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Ross Ulbricht: „Das alles ist in meinem NFT gebündelt. Es ist meine Geschichte als Kunst.“

Bild von Dave Nakayama via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Bitcoiner müssen jetzt stark sein: Der ehemalige Silk-Road-Admin Ross Ulbricht veröffentlicht aus dem Gefängnis heraus eine NFT-Kollektion. Die Erlöse sollen Gefangenen und ihren Familien zugute kommen. Warum aber benutzt er dafür Ethereum anstatt Bitcoin?

Morgen geht es los. Am Dienstag, den zweiten Dezember, beginnt in Miami die Art Basel, ein Kunst-Festival, und auf diesem wird auch Blockchain eine Rolle spielen. Vielleicht sogar die Hauptrolle.

Genauer gesagt: NFTs. Non-Fungible-Token. Ein Künstler wird KI-generierte Porträts von Besuchern als NFT prägen, Kuratoren werden sich über NFTs unterhalten und mehr. Die Kunstwelt steht offensichtlich auf die Token, vielleicht, weil sie einen neuen Kunstmarkt versprechen, vielleicht, weil sie schlicht helfen, Geld einzufahren.

Aber darum soll es hier nicht gehen. Hier geht es um etwas, das viel mehr „Bitcoin“ ist: Um Ross Ulbricht aka Dread Pirate Roberts. Ross war Admin der Silk Road, des ersten modernen Darknet-Drogenbazaars. Mittlerweile sitzt Ross seit mehr als acht Jahren im Gefängnis. Das hindert ihn aber nicht daran, zum Start der Art Basel in Miami eine Sammlung seiner Kunstwerke als NFT zu versteigern.

Die „Ross Ulbricht Genesis Collection“ ist, erklärt die Webseite freeross.org, „eine einzigartige Sammlung von Texten und zehn Kunstwerken von Ross Ulbricht, von seiner frühen Kindheit über die Jugend zu seiner Zeit im Gefängnis.“

Die Kollektion wird auf der Art Basel angekündigt und über den Marktplatz SuperRare veröffentlicht. Sie besteht aus mehreren Gemälden, in der Regel mit Kohlestiften gezeichnet, aber vereinzelt auch mit Buntstiften oder Ölfarbe gemalt. Zum Teil sind diese Kunstwerke mit Texten verbunden, die Ross in seiner Zelle geschrieben hat.

Die Erlöse sollen wohltätig eingesetzt werden, um andere Gefangene und ihre Familien zu unterstützen.

„Es ist wie eine Todesstrafe. Es dauert nur länger“

Ross Ulbricht wurde von der US-Justiz zu einer doppelten lebenslänglichen Haftstrafe plus 40 Jahren verurteilt. Es besteht kein Zweifel, dass er vielfach Gesetze gebrochen hat. Dennoch wird er in der Geschichte von Bitcoin immer ein Held bleiben. Zumindest wird er unter Bitcoinern noch heute verehrt.

Der heute 38-Jährige wurde 2013 vom FBI überführt, die Silk Road entwickelt und geleitet zu haben. Das erste „Amazon des Schwarzmarktes“ erlaubte ab Anfang 2011 den Handel mit Drogen gegen Bitcoin. Die Silk Road verlieh Bitcoin erstmals eine einzigartige Kaufkraft. Sie und die nachfolgenden Marktplätze im Darknet waren essenziell für eine bestimmte Phase der Geschichte von Bitcoin.

Ross Ulbricht musste dafür einen hohen Preis bezahlen: „Meine Zukunft starb an dem Tag vor Gericht, als ich zu einer lebenslänglichen Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt wurde … Es gibt keine Bewährung im föderalen System, daher meint lebenslang das ganze Leben. Es ist wie eine Todesstrafe. Es dauert nur länger“, so Ross in einem bewegenden Text, der auch Teil eines NFTs ist. „Das Gefängnis ist wie ein Leben nach dem Tod. Mein Leben zuvor – mein Leben in Freiheit – fühlt sich wie ein ferner Traum an. Meine Erinnerungen aus der Zeit vor dem Gefängnis fühlen sich nicht an, als würden sie zu mir gehören.“

