Newsticker

Bitcoins im Wert von fast 5,5 Milliarden Dollar liquidiert

Ist die Welle schon gebrandet? Bild von Jeff Rowley via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Ein Analyst hat ein spannendes Post zur Liquidierung von Bitcoins seit dem 10. Mai herausgebracht. Insgesamt wurden laut Analyse 236.237 Bitcoins im Wert von fast 5,5 Milliarden Dollar auf den Markt geworfen. War es das jetzt?

Der derzeitige Krypto-Bärenmarkt hat eine Eigenschaft, die, bei allen Schmerzen, die wir auch miterleiden, für einen Journalisten hochattraktiv ist: Er zeigt manche Prozesse und Mechanismen in einer Transparenz, die bisher beispiellos ist.

Wir wissen genau, wo der Crash seinen Anfang nahm, über welche Mechanismen sich die Ansteckungseffekte ausbreiteten, und wie sehr sie welche Partei erwischte. So hat der Blockchain-Analyst Arcane Research nun eine Aufstellung veröffentlicht, wer wie viele Bitcoins liquidiert hat. Dabei kommt der Analyst auf eine Summe von 236.237 Bitcoins oder fast 5,5 Milliarden Euro.

Er betont aber auch, dass es sich um eine Untergrenze handelt. Die Analyse beinhaltet nur die großen, bekannten Fälle. Sie „berücksichtigt keine natürlichen Kapitualtionen oder Hedging-Aktivitäten, die gewöhnlich zu einem Bärenmarkt gehören.“

An sich zeigt die Untersuchung nichts grundlegend Neues. Die meisten Parteien und ihre Verwobenheit in den Crash sind längst bekannt. Dennoch ist die konzise und gut recherchierte Analyse aufschlussreich.

1. Luna und UST

Alles begann mit der Luna Foundation und ihrem UST-Stablecoin. Der UST-Stablecoin war anfangs durch Terra-Token gedeckt, bis die Luna Foundation beschloss, ihn zusätzlich durch Bitcoins im Wert von 3 Milliarden Dollar zu decken.

Doch kaum war diese Reserve aufgebaut „brauchte es nur 5 Tage, bis die Parität zum Dollar in Trümmern lag, und die Reserve von 80.000 Bitcoin wurde in einem verzweifelten Versuch in Stellung gebracht, um die Bindung zu retten.“

Dies war der 9. Mai. UST kollabierte, und dies wurde vermutlich zum initialen Auslöser eines Crashes, der sich über Ansteckungseffekte auf fast den ganzen Markt ausbreitete. Die Luna Foundation liquidierte 80.000 Bitcoin und sandte damit den Bitcoin-Kurs auf Talfahrt.

2. Die Miner

Gewiss aber war der Markt schon vor dem UST-Kollaps eingetrübt. Das zeigt sich etwa daran, dass die Miner ab Mai begannen, zunehmend Bitcoins zu verkaufen. Zuvor waren sie sehr zurückhaltend und haben die geschürften Coins eher gehortet. Sie nannten das die „HODL-Strategie“.

Dies änderte sich im Mai, vermutlich aus zwei Gründen: Erstens fiel der Kurs weiter, so dass sie verkaufen mussten, um die Stromrechnung zu bezahlen. Zweitens hatten sie sich zuvor oft durch die Aufnahme von Darlehen gegen eine Bitcoin-Sicherheit finanziert. Nun jedoch war der Markt für solche Darlehen schwer angeschlagen, vielleicht nicht mehr liquide.

So oder so: Die Miner mussten ihre bisherige Hodl-Strategie aufgeben. Im Mai verkauften sie 4.456 Bitcoins. Das ist mehr als vier Mal so viel wie noch im April.

3. Tesla

Um diese Zeit herum begann auch Tesla Bitcoins zu verkaufen. Dies zeigte ein jüngst veröffentlichter Geschäftsbericht. Ihm zufolge hat Tesla im zweiten Quartal dieses Jahres 75 Prozent seiner Bitcoin-Bestände abgebaut. Der Konzern konnte damit seine Bilanzen schönern und Extra-Gewinne ausweisen.

In der Summe dürften dies ungefähr 29.060 Bitcoins gewesen sein. Tesla habe, schätzt Arcane Research, diese mit leichten Verlusten zu gut 30.000 Dollar je Stück verkauft. Aber solche Angaben sind unsicher, da nicht klar ist, wann Tesla die Coins auf den Markt geworfen hat – ob schon im April oder erst im Juni.

