Sinnlose Token fluten Ethereum mit Spam-Transaktionen

Ethereum unter Beschuss

Hawaii Spam Festival. Bild von Mike Russell via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Die Gebühren auf Ethereum haben, mal wieder, neue Rekorde erreicht. Liegt es an einem misslungenen Voting einer Börse – oder an bösartigen Spam-Verträgen, die Ethereum angreifen? Steckt gar der Konkurrent EOS dahinter, wie zum Teil behauptet wird? Wir schauen uns an, was los ist – und erklären bei der Gelegenheit auch, wie die “Sprit” genannten Gebühren bei Ethereum funktionieren.

Ganz organisch sieht all das ja nicht aus. Der Pool an unbestätigten Transaktionen bei Ethereum sprang am 17. Juli innerhalb von Minuten von 16.000 auf das von Etherscan gesetzte Limit von 70.000. Auf diesem Stand blieb er für zwei Tage, um dann auf knapp 60.000 zu fallen, aber bald darauf wieder auf mehr als 70.000 zu steigen. Für die User von Ethereum ist das ein Ärgernis.

Anzahl der Transasktionen in der Warteschleife: Ziemlich viele. Quelle: Etherscan.io

Ethereum operiert am Limit. Das ist an sich nicht neu. Mit rund 700.000 Transaktionen am Tag verbrauchen die Smart Contracts seit einiger Zeit so gut wie alle Ressourcen, die die Miner bereit sind, dem Netzwerk zu geben. In der Regel bleiben die “Spritpreise” jedoch einigermaßen erträglich, so dass zumindest normale Transaktionen trotz der langen Warteschlange relativ günstig bleiben. Im Lauf der vergangenen Woche haben die Gebühren jedoch ein Niveau erreicht, dass auch diese drückend teuer macht.

Bevor wir uns den konkreten – etwas nebulösen, aber spannenden – Gründen für diese Spitze zuwenden, erkläre wir zunächst, was die “Spritpreise” (englisch Gas Prices) bei Ethereum bedeuten. Sie sind so ähnlich wie die Gebühren bei Bitcoin, aber doch ein wenig anders. Wer schon Bescheid weiß, kann den folgenden Absatz gerne überspringen.

Treibstoff für den Weltcomputer

Ein Blogpost von Consensys von 2016 erklärt recht anschaulich, was mit “Gaspreis” oder “Spritpreis” gemeint ist.

Zunächst sollte man sich Ethereum nicht als Währung, sondern als einen “Weltcomputer” vorstellen, der in seiner Ethereum Virtual Machine (EVM) Rechenoperationen ausführt und Daten speichert. “Eine Transaktion repräsentiert eine einzelne Session bei diesem Weltcomputer. Sie ist die Grundeinheit der Interaktion, so ähnlich, wie ein Satz eine Einheit der grammatikalischen Darstellung von Bedeutung ist, auch wenn er eine Menge Wörter beinhaltet.”

Der Sprit oder das Gas ist die Maßeinheit für diesen Weltcomputer. “Eine Analogie wäre, dass Elektrizität durch Kilowattstunden gemessen wird. Wenn man mehr Rechenleistung und Speicher bei Ethereum benutzt, bedeutet das, dass man auch mehr Sprit benutzt.” Jede Operation der EVM – eine Addition, eine Hash, eine Signatur – konsumiert also eine gewisse Menge Sprit. Die Sätze sind hart einprogrammiert und können nur per Hardfork geändert werden.

Flexibel sind dagegen die Spritpreise. Sie werden in ETH angegeben, genauer gesagt in Giga-Wei (GWei), also einer Milliarde Wei, der kleinsten Einheit von Ethereum. Ein GWei entspricht 0,000000001 ETH oder einem winzigen Bruchteil eines Cents. Wenn man eine Transaktion absendet, berechnet die Wallet zunächst, wie viel Sprit diese konsumieren wird. Eine ganz normale Transaktion, die lediglich Ether überweist, benötigt etwa 21.000 Gas, was bei aktuellen Gaspreisen auf eine Gebühr von etwa 10 cent hinausläuft. Komplexere Transaktionen, wie sie etwa das Spiel CryptoKitties verwendet, verbrauchen so viel Sprit, dass die Kosten rasch auf ein- oder gar zweistellige Eurobeträge steigen.

Anstelle einer „Blocksize“ wie Bitcoin, die die Größe der Blöcke in Byte bestimmt, gibt es bei Ethereum ein „Gaslimit“, das die Menge an Gas begrenzt, das je Block verarbeitet wird. Die Miner können dieses Gaslimit zwar hochsetzen, sträuben sich derzeit aber, weil es in der Ethereum-Community Bedenken gibt, dass eine weiter ansteigende Kapazität dem Netzwerk schadet. Daher hat Ethereum schon jetzt einen Zustand erreicht, in dem die User mit dem Preis, den sie bereit sind, je Gaseinheit zu bezahlen, darum konkurrieren, eine Transaktion in die Blockchain zu bringen. Es gibt also einen Markt um die von der EVM bereitgestellten Rechen- und Speicherressourcen.

