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„Ich bin nicht stolz auf den Bug – aber ich bin stolz, was für einen gewaltigen Einfluss wir damit hatten.“

Christoph Jentzsch ist einer der frühen Ethereum-Entwickler und vor allem für die DAO bekannt. Mit Corpus.Ventures gründet er nun ein Venture-Studio, um im Lauf der nächsten Jahre mehrere Projekte zu verwirklichen. Wir haben mit ihm über sein neues Projekt geredet – und warum Scheitern manchmal der bessere Erfolg ist.

Natürlich reden wir nicht übers Geld. Aber Christoph Jentzsch streitet es auch nicht ab: Er hätte es nicht nötig, nun mit Corpus.Venture ein „Venture Studio“ zu gründen.

Der 37-jährige Sachse war einer der frühen Ethereum-Entwickler. Mit seinem Startup Slock.it leitete er 35 Mitarbeiter, bevor es von Blockchains LLC gekauft wurde. Christoph arbeitete dort noch einige Zeit, hörte aber Mitte 2021 nach über 5 Jahren auf.

Er könnte die Füße hochlegen, in seinem Haus in Mittweida. Mit mittlerweile sieben Kindern dürfte ihm dabei nicht langweilig werden. „Ich habe tatsächlich darüber nachgedacht, einen Gang runterzufahren, und ‚nur‘ Investor zu werden. Aber dann lockte es mich doch, selbst in den Fahrersitz zu gehen.“ Wer einmal Unternehmer ist, bleibt das eben meistens.

Doch was tun? Christoph stand in einer Situation, die manchen frühen Investoren in Bitcoin, Ethereum und anderen Kryptowährungen bekannt vorkommen könnte: Man ist zu jung, um in den Ruhestand gehen, der Tatendrang lodert noch, aber man ist befreit von all den Zwängen des Notwendigen, und steht vor einer eigentümlichen Not: Man kann tun tun, was man möchte. Nur das Beste, Erfüllendste und Sinnvollste ist gut genug. Aber was?

„Ethereum verhilft den Einzelnen zu Selbst-Souveränität“

„Ich will einen positiven Impact haben und die Welt verbessern,“ erklärt Christoph. „Natürlich wäre es toll, den Welthunger zu besiegen oder überall Frieden zu schaffen. Ich spende auch für gemeinnützige Zwecke, aber ich denke, ich kann mehr bewegen, wenn ich da anfange, wo meine Fähigkeiten liegen.“ Und das führte ihn dahin zurück, wo seine Karriere angefangen hat: zu Ethereum.

Darum geht es ihm mit Corpus.Ventures: das Potenzial von Ethereum weiter auszuschöpfen. Und darin liegt für Christoph der Schlüssel zu einer besseren Welt. „Ethereum verhilft den Einzelnen zu Selbst-Souveränität. Jeder in der Welt kann über Ethereum miteinander Geschäfte machen. Man kann mit einem Handy ein Unternehmen starten, und alle Assets, die man hat, sind liquide. Und noch viel mehr.“

Das ist die Vision, die Christoph seit 2014 antreibt und auch heute nicht loslässt. „Wir sind noch weit davon entfernt, alles verwirklicht zu haben. Es gibt viel zu tun, und ich bin in einer Position, hier etwas erreichen zu können.“

Während er also in Mittweida die Füße hochlegte und nachdachte, hat Christoph mit mehreren Leuten aus der Szene geredet. Sie hatten eine ähnliche Vision. Sie redeten zusammen, tauschten Projektideen aus, und da sie genügend Kapital haben, um diese zu realisieren, sprach nichts dagegen, Nägel mit Köpfen zu machen und die Füße wieder unter den Schreibtisch zu setzen.

„Wir haben uns für das Konstrukt des ‚Venture Studio‘ entschieden. Das ist kein Investmentfond, kein Inkubator und kein Accelerator, bei dem wir Gründern helfen, Kapital einzuholen. Stattdessen haben wir eigene Ideen und ein eigenes Kernteam. Wir setzen die Ideen um; jeder von uns leitet ein Projekt.“

GmbH-Anteile tokenisieren, Gaspreise senken

In schneller Schlagfolge sollen aus Ideen und Visionen Wirklichkeiten werden. Christoph und seine Mitgründer haben eine Liste mit 20 Ideen, von denen sie je Jahr drei bis fünf verwirklichen wollen. Welche konkreten Ideen das sind, will er nur auszugsweise verraten.

„Eines unser Kernprojekte ist Corpus. Das war meine Idee. Corpus ist ein CapTable-Management-Tool für Shareholder auf der Blockchain. Diesen Gedanken habe ich schon lange.“ Das Tool erlaubt es, GmbH-Anteile zu tokenisieren, wie die von Corpus.Venture. Die Herausforderung dabei war nicht technisch, sondern rechtlich. Denn GmbH-Anteile kann man nur auf dem Handelsregister austauschen.

Nach langem Nachdenken und Gesprächen mit Anwälten entschied sich Christoph dafür, ein Warrant-ähnliches Konstrukt als Token abzubilden. Warrants sind eine Art Option: Ihr Besitzer kann sie gegen echte, auf dem Handelsregister eintragbare Anteile eintauschen. Diese Methode testen Christoph und seine Mitgründer derzeit mit Corpus.Ventures. Im Lauf des Jahres soll es öffentlich werden.

Vorher soll Gashawk live gehen, vielleicht schon im Juli. Damit adressiert Corpus.Venture ein für viele drängendes Problem – das der Transaktionsgebühren bei Ethereum, genannt „Gaspreise“. Gashawk ist eine Art tiefhängende Frucht: „Die meisten User bezahlen viel zu teure Gebühren. Metamask berechnet sie nämlich so, dass die Transaktion im nächsten Block landet. Aber wenn man es nicht eilig hat, vergeudet man damit Geld.“

An so gut wie allen Tagen ändern sich die Basisgebühren. Sie sind mal teurer und mal günstiger, und wenn man dies beobachtet, kann man Muster erkennen und sie recht gut vorhersagen. Für die meisten User lassen sich die Gebühren um etwa 30 bis 50 Prozent senken. „Mit Gashawk bieten wir an, dass die User uns ihre Transaktion senden, und wir sie dann ins Netzwerk leiten, wenn die Gebühren tief sind. Mit der Metamaskeinbindung ist das für die User extrem einfach.“

Ein anderes, noch weniger weit fortgeschrittenes Projekt läuft unter dem Arbeitstitel ENS-Mail: Man kann sich von ENS-Domain zu ENS-Domain verschlüsselte Nachrichten senden. Denn anders als DNS-Domains bauen ENS-Domains auf Public-Key-Kryptographie auf, was es an sich trivial macht, Nachrichten zu verschlüsseln. Aber der Teufel steckt im Detail, weshalb Christoph noch nicht weiß, wann das Projekt abgeschlossen ist.

Warum es so wichtig sein kann, auch zu scheitern

„Unsere Rolle ist es, so schnell wie möglich 0 zu 1 zu machen. Wir probieren verschiedenes aus, und das, was trifft, wird zu einem eigenen Startup.“ Der Physiker erwartet nicht, dass jede Idee ein Erfolg wird. Scheitern gehört dazu. Daher hat er seinem Blogartikel, mit dem er Corpus.Venture ankündigt, den Untertitel gegeben „wir scheitern so lange, bis wir erfolgreich sind.“

Damit kennt er sich aus. Christoph weiß, dass Scheitern und Erfolg oft zwei Seiten derselbe Münze sind. Mit Slock.it wollte er eigentlich ein Schloss bauen, das sich per Smart Contract öffnen und schließen lässt. Doch die Idee, weiß er mittlerweile, war viel zu früh. Auch ein Projekt mit einem Energieversorger zum Bezahlen von E-Ladestationen verlief im Sand.

Die Projekte scheiterten, aber Christoph und Slock.it machten weiter. Mit „die DAO“ wagte das Team das bisher größte und mutigste Projekt. Die erste dezentrale autonome Organisation. Die DAO scheiterte spektakulär, als sie gehackt wurde, und das hätte beinah ganz Ethereum mit hinabgerissen.

Erstaunlicherweise wurde das Scheitern der DAO aber zu Basis ihres Erfolges. „Die DAO hat schon zuvor viel Aufmerksamkeit erhalten, doch als sie crashte, wurde sie noch bekannter. Sie war ein Katalysator für vieles auf Ethereum, für das Fundraising durch eine ICO, für das Organisationskonzept durch eine DAO, und damit letztlich auch für DeFi und vieles mehr. Ich bin nicht stolz auf den Bug – aber ich bin stolz, was für einen gewaltigen Einfluss wir damit hatten.“

Auch für Slock.it wurde die DAO wichtig. Das Startup hatte schon vorher häufig Anfragen für Beratungen zu Ethereum erhalten. Nun explodierten die Aufträge. Christoph vergrößerte sein Team, das rasch auf 45 Mitarbeiter wuchs. Slock.it war mit drei Projekten gescheitert – und war genau darum profitabel geworden.

Er hat aber noch etwas anderes gelernt, das er bei Corpus.Venture beherzigen wird: Die Bedeutung des richtigen Personals. „Bei Slock.it wurde mir klar, dass ein relativ kleiner Teil der Mitarbeiter den Großteil der Arbeit erledigen. Das sind die Mitarbeiter, die jeder haben will, und selbst wenn man ihnen doppelt so viel bezahlt wie anderen, lohnt es sich, weil sie zehn Mal so viel leisten.“

Daher will Christoph nur die seltenen und begehrten Spitzenkräfte. Diesen bietet er mit Corpus.Venture die besten möglichen Konditionen an. Wer etwa ein Projekt leitet, das funktioniert, kann zum Chef eines Startups werden. „Derzeit sind wir 13 Leute und wir wollen im Lauf des Jahres auf 20 hochskalieren. Wer Interesse hat, kann sich über unsere Webseite bewerben.“

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1 Kommentar zu „Ich bin nicht stolz auf den Bug – aber ich bin stolz, was für einen gewaltigen Einfluss wir damit hatten.“

  1. Der Bub macht das schon richtig.

    Ich würde nicht sagen, dass er „gescheitert“ ist, auch wenn drei seiner Projekte das sind, inklusive spektakulärem DAO GAU. Immerhin hat er einen potenten Käufer für seine Firma gefunden, also hat er die richtigen Talente anziehen können, die für jemanden wertvoll waren. Wer schonmal auf Mitarbeitersuche war, weiß ein kompetentes und eingespieltes 50-köpfiges Team zu schätzen.

    Bin nicht wirklich tief in der Ethereum Materie, aber immerhin wollen sie sich auch auf Privacy konzentrieren, was die Wenigsten in diesem Bereich im Ansatz verfolgen oder gar verstehen.

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