Man kann sich kaum vorstellen, was Ross erleidet. „Langsam dämmert mir, dass ich noch eine Weile im Bundesgefängnis bleiben werde. Mein neuntes Jahr ohne Bewährung hat begonnen. Dekaden der Einkerkerung liegen noch vor mir,“ schreibt er auf seinem Blog. „Wenn ich mich dieser Zukunft stelle – wie ich in diesem Käfig alt werde und sterbe – frage ich nach der Bedeutung und dem Sinn. Warum bin ich hier? Was kann ich Gutes tun mit der Zeit, die ich noch habe?“

„Meine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Ich bin immer noch am Leben.“

Aus dieser Frage heraus entstand die Idee, NFTs zu veröffentlichen. Ross kommt aus einer Künstlerfamilie und hat schon als Kind gezeichnet. „Ich zeichnete viele Jahre lang Figuren aus Comicheften. Als Teenager habe ich einen surrealen, psychedelischen Stil entwickelt, der die Grenzen meiner Kunst durchbrach.“ In seinen 20ern hörte er auf, zu zeichnen, weil ihm die Zeit fehlte. Als er dann mit 29 ins Gefängnis umgezogen wurde, verband er sich „wieder mit meiner künstlerischen Seite und produzierte Illustrationen, die die Geschichte erzählen, durch die ich gehe.“

Eine Illustration zeigt etwa den Prozess aus einer künstlerischen Perspektive. Eine andere seine Gefängniszelle, und eine nächste bringt sein Leiden an der Gefangenschaft abstrakt zum Ausdruck. Etwa zur Zeit des Corona-Lockdowns, in denen die Gefangenen 22 Stunden am Tag in ihren Zellen eingesperrt waren.

Mittlerweile hat Ross, trotz all der Hoffnungslosigkeit, der Schmerzen und Depression, eines begriffen: „Meine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Ich bin immer noch am Leben. Ich bin immer noch hier. Ich kann immer noch etwas bewegen.“

Mit dem NFT-Verkauf versucht er nun, den vielen Gefängnisinsassen der Vereinigten Staaten sowie ihren Familien zu helfen. „Es gibt eine Menge, was wir mit den Erlösen tun können, aber ich möchte vor allem den Kindern helfen, ihre Mütter und Väter im Gefängnis zu besuchen.“ Daneben soll den Gefangenen auf weiteren Wegen geholfen und ein Teil in Rechtshilfe für Ross investiert werden.

„Ein beschissenes Blockchain-Geldgrab“

Für Bitcoiner ist die Nachricht von Ross Ulbrichts NFTs nicht ganz einfach zu verdauen. Sie müssen jetzt stark sein.

Auf der einen Seite ist Ross ein Held. Bitcoiner lieben digitale Privatsphäre, sie setzen sich für die Freiheit des Handels ein, und sie wissen und schätzen, welchen großen Beitrag die Silk Road in der Geschichte von Bitcoin leistete. Die Szene hat Ross nie vergessen, und während sie anderen frühen Bitcoinern – zum Beispiel Mark Karpeless – ihr Scheitern niemals verziehen hat, genießt Ross geradezu einen Heiligenstatus.

Auf der anderen Seite – ein NFT? Ernsthaft? Und dann auch noch auf SuperRare? Also vermutlich auf Ethereum? Wie kann er nur? Wie kann er der Szene so in den Rücken fallen? Er, einer der letzten Helden, die nicht stinkreich wurden und fielen, sondern den Preis ewiger Gefangenschaft zahlten und dennoch stehenblieben?