Eine dumme Wahl einer dummen Börse

Seit gut einem Jahr geschieht es oft, dass Ethereum am Limit operiert. Wir kennen das von Bitcoin zur Genüge: Gebühren werden teurer, es dauert länger, bis Transaktionen bestätigt werden, im MemPool warten Zehntausende von Transaktionen, und es dauert einige Tagen bis Wochen, bis sich die Lage wieder beruhigt.

Es gab immer wieder Anlässe, die zu einer vorübergehenden Spitze im MemPool von Ethereum geführt haben: Eine ICO, die so gefragt ist, dass sie in wenigen Minuten die Kapazität eines ganzen Tages braucht, ein Smart Contract, der wie CryptoKitties so viel Erfolg hat, dass er große Teile der Netzwerk-Ressourcen an sich bindet. Meistens flauen solche Spitzen nach wenigen Tagen wieder ab. Diesmal jedoch scheint sich der Stau länger zu halten. Woran liegt es?

Zunächst wurde einer ziemlich unbekannten Börse die Schuld gegeben. Anfang Juli hat Taylor Monahan, der Gründer von MyCrypto, gegen die neue und weitgehend unbedeutende chinesische Börse FCoin gewettert. Diese Börse hatte ihre User darüber abstimmen lassen, welche neuen Token zum Handel gelistet werden. Dafür hatte sie die laut Taylor dümmste denkbare Methode gewählt:

„Anstatt einer traditionellen Wahl (wie eine verkackte Umfrage auf ihrer verkackten Börse), haben sie gemeint, es sei schlau, die ‚kumulativen Einzahlungsnummern‘ zu verwenden. Ja, richtig gehört. Keine Wahl durch eine Abstimmung, durch Personen, durch Token. Stattdessen: durch Einzahlungen. Ihr werdet nicht glauben, was danach passiert ist!!! Leute, die ein finanziellen Interesse daran haben, dass ihr Shit-Token auf einer Shit-Börse gehandelt wird, senden diese Token in Massen auf verschiedene Accounts …“

Eine einzelne, unbedeutende Börse kann, um es zusammenzufassen, Ethereum für einige Tage blockieren, einfach nur, indem sie ein falsches Modell wählt, um User über Token abstimmen zu lassen. Aber dies könnte nur die halbe Wahrheit sein.

Sinnlose Smart Contracts spucken Spam aus

Laut einigen Ethereum-Entwicklern war die Börse nur ein Ablenkungsmanöver. Denn zeitgleich haben mehrere offenbar sinnfreie ERC20-Token Ethereum mit Transaktionen gespamt. Die Token wirken dabei so willkürlich und unbedeutend, dass ihr einziger Sinn es zu sein scheint, Ethereum zu spammen.

Ein gutes Beispiel dafür ist das „IFishYunYu“-Token: Ein kopierter Standard-ERC20-Vertrag ohne ein besonderes Feature, nur mit einer lieblos per Template aufgesetzten Webseite und keinerlei Hinweis auf Nutzer oder einem Interesse des Marktes. Aber dennoch versendet der IFishYunYu-Contract so viele Transaktionen an angeblich individuelle Accounts, dass er zeitweise je Stunde mehr als 50 Ether für Gas ausgibt, um Token über Umwege auf eine Vielzahl von Accounts von FCoin zu überweisen. Die Börse sei, folgern einige Ethereum-Entwickler, nur ein „roter Hering“, der davon ablenken soll, was wirklich passiert: Ein orchestrierter, gezielter und gut finanzierter Angriff auf Ethereum.

Eine Blockchain-Analyse enthüllt verdächtiges Muster in den Transaktionen dieser Token. Der Schöpfer des Vertrags hat 5 Milliarden IFish-Token gebildet und zu seinem eigenen Account überwiesen. Von dort aus hat er die Token auf etwa 10 Accounts verteilt, die sie alle jeweils auf etwa 500-600 Accounts versenden. „Das sind also die Accounts, die das ETH-Netzwerk spammen: Es ist ein einzelner Kerl, der Schöpfer der Token“.

Vitalik Buterin, der Ethereum-Gründer, schätzte, dass allein die Gebühren dieser Spamwellen mehr als 15 Millionen Dollar verschlangen. Es wird also eine Menge Kapital investiert, um Ethereum zu schaden.

EOS. Immer wieder EOS

Wer macht so etwas? Wer gibt Millionen von Dollar für Transaktionen aus, die offenbar keinen anderen Zweck haben, als Ethereum zu stören? Der Verdacht fiel rasch auf EOS. Schließlich hat EOS als Mitbewerber von Ethereum, der angeblich besser skaliert, ein Motiv, und dank der üppigen ICO hat die Firma hinter EOS, Block.One, genügend Kapital, um Ethereum auf Jahre hin zu spammen.

