Sammelklagen gegen Profiteure des ICO-Hypes 2017: Die Rote Hochzeit für das Geschäft mit den Token?

"... And Justice for All." Bild von Hans Splinter via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Eine Anwaltskanzlei reicht vor einem New Yorker Gericht elf Sammelklagen gegen die Herausgeber von Token sowie Börsen, die sie zum Handel angeboten haben, ein. Damit beginnt die Aufarbeitung des Token-Exzesses 2017 und 2018, bei dem Investoren Milliarden an Dollar verloren haben. Für diejenigen, die durch Token profitiert haben, könnte dies der Beginn einer dunklen, schmerzhaften Zeit werden.

2017 war das Jahr, in dem die Welt um das goldene Kalb der Token getanzt hat. Die Kurse flogen in absurde Höhen, jeder, der in der Lage war, ein ERC-Token, ein Whitepaper mit technisch verklausilierten Versprechungen sowie eine Webseite aufzusetzen, konnte von ahnungslosen Investoren Millionen einsacken. Heute, zweieinhalb Jahre später, hat sich gezeigt sich, dass fast alles auf heißer Luft gebaut war. Die meisten Versprechungen wurden gebrochen, die Kurse haben oft mehr als 90 Prozent vom Höhepunkt verloren, und arglose Investoren, die Furcht hatten, das nächste große Ding zu verpassen, haben riesige Verluste gemacht.

Nun beginnt eine flächendeckende juristische Aufarbeitung dieses Exzesses. Am 3. April 2020 hat eine Anwaltskanzlei gleich 11 Sammelklagen gegen Börsen und Herausgeber von Token beim Bezirksgericht New York Süd eingereicht. Diese Klagen richten sich gegen eine weite Spanne von Verantwortlichen für den Token-Hype. Darunter sind …

Börsen:
– Binance
– Kucoin
– BitMEX
– BitBox
– KayDex

sowie Herausgeber von Token:
– TRON-Foundation
– Block.one (EOS)
– Civic (Civic-Wallet und Token)
– Status (Status-Token)
– BProtocoll (Bancor)
– Quantstamp (QSP Token)

Es handelt sich um einen gewaltigen Rundumschlag. OffShore Alert, das als erstes über die Sammelklagen-Welle berichtet, nennt es eine „rote Hochzeit“ für die Krypto-Wirtschaft, in Anspielung an die schreckliche Szene bei Game of Thrones, in der die Starks bei einer Hochzeit heimtückisch niedergemetzelt werden. Hinter den Sammelklagen steht ein alter Bekannter, der nicht zum ersten Mal die Krypto-Szene mit Klagen verschreckt: Kyle Roche, Anwalt von Freedman und Roche, der bereits Erfolg in der Klage gegen den angeblichen Satoshi Craig Wright gefeiert hat und auch eine Klage gegen Bitfinex und Tether vorantreibt.

Ein Artikel auf TheBlock verlinkt zu den Klageschriften. Ich habe mir beispielhaft einige angeschaut.

Gegen Binance

Binance ist eine der derzeit größten Krypto-Börsen. Das Unternehmen ist im Jahr 2017 explosionsartig aufgestiegen, indem es in verblüffend rascher Folge neue Coins aufnahm. Derzeit werden auf Binance laut Coinmarketcap 400 Kryptowährungen gehandelt.

Vor dem Bezirksgericht Süd New York klagen nun Eric Lee und Chase Williams in Vertretung von vermuteten Zehntausenden anderer Opfer die Börse an. Sie haben auf Binance zwölf digitale Token gekauft:

EOS, Bancor (BNT), Status (SNT), Quantstamp (QSP), Kyber Network (KNC), Tron (TRX), FunFair (FUN), ICON (IXC), OmiseGo (OMG), Aave (LEND),aelf (ELF) und Civic (CVC).

Einige dieser Token seien Security Tokens, welche, anders als Utility Token, bei der US-Börsenaufsicht SEC registriert werden müssen. Da die Herausgeber dies versäumt haben und Binance sie dennoch zum Handel angeboten hatte, wurde damit US-Recht gebrochen – während die Börse und die Herausgeber Gewinne im Wert von Milliarden an Dollar gemacht haben.

