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Ach, Europa! Circle kündigt Euro-Stablecoin an.

Circle, die Herausgeberin des populären Stablecoins USDC, wird am 30. Juni einen Euro-Stablecoin herausgeben. Ungewöhnlich interessant an dieser Meldung sind Ort und Zeitpunkt.

Stablecoin ja, Stablecoin nein, Stablecoin vielleicht. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die europäischen Bankenverbände denken schon seit Jahren über einen digitalen Euro nach, schaffen es aber nicht, eine Entscheidung zu treffen. Wer soll ihn herausgeben? Wie privat soll er sein? Wie kontrolliert man ihn? Sollen User ihn wie Bitcoin selbst speichern können, oder sollen das doch die Banken machen? Bevor solche Fragen nicht geklärt sind, bleibt der digitale Euro in einem Stadium, das noch nicht mal ein Gedankenspiel ist.

Glücklicherweise gibt es ein Unternehmen aus Boston, USA, das weniger Bedenken mit sich herumträgt, aber dafür umso mehr Erfahrung in der Herausgabe von Stablecoins mitbringt: Circle, die Herausgeberin der mittlerweile gut 55 Milliarden Dollar schweren USDC. USDC präsentiert sich als seriöse Alternative zu den umstrittenen Tether-Dollar (USDT) und wurde im gesamten DeFi-Raum das vermutlich am meisten gehandelte und gehebelte Asset.

Circle kündigt nun an, am 30. Juni einen vollständig gedeckten Euro-Stablecoin herauszugeben, den „Euro Coin“. Dieser soll „zu 100 Prozent durch Euro gedeckt sein, die in einem in Euro denominierten Bankkonto liegen, so dass er immer 1:1 gegen Euro einlösbar ist.“ Der Euro Coin wird 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche mit der Geschwindigkeit des Internets bewegbar sein. Zusammen mit USDC eröffnet er, so Circle, neue Möglichkeit für Banking mit mehreren Währungen und dem Währungswechsel in Echtzeit. Der Euro Coin „wird für jeden verfügbar sein, der eine Internet-Verbindung hat und den Zugang zum Euro über Grenzen und Zeitzonen hinaus erweitern.“ Als ERC-Token auf Ethereum wird er in vollem Umfang kompatibel mit jeder DeFi-App sein.

Zum Start am 30. Juni sind bereits mehrere Unternehmen mit im Boot:  Die Börsen Binance.US (Kalifornien), Bitstamp (London), FTX (Bahamas) und Huobi Global (Seychellen); die DeFi-Projekte Compound (Kalifornien), Curve (Schweiz), DFX (Kanada) und Uniswap (New York); die Treuhänder Anchorage Digital (Kalifornien), CYBAVO (Singapur) und Fireblocks (New York), sowie die Wallets Ledger (Paris) und MetaMask (Kalifornien).

Der Bankenpartner von Cicle ist die Silvergate Bank, eine US-amerikanische Bank mit Sitz in Kalifornien, die vor allem für Kryptounternehmen Zahlungen abwickelt und neben Dollar auch unter anderem Euro-Transfers anbietet. Auf Circle Konto bei Silvergate werden die Euro „zum Anfang“ gehalten.

An der Meldung sind vor allem zwei Aspekte interessant: Raum und Zeit.

Der Raum ist deswegen skandalös, weil er zeigt, wie unselbständig die Eurozone ist. Die Herausgeberin des Euro Coins sitzt in den USA. Die Bank, auf der die Euro gehalten werden, ist ebenfalls in den USA. Von 13 Unternehmen, die den Coin von Anfang an unterstützen, hat ein einziges den Sitz in der Europäischen Union. Eines!

US-Unternehmen wie Mastercard, Visa und PayPal beherrschen bereits das Zahlungswesen in der Eurozone. Sie lassen dabei die Banken weit hinter sich, benutzen sie aber, immerhin, noch als Einstieg und Verankerung.  Mit dem Euro Coin geben nun amerikanische auch noch digitale Euro heraus. Damit werden die europäischen Banken vollständig überflüssig. Die strenge Regulierung, die die Stellung der Banken als monetäre Intermediäre vor zuviel Innovation schützen sollte, erweist sich als Boomerang, der nun eben jene Banken trifft.

Um keine Irrtümer aufkommen zu lassen: Dies hat nichts mit einer Art finanziellem Imperialismus der USA zu tun. Die europäische Selbstentmachtung ist zu 100 Prozent selbst verschuldet. Europa hat es konsequent versäumt, Krypto und Stablecoins als Chance zu betrachten. Als Facebook mit Dien (früher: Libra) einen globalen Stablecoin starten wollte, ist die EU erschrocken aufgewacht, und hat Facebook jeden Stein, der in Brüssel und Straßbourg herumlag, in den Weg geworfen – und damit gleich privat herausgegebene Stablecoins weitgehend verunmöglicht.