Ein Ethereum-Entwickler namens Justo erklärte, EOS habe schon zuvor mit voller Absicht Ethereum angegriffen. Bis zu dem Tag, an dem das Mainnet von EOS gestartet wurde, dem 6. Juni, seien die Gaspreise auf Ethereum fortlaufend gestiegen. Ursache seien eine Reihe von ‚Airdrop‘ Token gewesen: „Tausende willkürlicher Token, ohne Webseite, oder mit einer in wenigen Stunden per Template gebauten Website. Sie verschwenden am Tag hunderte von Ether, hunderttausende von Dollar, um diese Token zu verteilen. Dies geschah bis zum Start von EOS, am 6. Juni, und stoppte dann sofort. Innerhalb eines durchschnittlichen Tages fiel der Gaspreis wieder zurück auf ein normales Niveau.“

Nun wird EOS laut einem Reddit-Kommentar auch verdächtigt, hinter den aktuellen Spam-Transaktionen zu stehen. EOS-Wale aus China versuchen angeblich, Ethereum mit Spam-Transaktionen zu schaden. Der Kommentar verweist zwar auf eine Liste von Token-Verträgen, die für den Spam genutzt werden – etwa hier oder hier – nennt aber noch keinen konkreten Hinweis dafür, dass EOS dahintersteckt.

Allerdings wurde in einem in die Spam-Wellen involvierten Smart Contract eine Verbindung zu EOS gefunden: Ein Account, der sehr große Summen EOS erhält, diese sofort gegen Tausende von Ether verkauft, und diese dann auf Spam-Contracts verteilt. Dies könnte den bisher vagen Verdacht erhärten.

Dan Larimer, der Leitentwickler von EOS, weist die Vorwürfe scharf von sich: „Ich kann euch versichern, Block.One würde nicht so dämlich sein, unsere Ressourcen dafür zu verschwenden, wenn dafür schon ein CryptoKitties ausreicht. Wenn es unser Ziel wäre, gäbe es sehr viel schlauere und günstigere Methoden, um ETH zu schaden.“

Die Ethereum-Szene traut dem natürlich noch nicht ganz. Ob es nun EOS ist oder ein chinesischer Wal oder einfach nur eine dumme Böse – Ethereum wird offenbar von jemandem angegriffen, der tiefe Taschen hat, und dem es gelingt, die Gaspreise in eine unangenehme Höhe zu treiben.

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8 Comments on Sinnlose Token fluten Ethereum mit Spam-Transaktionen

  1. Denke es gibt genug Parteien denen die Vormachtstellung von ETH bei Smart contracts nicht gefällt und sie dort treffen wollen wo es am meisten wehtut. Nicht nur EOS.
    Könnte auch NEO sein, die ja das chinesische Ethereum sein wollen. Schätze da gibt es auch genug “Warchest”.
    Oder natürlich diese verrückten Bitcoin Maximalisten 🙂 /s

  2. Nutzt das Ethereum nicht eher? Da werden ja täglich Unsummen in den Kauf von ETH gepustet – Nachfrage steigt – Wert steigt – Interesse steigt.. Also wenn jemand hier ETH schaden möchte, sollte er viell. seine Strategie nochmal überdenken.

    • Kartoffelkopf // 23. July 2018 at 17:45 // Reply

      Nein, sowas ist Ethereum gar nicht zuträglich!

      Schlicht weil den meisten Menschen, d.h. so ca. 99.9% der Bevölkerung das Konzept Smart Contract vollkommen verschlossen ist und auch noch für lange Zeit verschlossen bleiben wird. Und für diese 99.9% der Menschen zählt nur, dass man mit Ethereum bezahlen kann. Oder, wenn man böswillig sein will, dass sie durch Ethereum reich werden. Die Technologie ist für diese zweitranging.

      Und dann ist ein Stau der Transaktionen nicht gerade das, was man sich von der Zukunft des Geldes vorstellt.

      BTW, der Marketingbegriff “Weltcomputer” ist die dreiseste Investorenverarsche ever und sollte in einem bitcoinblog.de-Artikel zumindest in Anführungszeichen stehen. Wenn man ihn denn bringen muss.

  3. Die Frage ist doch wer verdient an dem ganzen? Hier geht es ja um enorme Summen.

    Verdienen die Miner an der Aktion? Wer kriegt am Ende die 15 Millionen an Transaktionsgebühren?

  4. Christoph // 23. July 2018 at 20:05 // Reply

    …in Giga-Wei (GWei), also einer Million Wei, der kleinsten Einheit von Ethereum…

    Giga heißt Milliarde, nicht Million! Im nächsten Satz die Anzahl der 0er sind wieder richtig

  5. Peter Neuer // 23. July 2018 at 20:47 // Reply

    Wann kommt 2X ?

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