Für manche bricht eine ganze Welt zusammen. Auf Twitter erntet Ross daher gemischte Reaktionen:

„Ich wünsche Ross viel Erfolg, aber ich wünschte, es würde auf Bitcoin geschehen und nicht auf einem Shitcoin,“ antwortet einer. Viele Bitcoiner würden Ross gerne unterstützen, „aber viele sind nicht bereit, bei etwas mitzumachen, das wie ein beschissenes Blockchain-Geldgrab aussieht.“

„Ich liebe Ross und ich hoffe, er bekommt viel Geld, für welche Charity auch immer,“ tweetet ein anderer. Doch „der Fakt, dass das verrückte und unmoralische NFT-Ponzi nun so normal wurde, ist extrem besorgniserregend.“

Die Situation ist nicht ganz einfach. Was ist wichtiger? Jemanden zu unterstützen, der für ein Verbrechen verurteilt wurde, das zwar das Gesetz verletzt, aber das man selbst für moralisch in Ordnung hält, wenn nicht für heldenwürdig – oder eine Sache nicht zu unterstützen, die zwar gesetzlich legal ist, aber die man für unmoralischen Betrug hält?

Bitcoin-Maximalisten haben es nicht leicht. Aber es gäbe eine Brücke: Was, wenn Ross die NFTs nicht auf Shitcoins rausgibt – sondern auf Basis von Bitcoin?

Das führt uns zu einer anderen Frage: Geht das? Gibt es einen NFT-Markt auf Bitcoin-Basis?

Mit Liquid und Lightning

Unisono schlagen Bitcoiner vor, dass Ross seine NFTs auf Raretoshi oder Scarce City veröffentlicht. Das scheinen die beiden wichtigsten Plattformen für NFT-Kunst auf Bitcoin zu sein.

Raretoshi läuft auf Blockstreams Liquid-Sidechain. Die NFT-Dateien – Texte, Videos, Bilder, Musik – werden im Interplanetary File System (IPFS) gespeichert und durch einen Hash auf der Liquid-Sidechain referenziert.

Scarce City hingegen nutzt das Lightning-Netzwerk, um offchain Gebote für die NFTs abzugeben. Die Token selbst werden aber nicht auf Bitcoin gespeichert – auch nicht irgendwie im Lightning-Netzwerk – sondern auf der Arweave-Blockchain. Dort werden auch Belege der Bitcoin-Transaktion abgelegt, mit der das NFT gekauft wurde.

Im Vergleich zu NFTs auf Ethereum haben beide Plattformen einen enormen Vorteil: Die Transaktionsgebühren sind um ein Vielfaches geringer. Wenn man ein Angebot auf OpenSea annimmt, darf man froh sein, wenn die Gebühren im zweistelligen Dollar-Bereich liegen. Auf Liquid und Lightning werden sie womöglich ebenfalls zweistellig sein – aber in Cents.

Zugleich enthüllen die NFT-Marktplätze allerdings ein Kernproblem, an dem Bitcoin derzeit leidet.

Langweilige Kunst, langweilige Technologie

Eine der grandiosen Errungenschaften von NFTs auf Ethereum war, dass sie die Szene aufbrachen. Plötzlich veröffentlichten Auktionshäuser, Kunstkuratoren, Musiker, Künstler, Filmemacher, Produzenten, Modedesigner, Magazine, Fußballvereine und so weiter Token, und plötzlich wurden Stars wie Snoop Dogg zum Krypto-Investor.

NFTs haben zur Popularisierung von „Krypto“ mehr beigetragen als irgendeine Entwicklung zuvor, abgesehen vielleicht von Ross Ulbrichts Silk Road.

Die Bitcoin-NFT-Plattformen drehen diese Entwicklung wieder zurück. Die dort gehandelte Kunst ist nicht schlecht, aber thematisch ziemlich einseitig: Es geht um Bitcoin. Ein Bitcoin-Logo, ein Bild von der OpenDime-Wallet, ein „Wal am Bitcoin-Strand“. Ein Poster „Keep Stacking“, ein Gemälde eines Cypherpunks, das Achterbahn-Meme zum Allzeithoch und so weiter. Gähn.

Man sieht den Plattformen auf den ersten Klick an, dass sie nur einen Zweck erfüllen: Sie sollen es Bitcoinern ermöglichen, auch mit NFTs zu spielen, ohne ihr Gesicht zu verlieren.

