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Das Tether-Komplott: FUD oder Fakt?

Tether (englisch für Haltegurt). Bild von Matthew Dillon via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Die Tether-Dollar sind für die Kryptomärkte wichtiger denn je. Man könnte sagen: Die Kryptomärkte hängen an ihnen wie am seidenen Faden — und sie über jenen wie ein Damoklesschwert. Gerüchte behaupten, dass die Tether-Dollar aus heißer Luft gemacht werden, um die Kryptopreise nach oben zu manipulieren. Ist da etwas dran? Wir fassen die Vorwürfe zusammen und schauen, was zwei Tether-Mitarbeiter zu sagen haben, die sich jüngst in einem Podcast dazu geäußert haben.

In den letzten Wochen tauchten wieder vermehrt kritische Fragen zu den Tether-Dollar auf. Die Tether-Dollar (USDT) werden von der Firma Tether herausgegeben und angeblich durch Dollar auf einem Bankkonto gedeckt. Diese Tether-Dollar sind Token auf mehreren Blockchains, früher vor allem Bitcoin, heute überwiegend Ethereum.

Seit Ende 2017 steigt der Bedarf nach dem Stablecoin rasant. Auf so gut wie allen großen internationalen Krypto-Börsen haben die USDT die klassischen Dollar verdrängt; mittlerweile sind die Tether-Dollar noch vor Bitcoin die am meisten gehandelte Währung auf den Krypto-Märkten. Aus den 1,5 Milliarden USDT, die es Anfang 2018 gab, sind mittlerweile mehr als 24 Milliarden geworden.

Die Marktkapitalisierung in Dollar entspricht bei Tether der Anzahl der herausgegebenen Tether-Dollar: Mittlerweile mehr als 24 Milliarden. Quelle: CoinPaprika

Die Tether-Dollar haben sich so fest in den Kryptomarkt eingefressen, dass es schwierig ist, zu ihnen einen neutralen Standpunkt einzunehmen. Für die einen sind sie sinnvolle Instrumente, die es ermöglichen, Kryptowährungen gegen Dollar zu handeln, ohne sich auf die vielen technischen und regulatorischen Probleme und Mittelsmänner einzulassen, die Dollar auf der Bank mit sich bringen. Börsen brauchen kein Bankkonto mehr, um Dollar-Paare anzubieten, User kein Konto bei einer Dollar-Bank, um Dollar einzuzahlen, Überweisungen brauchen nicht Tage, sondern Minuten, und auch die DeFi-Apps können die USDT benutzen. Tether-Dollar sind spitze.

Der Tether-Verdacht

Für viele andere, darunter vor allem Bitcoin-Kritiker, sind die Tether-Dollar dagegen nackter Betrug. Da diese Vorwürfe die Diskussion beherrschen, versuche ich sie kurz zusammenzufassen. Insgesamt ist die Situation rund um Tether labyrinthisch verworren.

Der übliche Vorwurf lautet, dass Tether die Dollar aus heißer Luft erzeuge, also ohne Deckung durch echte Dollar, sie dann an die Börse Bitfinex schicke – welche personell eng mit Tether verwoben ist – um dort mit ihnen die Preise für Bitcoin nach oben zu manipulieren. Als Beleg für diesen Verdacht hält meist eine Koinzidenz zwischen der Entstehung neuer Tether-Dollar und dem Anstieg des Preises her: Kurz nachdem neue Dollar entstehen steigt der Preis. Dies allerdings kann auch daran liegen, dass Tether gekauft und erzeugt werden, um Bitcoins zu handeln bzw. um Dollar ins Ökosystem zu schleusen. Die Koinzidenz wäre so weder Betrug noch Zufall, sondern unvermeidbar.

