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Ist Bitcoin in El Salvador gescheitert? Eine klare Mehrheit der Einwohner sagt ja.

Der Izalco, ein Vulkan in El Salvador. Bild von Angela Rucker via wikipedia, Lizenz: Öffentliche Domäne

Eine Umfrage der Universität von Zentralamerika unter Einwohnern El Salvadors stellt der Bitcoin-Politik von Präsident Nayib Bukele ein schlechtes Zeugnis aus.

Rund 14 Monate ist es her, dass das kleine zentralamerikanische Land El Salvador Bitcoin neben dem Dollar zum zweiten gesetzlichen Zahlungsmittel ernannt hat.

Die Regierung des Bitcoin-begeisterten Präsidenten Nayib Bukele hat dabei keine Mühen gescheut, die Bevölkerung für die ungewöhnliche Währung zu begeistern. Sie hat eine eigene Wallet herausgegeben, allen, die sie benutzen, Geld geschenkt, einen Fonds eingerichtet, um Händlern den Umtausch von Bitcoin in Dollar zu ermöglichen, und Workshops gegeben, um die Bevölkerung aufzuklären.

Doch wie es aussieht, stieß die Mühe nur auf wenig Gegenliebe. Zumindest legt das eine Umfrage nahe, die die Universität von Zentralamerika aus El Salvadors Hauptstadt San Salvador vor kurzem durchgeführt hat.

75,6 Prozent der Befragten sagen, sie hätten noch niemals Kryptowährungen benutzt. Mit 77 Prozent gaben noch mehr an, die Einführung von Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel sei „gescheitert.“ Diese Maßnahme sei, kommentiert Andreu Oliva, Rektor der Universität, „der unbeliebteste Akt der Regierung, der, der am meisten kritisiert und verpönt wird.“

Noch nicht einmal im Remittance hat sich Bitcoin durchgesetzt. Weniger als zwei Prozent der Zahlungen, mit denen Gastarbeiter im Ausland Geld ins Land überweisen, finden in Bitcoin statt, so die Daten von der Zentralbank des Landes.

Als Zahlungsmittel wird Bitcoin also nicht benutzt. Auch als Wertspeicher wirkt Bitcoin wenig überzeugend. Präsident Bukele hat für seine Regierung immer wieder „den Dip gekauft„, ohne dabei bisher auf einen Boden gestoßen zu sein. So ist das Land mit den 2.381 Bitcoins, die es angehäuft hatte, erheblich im Minus. 77 Prozent der Befragten finden demnach, dass der Präsident aufhören sollte, Bitcoins mit öffentlichen Geldern zu kaufen.

An Bukele selbst und seinem strengen Vorgehen gegen die Bandenkriminalität halten die Einwohner des Landes aber unbeirrt fest. 86 Prozent der Befragten würden ihn wieder wählen, was Bukele zum beliebtesten Staatsführer Lateinamerikas machen.

Gleichwohl könnten dem Land schwierige Zeiten bevorstehen. Nachdem so gut wie alle internationalen Finanzinstitutionen – etwa Weltbank, Vereinte Nationen und Internationaler Währungsfonds (IWF) – das Land vor Bitcoin gewarnt haben, steht es nun vor Problemen, um Kredite zu refinanzieren. El Salvador verhandelt derzeit mit dem IWF über ein Darlehen von 1,3 Milliarden Dollar. Doch der IWF meint, dass Bukeles Bitcoin-Gesetz den erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen erschwere. Ohne eine Reform dieses Gesetzes sehe der IWF wenig Spielraum für ein Fortschreiten.

Wegen dieser Schwierigkeiten, die Schulden zu refinanzieren, wird in El Salvador trotz eines robusten Wirtschaftswachstums der Staatsbankrott denkbar. Die Staatsanleihen haben im Lauf der vergangenen 12 Monate erheblich an Wert eingegeben, und die Ratingagenturen haben die Kreditwürdigkeit des Landes erneut herabgestuft.

Über diesen eher durchwachsenen Befund täuscht auch nicht hinweg, wenn Politiker El Salvadors zu Recht betonen, dass das Bitcoin-Gesetz das Land bekannt gemacht und Tourismus, Wirtschaftswachstum und Investitionen aus dem Ausland angetrieben habe. El Salvador braucht liquide Mittel, und in der aktuellen Situation scheint Bitcoin dabei eher ein Hindernis zu sein.

Auch der Versuch, neue Wege zu beschreiten, um Geld einzuholen, stockt. Zusammen mit Blockstream und Bitfinex wollte El Salvador eigentlich eine sogenannte „Bitcoin-Anleihe“ herausgeben, die als Token auf der Liquid-Sidechain von Blockstream leben und von Bitfinex verkauft werden sollte. Doch das eigentlich für das Frühjahr 2022 angekündigte Projekt wurde in die Zukunft verschoben, bisher ohne konkretes Datum.