Die Klageschrift beschreibt den Token-Markt 2017 mit schonungsloser Härte: Die Herausgeber haben „den Enthusiasmus für Kryptowährungen wie Bitcoin ausgenutzt und ein revolutionäres digitales Token angekündigt. Dieses Token soll typischerweise ‚besser‘, ’schneller‘, ‚günstiger‘, ‚besser verbunden‘, ‚vertrauenswürdiger‘ und ’sicherer‘ sein“ als die etablierten Kryptowährungen. In einer ICO haben die Herausgeber dann die Token an eine kleine Gruppe von Investoren verkauft. Bald darauf listete Binance die Token, woraufhin die kleine Gruppe von Investoren diese gewinnbringend an eine viel größere Gruppe von Investoren verkaufen konnten. Die Herausgeber hätten dadurch „Millionen, wenn nicht Milliarden an Dollar“ eingenommen, und auch Binance habe gut daran verdient, indem die Börse Handelsgebühren erhebt und eine „Listing Fee“ von den Token-Herausgebern einzieht, damit die Token zum Handel zugelassen werden. Diese Listing Fee, die dem Vernehmen nach sechs- oder auch siebenstellig sein kann, scheint für Binance eines der zentralen Geschäftsmodelle gewesen zu sein.

Dabei haben die Herausgeber der Token die Investoren oft in die Irre geführt. Zum einen haben sie versucht, die rechtliche Natur der Token zu verschleiern, indem sie angaben, es handele sich um Utility Token anstatt Security Token, was die Investoren über die ihnen zustehenden Rechte täuschte. Anstatt des eigentlich gebotenen Wertpapier-Prospekts gab es nur ein Whitepaper, das in unverständlichen technischen Formulierungen das Token beschrieb und in keinster Weise den Anforderungen der Börsenaufsicht gerecht wurde. Daher seien die Investoren nicht in der Lage gewesen, „zuverlässig einzuschätzen, ob die Angaben der Wahrheit entsprechen und welche Risiken ein Investment birgt.“

Zum anderen haben sie leere Versprechungen über den Nutzen der Token gemacht. „In Wirklichkeit hatten sie überhaupt keinen Nutzen. Die Versprechungen der Produkte und Märkte wurden nicht erfüllt und die Netzwerke niemals vollständig entwickelt, während Investoren die leeren Beutel hielten, als die Tokenkurse einbrachen.“ Die Folge waren gravierende Verluste. Die meisten Token haben seit den Spitzenpreisen Ende 2017 und Anfang 2018 mindestens 90 Prozent ihres Wertes verloren. Tron etwa 95 Prozent, BNT 98,4, und QSP sogar 99 Prozent.

Die Börse Binance hat bei diesem schmutzigen Spiel willig mitgemacht. Sie habe „bei der illegalen Bewerbung und dem illegalen Verkauf von Wertpapieren mitgewirkt, für die es weder eine Registrierung noch eine Ausnahme von der Registrierung gab.“ Die Börse, die innerhalb eines Jahres einen außergewöhnlichen Profit gemacht habe, habe dies erreicht, indem sie eine Plattform für den Kauf und Verkauf von unregistrierten Wertpapieren von historisch einmaliger Reichweite aufgebaut habe.

In eine sehr ähnliche Kerbe schlagen die Klageschriften gegen die anderen Börsen wie KuCoin oder BitMEX.

Gegen Quantstamp und Tron

Besonders interessant an der Sammelklage ist, dass sie sowohl auf Börsen als auch auf die Herausgeber der Token abzielt. Sie versucht also, ein weites Spektrum an Kollaborateuren des Token-Hypes vor Gericht zu bringen. Ein Beispiel für die Herausgeber ist Quantstamp, die das gleichnamige Token (QSP) entwickelt haben, welches schon oben genannt wurde und durch die selbst für Token außergewöhnlichen Kursverluste auffiel.

Das QSP-Token wurde ab November 2017 beworben und in einer ICO angeboten. Schon zuvor habe Quantstamp auf dem Blog mit einer „Proof of Caring“-Kampagne Anreize gesetzt, für das Token zu werben. Angeblich löse QSP „sehr wichtige Sicherheitsprobleme von Ethereum Smart Contracts“. Die Leser des Blogs sollten diese frohe Botschaft weitertragen und das Projekt bekanntmachen. Danach hat Quantstamp ein Whitepaper für Investoren veröffentlicht, das in „hochtechnischen Formulierungen“ beschrieb, welchen Nutzen die QSP-Token hätten. Dabei hat es die Vorschriften, die die SEC für die Herausgabe von Wertpapieren stellt, missachtet, etwa dass die Informationen zum Wertpapier in einer allgemeinverständlichen Sprache gehalten und auch Risiken beschreiben müssen.

Man findet bei Quantstamp mehr oder weniger die selbe Irreführung, die schon oben beschrieben wurde. So habe die Firma die Anleger über die rechtliche Form der Token im Dunklen gelassen und im Whitepaper sogar explizit erklärt, dass es sich um kein Security Token handele – während es, so die Klageschrift, offensichtlich ein Security Token sei.