Es gibt eine Fülle an Theorien dazu, wie die Tether-Dollar die Märkte manipulieren. Diese behaupten etwa auch, dass die Tether-Dollar auf der Börse Bitfinex den Kurs nicht nur durch Käufe manipulieren, sondern auch durch Spoofing und Wash Trading. Eine Studie von Ökonomen kommt zum Schluss, dass die USDT tatsächlich benutzt wurden, um die Preise Ende 2017 zu manipulieren. Allerdings schließt auch sie die Gegenerklärung nicht aus, dass die Tether schlicht geschöpft wurden, um Bitoins zu kaufen. Dennoch wurde die Kurzstudie Mitte 2019 zur Grundlage für eine Sammelklage, in der Investoren in Bitcoin und Altcoins die Firmen Tether und Bitfinex dafür zu verklagen, durch die Marktmanipulation Anleger in die Irre geführt zu haben. Zugleich beginnt auch die Staatsanwaltschaft von New York gegen Tether zu ermitteln.

Neben dem Vorwurf der Marktmanipulation wird immer wieder beklagt, dass Tether kein unabhängiges Audit vorweisen kann, das die Dollar-Guthaben auf einem Bankkonto bestätigt. Tether hat auf diese Vorwürfe mit einem Audit einer Anwaltskanzlei reagiert, das viele für unzureichend halten. Mit ein Grund für die Schwierigkeit, ein Audit der Kontoguthaben zu bekommen, könnte darin liegen, dass Tether in der Vergangenheit oft die Bank gewechselt hat, und dass die Partnerbank(en) ungern in der Öffentlichkeit stehen. Mit mehreren Partnerbanken, etwa Crypto Capital und einer polnischen Bank, begab sich Tether in dubiose Gesellschaft, die im Falle der polnischen Bank den Stablecoin sogar in die Nähe kolumbianischer Drogenkartelle führte. Erschwerend kam hinzu, dass die US-Regierung rund 850 Millionen Dollar beschlagnahmte, die auf einem Konto von Tether bzw. Bitfinex lagen.

Bitcoin-Kritiker sind Tether-Kritiker

Vertrauenserweckend ist das nicht gerade, oder? Für viele Bitcoin-Kritiker, etwa die Journalisten Amy Castor und David Gerard, sitzen die Tether-Dollar im Zentrum des Betrugs, der Kryptowährungen für sie im Generellen sind. Die Blogs von Amy und Gerard sind regelrecht besessen von Tether.

Amy zitiert Nouriel Roubini, einen altbewährter Bitcoin-Kritiker, der desto rabiater wird, je höher der Bitcoin-Kurs steigt: „Ich bleibe dabei: Je höher die Blase steigt, desto tiefer wird der Sturz, wenn die kriminelle Tether-Manipulation zusammenfällt und die von Kaufpanik getriebenen privaten / institutionellen Looser so heftig verbrannt werden wie 2018.“

Am scharfzüngigsten kritisiert aber wieder einmal David Gerard den Stablecoin: „Ich habe angenommen, dass die Guillotine schon im Dezember 2017 auf Tether fällt. Aber diese Leute sind extrem geschickt darin, den Fall immer um einen weiteren Tag zu verschieben.“ Zum aktuellen Preisaufwind meint er, dass „eine steigende Menge an Tether notwendig ist, um das zu schaffen. Wir haben gerade zwanzig Milliarden angebliche Dollar in Tether überschritten, das sind 16 Milliarden mehr als im März 2020. Wenn du denkst, das sei nachhaltig, bist du ein Idiot.“

Die Tether-Problematik gehe weit über die Trader hinaus. „Jeder, der durch Krypto Geld macht – nicht nur durch Bitcoin, sondern durch alles, was mit Krypto zu tun hat – ist sich schmerzhaft bewusst, dass er Tether benötigt, um den Markt weiterhin zu pumpen.“ Die große Frage sei, „wodurch sind alle diese Tether gedeckt?“ Einst habe Tether behauptet, sie seien durch Dollar in einem Bankkonto gedeckt. „Dies erwies sich als falsch – nun sind Tether also durch Dollar gedeckt, oder vielleicht durch Bitcoin, oder vielleicht Darlehen, oder auch heiße Luft.“

