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Die Neuerfindung der Staatsanleihe: Bitcoin-Bonds von El Salvador verspäten sich

Der Izalco, ein Vulkan in El Salvador. Bild von Angela Rucker via wikipedia, Lizenz: Öffentliche Domäne

Mit den Volcano- oder Bitcoin-Bond möchte El Salvador eine Milliarde Dollar einholen und die Staatsanleihe neu erfinden. Die Anleihen sollten bereits vergangene Woche auf den Markt gehen, verspäten sich jedoch. Dafür kommen neue Details zu den Bonds an Licht.

Die „Volcano Bonds“ von El Salvador, auch bekannt als Bitcoin-Bonds oder Bitcoin-Anleihen, sollten eigentlich zwischen dem 15. und 20. März veröffentlicht werden. Nun verschiebt sich der Termin aber.

Finanzminister Alejandro Zelaya erklärte in einem Fernsehinterview, dass die „Werkzeuge“ schon „beinah fertig“ seien, aber „der internationale Kontext“ noch eine Rolle spiele. Vermutlich meint er damit den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Allerdings berichtet eine Zeitung des Landes auch von möglichen anderen Gründen für die Verzögerung: So seien zum 15. März die Gesetze, welche notwendig seien, um den Bond herauszugeben, noch nicht an den Kongress gesendet worden. Eventuell hat die Regierung die juristischen Hürden, über die die Bitcoin-Bonds springen müssen, unterschätzt, und schiebt dies nun auf den Krieg in der Ukraine.

Eine interessante Mischkonstruktion

Bei den Bitcoin- oder Vulkan-Anleihen handelt sich um einen Ersatz für Staatsanleihen. Die als Token auf einer Blockchain umgesetzten Anleihen sollen eine Rendite von 6,5 Prozent erwirtschaften und eine „Bitcoin-Dividende“ von 50 Prozent der Bitcoin-Kursgewinne nach fünf Jahren ausschütten. Sie sind damit eine interessante Zwischen-Konstruktion zwischen festverzinster Fiat-Anleihe und Bitcoin-Investment.

Mit den Bonds möchte El Salvador eine Milliarde Dollar einsammeln. Dieses Geld soll einerseits direkt in ein Bitcoin-Investment fließen und andererseits dazu beitragen, die von Präsident Nayib Bukele geplante „Bitcoin-City“ zu bilden sowie die zu ihr gehörenden vulkanischen Energiequellen zu erschließen und mit Bitcoin-Minern zu versehen.

Finanzminister Alejandro Zelaya sagte in einem Call mit Tradern und Investoren, dass man bereits die Nachfrage für 1,5 Milliarden Dollar habe. Inwieweit das glaubwürdig ist, kann ich freilich nicht sagen. Allerdings ist es gut vorstellbar. Einerseits, weil die Konstruktion der Anleihe einzigartig ist, und andererseits, weil viele sehr gut betuchte Bitcoiner unbedingt wollen, dass El Salvadors Bitcoin-Ambitionen zu einem rauschenden Erfolg werden.

Zugleich treten allerdings weitere Details über die vulkanischen Anleihen ans Tageslicht, die auch Skepsis erwecken dürften.

Nicht vom Staate herausgegeben, sondern von einem Unternehmen

Die Financial Times hat offenbar herausgefunden, dass die Bonds nicht vom Staat selbst herausgegeben werden, wie es sich für eine Staatsanleihe gehört, sondern durch das staatliche Energieunternehmen La Geo.

LaGeo produziert 22 Prozent des Stromes von El Salvador und hat einen Jahresumsatz von 135,9 Millionen Dollar mit einem Gewinn von gut 36 Millionen Dollar. Das Vermögen in liquiden und illiquiden Mitteln des Unternehmens beträgt knapp 800 Millionen Dollar. Im Grunde übersteigt die Schuld von einer Milliarde Dollar die Kapazitäten des Unternehmens bei weitem.

Ein Ökonom des Landes mutmaßt, dass die Regierung sich für diese Konstruktion entschieden habe, um die fiskalische Bilanz sauber zu halten – um also Geld einzuholen, ohne das Verhältnis von Schuldenstand und Bruttoinlandsprodukt zu verschlechtern. Ein weiterer Vorteil sei, dass die Regierung nicht für den Schuldendienst verantwortlich ist und niedrigere Anforderungen an die Transparenz gelten.

US-Amerikaner sind zudem gesetzlich offenbar nicht in der Lage, die Bonds zu kaufen, da sie auf der Börse Bitfinex gehandelt werden, welche US-Amerikaner blockieren muss. Allerdings ist fraglich, ob die Blockade nicht längst gewohnheitsmäßig unterwandert wird.

Technisch nutzen die Bonds die Liquid-Sidechain des US-Unternehmens Blockstream. Dieses erhofft sich, durch die Bonds endlich den ersehnten Durchbruch für die Sidechain zu erreichen.

14 Prozent der Händler haben schon Bitcoins empfangen

Als erstes Land der Welt, das Bitcoin zum gesetzlichen Zahlungsmittel ernannt hat, genießt El Salvador derzeit eine globale Aufmerksamkeit, die weit über die Bitcoin-Szene hinausreicht. Während Bitcoiner das Land wie ein Mekka bereisen, beäugen internationale Organisationen, vom Weltwährungsfond zur Weltbank, das Projekt eher mißgünstig und stufen Rating-Agentur dessen Kreditwürdigkeit herab.

Wirtschaftlich jedoch scheint El Salvador durch ein starkes Wirtschaftswachstum – insbesondere im Tourismus – in seiner Politik bestätigt zu weden. Die Verbreitung von Bitcoin im Einzelhandel war und ist allerdings eher bescheiden – zur Enttäuschung mancher reisender Bitcoiner – nimmt aber offenbar langsam Fahrt auf. Ein Bericht der Handelskammer zeigt nun, dass immerhin knapp 14 Prozent der kleinen und mittelgroßen Unternehmen schon einmal eine Ware oder Dienstleistung gegen Bitcoin verkauft haben.

Das ist weiterhin wenig, vor allem gemessen am Anspruch, den ein gesetzliches Zahlungsmittel haben sollte. Aber es ist ein Schritt vorwärts.


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