Die EZB denkt hier und da über einen digitalen Euro nach, ist aber weiterhin noch meilenweit davon entfernt, sich auch nur konzeptionell für irgendetwas zu entscheiden. Die deutschen Bankenverbände plädieren zwar vage für einen digitalen Euro, verwenden aber viel mehr Mühe und Liebe dafür, allen Involvierten Parteien säckeweise Bedenken aufzuladen. Und wenn sich mal eine Bank traut, etwas wie einen Stablecoin zu schaffen, wird daraus ein seltsam geschlossenes Token auf einer Nischenchain wie Stellar, das von vorneherein nie die Chance hatte, mit echten Stablecoins auch nur im selben Satz genannt zu werden.

Kurzum: US-Unternehmen bringen das nach Europa, was die EU sowie die Banken der Eurozone schon längst haben sollten, wenn sie es nicht mutwillig versäumt hätten. Das ist schade, weil sich die Eurozone hier noch stärker abhängig macht, als sie es eh schon ist. Aber es ist besser, als keinen Euro-Stablecoin zu machen.

Sehr interessant ist auch der Zeitpunkt. In den FAQ beantwortet Circle die Frage „Wie beeinflussen negative Zinsen der Eurozone den Euro Coin“ zwar mit der schwammig-vagen Aussage, das Unternehmen schätze die Zinsrisiken der Reserven des Euro Coins ebenso ein wie beim USDC. Doch mit Sicherheit beoachtet Circle mit Argusaugen, was die Zentralbanken machen, und spekuliert darauf, dass mit der nun offiziell angekündigten Zinswende ab Juli auch die Zinsen für Euro auf einem Bankkonto steigen werden.

Zwar wird der Leitzins nur um 0,25 Prozent angehoben und es fallen weiterhin negative Zinsen für Einlagen bei der Zentralbank an. Doch die Zinswende geschieht bereits. Etwa bei Staatsanleihen, die selbst in Deutschland wieder mehr als ein Prozent Zins abwerfen, oder bei langfristigen Immobilienkrediten, die wieder auf mehr als zwei Prozent gesprungen sind. Geld, das in Sicherheit herumliegt, wirft wieder Erträge ab. Das mag für Bitcoin und andere Kryptowährungen eine durchwachsen erfreuliche Nachricht sein. Für Stablecoins und deren Herausgeberinnen ist sie dagegen klasse. Sie lagern Geld auf einer Bank, geben ein ERC-Token heraus und kassieren Zinsen. Ab einer gewissen Marktkapitalisierung wird ein Stablecoin so zum Goldesel.

Dies führt zu einer faszinierenden Vorstellung: Stablecoins könnten automatisch verzinst sein. Die Herausgeber könnten einen Teil der Zinserträge an die User weitergeben. Denn am Ende ist ein Stablecoin nicht viel mehr als Token, das eine Bankeinlage – oder eine Einlage in einem Sparbuch, ein Tagesgeldkonto, ja, ein Investment in eine Staatsanleihe, kurz: ein Korb risikominimierter Anlagen – abbildet. Stablecoins sind das Sparkonto, und es spricht nicht viel dagegen, dass man dieses Sparkonto als Token wie ein Zahlungsmittel verwendet.

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4 Kommentare zu Ach, Europa! Circle kündigt Euro-Stablecoin an.

  1. Rainer Heller // 21. Juni 2022 um 13:34 // Antworten

    Daumen hoch für Christoph Bergmann wegen dem brillanten Artikel!
    Daumen hoch für Circle wegen dem Stablecoin.
    Daumen runter für die EZB und die Eurozone wegen ihrer Lethargie.

  2. Die Innovation hält sich in sehr engen Grenzen.
    Ein Stablecoin, der 1:1 mit Fiat-Geld unterlegt ist, ist im Grunde ein Geldmarktfond mit einem Krypto-anglitz.
    Was FB mit Libra vorhatte, war eine ganz andere Hausnummer.

    • Falsch, einen Geldmarktfonds kann man nicht 24/7 in Echtzeit und zu geringen Gebühren um die Welt senden oder ebenso zeitlich flexibel gegen Bitcoin und andere Coins tauschen.

      Es gab übrigens bereits vor Jahren mit TrueEUR einen Euro-Stable-Coin, der aber mit den Minuszinsen im Euroraum eingestellt wurde. Die Minuszinsen entfallen nun, daher vermutlich nun der neue Stablecoin von Circle.

  3. Nachdem der Euro Stablecoin auf der Ethereum-Blockchain herausgegeben wird sehe ich da momentan aber noch einiges an Transaktionskosten

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