So sehr es zu schätzen ist, dass Leute kritisch auf Bitcoin und Krypto schauen – die ständigen Attacken von Amy, Gerard, Roubini und anderen wirken langsam leicht verzweifelt: Sie sagen den Untergang von Tether schon fast so lange voraus, wie den von Bitcoin; weder das eine noch das andere trifft ein, ganz im Gegenteil: Bitcoin wird mehr und mehr wert. Die Tether-Theorie vom ungedeckten Geld, das den Markt manipuliert, scheint mehr und mehr dazu zu dienen, die Augen vor der unangenehmen Tatsache zu verdecken, dass man unrecht hatte – dass Bitcoin kein Witz ist, dem sich die Geschichte mit Gelächter entledigt, sondern ein ernstzunehmendes Phänomen, das mittlerweile mehr und mehr Banken und Unternehmen begeistert.

Exkurs: Big Blocker und Tether

Zum Teil kommen die Vorwürfe aus der Community selbst, insbesondere von den Anhängern von Bitcoin Cash (BCH) und Bitcoin SV (BSV). Die Geschichte ist komplex und reicht weit zurück. Kurz gesagt brach Bitcoin (BTC) kurz nach der Bitcoin-Cash-Fork ein, und es sah für einen Moment so aus, als habe BCH eine Chance, BTC zu überholen. Dann plötzlich strömten hunderte Millionen Tether-Dollar auf den Markt, und der Bitcoin-Kurs sprang im selben Moment nach oben und ließ BCH weit zurück. Da die Börse Bitfinex – die ja personell eng mit Tether verwoben ist – schon zuvor in den Blocksize-Streit eingegriffen hat, indem sie Bitcoin-Core noch vor einer Fork den Ticker Bitcoin (BTC) gab, wurden sie und Tether zur Zielscheibe für Vorwürfe. In den einschlägigen Foren werden diese Vorwürfe zum Teil geschürt und flackern mit jeder neuen News zu Tether, zu gescheiterten Audits und zu Gerichtsprozessen wieder auf.

Warum mich Tether nicht (mehr) beunruhigt

Anfangs war ich selbst auch sehr beunruhigt, schon allein deswegen, weil die Tether-Dollar in so kurzer Zeit eine so wichtige Rolle im gesamten Ökosystem gewonnen haben, dass ihr Einbruch extreme weitläufige Verheerungen anrichten würde. Aber mittlerweile schaue ich sehr gelassen auf den Stablecoin. Warum?

Erstens, weil Tether seit jeher stabil bleibt. Es gab ein paar Phasen, in denen die Vorwürfe, Anklagen, Gerüchte und Probleme ihre Höhepunkt erreichten, in denen Tether kurz die Bindung an den Dollar verlor. Aber diese Phasen blieben kurz und gingen vorbei. Seitdem hält Tether bei steigender Liquidität die Parität zum Dollar. Dies macht Tether zum enorm nützlichen Werkzeug, sei es für den Handel von Börse zu Börse, für internationale Transfers oder auch für Anwendungen der Dezentralen Finanzen (DeFi). Und darauf kommt es doch an, oder?

Zweitens fällt es mir mittlerweile schwer, mir vorzustellen, dass Tether und die Schwesterfirma Bitfinex pleite sind oder nicht ausreichend liquide Mittel haben. Bitfinex ist eine erfolgreiche, hochprofitable Kryptobörse, und die Reserven, die die Unternehmen in Bitcoin halten, haben ihren Wert vervielfacht. Der Markt ist viel zu günstig.

Drittens wäre es auch kein Drama, wenn Tether ungenügend gedeckt wären. Die Euro auf dem Bankkonto sind nur zu etwa einem Prozent mit „echten“ Euro – Scheine und Einlagen bei der Zentralbank – gedeckt. Dennoch funktionieren sie, solange es nicht zu einem Bankrun kommt. Dasselbe trifft auf Tether zu – solange nicht alle ihre Token gegen Bankendollar tauschen wollen, würde Tether auch mit einem kleinen Prozentsatz an Reserven seinen Zweck erfüllen.

Viertens ist Tether im Krypto-Ökosystem „too big too fail“: Zuviele große Börsen sind von Tether abhängig. Und diese großen Börsen sind ebenfalls hochprofitable, erfolgreiche Unternehmen. Sie wären im Falle des Falles gezwungen und in der Lage, Tether zu stützen. Hinter dem Stablecoin steht also nicht nur Bitfinex, sondern das gesamte Ökosystem. Kritiker wie David Gerard wissen das, ziehen aber nicht die Konsequenzen daraus.

Zwei Tether-Mitarbeiter im Podcast

Aber das ist lediglich meine private Meinung. Viel interessanter und fundierter ist das, was der Tether-CTO Paolo Ardoino und der Tether-Anwalt Stuart Hoegner zu sagen haben. Sie haben sich kürzlich im WhatBitcoinDid-Podcast mit Peter McCormack den wohlwollend-kritischen Fragen gestellt.

Die Bitcoin-Kritikerin Amy Castor hat den Podcast transkribiert und mit etwas bissigen Kommentaren versehen. Auf der Basis dieser Transkription fasse ich zusammen, was die beiden Tether-Mitarbeiter berichten. Die Zusammenfassung beginnt mit eher technisch-juristischen Erläuterungen zu Tether an sich, geht dann auf die Frage ein, wofür Tether tatsächlich benutzt werden, und mündet schließlich in die Diskussion über die Deckung von Tether.

Der Unterschied zwischen autorisierten und herausgegeben Tether

Der Anwalt Stuart Hoegner erklärt, wie Tether auf den Markt kommen. Im ersten Schritt schafft das Unternehmen Tether die Token Tether auf der Blockchain. Diese Token sind zunächst noch nicht durch Dollar gedeckt und zählen nicht zur Menge an Tether, wie sie etwa Coinmarketcap angibt. Diese „autorisierten“ Tether werden zum Verkauf angeboten: Erst wenn jemand Dollar einzahlt, erhält er die Stablecoins. Sie sind nun auf dem Markt und gelten als „herausgegeben.“

Warum das so läuft, erklärt Paolo Ardoino: Immer, wenn neue Tether erschaffen werden, muss der private Schlüssel von Tether eine Transaktion signieren. Und weil jede Nutzung eines privaten Schlüssels mit einem (geringen) Sicherheitsrisiko einhergeht, versucht Tether, dies so selten wie möglich zu machen. Die Tether-Schlüssel gehören, erklärt Paolo, „zu den wichtigsten privaten Schlüsseln in unserer Branche. Wenn man in ihren Besitz gelangt, kann man jeden Tether-Betrag herausgeben, den man möchte.“

Zensur und Regulierung (Blacklist?)

An dieser Stelle protestiert Peter: Die privaten Schlüssel von Tether könnten nicht die wichtigsten im Ökosystem sein, etwa verglichen mit denen von Satoshi. Denn während echte Bitcoins zensurresistent sind, kann man Tether zensieren. „Richtig? Wenn es notwendig ist, könnt ihr die Transaktionen zensieren. Wenn jemand einen Haufen gefälschter Tether herausgibt, könnt ihr sie blocken, oder?“

Ja, räumt Paolo ein, „wir können gefälschte Tether einfrieren.“ Wenn aber jemand die privaten Schlüssel für Tether habe, könne er sie wieder entfrieren, und so würde dann das Spiel immer weiter hin und her gehen. Daher sei es besser, die Schlüssel so sicher wie möglich zu halten. Und, natürlich, Multisig-Adressen zu verwenden, so dass Transktionen von mehreren Parteien signiert werden müssen.

Die Option, Tether einzufieren, dient nicht nur der Sicherheit von Tether, sondern hilft auch, mit der Regulierung konform zu gehen. Tether habe, meint Stuart, „ein herausragendes Compliance-Programm“. Die Maßnahmen zur Verhinderung von Geldwäsche und Terrorfinanzierung gingen über das hinaus, was der Bank-Secrecy-Act in den USA (BSA) vorschreibt.

„Wir arbeiten hart daran, Geldwäsche und Terrorfinanzierung aufzuspüren, zu beobachten und zu verhindern. Unser Programm wird regelmäßig von einer dritten Partei geprüft. Wir versuchen immer, die Identität und das Geschäftsmodell derjenigen zu verstehen, die Geld einzahlen, und die damit verbundenen Risiken einzuschätzen. Wir führen gründliche Befragungen mit allen Kunden aus […] Wir beobachten alle Kunden mit World-Check und wir benutzen Chainalysis, um potenzielle kriminelle Transktionen zu entdecken.“ Man arbeite zudem regelmäßig mit Strafermittlern aus aller Welt zu sammen, gebe Informationen weiter und friere Wallets ein.

Tether gibt sich also alle Mühe, den Ruf des Schmuddelkindes unter den Stablecoins abzulegen und den Regulierern entgegenzukommen.

Wer benutzt Tether wofür?

Tether entstand, erzählt Paolo, im Jahr 2014, technisch damals auf der Omni Layer, einer Schicht für Token auf der Bitcoin-Blockchain. Der Grund für die Schaffung von Tether waren Probleme unter Krypto-Börsen: Die Dollar-Transfers durch Banken waren langsamer als die Bitcoin-Transfers, weshalb die Arbitrage-Mechanismen nicht effizient funktionierten. Als Folge gingen die Preise auf den Börsen auseinander: „Man konnte Unterschiede von 200 bis 300 Dollar sehen“ (als Bitcoin etwa 1000 Dollar kostete). Die Tether-Dollar auf der Omni-Layer wurden geschaffen, um Dollar ebenso schnell von Börse zu Börse zu transportieren wie Bitcoins.

Diese Nutzung nahm ab 2017 / 2018 rapide zu. So gut wie jede große Altcoin-Börse benutzt heute Tether-Dollar. Verglichen mit dem Aufwand, Banküberweisungen zu machen, insbesondere wenn man kein Dollar-Konto hat, sind Tether enorm praktisch. Sowohl für die User als auch die Börse. So kam es, dass Tether zum mit Abstand meistgehandelten Coin auf den Kryptobörsen wurde.

Aber mittlerweile wächst Tether langsam aus dieser Rolle heraus. „Wir haben vor einiger Zeit begonnen, nach anderen Anwendungen zu suchen,“ erklärt Paolo. Beispiele seien die internationalen Transaktionen von Gastarbeitern sowie von Unternehmen; wie auch Zahlungen für Löhne und Gehälter, für Güter und für Waren – „für alles.“ Bei Tether erhalte man täglich eine Flut an Anfagen von interessierten Nutzern. „Und das ist großartig, weil wir nicht nur für Krypto da sein wollen. Wir sind in Krypto geboren, aber wir wollen global skalieren.“

Die Frage nach der Deckung

Schließlich kommt das Interview bei der Frage an, die alle interessiert: Sind die Tether-Dollar durch echte Dollar gedeckt? Kann man das irgendwie beweisen? Und was ist mit dem Gerichtsprozess?

Sowohl Stuart als auch Paolo reagieren latent aggressiv auf solche Fragen und bleiben bei ihren Antworten vorsichtig bemüht, nicht zu viel zu sagen. Beide nennen die Vorwürfe FUD o(„Fear, Uncertainty, Doubt“) oder Missverständnisse. Jeder Tether sei, erklärt Stuart, zu 100 Prozent durch Reserven gedeckt. „Diese Reserven bestehen aus traditionellen Währungen, können aber auch andere Assets und Darlehen enthalten, welches Tether gegen dritte Parteien vergeben hat.“ Darunter fällt auch ein Darlehen an die Börse Bitfinex über 550 Millionen Dollar.

Dass Tether Dollar druckt und sie dann an die Tochterfirma verleiht, hat natürlich ein Geschmäckle. Doch die Rückzahlung läuft gut und ist dem Plan voraus. Im April 2019 sagte Stuart gegenüber der Staatsanwaltschaft von New York, dass Tether 2,1 Milliarden Dollar als Reserve halte, und dass davon 74 Prozent aus Dollar bestehen. Diese Aussage löste damals unter Tether-Kritikern Triumphrufe aus, da sie offenbar bewies, dass die Tether-Dollar eben nicht vollständig gedeckt sind. „Aber das ist falsch, und das ist nicht das, was ich sagte. Die Reserven bestanden zu 74 Prozent aus Cash, aber Tether ist zu 100 Prozent durch Reserven gedeckt.“ Heute sind aus den 2,2 Milliarden Dollar rund 22 Milliarden geworden, und die 500 Millionen Dollar des Darlehens machen nicht mehr 25 Prozent aus, sondern nur noch 2,5 Prozent.

Vor Gericht sagte Stuart auch, dass ein Teil der Reserven in Bitcoin sind. „Wenn nicht für etwas anderes, dann für die Transaktionsgebühren, die wir auf der Omni Layer in Bitcoin bezahlen. Daher sollte das niemanden überraschen.“ Auf Nachfrage von Peter weigert sich Stuart aber, genauere Aussagen zu machen, welcher Anteil der Reserven in Bitcoin ist. Er kündigt lediglich an, dass Tether plane, dies online transparent zu machen.

Peter erklärt, weshalb die Frage nach dem Anteil Bitcoins wichtig ist: „Schau, das ist eine der Sache, über die die Leute raunen. Hmm, sie können Tether herausgeben, und sie können mit den Tether Bitcoins zum richtigen Zeitpunkt kaufen, die dann wiederum Tether decken. Und deswegen sagen die Leute, dass ihr die Fähigkeit habt, den Markt zu manipulieren.“ Stuart bestreitet das. „Wir können nicht Bitcoins zum richtigen Zeitpunkt kaufen, da wir nicht voraussagen können, ob der Kurs hoch oder runter geht […] und nein, wir geben keine Tether heraus, um damit Bitcoins zu kaufen. Wir geben Tether an Kunden heraus, die Tether wollen.“ Peter begnügt sich mit dieser Aussage, auch wenn sie nicht ganz zufriedenstellend ist.

Auch bei der Frage nach dem Audit, das Tether zwar durch den eigenen Anwalt machen ließ, aber nie durch eine offizielle Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, bleibt Peter eher handzahm. Ein solches Audit würde alle Zweifel ausräumen, dass Tether ohne ausreichende Deckung Preismanipulation betreibt.

Aber am Ende dürfte es aber darauf hinauslaufen, dass nicht ein Audit über die Validität der Tether entscheidet – sondern die Märkte. Und die vertrauen den Dollar-Token von Tether mehr als allen anderen.

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12 Kommentare zu Das Tether-Komplott: FUD oder Fakt?

  1. Ich finde immer es ist wichtig alles selbst mal auszuprobieren. Ich war immer pro Tether (mit der Überzeugung, dass man so große Mengen halt für Arbitrage gebrauchen kann), aber nachdem ich mich selbst auf deren website verifiziert habe und gesehen habe, wie hoch die Gebühren und Limitierungen (Wechsel pro Zeiteinheit) sind, hoffe ich eher, dass die Konkurrenz wie USDC groß wird. Die Gebühren sind halt sehr hoch und die Summen die man wechseln kann sehr gering, für Arbitrage ist das völlig ungeeignet (allerdings hatte ich das zu einer Zeit gemacht, wo tether/bitfinex gerade Banken Probleme hatte, aber ich glaub nicht dass sich da was geändert hat).
    USDC hingegen ist absolut unkompliziert. Es gibt kein USD/USDC Orderbook und man kann USD ohne Gebühren, ohne Limit 1:1 direkt bei coinbase oder poloniex sofort umtauschen.

  2. Sehr interessanter Artikel! Ich zerbreche mir schon seit 2016 den Kopf über Tether und ich muss gestehen, ich traue denen nicht. Dennoch ist plausibel, dass die nicht zu 100% gedeckt sein müssen damit das Ding funktioniert. Und es stimmt sicherlich auch, dass alle großen Börsen ein Interesse daran haben das es funktioniert. Das größere Risiko könnte regulatorischer Natur sein.

    Eine interessante Frage, falls Tether doch mal crashen sollte, ist: Was würde dann eigentlich passieren? Viele glauben, Crypto würde insgesamt crashen. Das ist nicht plausibel, zumindest nicht sofort. Denn: Zuerst mal würde ja jeder der USDT auf irgendeiner Adresse oder Börse hält versuchen da rauszukommen. Auf vielen Börsen geht das nicht direkt in Fiat und es wäre dann auch schon nicht mehr sinnvoll, denn der USDT-Wert würde ja sehr schnell fallen. Was würden USDT-User also tun? Alles kaufen was irgendwo Qualität und Liquidität hat und vielleicht auch alles was weder das eine noch das andere hat. M.A.n. würde der gesamte Markt zuerst mal nach oben getrieben, selbst USDC und andere Stables könnten im Wert nach oben springen.

    Was nach dieser Phase passieren würde ist natürlich wieder eine andere Frage. Wohl dem der dann einen echten Ausgang hat. 😉

    • Gute Überlegungen über das was dann passieren könnte.
      Auch ich war skeptisch und bin es in Teilen noch. Klar das eine gewisse Deckung nach den Beschlagnahmungen gefehlt hat und der Ausgleich mit dem Darlehen sein Geschäkle hatte. Durch die positive Entwicklung sollte da aber zumindest das gröbste Ausgestanden sein.
      Bleibt das ungute Gefühl: sind die alle einfach ohne jede Deckung aus der Luft gegriffen ?

      Was ist das erfolgreichste System in der Kryptowelt?
      Klonen… BTC zu LTC, UNI zu SUSHI etc.
      Wenn das also so einfach wäre, warum gibt es keinen Tether Clone? Zumindest 1 oder 2 würden es zu einer nahmhaften Akzeptanz schaffen.
      Da ich die nicht sehe, gehe ich von keinem Mega SCAM aus, ein wenig mehr vertrauenswürdige Transparenz wäre aber sich hilfreich und beruhigend.

  3. Ich bin wahrlich kein btc-Kritiker, seit ewigen Zeiten treuer überzeugter Hodler, und Tether hat mich stets nur am Rande interessiert. Nun habe ich mir endlich einmal die Mühe gemacht, alles an Pro/Contra zu lesen, was Substanz im Fall Tether-Bitfinex verspricht. Und mir wird schwindlig: Es gibt so viele Ungereimtheiten, logische Unwahrscheinlichkeiten, Rätsel und offene Fragen bis hin zu peinlichen eigenen Vorurteilen (wie bitte, diese „Hempels“ sollen Tether Ltd und tw Bitfinex führen, diese sonnengebräunten merkwürdigen Hallodri-Heinis?), daß man – finde ich persönlich – hartgesotten sein muß, um wie Sie, Herr Bergmann, sagen zu können: „Aber mittlerweile schaue ich sehr gelassen auf den Stablecoin.“ Ich tue es nicht mehr und mache mir Sorgen.
    Eines der etlichen Argumente:
    „So you’re telling me this is all institutional actors sending dollars to an unaudited organization with no headquarters whose CEO and CFO are essentially MIA, so they can get USDT to trade for Bitcoin…when instead they could prime directly with Coinbase?“ Und dies in Milliardenhöhe? Das ist höchst unwahrscheinlich.
    Mich würde hier schließlich noch interessieren, was man zu erwarten hätte bzgl btc und der gesamten Kryptowelt, sollten sich die Gerüchte um Tether als wahr erweisen. Was würde passieren?
    Guten Abend.

  4. „55% of all USDT in circulation were minted within the last 90 days.“ – https://coingeek.com/what-is-tether-backed-by/

    Herr Bergmann so … „Naja … ich bin da mittlerweile sehr entspannt … Bitfinex macht Gewinne in Bitcoin …“

    Beeindruckend!

