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Ondo tokenisiert Anleihen – kommen nun traditionelle Finanzprodukte auf die Blockchain?

Ein Blockchain-Startup kündigt an, Staats- und Unternehmensanleihen zu tokenisieren. Endlich – denn es wäre eine starke Ergänzung für Wallets und DeFi-Märkte. Doch leider bringt es auch einen schweren Ballast aus der alten Finanzwelt mit.

Es ist mehr oder weniger der heilige Gral der Tokenisierung. Das, worauf fast jeder wartet, der mit Token und DeFi arbeitet: Traditionelle Assets mit geringen Risiken onchain zu bringen, etwa Staatsanleihen oder Unternehmensanleihen.

Ondo kündigt nun an, genau das zu machen: „Wir haben einen tokenisierten Fonds gestartet, der es Stablecoin-Besitzern erlaubt, in Anleihen und US-Staatsanleihen zu investieren. Damit machen wir traditionelle Kapitalmärkte besser zugänglich für Investoren, die zusammen mehr als 100 Milliarden Dollar in zinslosen Stablecoins halten.“

Zinslose Stablecoins – Dollar – sind das, was man auf Finanzmärkten „Cash“ nennt: ein Asset, das man nur kurzfristig hält, um damit die Assets zu kaufen, die man langfristig halten will – Aktien, Anleihen, ETFs und so weiter. Staatsanleihen haben als das Asset mit geringem Risiko und geringer Verzinsung einen Platz in jedem Portfolio; sie sind quasi die Bodenschicht, die Krisen übersteht und immerhin ein wenig Zinsen einspielt.

Erst wenn es solche Anleihen als Token auf einer Blockchain gibt, kann man überhaupt darüber nachdenken, dass die Wallet zu einem ernstzunehmenden Portfolio wird. Darüber hinaus – und vor allem – kann die Tokenisierung solcher Assets zum Startschuss für eine Modernisierung des Finanzwesens werden, das dadurch irgendwann mehr Transparenz und Autonomie bieten, von weniger Reibungen und Beschränkungen geplagt sein, und mehr Optionen und Möglichkeiten versprechen kann. Auch wenn man über das äußerst reizvolle Szenario nachdenkt, dass in Zukunft Dezentrale Autonome Organisationen (DAOs) mit globalen Finanzinstitutionen verschmelzen, führt kein Weg daran vorbei, traditionelle Assets wie Staatsanleihen zu tokenisieren.

„Investoren“, erklärt Ondo, „werden tokenisierte Fonds-Anteile erhalten, die onchain überweisbar sind, auch über genehmigte Smart Contracts. Unsere Vision ist, dass diese Security Token und Protokolle, die sie unterstützen, ein reguliertes Onchain-Finanzsystem aufbauen, welches sowohl erlaubnispflichtige als auch -freie Assets umfasst, und am Ende die Zugänglichkeit, Transparenz und Effizienz unserer Märkte verbessert.“

Die ersten drei Produkte, die Ondo anbietet, basieren auf hochliquiden ETFs von Institutionen wie Blackrock und PIMCO. Es handelt sich dabei um kurzfristige US-Staatsanleihen (derzeit mit 4,62 Prozent verzinst), kurzfristige Unternehmensanleihen (5,45%) und hochverzinste Unternehmensanleihen (8,02%). Im durchschnittlichen Krypto-Portfolio, ob nun auf einer Börse oder als Token in einer Metamask-Wallet, dürften sich diese Produkte gut machen, und für die DeFi-Märkte, wo man Token leihen, verleihen und beleihen und handeln kann, wären sie eine große Bereicherung: Wenn man schon aus Krypto raus und in Fiat reingeht – warum dann unverzinste Stablecoins anstatt Staatsanleihen?

Allerdings hat die Konstruktion auch einen Nachteil. Wenn man das alte Finanzystem in die Kryptowelt hineinzieht, bringt es seine eigenen Regeln mit. Zwar können Investoren die Token überweisen und damit „effektiv einen Eigentümerwechsel herbeiführen“, und sie können sie auch leihen und verleihen. Doch es gibt Restriktionen, „die gewährleisten, dass sie nicht in den Händen von jemandem enden, der nicht als Investor qualifiziert ist.“ Auch Smart Contracts, die Investoren verwenden wollen, müssen daraufhin geprüft werden, dass sie diese Restriktionen nicht unterlaufen.

Als Investoren erlaubt sind nur nachgewiesene „qualifizierte Investoren“, was im US-Investmentspeak ein Individuum oder einen Vermögensverwalter meint, der mehr als 5 Millionen Dollar an Investments hält. Ein Fonds, der nur qualifizierte Investoren zulässt, ist von einigen Beschränkungen der US-Börsenaufsicht SEC befreit.

Dieser Haken macht die Token von Ondo effektiv zu Nicht-Token, zu traditionellen Guthaben auf Accounts. Die Restriktionen verschenken so gut wie alle Vorteile, die die Tokenisierung bringt: Man muss vor einer Überweisung die Identität des Empfängers prüfen – diese womöglich an Ondo weitergeben – und es kommt so gut wie gar nicht in Frage, die Token in großen, liquiden Smart Contracts zu verwenden, etwa zum Tausch oder zum Verleihen. Letzten Endes ist es einfacher, sich die Staatsanleihen bei jeder beliebigen Bank zu kaufen.

Es ist klar, dass die Tokenisierung von Staatsanleihen nicht die üblichen gesetzlichen Vorgaben zu diesen aufheben wird. Daher wird sie nur dann ihre Macht ausspielen können, wenn noch etwas anderes tokenisiert wird – Identität. Es wäre denkbar, dass qualifizierte Investoren – oder auch einfach Individuen – sich über Token, zum Beispiel Soulbound-Token, identifizieren. Ein Smart Contract könnte so aufgebaut sein, dass eine Überweisung nur an Besitzer solcher Token möglich ist, und ein DeFi-Pool so, dass nur Accounts, die sich durch ein Token ausweisen, teilnehmen dürfen. Dies wäre nicht nur wesentlich privater als die weiterhin übliche manuelle Identifizierung – sondern würde auch ohne deren enorme Reibungen auskommen und sehr viel besser skalieren.

Bis dahin wäre aber noch eine andere Variante denkbar: Die Herausgeber von Stablecoins investieren ja selbst in Staatsanleihen und Unternehmensanleihen. Sie haben ein ähnliches Portfolio, wie Ordo es anbietet. Dies macht es denkbar, dass sie beginnen, geringe Zinsen an die Besitzer der Stablecoins auszuzahlen, unter Umständen nur dann, wenn diese sich verifiziert haben.

Dass Anleihen den technischen Sprung zur Blockchain nehmen, dürfte unvermeidbar sein. Die offene Frage ist aber, wie dies geschieht – und wieviel regulatorischen, rechtlichen und beschränkenden Ballast sie aus der alten Finanzwelt mitnehmen.

Über Christoph Bergmann (2450 Artikel)
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