4. Three Arrows Capital

Am 12. Juni näherte sich das Drama seinem Zentrum. Erst stoppte Celsius, eine Plattform für Krypto-Darlehen, die Auszahlungen. Rasch zeigte sich, dass die Ursache im Hintergrund Three Arrows Capital war, kurz 3AC, ein Hedge Fonds, der sich mit Fremdkapital unter anderem mit Terra-Token verspekuliert hatte und nun vor der Pleite stand.

Die im Zuge des Insolvenzverfahrens veröffentlichten Dokumente zeigen, dass 3AC bei den Gläubigern mit 18.193 Bitcoin und GBTCs im Wert von 22.054 Bitcoin in der Kreide stand. GBTC sind „Grayscale“-Bitcoin, eine Art Anteil an einem Bitcoin-Fonds.

Die Gläubiger von 3AC liquidierten, was sie an Einlagen des Hedge Fonds hatten, und bereiteten sich durch Umschichtungen auf Turbulenzen vor. Celsius ging dennoch pleite und zahlte als Vorbereitung auf die Insolvenz 21.962 WBTC aus, die eigentlich eingefroren sein sollten.

WBTC steht für „Wrapped Bitcoin“ und meint Bitcoin-Token auf der Ethereum-Blockchain. Sie werden von BitGo auf der Bitcoin-Blockchain eingefroren und auf Ethereum herausgegeben. Im Zuge der Preisstürze kam es zur Einlösung weiterer 21.009 WBTC, die, so vermutet Arcane, liquidiert wurden.

5. Der Purpose Bitcoin ETF

Der kanadische Purpose ETF, der Bitcoin abbildet, musste ebenfalls verkaufen. Satte 24.510 Bitcoins wurden ausgelöst und auf den Markt geworfen. Vermutlich wurde es einer Vielzahl von Privatanlegern und institutionellen Investoren zu heiß, und der Kursverlauf triggerte automatisierte Verkaufsaufträge.

6. Die Miner II

Den Minern machte diese ungemütliche Marktlage zunehmend zu schaffen. Dies zeigt die Entwicklung der Mining-Schwierigkeit. Sie ist seit dem Allzeithoch Mitte Mai vier Mal gesunken und nur einmal leicht gestiegen: Die Miner bauten Hashpower ab, da die Operationen zunehmend unprofitabel werden.

Im Juni intensivierte sich daher auch der Verkauf der Bitcoins durch die Miner. Sie haben im Lauf dieses Monats rund 14.600 Bitcoins verkauft – also rund 15 Mal so viele wie noch im April.

War’s das jetzt endlich?

All diese Liquidierungen sind, wie erwähnt, nicht das ganze Bild, sondern nur ein Mosaik der größten Teile. Es gab mit Sicherheit zahlreiche Verkäufe und weitere Liquidierungen durch Trader und Sparer.

„Der Großteil der erwähnten 236.237 BTC wurde zwangsweise vekauft. Es war vermutlich schlimmer als das, was diese Analyse abdeckt, wenn private Investoren Verluste machten und Institutionen kapitulierten.“

Die enormen Summen, die zwangsweise liquidiert wurden, zeigen, wie eng verflochten der Markt ist. Ein kleiner Stoß hier oder da kann sich rasch zu einer Lawine auftürmen.

Zugleich zeigen die enormen Summen aber auch, wie unheimlich liquide der Markt ist. Es ist nicht selbstverständlich, dass man mehr als 5,5 Milliarden Dollar – vermutlich deutlich mehr – aus etwas extrahieren kann, das laut Kritikern nicht mehr als ein „Wolkenschloss“ ist, gebaut „aus heißer Luft“ und so weiter.

Darüber hinaus scheint die Woge der Ansteckungseffekte an ihr Ende gekommen zu sein. Dafür spricht, dass es seit einigen Monaten keine weiteren Pleiten mehr gab, und dass manche betroffene Unternehmen, etwa Blockchain.com, den Einschlag leicht wegstecken. Das gibt Anlass zu vorsichtigem Optimismus, dass die Talsohle zwar noch nicht durchschritten, aber immerhin erreicht ist.

Über Christoph Bergmann (2408 Artikel)
Das Bitcoinblog wird von Bitcoin.de gesponsort, ist inhaltlich aber unabhängig und gibt die Meinung des Redakteurs Christoph Bergmann wieder ---

3 Kommentare zu Bitcoins im Wert von fast 5,5 Milliarden Dollar liquidiert

  1. Halte 15K/BTC als Folge einer unerwarteten Schreckreaktion leider durchaus für möglich.

  2. sorry, aber diese deep-Übersetzungen nerven extrem.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: