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Rio de Janeiro möchte Teile des Stadtvermögens in Kryptowährungen wechseln

Blick auf Rio de Janeiros Bucht. Bild von Christian Haugen via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Die zweitgrößte Stadt Brasiliens, Rio de Janeiro, plant, einen Teil der Stadteinnahmen in Kryptowährungen zu wechseln. Bürgermeister Eduardo Paes möchte seine Stadt damit zum Magnet für Kryptowährungen und Blockchain-Startups machen. Wird Rio de Janeiro das zweite Miami – oder kann man schon vom zweiten El Salvador reden?

Nur wenige Tage hat es gedauert, bis eine der optimistischen Prognosen für dieses Jahr in Erfüllung ging: Weitere öffentliche Institutionen folgen den Beispielen von El Salvador und Miami. Die öffentliche Hand wird mehr und mehr zum Bitcoin-Hodler.

Letzte Woche gab Rio de Janeiros Bürgermeister Eduardo Paes anlässlich der Rio Innovation Week bekannt, dass seine Stadt vorhat, ein Prozent des städtischen Vermögens in Kryptowährungen zu investieren. Dies meint vermutlich Bitcoin, vielleicht aber auch andere Coins.

Dieser Investmentplan ist Teil von „Crypto Rio“ – einer Initiative, mit der Paes Rio de Janeiro zum lateinamerikanischen Krypto-Zentrum machen will. Im Rahmen dieser Initiative soll es auch möglich werden, die Steuern an die Stadt in Bitcoin zu bezahlen und dafür einen Rabatt von 10 Prozent zu erhalten. Die beiden Finanzbeauftragten der Stadt, Pedro Paulo und Chicão Bulhões erklärten, dass man derzeit den rechtlichen Rahmen dafür prüfe.

Inspiriert wird Paes dabei von seinem US-amerikanischen Kollegen Francis Suarez, dem Bitcoin-begeisterten Bürgermeister von Floridas Metropole Miami. Suarez diskutierte mit Paes per Videoschalte darüber, wie man eine Metropole in ein Technologiezentrum umwandelt. In Miami hat Suarez durch geschickte Steueranreize und tatsächliche oder symbolische Bitcoin-freundliche Maßnahmen dafür gesorgt, dass mehrere Unternehmen aus dem Silicon Valley nach Miami gezogen sind. „Wir haben einen Tsunami der Möglichkeiten geschaffen,“ sagte Suarez, „Wir haben verstanden, dass wir an der Spitze der Innovation stehen können, und wir haben Entwickler hierher eingeladen.“

Für Bitcoin und Kryptowährungen ist diese Nachricht natürlich groß. Rio de Janeiro ist nicht irgendein Städtchen, sondern die zweitgrößte Stadt Brasiliens. In der Stadt leben rund 6,7 Millionen Menschen, im gesamten Gebiet 11,6 Millionen. Das Bruttosozialprodukt (BSP) liegt, je nach Quelle und Methode, zwischen 60 und 90 Milliarden Dollar, und für die ganze Region mindestens 200 Milliarden Dollar. Unter den wirtschaftsstärksten Metropolregionen belegte Rio im Jahr 2014 den 53. Platz weltweit.

Zum Vergleich: Im „Bitcoin-LandEl Salvador leben 6,5 Millionen Menschen, die ein BSP von 27 Milliarden Dollar (nominal) oder 59 Milliarden Dollar (bereinigt) erwirtschaften. Damit wäre die mögliche „Krypto-Metropole“ Rio de Janeiro größer als das „Krypto-Land“ El Salvador.

Nicht klar ist jedoch, wie hoch die Überschüsse sind, die Rio de Janeiro für seine Schatzkammer erwirtschaftet. Hierfür habe ich im nicht-portugiesischen Internet keine sinnvollen Angaben gefunden. Es scheint, als habe das Corona-Virus die Finanzen der Stadt schwer erschüttert, etwa durch den fast vollständigen Einbruch des für Rio so wichtigen Tourismus. Schon jetzt geht man davon aus, dass die Stadt auch im Jahr 2022 mehr als 7,5 Millionen Dollar Einbußen hinnehmen muss. Dazu geht eine Pleitewelle durch den Einzelhandel, von dem fast 70 Prozent in die Insolvenz geschlittert sind.

Ende 2019 stand die Stadt wohl kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Die Stadtverwaltung musste die Zahlungen an Mitarbeiter der Stadtverwaltung und des Gesundheitswesens einstellen. Ein Darlehen der Regierung Brasiliens half Rio aus der Klemme, Erträge aus der Privatisierung von Teilen der öffentlichen Infrastruktur, etwa der Wasserversorgung, verbesserten die finanzielle Situation weiter. Dennoch scheint Rio verzweifelt auf der Suche nach Einnahmen zu sein. So erließ die Stadt im vergangenen Jahr eine Verordnung, welche die Verzugszinsen für fällige Schuldzahlungen, etwa aus Steuerpflichten, deutlich reduziert.

Ob Eduardo Paes so wie Francis Suarez tatsächlich mit Leidenschaft hinter Bitcoin steht und eine Vision von Rio als Tech-Metropole hat, kann allerdings bezweifelt werden. Der Bürgermeister ist nun in seiner dritten, von mehreren Pausen unterbrochenen Amtszeit. Wie der Blocktrainer berichtet, erzählt die brasilianische Krypto-Youtuberin Carol Souza von UseCripto, dass Paes dafür bekannt sei, sehr korrupt zu sein und sich mit dem Vorstoß auf die 2022 stattfindenden Kommunalwahlen vorbereiten will. Sie möchte erst einmal abwarten, ob der Ansage Taten folgen oder es beim Marketing bleibt.

Über Christoph Bergmann (2350 Artikel)
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