  5. Tether ist die Zündschnur, die irgendwann gezogen werden kann, um den BTC zu killen. Wann das sein wird … und wie hoch der BTC dann steht, das entscheiden die, die das Geldsystem kontrollieren.

  6. Weiss jemand warum die Firma Tether diesen Stablecoin emittieren darf, Facebooks Libra aber auf so viel Gegenwind stösst? Ist das nicht dasselbe?

    • Tether oder iFinex machen es einfach. — Tether ist unreguliert! Allein das Detail in Ihrer Frage das Sie Tether als „Stablecoin“ bezeichnen deutet daraufhin das sie, wie viele andere, deren Narrativ (1USDT = 1USD) schlucken. — Ganz ohne staatlich/gesetzlich gedeckte Zusicherung oder Buchprüfung durch Big4. Lesen oder deepln sie die Amy Castor Transkribtion mit den Tether Chefs. Oder deepln sie den folgenden Text: https://crypto-anonymous-2021.medium.com/the-bit-short-inside-cryptos-doomsday-machine-f8dcf78a64d3

    • Einerseits wird Facebook ohnehin mittlerweile sehr kritisch gesehen durch die ganzen Vorkommnisse (z.B. Wahlbeeinflussung durch targetspezifische Spots, Stichwort Cambridge Analytica, um nur das krasseste zu nennen) und durch das Quasi-Monopol in der „westlichen Welt“, was Kommunikation angeht.

      Andererseits wollte Facebook mit Libra einen „internationalen Stable Coin“ etablieren, der sich aus einem Korb an Währungen zusammensetzt. Das wäre nochmal eine ganz andere Nummer, da Libra dann bei steigender Marktkapitalisierung Einfluss auf Zentralbanken ausüben könnte. (Wenn xy, dann können wir die 50 Mrd. der Währung leider nicht mehr in unserem Basket belassen und müssen diese auf den Markt bringen.)

      Facebook will jetzt wohl hinterlegte Einzelwährungen als Stable Coins rausbringen, also quasi ähnlich wie Tether und das wird man vermutlich auch genehmigt bekommen, wenn die Kartellbehörden nicht doch einen Strich durch die Rechnung machen.

      Tether hat damit unterm Radar der Behörden angefangen und wurde dann immer größer und damit mehr und mehr zum Thema.

  7. Das Problem ist nicht die möglicherweise mangelhafte Deckung durch „echte“ Dollar sondern die vor Gericht zugestandene Deckung durch BTC:
    Pumpe Bitcoin und decke dann Tether mit eben diesem gepumpten.. rinse and repeat.

    Nur weil das ganze nicht auffliegt und immernoch funktioniert, heißt nicht, dass es „legit“ ist.
    Crypto neulinge von heute haben mitunter nicht mitbekommen, was 2017-18 los war und schon gar nicht den „Willy-Bot“ auf MtGox. Das spielt Tether in die Karten.

    Tether-Kritiker sind keine Bitcoin Kritiker. Ich bin großer Bitcoin Anhänger, vor allem wegen der Selbstverwaltung. Umso schlimmer ist es, wenn dieses großartige Projekt von Scammern in den den Dreck gezogen wird.

    Hast du das Interview von Lawmaster mit Hoegner und Ardoino gehört (Tether Council und CTO)? Entscheide selber wie vertrauenswürdig die Personen sind, die hinter der Firma Tether stecken.

    „Banken sind auch nicht unbedingt gedeckt und der Euro auch nicht“
    Bitcoin ist angetreten um dem Bankensystem etwas entgegen zu setzen, was einen echten intrinsischen Wert hat und nicht durch fractional reserve hochgehalten wird.
    Dass die Leute denken, sie müssten die Firma (!) Tether zujubeln und alle Kritiker als FUDder diffamieren nach dem Motto „It’s pumping muh bagz so it’s legit“ ist bedenklich, enttäuschend und letztlich Beleg für die Dummheit, gegen die Bitcoin angetreten ist.

    • *das interview ist nicht von „lawmaster“ geführt sondern von Peter McCormak auf seinem Blog whatbitcoindid

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