Die Beacon Chain von Eth2 soll im November starten. Und zwar in echt.

Ethereum Brand Logo. Erstellt von der Ethereum Foundation, Lizenz: Creative Commons 3.0

Ethereum ist wunderbar, aber unglaublich verstopft. Wer derzeit irgendetwas mit der Kryptowährung machen will, darf sich auf horrende Gaspreise einstellen – vor allem, wenn ein Smart Contract im Spiel ist. Die Szene hofft, dass der Spaß mit Ethereum 2.0 wiederkehrt. Nachdem sich der Start des Hoffnungsträgers immer wieder verschoben hat, soll es nun im November losgehen. Aber eine Entlastung werden die User erst in einigen Jahren spüren können.

Die Zeit der Bauchpinselei ist wohl vorbei. „Ich will meine Meinung hier posten,“ schreibt etwa Bob-Rossi, „damit das Team nicht zurückblicken und sagen kann, nur ein paar Leute wären empört gewesen, während der Großteil der Community zufrieden war.“ Bob-Rossi ist, nun ja, angepisst.

Der Grund war: Justin Drake von der Ethereum-Foundation hatte in einem AMA (Ask-me-Anything) auf r/ethereum erklärt, wann seiner Meinung nach die Phase 0 von Ethereum 2.0 beginnen sollte. Justin zählte ausführlich auf, was er dafür für nötig hält und was alles vorbereitet werden sollte, und folgert dann: „All das kann nicht im dritten Quartal 2020 passieren. Mit Thanksgiving am 26. November und den Weihnachtsfeiertagen im Blick denke ich, dass die erste praktische Gelegenheit für die Genese [von Eth 2.0] Mitte November wäre, also in vier Monaten. Aber ich denke, ein praktischerer Termin wäre etwas wie der 3. Januar 2021.“

Bob-Rossi ärgert sich darüber: „Die Idee, dass wir den Start eines der Schlüsselfeatures von ETH wegen ein paar Urlaubstagen verzögern, schaut schrecklich aus.“ Damit trifft er offenbar den Nerv der Szene und findet eine breite Zustimmung. Schließlich wäre das nicht die erste Verzögerung. Auch Vitalik Buterin möchte ETH 2.0 lieber früher als später live bringen.

Der Druck steigt

Tatsächlich ist die Geschichte von Ethereum 2.0 eine Geschichte der Verzögerungen. Eigentlich sollte Ethereum mit der „Serenity“ Hardfork seine finale Gestalt erreichen. In der ursprünglichen Roadmap war Serenity für 2017 oder 2018 geplant. Doch schon alleine die wissenschaftliche Planung dauerte viel länger, und so wurde aus Serenity „Ethereum 2.0“ oder kurz Eth2. Eigentlich sollte das bereits im Januar 2020 live gehen, wurde dann aber erst auf Juli, dann auf November verschoben.

Eine weitere Verzögerung könnte katastrophale Folgen haben. Denn auf der einen Seite wird Ethereum derzeit mehr denn je benutzt, und Smart Contracts auf einer Blockchain scheinen dank Stablecoins, DeFi (Dezentrale Finanzen) und Pyramidenspielen kurz vor dem Durchbruch zu stehen. Auf der anderen Seite jedoch ist Ethereum längst an sein Skalierungslimit gestoßen. Die Miner haben zwar vor kurzem vorsichtig das Gaslimit erhöht, um mehr Transaktionen abzuspeichern und Smart Contracts auszuführen, haben damit aber ein Volumen erreicht, das einige der wichtigen Entwickler schon jetzt für unerträglich halten. Denn Ethereum skaliert aufgrund der komplexen Architektur wesentlich schlechter als Bitcoin.

Die Gebühren steigen derweil immer weiter an. Einen Smart Contract auszuführen, wie er für das Verleihen von Geld durch eine DeFi wie Compound verwendet wird, kostet derzeit 5-6 Euro. Die Miner haben in den letzten Tagen etwa 5.000 Ether allein durch Transaktionsgebühren eingenommen, was etwa 1,2 Millionen Dollar ausmacht und deutlich mehr ist, als die Bitcoin-Miner durch Gebühren verdienen.

Sollte Eth2 nicht bald kommen und Ethereum skalieren, dürfte das verheerende Folgen haben: Das Wachstum von Ethereum wird gerade zum besten Zeitpunkt abgewürgt, und anstatt das Finanzwesen zu demokratisieren wird Ethereum zu einem Luxus-Zug mit teuren Tickets werden. Das ganze Projekt wird weit unter dem zurückbleiben, was es eigentlich könnte.

Start im November angekündigt

Aber die Entwickler nehmen offenbar die Kritik aus der Community ernst. Evan Van Ness, der für ConsenSys einen wöchentlichen Ethereum-Newsletter schreibt, hat gestern getweetet, dass die Beacon Chain – das meint die Phase 0 – noch im November live geht. Als Quelle nennt er ein Interview mit dem Berliner Entwickler Afri Schoedon.

Schoedon sagt, die „Ethereum 2.0 Beacon Chain wird im November starten, wenn wir keine ernsthaften Bugs in den Clienten oder im Protokoll finden.“ Man sei „auf dem richtigen Weg für einen Start Ende 2020.“

Afris Rolle bei ETH 2.0 ist es, Testnets zu starten und Clients zu benchmarken. Er arbeitet eng mit den Forschern und Entwickler für ETH2.0 zusammen; wenn er meint, man werde im November starten, dürfte das auf Insiderwissen beruhen.

Was bedeutet Eth 2 und die Baecon Chain?

Was aber meint ETH 2.0, und was meint die „Phase 1“ und ihre „Beacon Chain“? Das Thema ist extrem komplex. Die Ethereum-Entwickler haben sich, könnte man sagen, ein Monstrum ausgedacht, mit dem sie die gesamte Blockchain-Technologie neu erfinden wollen.

Wir haben bereits auf diesem Blog beschrieben, welches Design Ethereum 2.0 aufweisen wird und welche Phasen der Übergang von Eth1 zu Eth2 durchlaufen soll. Die erste Phase, die nun im November live gehen wird, meint den Start der sogenannten „Baecon Chain.“ Das ist eine neue Blockchain, welche im Herz von Ethereum 2.0 sitzt und bis zu 64 „Shard-Chains“ koordiniert: Eine Kette, um die herum sich weitere Ketten drehen. Sie verwaltet das „Caspar Proof of Stake“ Protokoll, indem sie Validatoren und deren Stakes auswählt und diesen eine Shard-Chain zuweist, und die Konsensregeln durchsetzt.

Wenn die Baecon Chain livegeht, wird das zunächst für normale Ethereum-Nutzer ein eher langweiliges Ereignis sein. Afri Schoedon beschreibt es so: „Wenn du Eth1 Coins in deiner Tasche hast, kannst du sie rausnehmen, einschmelzen und in eine spezielle Wallet in einer unzerstörbaren Titanmauern stecken. Du wirst nicht in der Lage sein, diese Coins wieder rauszuholen. Für alle 32 Coins, die du unwiderruflich in diese Mauer schmilzst, wird du ein Abzeichen bekommen, auf dem ‚VALIDATOR‘ steht und das dich dazu berechtigt, die ETh 2 Society zu sichern, indem du die Straßen patroullierst und nach Kriminellen Ausschau hältst. Indem du das tust, wirst du eine Belohnung bekommen, die du in der Zukunft schließlich auch auszahlen und benutzen kannst, um Backwaren und andere Dinge zu kaufen.“

Die Baecon-Chain wird also Proof of Stake einleiten: Ein Konsensverfahren, bei dem nicht länger Miner mit ihrer Computerleistung das Netzwerk sichern, sondern User, die Ether einfrieren. In Phase 0 wird Eth2 noch ein lebloses Gerüst sein, mit dem man nicht viel anfangen kann. Eine Erleichterung des Skalierungsdruckes bei Ethereum wird noch nicht zu spüren sein. Dies wird nicht vor Phase 1 geschehen, wenn – angeblich ab 2021 – die ersten „Shard Chains“ onlien gehen. Das sind Blockchains, die an die Baecon-Chain andocken. Allerdings werden sie zunächst auch keine echten Blockchains sein, sondern eher funktionslose Anhänger, die maximal Daten tragen.

Daher wird Ethereum auch in der Phase 1 weiterhin Eth 1 meinen, während Eth 2 ein – immerhin fortgeschrittenes – Laborwerk sein wird. Erst mit Phase 2 soll Eth2 wirklich zum Leben erweckt werden, wenn die Shard Chains zu echten Blockchains werden, die Transaktionen und Smart Contracts prozessieren. Dies wird frühestens Ende 2021 zu weit sein, aber vermutlich später, wenn man die bisherigen Erfahrungen mit Deadlines zum Maßstab macht.