Bitcoin führt hier nicht die Innovation – sondern rennt ihr hinterher. Wir hatten das schon mit Token und ICOs, die solange Tabu waren, bis sie auf der Liquid-Sidechain erschienen – und dort floppten. Bitcoin kam Jahre zu spät.

Ähnlich sieht es bei NFTs aus. Technisch sind die Bitcoin-NFTs langweilig, viel langweiliger, als NFTs auf Ethereum, der Binance Smart Chain oder Solana. Denn weder auf Liquid noch auf der Arweave-Blockchain ist es möglich, die Transaktionen, durch die NFTs erworben werden, über einen Smart Contract mit dem NFT selbst zu verbinden.

Damit verpassen Bitcoiner gerade den besten Teil der Blockchain-NFTs. Auf Ethereum laufen Auktionen, Transaktionen und Transfers onchain, durch einen Smart Contract verbunden, ohne einen Mittelsmann, dem man vertrauen muss.

Und während Bitcoin-NFTs weiterhin auf die alte Weise gehandelt werden, über zentrale Mittelsmänner, spuckt die Smart-Contract-NFT-Szene fortlaufend neue Innovationen aus. Eine davon benutzt auch Ross Ulbrichts Kollektion:

„Alle zehn von Ross‘ orginalen Kunstwerken und Texten, wie auch die originale Animation“, erklärt die Webseite Freeross.org, „werden in ein einzelnes NFT kompiliert, wofür Kanons KSPEC-Protokoll genutzt wird … KSPEC erlaubt es, dass die NFT-Kollektion von Ross Ulbricht in voller Qualität ausgeliefert wird und dass der Sieger der Auktion Onchain-Möglichkeiten erhält, die vorher undenkbar waren.“

Was KSPEC genau ermöglicht, ist mir nicht vollkommen klar, und auch die dazugehörende Pressemitteilung hilft nicht so sehr weiter. Klar ist jedoch, dass man nicht viel Phantasie braucht, um sich vorzustellen, dass das Potenzial von „programmierbarer Kunst“ noch nicht ausgeschöpft ist.

Und klar ist ebenfalls, dass Ross Ulbricht, der Erfinder der Silk Road, auch aus dem Gefängnis heraus noch in der Lage ist, innovativ zu sein. Nur eben diesmal nicht mehr mit Bitcoin.

Über Christoph Bergmann (2168 Artikel)
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2 Kommentare zu Ross Ulbricht: „Das alles ist in meinem NFT gebündelt. Es ist meine Geschichte als Kunst.“

  1. danke für diesen Artikel. Es ist eine grandiose Kunst- und auch Öffentlichkeitsaktion, die einem humanitären Zweck dient, Debattenraum schafft und hilft, das Narrativ nicht kampflos Regierungs-, Bänker-, WEF-Clowns und weiteren Soziopathen zu überlassen. Aus der technischen Umsetzungsfrage jedoch eine erbitterte Glaubensfrage zu machen, ist vollkommen an der Sache vorbei, hilft nur den letztgenannten und ist ausschließlich Erkennungsmerkmal von Anti-Bitcoinern, nicht sog. Bitcoin-Maximalisten – wie auch immer sich solch kritische Eiferer selber gern präsentieren mögen.

    Ich persönlich ziehe meinen Hut vor Ross und seinem Schicksal, wünsche ihm viel Erfolg sowie vor allem Freiheit (Bänker und Politiker z.B. erteilen sich gegenseitig laufend für ganz andere Delikte Amnestie) und werde deswegen auch selber mitsteigern.

  2. „Das Gefängnis ist wie ein Leben nach dem Tod. Mein Leben zuvor – mein Leben in Freiheit – fühlt sich wie ein ferner Traum an. Meine Erinnerungen aus der Zeit vor dem Gefängnis fühlen sich nicht an, als würden sie zu mir gehören.“ Beide Annahmen stimmen absolut. 1. Du befindest dich in einem Traum. 2. Alles was du in diesem Traum erlebst, gehört nicht zu dir. Du träumst den Quatsch nur. Ich meine das wirklich ernst. Gib es noch einen Leser der diese Erkenntnis teilt ?

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