Um den Erfolg des Bitcoin-Gesetzes tatsächlich beurteilen zu können, ist es noch viel zu früh. El Salvador hat in dem einen Jahr viel erreicht: Das Land hat eine Wallet produziert, hat es geschafft, dass rund 25 Prozent der Bevölkerung Bitcoin zumindest einmal verwendet haben, und dass zahlreiche Händler die Kryptowährung akzeptieren. Ferner wurde El Salvador zum Austragungsort großer Bitcoin-Konferenzen, zog Bitcoin-Touristen aus aller Welt an und hat futuristische Pläne angestoßen, etwa die Bitcoin-City oder auch das Bitcoin-Mining durch vulkanische Geothermie.

Als Momentaufnahme ist der Status Quo eher ungünstig. Die von der Regierung herausgegebene Chivo-Wallet gilt weiterhin als verbuggt, die Bitcoin-Anleihe auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben, von der Bitcoin-City und vom vulkanischen Mining keine Neuigkeiten. Die von Bukele gekauften Bitcoins sind schwer im Minus, und die Bevölkerung empfindet wenig Gegenliebe für das Projekt.

Allerdings ist das lediglich ein temporärer Eindruck. Die Lage stellte sich ganz anders dar, wenn die Bitcoins in der Staatskasse ihren Wert erhöht hätten, die Regierung die Bitcoin-Anleihen auf den Markt gebracht, das Budget durch vulkanisches Mining aufgepeppt und die Chivo-Wallet repariert hätte. All dies wird noch möglich sein. Doch bis dahin dient El Salvador eher als abschreckendes Beispiel, das zeigt, warum ein Nationalstaat derzeit besser doch nicht Bitcoin zum gesetzlichen Zahlungsmittel küren sollte.

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3 Kommentare zu Ist Bitcoin in El Salvador gescheitert? Eine klare Mehrheit der Einwohner sagt ja.

  1. Interessanter Einblick, gut zusammengefasst. In einem Land mit einer recht niedrigen Bildungsquote und vielen Analphabeten war es allerdings auch ziemlich erwartbar, dass selbst der Airdrop über die Chivo App die meisten überfordern dürfte und eine Quote von 25% „mindestens einmal genutzt“ ist dafür ziemlich wenig, zumal die 30 Dollar oder wie viel das waren für viele Bewohner Anreiz genug sein sollten. Schade, dass die Statistik an dieser Stelle nicht verfeinert wurde, auf 2-5, 6-15 und mehr als 15 Mal, was zumindest eine bessere Einschätzung zulassen würde. Oder auch wie hoch die Verbreitung der Chivo App / anderen Wallets noch ist, oder sie nur für den Airdrop genutzt wurde.

    Die 2% Remittance sind auch eher ernüchternd, die Frage dabei ist aber, wie kompliziert eine Umwandlung in Dollar ist, denn vor allem in ärmeren Gegenden dürfte kaum ein Händler Bitcoin akzeptieren.

    Dass die Chivo Wallet so schlecht funktioniert ist allerdings eine Farce, zudem dass sie custodial ist und Berichten zufolge kaum mit anderen Apps funktioniert, da schlichtweg das zentralisierte Channel Management so schlecht ist, dass man oft keine eingehende Route findet. Bei einer custodial Wallet könnte man hier deutlich mehr erwarten, zumal sich sicher alleine aus PR-Gründen genügend Liquditätsprovider finden ließen.

    Hingegen mit Steuergeldern auf einen Kursanstieg zu spekulieren war sicher nicht sinnvoll, denn im Vergleich zu den 1,3 Mrd. USD akuten Kreditlinie, die benötigt werden, sind die 2.381 BTC keine 50 Millionen wert und müssten mehr als x25 gehen, um alleine das auszugleichen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass der Bitcoin-Tourismus und die paar Konferenzen da einen großen Unterschied machen. Vielleicht kann ja ein Saylor aushelfen?

  2. Es war ein sehr mutiger Schritt, Bitcoin während eines Bullenmarktes als gesetzliches Zahlungsmittel einzuführen. Hätten sie jedoch gewartet und ihn jetzt eingeführt, wäre alles anders gekommen. Wie das Sprichwort schon sagt: In einem Bullenmarkt muss man Gewinne mitnehmen, während man den Bärenmarkt zum aufbauen nutzen muss.

  3. Warum geben sie keine Krypto Staatsanleihen heraus, von mir aus mit Stablecoin und entsprechenden Zinsen. Bin mir sicher, sie haetten das Geld schnell zusammen, ohne grosse Verhandlungen mit dem IMF.

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