin nicht möglich, werden aber auch von Monero und Blockstreams Liquid-Sidechain verwendet. Sie erhöhen die Privatsphäre deutlich und gelten zusammen mit Mixing-Verfahren – wie CoinJoin, Ring-Signaturen oder tornado.cash für Ethereum – als ein Element, um nahezu vollständige Anonymität zu erreichen.

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2 Kommentare zu Ethereum-Ökonomie wird von Stablecoins dominiert

  1. Nixgeschenkt // 3. Februar 2020 um 14:39 // Antworten

    Ich glaube im folgenden Abschnitt sollte es nicht 1.5ETH sondern 1.5$ in ETH heissen, oder?

    „Vor allem aber hilft der Dai-Dollar den nativen Ether-Token, ihren Wert zu bewahren – schließlich müssen diese ja hinterlegt werden, um Dai-Dollar zu schaffen. Für jeden Dai-Dollar, der existiert – das sind derzeit etwa 100 Millionen – müssen etwa 1,5 Ether in einen Smart Contract eingefroren werden.“

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