Second Layer für den Übergang

Es wird also noch eine Weile dauern, bis Eth2 die versprochene Entlastung der Ethereum-Blockchain bringen wird. Mindestens 1,5, vermutlich aber eher 2-3 Jahre. Was wird bis dahin geschehen?

Zum einen werden die Gebühren auf der Ethereum-Blockchain hoch bleiben. Vielleicht wird es einige Entlastungen und Verbesserungen geben, um die Kosten von dem derzeit sehr hohen Niveau herunterzudrücken. Aber es wird mit Sicherheit nicht wieder so billig werden wie früher. Das Wachstum von Ethereum hat eine erste Sättigung erreicht und wird voraussichtlich auch bei dieser stehen bleiben.

Daneben wird fieberhaft an „Second Layer“-Lösungen gearbeitet. Bitcoin hat das Lightning-Netzwerk und die Liquid-Sidechain, und Ethereum eifert dem mit dem Raiden-Netzwerk, Plasma-Sidechains und Optimistic Rollups nach. Die hohen Gebühren und die starke Nachfrage nach Smart Contracts dürfte diese Entwicklung einen kräftigen Schub geben. Das Bewusstsein, dass Ethereum besser – und anders – skalieren muss, ist weit verbreitet.

So arbeitet Reddit bereits mit der Ethereum-Foundation zusammen. Das soziale Netzwerk hat „Community Punkte“ als Token auf Ethereum gestartet, offenbar ohne dabei wirklich auf die Skalierbarkeit zu achten. Nun soll die Partnerschaft eine Lösung hervorbringen, die „hunderttausende von Usern der Community-Punkte heute ins Mainnet bringt, und schließlich auf ganz Reddit mit 430 Millionen Usern im Monat skalieren soll.“ Mit diesem Aufruf hat Reddit einen Wettbewerb darum in Gang gesetzt, die am besten geeignetsten Lösungen zu finden.

Ein Kandidat ist die OMG-Sidechain, die bereits von Tether benutzt wird, nachdem Transaktionen mit den Dollar-Token auf Ethereum zunehmend zu teuer wurden. Zwar ist die OMG-Sidechain derzeit noch sehr zentralisiert, aber es ist durchaus möglich, dass sich das in Zukunft ändert, wenn sie zur Basis weiterer Token und Smart Contracts wird. Daneben bringen User und Entwickler auch Optimistic Rollups, Ost, xDai, das Celer Netzwerk, Raiden und andere Optionen ein. Es gibt also schon viele Kandidaten für Layer2-Skalierungen von Ethereum. Ob es jedoch einem davon gelingt, sich durchzusetzen und dabei die gewohnt gute Usererfahrung, die Wallets wie Metamask oder Alphawallet schon heute bieten, zu erhalten, wird jedoch eine ganz andere Frage sein.

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4 Kommentare zu Die Beacon Chain von Eth2 soll im November starten. Und zwar in echt.

  1. Bitte die Überschrift korrigieren… Beaconchain, nicht Baeconchain

  2. Thomas Lenz // 21. Juli 2020 um 20:08 // Antworten

    ETH wird also auf absehbare Zeit (mind. 1,5 Jahre) nicht ordentlich skalieren und Projekte, die auf diese Skalierung angewiesen sind, müssen sich entweder mit einer (wohl nicht dezentralen) Layer-2-Lösung anfreunden oder sich nach Lösungen auf anderen Blockchains umsehen.

    Wie sehen die Experten hier vor diesem Hintergrund die Entwicklungen bei Polkadot? Einige Ethereum-Projekte (z.B. 0x, REN, Polymath, Energy Web Chain, ChainLink oder iExex RLC) arbeiten wohl schon an einem zusätzlichen Launch auf Polkadot (z.B. mit einer eigenen Parachain). Polkadot verspricht extrem viel vom Start weg, was ETH erst mit der Vollendung von ETH 2.0 schaffen wird. Polkadot wirbt zumindest damit, vom Start weg zu skalieren, Smart Contracts und außerdem Staking zu bieten. Eine Interoperabilität mit anderen Blockchains soll ebenfalls gegeben sein. Zudem schießen gerade viele neue Projekte aus dem Boden. Ich nenne hier nur Mal Polkaswap. Der Name ist angelehnt an Uniswap, dementsprechend handelt es sich auch um eine DEX, welche die Möglichkeit bieten soll Token zu swappen und das nicht nur im Polkadot Netzwerk, sondern auch im Verbund mit anderen Blockchains wie Bitcoin und Ethereum. Das klingt alles sehr gut. Allerdings fast zu schön, um wahr zu sein.

    Die Token-Distribution lief wohl auch sehr fair und transparent ab. Das Team dahinter (Gavin Wood, Parity) scheint fähig zu sein und bringt viel Erfahrung mit. Allerdings hinkt Polkadot seinen eigenen Zeitplänen auch schon lange hinterher.

    Das Mainnet von Polkadot ist jetzt aber gestartet und wohl auch endlich dezentral. Ich weiß nicht, welche Features Polkadot jetzt schon wirklich mitbringt und inwiefern Sie das Potenzial haben Ethereum zu überholen. Vielleicht ergänzt Polkadot Ethereum auch nur sehr gut und bietet Ethereum Projekten die Möglichkeit über Polkadot-Parachains zu skalieren, sodass sich Synergien zwischen beiden Chains ergeben und beide Projekte voneinander profitieren. Ich finde das Thema extrem spannend. Vielleicht liefert das Thema ja genug Stoff für einen eigenen Artikel darüber oder vielleicht weiß hier in den Kommentaren jemand noch mehr über das Projekt, dessen Entwicklungsstand und dessen Erfolgsaussichten! Ich würde mich über einen Austausch freuen!

    • Paul Janowitz // 26. Juli 2020 um 17:54 // Antworten

      Polkadot und Cardano sind tatsächlich mögliche Konkurrenten für Ethereum, aber beide sind eben noch nicht wirklich marktreif und es wird darauf ankommen, wie lange Ethereum 2.0 noch auf sich warten lässt. Allgemein halte ich persönlich PoS einem guten PoW Algorithmus für deutlich unterlegen, denn es läuft immer auf das „nothing at stake“ Problem hinaus.

      Das Mainnet von Polkadot ist jetzt aber gestartet und wohl auch endlich dezentral.

      Dezentralisierung lässt sich schwer messen, ist aber meiner Meinung nach ein Schlüsselelement für mögliche Adoption. Bei PoS kann es zwar N Nodes geben, von denen aber womöglich N-x von einem einzigen Betreiber kontrolliert werden. Physisch kann das alles auf einer Maschine laufen, nach außen mit IP-Adressen über die ganze Welt verteilt. Die Verteilung der Token bei Ethereum dürfte mittlerweile um Größen besser sein als bei jedem neuen Projekt und somit wäre das auf einen Schlag die „stärkste“ PoS Chain, falls der Switch klappt. Zudem hat Ethereum eben den Netzwerkeffekt bei Smart Contracts wie Bitcoin bei Zahlungen. Auch wenn z.B. Monero seit Jahren praktisch alle Unzulänglichkeiten Bitcoins ausgebessert hat (Privatsphäre, Skalierbarkeit, ASIC-freies Mining, berechenbar niedrige und elastische Gebühren, …) wird Bitcoin selbst im Darknet immer noch in über 50% aller Zahlungen verwendet. Um ein Projekt von Ethereum weg zu portieren, muss man nicht nur den Smart Contract umschreiben, man splittet die Community auf und die User Experience zu wahren dürfte extrem schwierig werden. Alleine Tether agiert Chain-agnostisch, aber mit der Liquidität und den Volumina ist jede Chain für sich ausreichend liquide…

  3. Man darf wirklich gespannt sein, inwiefern sich nicht vielleicht eines oder sogar mehrere der Konkurrenz-Projekte durchsetzen könnte während die Crypto-Welt auf Ethereum wartet. Polkadot wurde schon angesprochen, aber sehr bald startet auch Avalanche (Projekt v. Emin Gün Sirer), über das selbst Vitalik Buterin sagt, Avalanche „has genuinely interesting tech.“

    Ich war immer der Ansicht, dass Ethereum zum einen eine Tür aufgemacht hat und gleichzeitig eine Art Labor für Experimente ist, dann aber andere Projekte möglicherweise mehr davon profitieren als Ethereum selbst. Es scheint einfacher, etwas von Grund auf besser zu entwickeln wenn Fehler und Lösungen erst einmal identifiziert und gefunden sind, als ein komplexes System zu verändern.

    Zumindest wird es nie langweilig…

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