Auch inhaltlich finden sich irreführende Versprechungen. So hat die Firma damit beworben, dass QSP ähnlich wie Bitcoin und Ethereum sei. Quantstamp solle „ein erlaubnisfreies und dezentrales Netzwerk wie Ethereum und Bitcoin“ bilden. Dies hat bei Anlegern natürlich die Hoffnung geweckt, in den nächsten Bitcoin oder das nächste Ethereum zu investieren, eine Masche, die wir von vielen fragwürdigen Projekten kennen, und „einen Vorteil daraus geschlagen, dass der Markt zuwenig davon weiß, wie Kryptowährungen funktionieren.“ Den meisten Investoren war nicht bewusst, dass QSP fundamental andere Eigenschaften wie eine echte Kryptowährung habe.

Daher fordert die Sammelklage von Quantstamp die volle Rückzahlung der investieren Gelder.

Ähnlich argumentieren die Klagen gegen die anderen Token-Herausgeber. So seien die Tron-Token (TRX) in einem zentralisierten Prozess geschaffen worden, anders als bei Bitcoin und Ethereum, was jedoch den Investoren nicht bekannt war. Erst nach intensiven Recherchen und späteren Ankündigen der TRON-Foundation sei dies langsam klar geworden. Die Investoren seien auch hier irregeführt worden, als sie ein Wertpapier kauften, aber dachten, es sei keines. Und so weiter.

Die Rote Hochzeit?

Ob die Sammelklagen tatsächlich zur „Roten Hochzeit“ der Kryptowährungen werden, wird sich zeigen. In vielen Fällen dürften es Details sein, über die Anwälte lange streiten können, und oft dürften sich die Token-Herausgeber auch mit unklaren Jurisdiktionen und erst nach der ICO vollständig ausformulierten Gesetzen verteidigen können. Dennoch hat die Klagewelle das Potential, mehrere Präzedenzfälle zu schaffen, die wiederum zum Auslöser neuer Klagen werden.

So berufen sich die Klageschriften häufig auf die Verurteilung von Block.one, das mit EOS unerlaubt ein Security herausgegeben habe. Dieses Urteil hat Block.one zwar nur eine verhältnismäßig kleine Strafe eingebracht, aber einen Präzedenzfall dafür geschaffen, dass eine Herausgeberin von Token die US-Wertpapier-Gesetze verletzen. Mit den Sammelklagen baut Kyle Roche einerseits darauf auf – indem er die verschiedenen Token-Herausgeber anklagt -, versucht aber andererseits, auch neue Präzedenzfälle zu schaffen, indem er auch die Börsen, die diese Token zum Handel anbieten, anklagt.

Ein für die Kläger günstiger Verlauf der Prozesse könnte weitreichende Folgen für viele Akteure in der Kryptoszene haben. Jeder, der Token herausgegeben hat oder diese handelt, muss sich fragen, ob er nicht auch zur Zielscheibe weiterer Sammelklagen werden kann.

Über Christoph Bergmann (1817 Beiträge)
Das Bitcoinblog wird von Bitcoin.de gesponsort, ist inhaltlich aber unabhängig und gibt die Meinung des Redakteurs Christoph Bergmann wieder. Christoph hat vor kurzem ein Buch geschrieben: Bitcoin: Die verrückte Geschichte vom Aufstieg eines neuen Geldes. Das Buch stellt Bitcoin in seiner ganzen Pracht dar. Ihr könnt es direkt auf der Webseite Bitcoin-Buch.org bestellen - natürlich auch mit Bitcoin - oder auch per Amazon. Natürlich freuen wir uns auch über Spenden in Bitcoin, Bitcoin Cash oder Bitcoin SV an die folgende Adresse: 1BergmanNpFqZwALMRe8GHJqGhtEFD3xMw. Wer will, kann uns auch Hier mit Lightning spenden. Tipps für Stories sind an christoph.bergmann@mailbox.org immer erwünscht. Wer dies privat machen möchte, sollte meinen PGP-Schlüssel verwenden.

Ein Kommentar zu Sammelklagen gegen Profiteure des ICO-Hypes 2017: Die Rote Hochzeit für das Geschäft mit den Token?

  1. Ich finde das gut. Millionen für Heiße Luft kassieren und die Krypto-Währungen dadurch in Verruf bringen. Jetzt überlegt sich vielleicht jeder zweimal ob er seine Versprechungen auch halten kann.

    Letztens bei dem Artikel welche Personen in der Krypto-Szene als Entwickler tätig sind, fand ich erstaunlich wie wenig das doch sind. Bei der Markt-Kapitalisierung.

    In einer Idealen Welt würden die Milliarden der ICO’s der Krypto-Währungs-Infrastruktur zu gute kommen und die Krypto-Währungen zu einem gut funktionierenden Zahlungsmittel machen, bei akzeptablen Kosten und Laufzeiten.

    So dagegen, haben sich nur einige Wenige bereichert.

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